Namaste

Beste Stimmung fast ohne Masken: Maluma rockt die Frankfurter Festhalle. © Rolf Hiller

Ausverkauft! Das Konzert des kolumbianischen Sängers Maluma in der Frankfurter Festhalle war bis auf den letzten Platz besetzt; der Veranstalter hätte noch mehr Tix verkaufen können. Geplant war sein Auftritt fast auf den Tag genau vor zwei Jahren – und musste dann wegen des Lockdowns geschoben werden. Natürlich gelten (noch) die strengen Hygiene-Regeln, die Kontrolle am Eingang ist genau. Kaum wird es in dem riesigen Konzertraum dunkel, fallen die allermeisten Masken; schätzungsweise 80% des Publikums tragen keine mehr. Dass die Handys ausgemacht werden sollen, schert ebenso niemand. Noch vor Beginn des Konzerts springen alle von ihren Sitzplätzen auf, die Begeisterung kennt keine Grenzen. Es wird geknipst, gefilmt und gepostet, was das Zeug hält. Das Mädel in der Reihe vor mir schießt Selfies wie am Fließband. Ohne Tattoo fällt man genauso in der begeisterten Menge auf wie mit Maske. Lange habe ich nicht mehr solch eine Stimmung erlebt bei einem Konzert; Maluma, der Star des Reggaeton und seit 2010 im Geschäft, hat’s echt drauf.

Die Durchsetzung des Hausrechts, also die Verpflichtung zum Tragen einer FFP2-Maske, wäre an diesem Abend schwerlich möglich gewesen; man hätte das Konzert nur abbrechen können. Der Hunger bei jungen Leuten nach Live-Events und Parties ist nach der Abstinenz der letzten beiden Jahre gewaltig. Zumindest bei ihnen rennt die Bundesregierung mit dem neuen Infektionsschutzgesetz, das ab dem Wochenende bundesweit gilt, offene Türen ein. Ansonsten hält sich die Begeisterung über die weitgehende Abschaffung der Maskenpflicht in Grenzen. Viele Politiker:innen setzen auf die Vernunft, also das freiwillige Tragen, oder auf das Hausrecht. Einige Veranstalter haben schon angekündigt, dass in ihren Häusern weiterhin die Pflicht zum Tragen einer Maske bestehen bleibt. Alles in allem wird die Lage noch unübersichtlicher und dürfte bald die Gerichte beschäftigen. Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern haben jedenfalls die Hotspot-Regelung bis Ende April für ihr gesamtes Gebiet verfügt.

Nicht bloß beim neuen Infektionsschutzgesetz hat sich der kleinste Partner der Dreier-Koalition durchgesetzt, auch bei der Diskussion um ein allgemeines Tempolimit gibt die FDP den Ton an. Experten zufolge könnten so 4% des Kraftstoffs eingespart werden; die Senkung der Raumtemperatur um 1 Grad bringt übrigens eine Ersparnis von 6%. Wann, wenn nicht jetzt, wäre der Moment gekommen, im letzten Industrieland der Welt endlich ein Tempolimit einzuführen. Von den Grünen, die in der Ampel ansonsten einen guten Job machen, ist dazu nichts zu vernehmen. Dabei kostet diese Maßnahme keinen Cent und würde doch eine alte Forderung ihrer Klientel erfüllen. Genauso wenig ist zu verstehen, warum die beiden stärksten Parteien der Regierung nicht auf einer sozialen Komponente bei der staatlichen Subvention der explodierenden Energiepreise bestanden haben. Dieses Primat der Geschlossenheit könnte sich noch rächen. Wir fahren freiwillig nur 110 km/h auf Autobahnen, tragen weiter Maske, und ich verbeuge mich zur Begrüßung. Das ist kein Aprilscherz. Namaste.

