Luftnummern

„Mittwoch aus Licht“ mit dem Helikopter-Streichquartett als Film. © Julian Roeder

Mit einem Paukenschlag beginnt die neue Intendanz an der Deutschen Oper Berlin. Der Schweizer Aviel Cahn läutet die Saison 26/27 – sie steht unter dem Motto “Make Love…” – mit dem “Mittwoch” aus “Licht” von Karlheinz Stockhausen ein. Insgesamt dauert das Opus magnum 27 Stunden und wurde noch nie komplett aufgeführt. Der “Mittwoch” ist hier “erstmals als szenische Opernproduktion im deutschsprachigen Raum” zu sehen, ist in der üppigen Saison-Broschüre zu lesen. Im Zentrum steht das Helikopter Streichquartett, das man vor der Premiere schon in einer Live-Performance erleben konnte. Das Spektakel ist indes ästhetisch nicht spektakulär. In jedem der vier Helikopter spielt mit & gegen die Rotorengeräusche jeweils ein Streichinstrument. Wie ein Fremdkörper wirkt diese Einlage, danach wabert “Mittwoch” in esoterischer Bedeutungsschwere weiter. Zu dieser Oper ohne Handlung fiel der Regie (Susanne Kennedy) wenig ein, die verquasten Texte von Stockhausen werden zum Ende hin immer mystischer, kosmischer. 

Eine Besucherin spekuliert, ob Stockhausen bei der Erschaffung von “Licht” LSD genommen habe, und empfiehlt scherzhaft, die Drogen auch ans Publikum zu verteilen. Eine andere stürzt unmittelbar vor dem Ende aus dem Saal – “ich halte das nicht mehr aus”. Die ästhetisch sublimierten Privatmythen von Stockhausen wirken auf der Bühne zunehmend peinlich. „Ich bin auf Sirius ausgebildet worden und will dort auch wieder hin, obwohl ich derzeit noch in Kürten bei Köln wohne. Auf Sirius ist es sehr geistig.” (Wikipedia) Viel Applaus für die wenigen Musiker:innen & Schauspieler:innen auf der Bühne, die den Kitsch & Schwulst von “Mittwoch” aufführen. Stockhausen, dessen Bedeutung für Elektronische Musik man nicht vergessen sollte, entwickelte in späteren Jahren einen Größenwahn und schuf mit “Licht” einen eigenen Schöpfungsmythos.

Die nächste Produktion in der Deutschen Oper hat am 24. Oktober Premiere – “Der fliegende Holländer” von Richard Wagner in einer Inszenierung von Milo Rau. Der Regisseur nimmt diese Oper als “Ausgangspunkt für eine Reise in die politischen Tiefenschichten der Bundesrepublik Deutschland” (Saison-Broschüre). Im ARD-DeutschlandTREND Oktober 2026 hat sich im Vergleich zum Vormonat wenig geändert – nach wie vor bekäme die AfD die meisten Stimmen (27%), wenn am Sonntag Bundestagswahl wäre. Bedenklich, dass die Zufriedenheit mit der Bundesregierung und die mit dem Kanzler Friedrich Merz jeweils nur bei 10% liegt. Einige Politiker seiner Partei haben anscheinend vergessen, dass Politik immer auch Symbolpolitik ist. Jens Spahn, dessen freihändige Masken-Beschaffungen den Steuerzahler noch Milliarden kosten können, fehlte im Haushaltsausschuss und urlaubte – offiziell krankgemeldet – mit Familie auf Sardinien; Staatsminister Philipp Amthor ließ sich (auf eigene Kosten) einen Strandkorb auf den Balkon des Kanzleramtes stellen. Nicht nur die Neue Osnabrücker Zeitung ist irritiert: “Sicherlich werden die Bilder auch nicht dem ganzen Wirken Spahns und Amthors gerecht. Dennoch geben sie Einblicke in eine Lebenswelt und in ein Amtsverständnis, das in diese Zeit nicht passt.“ (29.09.26) Realitätsverluste kann sich die CDU heute weniger denn je erlauben. 

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