
Noch nie habe ich eine solche Außenwerbung für einen Film gesehen. Auf eine Brandmauer wurde ein riesiges Wandbild gemalt, um auf einen spektakulären Film hinzuweisen: “Digger” von Alejandro González Iñárritu mit Tom Cruise in der Hauptrolle. In raffinierten Brechungen wird die Geschichte einer ökologischen Katastrophe erzählt – nach Ölförderungen in der Arktis. Nicht einen Thriller bringt der Regisseur, der auch am Drehbuch beteiligt war, auf die Leinwand, sondern eine verschachtelte Geschichte mit mehreren Ebenen. Der skurrile Ölmagnat Digger Rockwell ist ein selbstherrlicher Macher, der glaubt, alles im Griff zu haben – seine Companies, die Welt und den amerikanischen Krisenstab mit seinem grotesk überzeichneten Personal. Als klar wird, dass die Katastrophe sich nicht mehr verhindern lässt, ändert Digger seine Strategie und wird zum Ankläger. In einer Rede vor einer europäischen Versammlung, die in die Filmgeschichte eingehen wird, liest Digger (grandios: Tom Cruise) seinem aufgebrachten Publikum die Leviten.
Er habe das Öl doch nicht für sich gefördert, sondern für seine Kundschaft mit ihrem unermesslichen Energiebedarf. “Dig or die”, schleudert er ihnen ins Gesicht, während draußen die Apokalypse ihren Lauf nimmt. Nach diesem Hitze-Sommer im Zeichen des Klimawandels könnte man noch schärfer formulieren: dig and die. Der Film, den ich mir jederzeit noch einmal anschauen würde, bekam nur mäßige Kritiken und spielte am ersten Wochenende weltweit nur 20 Millionen US-Dollar ein. Vielleicht wollen die Menschen mit diesem Thema im Kino nicht konfrontiert werden, oder die Leugner:innen des Klimawandels gewinnen die Oberhand. Die stellen jetzt in Sachsen-Anhalt den Landtagspräsidenten und einen Vize; beide bekamen mehr Stimmen als AfD und BSW zusammen haben. Da die Wahl geheim ist, kann man über die Überläufer nur spekulieren. Die Strategie der CDU, eine Brandmauer gegen die AfD zu halten, ist jedenfalls krachend gescheitert. Die Folgen für die Partei und ihren Vorsitzenden und amtierenden Bundeskanzler Friedrich Merz sind nicht abzuschätzen.
Auch über die Konsequenzen der seit zwei Wochen tobenden Schüler- und Studentenunruhen in Frankreich kann man im Moment nur spekulieren. Die Lage in den Schulen und Universitäten muss teilweise desaströs sein; eine jahrzehntelange Sparpolitik auf Kosten der Jungen könnte ungeahnte Folgen haben. Dahinter verbirgt sich wie in anderen Ländern ein Konflikt der Generationen um eine faire Verteilung der finanziellen Ressourcen. In französischen Medien ist bereits von einer geopferten Generation die Rede. “Das begreifen auch die Jugendlichen, die ohnehin schon das Gefühl haben müssen, sie seien eine ‚génération sacrifiée‘ – eine ‚geopferte Generation‘. Die Staatsführung selbst weist dagegen jegliche Verantwortung für die Krise im Schulsystem zurück.“ (taz, 05.10.26) Im nächsten Jahr stehen in Frankreich Präsidentschaftswahlen an; ein Sieg von Marine Le Pen von der rechtspopulistischen Partei Rassemblement National (RN) ist möglich. Nicht auszudenken, was das für die EU und die Ukraine bedeuten würde.