Der Rubel rollt

Russland verlangt die Zahlung seiner Energieexporte in Rubel und unterläuft so die Sanktionen des Westens. © Pixabay

Es ist trocken, viel zu trocken in Deutschland. Noch nie waren unsere Pflanzen im Vorgarten schon im März auf unser Gießen angewiesen. Jeden Tag schleppe ich eine Gießkanne herunter – die Leitung ist seit dem Winter immer noch zu. Neben den vielen aktuellen Problemen wird die Wasserknappheit uns noch zu schaffen machen. Selbst in Brandenburg, wo es über 3.000 Seen gibt, fehlt das Wasser. Umso überraschender, dass Tesla in diesem Bundesland in einem Wasserschutzgebiet seine erste Giga Factory in Europa hochziehen konnte. Der Bau – teilweise mit nachgeschobenen oder vorläufigen Genehmigungen – wurde in nur 2 Jahren errichtet und gilt schon jetzt als Erfolgsgeschichte der Industrieansiedlung hierzulande. Die ersten dreißig E-Autos wurden von Elon Musk mit großem Tamtam persönlich an die Kunden übergeben; die Politprominenz mit dem Kanzler an der Spitze gab sich die Ehre. Zwar fahren die Wagen emissionsfrei, aber allzu gerne wird übergangen, dass der Strom der Batterien nicht grün ist, sondern zum größten Teil aus fossilen Kraftwerken stammt.

Tesla gilt mit einer Marktkapitalisierung von über 250 Milliarden Euro als wertvollster Autokonzern der Welt und hat seinen charismatischen Gründer Elon Musk zum reichsten Menschen der Welt gemacht. Der Mann hat Visionen, kann sie verkaufen und umsetzen. Einer Dystopie gleichen hingegen die kruden Allmachtsphantasien von Wladimir Putin, der gerade die Ukraine mit einem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg überzieht. Der russische Autokrat ist fest davon überzeugt, dass der Untergang der Sowjetunion vor 25 Jahren die „größte geopolitische Katastrophe“ des 20. Jahrhunderts gewesen ist. Diesen Zerfall zu revidieren ist das erklärte Ziel des ehemaligen KGB-Agenten, der dabei keinerlei Skrupel kennt. Das hätten wir uns alle klar machen können, nicht bloß die vielen Putin-Versteher und Kooperationspartner. „Unbekümmert sahen sie hinweg“, hält der britische Observer fest, „über die Zerstörung von Grosny, die Kriegsverbrechen in Aleppo, die Raketenangriffe auf zivile Flugzeuge, die Invasion auf der Krim, die Zerstörung der russischen Demokratie, die endemische Korruption, die endlosen Lügen und die Vergiftung von Alexander Litwinenko, Sergej und Julia Skripal und Alexej Nawalny. Und erst jetzt erkennen sie alle plötzlich, dass der Kreml vielleicht doch kein seriöser Geschäftspartner ist“. (20.03.2022).

Genauso fanatisch wie seine großrussischen Expansionspläne verfolgt Putin die Destabilisierung des Westens. Das dürfte dem versierten Schachspieler auch jetzt wieder mit der Forderung gelingen, dass die russischen Energieexporte künftig in Rubel zu zahlen sind. Er kann darauf setzen, dass es in der EU kein einheitliches Embargo geben wird; jedes Land verfolgt seine eigenen Interessen, Ungarn hat schon ein Veto angekündigt. Zwar sind die Verträge in Dollar und Euro abgeschlossen, aber glaubt ernsthaft irgendjemand, Putin würde sich einem Urteil des internationalen Gerichtshofes beugen. Niemals. Und wieder wird es dem neuen Zaren gelingen, einen Keil in die EU zu treiben. Unsere Naivität der letzten Jahre rächt sich jetzt bitter. Deshalb gibt es hierzulande auch kaum mehr funktionierende Sirenen, Bunker oder zivile Schutzräume für die Bevölkerung, vom Zustand der Bundeswehr ganz zu schweigen. Am Wochenende wählt das Saarland – der erste Stimmungstest nach der Bundestagswahl. Die SPD liegt in den Umfragen deutlich vorn. An Olaf Scholz und Karl Lauterbach dürfte das wohl nicht liegen.

Mangelwirtschaft

Mehl wird wieder rationiert im Supermarkt; das Foto entstand am 18. März gegen Mittag. © Rolf Hiller

Im Weingeschäft treffe ich meinen Jazzfreund aus der Nachbarschaft; Hamsterkäufe haben hier noch nicht stattgefunden. Wir sprechen über die bedrückende Lage und sind beide gegen eine Schließung des Luftraums über der Ukraine; zu groß wäre die Gefahr eines 3. Weltkriegs. Er zeigt mir ein dickes Buch, das er gerade gekauft hat: „Putins Netz“ von Catherine Belton, das jetzt in deutscher Übersetzung vorliegt. Ihr 2020 – trotz „juristischer“ Anfeindungen – in England erschienenes Buch (Originaltitel: »Putin’s People«) wurde von The Economist, der Financial Times, The New Statesman und The Telegraph zum Buch des Jahres gekürt. Bin gespannt, was der Jazzfreund berichtet, wenn wir uns das nächste Mal uff de Gass‘ treffen.

