
“Bekommt ihr viel ab von dem Orkantief über Griechenland?”, fragt ein besorgter Freund aus Bullay gestern Abend über WhatsApp. Wir haben Glück gehabt und sind verschont geblieben. Bereits auf der Hinreise haben wir von den sintflutartigen Regenfällen auf Kreta nichts mehr mitbekommen – wir mussten unsere Reise krankheitsbedingt um drei Tage verschieben. Unser Haus liegt ganz im Süden der Insel auf einem Hügel vor Pitsidia; wir sind auf Kreta und leben gleichzeitig in einer anderen Welt. Hier oben treffen wir fast nie einen Menschen, am Wochenende wurde in der Nachbarschaft weitergebaut, ab und zu fahren Laster und Pick-ups vorbei. Manchmal laufen wir den Feldweg zum Strand hinunter, vorbei an mächtigen Trutzburgen; viele sind noch im Bau, manche Projekte gehen nicht voran oder scheinen schon gescheitert. Real Estate heißt das trügerische Investitionsversprechen. Selbst in dem zauberhaften kleinen Dorf Kamilari gibt es mehrere Büros von Immobilienentwicklern.
Einmal gehen wir nach Sonnenuntergang in stockfinsterer Nacht zu unserem Quartier zurück. Einige Trutzburgen mit üppigen Pools haben helle Halogenleuchten an der Einfahrt, andere könnten die Kulisse für die Landung der Außerirdischen abgeben. “Like Aliens on the Hill”, meint die Lektorin des Blogs. Wir wohnen nicht in einer Villa mit Pool, aber wir sind Touristen – und damit Teil des Problems. Wie oft schon habe ich an dieser Stelle Hans Magnus Enzensberger zitiert, zuletzt erst im August 2026 Wenn jemand eine Reise tut. Anfang 2028 soll der neue Flughafen Kastelli südöstlich von Heraklion eröffnet werden – mit einer Kapazität von 15 bis 18 Millionen Passagieren pro Jahr. Damit könnten 80% mehr Touristen auf die Insel kommen. Was dieser Overtourism für Kreta bedeuten kann, lässt sich in Agia Galini beobachten. Aus dem zauberhaften Hafendorf ist eine Touristenhochburg geworden. Auf die 631 Einwohner (Volkszählung 2021/Wikipedia) sollen in der Hochsaison bis zu 3.000 Gäste kommen!

Vor fünf Jahren waren wir auch auf Kreta und verfolgten gespannt die Bundestagswahlen. Damals wurde SPD mit 25,7% der Stimmen stärkste Kraft und bildete mit den Grünen und der FDP unter dem Kanzler Olaf Scholz erstmals eine Ampelkoalition. 2021 stand die Bundesrepublik Deutschland noch ganz im Zeichen der Corona-Pandemie; die einschränkenden Maßnahmen wurden erst am 7. April 2023 aufgehoben. Die viel beschworene Spaltung der Gesellschaft nahm damals sicher nicht ihren Anfang, entwickelte aber eine neue Dynamik und begünstigte den Aufstieg der AfD zur stärksten politischen Kraft in Deutschland. Was das bedeutet, zeigt sich nach der Wahl von Tobias Rausch zum Landtagspräsidenten und seinem Vize Hans-Thomas Tillschneider (beide AfD) in Sachsen-Anhalt. Im Landtag forderte diese Partei (politisch folgenlos) zusammen mit dem BSW u.a. die sofortige Aufhebung der Wirtschaftssanktionen gegen Russland und die Aussetzung der Waffenlieferungen an die Ukraine. Am 3. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit, hatte Luca Maurice Strauf auf X über eine „großdeutsche Lösung“ schwadroniert. Der Post wurde nach Protesten gelöscht, der Autor trat als Beisitzer der AfD-Jugendorganisation “Generation Deutschland” zurück. Die Großmachtsphantasien bleiben.
