Magisch

60 Jahre nach dem Debüt bei den Berliner Jazztagen spielte das Globe Unity Orchestra beim Jazzfest Berlin. © Berliner Festspiele / Foto: Camille Blake

Was für eine Idee! Am Tag nach dem Mauerfall 1989 hatten drei Radiomacher vom Sender Freies Berlin (Thomas Diekman, Gerhard Kothy und Helmut Lehnert) die Idee, am 12.11.1989 ein Konzert vor dem Reichstag zu veranstalten; sie hatten also nur gut 50 Stunden Zeit. Gedacht, getan. Sie machten sich sofort ans Werk, versuchten, Bands zu erreichen und die Genehmigungen zu bekommen. Und das alles in einem Moment, in dem in Berlin Geschichte geschrieben wurde und alle im Rausch der Freude auf den Straßen waren. Spontan sagten die ersten zu: Silly, Nina Hagen, BAP, Udo Lindenberg und die Toten Hosen. Melissa Etheridge war sofort dabei, Bruce Springsteen konnte so schnell nicht aus Amerika kommen, Joe Cocker spielte am Vortag in Aarhus. Eine Fahrt mit dem Tour-Bus war nicht möglich, alle Straßen nach Berlin dicht. Man buchte einen Privatflug, den später ein Sponsor zahlte. Dann, einen Tag vor dem Konzert, zog der Senat die Genehmigung für das Konzert vor dem Reichstag aus Sicherheitsgründen zurück. Was tun? Die Musiker:innen waren bereits unterwegs, aber es gab keine Spielstätte.

Die drei Tollkühnen gaben nicht auf und hinterließen beim Chef der Deutschlandhalle, Sally Julian Rotholz, auf dem Anrufbeantworter eine Nachricht. Stunden später meldete er sich – das Konzert für Berlin konnte stattfinden. In der Halle und davor erlebten 50.000 Besucher:innen bei freiem Eintritt eine Veranstaltung, die in die Geschichte eingehen sollte; eine spannende Doku darüber gibt es noch bis zum 04.11.29 bei 3sat. Campino von den Toten Hosen brachte dieses Ereignis trefflich auf den Begriff: magisch. Zum Abschluss des Jazzfest Berlin gab es einen vergleichbaren Moment, als das Globe Unity Orchestra auf die Bühne kam. Vor 60 Jahren war die Band bei den Berliner Jazztagen zum ersten Mal aufgetreten, damals schon dabei der Pianist und Leiter der Bigband Alexander von Schlippenbach und der Trompeter Manfred Schoof. Nach dem Auftritt begeisterter Applaus: das Publikum schien zusammenzurücken und zu spüren, dass wir dieses Globe Unity Orchestra wahrscheinlich zum letzten Mal erlebt haben.

Solche Konzerte sind ein Glücksfall und lassen sich nicht planen. Nadin Deventer, die künstlerische Leiterin des Jazzfest Berlin, hatte wieder Deutschland- und Europapremieren in ihrem Programm und als Uraufführung Christian Lillinger’s Open Form For Society II im Angebot, dafür fehlten wieder spannende Newcomer und die großen Namen. Die gibt’s bei Enjoy und bei den Leverkusener Jazztagen in diesem Herbst zu erleben, etwa die schwer angesagte amerikanische Saxophonistin Lakecia Benjamin, die mit ihrem neuen Album “We Dream” thematisch gut zum Motto “DREAM BABY DREAM” des Jazzfest Berlin gepasst hätte. Diese beiden Festivals sind nicht dem kuratorischen Ehrgeiz verpflichtet, machen keine Workshops oder Jazzfest ImproLabs. Dekoloniale Spaziergänge mit Kindern in Moabit sind prima, haben aber mit dem Konzept eines Festivals nichts zu tun, das einst als „Europe’s, if not the World’s leading Jazz Festival“ (Nat Hentoff) galt. Gleichwohl waren die Konzerte nahezu ausverkauft, die Boomer blieben allerdings wieder unter sich.

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