Zwei Tage nach dem russischen Überfall auf die Ukraine hatte mich ein anderer Freund gefragt, wie lange der Krieg meiner Ansicht nach dauern würde. Drei Wochen höchstens, gab ich zurück, ohne dass ich diese Einschätzung hätte näher begründen können. Inzwischen hat sich herausgestellt, dass sich Putin und seine Strategen gründlich verschätzt haben. Die Ukraine leistet gegen die überlegene russische Armee erbitterten Widerstand. Die Lage für die Bevölkerung in den umkämpften Städten wird immer verzweifelter. Während es dort für die Freiheit um Leben und Tod geht, beklagen wir hierzulande die ökonomischen Folgen des Krieges, wie es der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in seiner Rede im Bundestag gestern anprangerte. Kein Wort des Kanzlers dazu, keine Aussprache, weiter ging es mit der Tagesordnung – „die deutsche Politik lieferte der Welt damit ein beschämendes Schauspiel“ (Tagesspiegel, 18.03.22). Vor der Brutalität des Krieges treten seine Konsequenzen für uns (noch) zurück. Täglich strömen Zehntausende Flüchtlinge nach Deutschland und werden in Berlin von vielen freiwilligen Helfer:innen empfangen & versorgt. Die Kosten für fossile Energie gehen durch die Decke; der Discounter Aldi hat die Preise für 400 Produkte erhöht. Grundnahrungsmittel wie Mehl oder Speiseöl werden knapp und dürfen nur einzeln gekauft werden. Russland hat übrigens einen Exportstopp für Weizen, Gerste und Roggen erlassen, und in der Ukraine dürfte heuer im März deutlich weniger Getreide ausgebracht werden.

Über der Weltlage mit den sich verschärfenden wirtschaftlichen Problemen (Rohstoffmangel, Teuerung, fehlende Produkte, stockende Logistik) ist die Pandemie in den Hintergrund getreten, obwohl das RKI täglich neue „Rekorde“ meldet: Inzidenz knapp über 1.700, fast 300.000 Neuinfektionen. Das Gesundheitssystem scheint nicht überlastet zu werden. Deshalb hat die Ampel-Koalition ein neues Infektionsschutzgesetz verabschiedet, das bis auf einen Basisschutz fast alle Beschränkungen bundesweit aufhebt. Nun obliegt es den Landesparlamenten, sogenannte Hotspots (Landkreise oder Städte) festzustellen, für die verschärfte Regeln erlassen werden können.Tunlichst informiere man sich vorher, wenn wieder einmal ein Ausflug nach Haßberge oder Rostock ansteht; beide Landkreise haben heute die höchsten Inzidenzen. Sechs von zehn Bundesbürgern sind übrigens gegen die Lockerungen. Ihnen dürfte nicht der Sinn nach einer Party zum Freedom-Day stehen wie Wolfgang Kubicki und seinen Kumpels in der FDP. Mir auch nicht. Ich werde beim Einkaufen weiter Maske tragen. Freiwillig.

Zum Warten verdammt

Nach dem 2. Weltkrieg stand Deutschland unter der Kontrolle der Alliierten. Das Fundstück in unserem Quartier bricht die unwirkliche Idylle in Zeiten des Kriegs in Europa. © Karl Grünkopf

Zu meinem Beitrag der letzten Woche schrieb hgamma einen kurzen Kommentar, der mir immer wieder durch den Kopf geht: „(seit Jahrtausenden) Die Hybris der Männergewalt hüben wie drüben macht sich dem Gräuel gegen schutzlose Frauen und Kinder kein Gewissen.“ Nach Putins Überfall auf die Ukraine sind Millionen Menschen auf der Flucht aus ihrer Heimat, zumeist Frauen und Kinder, weil wehrpflichtige Männer das Land nicht verlassen dürfen. Die EU signalisiert pausenlos Solidarität und verschärft weiter die Sanktionen gegen Russland. Ein Embargo der Energie-Importe im Wert von 1 Milliarde Euro (!) täglich gilt aber als ausgeschlossen – es würde die EU noch härter treffen als Russland. Unbehelligt von der Weltgemeinschaft geht der Krieg in der Ukraine in die dritte Woche, die Lage in vielen Städten wird immer auswegloser, eine Schließung des Luftraums lehnt die NATO indes kategorisch ab, um eine direkte Konfrontation mit Russland zu vermeiden. Ohnmächtig müssen wir den Terror der russischen Armee hinnehmen.

Die Frage nach dem Warum hat ein Freund in einer Mail aufgenommen, die mich in der vorletzten Woche erreichte. “In Kants ‚Ewigem Frieden‘ gibt es, wenn ich recht erinnere, die verstörende Stelle, wo er die Frage, warum die Inhaber der Macht diese auch immer rücksichtslos zu ihren Zwecken einsetzen, mit einem simplen ‚Weil sie es können!‘ beantwortet. So ist das tatsächlich.“ Doch es könnte noch schlimmer kommen, wie die New York Times befürchtet: „Die unausweichliche Demütigung ist unerträglich für diesen Mann, der davon besessen ist, die Würde und Einheit dessen wiederherzustellen, was er als russisches Mutterland ansieht. Putin marschiert deshalb in einen ewigen Krieg gegen die Ukraine und einen Großteil der Welt, der Russland langsam zusammenbrechen lassen wird. Und das ist entsetzlich. Denn es gibt nur eines, was schlimmer ist als ein starkes Russland unter Putin: Und das ist ein schwaches, gedemütigtes, ungeordnetes Russland – ein Land voller nuklearer Sprengköpfe, Cyberkrimineller, Öl- und Gasquellen, das zerbricht und in dem verschiedene Fraktionen um die Macht ringen.“ (10.03.22, zitiert nach DLF / Die Internationale Presseschau).

Dass die Zeit nach Putin noch schlimmer werden könnte, ist eine äußerst unangenehme Vorstellung – lieber ein Arrangement mit einem bekannt unberechenbaren Despoten als ein Machtvakuum nach dessen Beseitigung. Und während ich diesen Satz schreibe, verdüstert sich meine Stimmung an diesem herrlichen Vorfrühlingstag merklich. „Politik ist gelebter Opportunismus“ (Gerhard Strobel). Das weiß ein Vornamensvetter von ihm wie kein zweiter: der ehemalige Kanzler, Russland-Lobbyist und Putin-Freund Schröder soll sich derzeit in Moskau aufhalten, ohne Abstimmung & Auftrag. Sei‘s drum. Wenn er etwas erreichen kann, war seine Reise nicht vergebens. „Die Hoffnung stirbt nie!“ Der Titel meines Blogs der letzten Woche gilt weiter – trotz Wladimir Putin.

Die Hoffnung stirbt nie!

Wolodymyr Selenskyj an Wladimir Putin: „Setz Dich zu mir, sag mir, wovor Du Angst hast.“ © Pixabay

Wir haben es nicht geschafft, leider! Wir waren nicht bei der größten Friedensdemonstration seit Jahrzehnten auf der Straße des 17. Juni in Berlin. Die Veranstalter meldeten eine halbe Million Teilnehmer:innen, die Polizei ging von über 100.000 Menschen aus, die gegen Putins Überfall auf die Ukraine demonstrierten. Mucksmäuschenstill sei es während der Schweigeminute gewesen; nur die Vögel hätten gezwitschert. Ein starkes Signal für die Ukraine, die nach einer Woche Krieg zunehmend in Bedrängnis gerät. Das UN-Flüchtlingshilfswerk rechnet mit 10 Millionen Menschen, die ihre Heimat verlassen werden; davon suchen vermutlich 6 Millionen einen sichereren Ort im Land. Die größte Flüchtlingswelle seit dem 2. Weltkrieg droht. Anders als 2015 zeigen sich dieses Mal auch Polen und Ungarn gastfreundlich und haben schon Hunderttausende aufgenommen. Die Hilfsbereitschaft ist im Moment (noch) beeindruckend. Jede:r überlegt, wie der Ukraine geholfen werden könnte. Morgen hat eine Mitarbeiterin Geburtstag und bittet in einem Facebook-Post, in diesem Jahr auf Geschenke zu verzichten – und zu spenden.

Unter Tränen berichtete eine Deutschlehrerin aus Kiew im Radio, es gebe in der Ukraine Gerüchte , die Russen wollten das AKW Tschernobyl in die Luft sprengen. Wir wollen es nicht glauben, wir wollen nicht wahrhaben, wozu Putin fähig ist. Nach dem Aufstehen mache ich morgens immer sofort das Radio an und höre mit Schrecken, das AKW Saporischschja wurde  bombardiert. Zwar ist keiner der sechs Reaktorblöcke des größten Atomkraftwerks in Europa getroffen, aber diese Nachricht ist dennoch schockierend. Inzwischen haben die Russen das AKW eingenommen. Offensichtlich wollen sie die Versorgungsinfrastruktur unter Kontrolle bringen und die Ukraine zur bedingungslosen Kapitulation zwingen. Wie es scheint, ist Putin nicht bereit, sich auf Gespräche einzulassen. Mit dem Mut der Verzweiflung wendet sich der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj  direkt an den russischen ‚Zaren‘: „Ich beiße nicht. Ich bin ein ganz normaler Typ. Setz Dich zu mir, sag mir, wovor Du Angst hast.“ (zitiert aus dem F.A.Z. Newsletter vom 04.03.22).

Wenn Rationalität und Verständigung nicht mehr möglich sind, wird es gefährlich – für uns alle. Wen auch immer ich treffe uff de Gass‘ oder in Geschäften: alle sind voller Sorge. Der Überfall auf die Ukraine betrifft uns jeden. Was die Menschen dort durchmachen, können wir uns nicht vorstellen. Anfang der Woche war für einige Zeit die Heizung ausgefallen, und ich saß in Decken gehüllt am Rechner; es wurde unangenehm frisch in meinem Zimmer. Nach ein paar Stunden war es wieder warm und alles wieder in Ordnung, wahrscheinlich dank russischer Rohstoffe. Nichts ist in Ordnung! Wie mag es den Bürger:innnen in Kiew gehen, die seit einer Woche Nacht für Nacht angsterfüllt in den kalten U-Bahn-Stationen kampieren? Kanzler Olaf Scholz hat recht mit seiner Diagnose einer Zeitenwende, manche sprechen gar von einem Epochenbruch. Was das bedeutet, weiß niemand. Wir sollten auch, aber nicht nur mit dem Schlimmsten rechnen. „Die Hoffnung stirbt nicht zuletzt, die Hoffnung stirbt nie!“ (Anonymous)

Realitätsschock

„Nach dem 11. September 2001 wird der 24. Februar 2022 als das zweitwichtigste Datum in die Geschichte des 21. Jahrhunderts eingehen: als Datum der Rückkehr des Krieges in Europa.“ (Le Parisien / Paris, 25.02.22) © Pixabay

Wir sind explizit gewarnt worden. Vor den heftigen Gewaltszenen in dem kasachischen Film „Baqyt“ (Happiness), der den Panorama Publikums-Preis (PPP) von radioeins und rbb Fernsehen bekommen hat. Mit Wucht erzählt die Regisseurin Askar Uzabayev vom Scheitern einer Ehe, dem Versuch einer Frau, aus der Hölle ihres Lebens auszubrechen. Als sie ihrem Mann mit Charme & List nahebringen will, er solle sich doch eine Jüngere suchen, rastet der vollkommen aus – sie muss ins Krankenhaus. Dass sie von ihrer Schwägerin, einer fiesen Apparatschik, dazu gedrängt wird, ihren Bruder nicht anzuzeigen, spiegelt die Verhältnisse im neuntgrößten Land (!) der Welt wider. Schließlich entlädt sich die über Jahrzehnte angestaute Wut der Frau (großartig: Laura Myrzakhmetova); wie von Sinnen schlägt sie mit einem Hammer auf den schlafenden Schläger ein. Am Ende von „Baqyt“ – bei der Berlinale uraufgeführt – bugsiert sie ihren Mann im Rollstuhl zurück in die Wohnung; vom Gericht dazu verurteilt, auf immer bei ihm zu bleiben. Die Gewalt hat ein Ende, die Hölle auf Erden nicht.

„Wir – Festivalmacher*innen, Künstler*innen, Filmemacher*innen… – sind in Gedanken bei unseren Freund*innen in der Ukraine und stehen ihnen in einem Aufruf zum Frieden zur Seite“. Das wurde gestern in einem Berlinale-Statement zur Situation der Ukraine per Mail verbreitet. „Wir sind heute in einer anderen Welt aufgewacht“, sagte Außenministerin Annalena Baerbock nach einer Sitzung des Krisenstabs im Auswärtigen Amt. Stimmt, aber über Nacht wurde die Welt keine andere. Seit Wochen informieren die Amerikaner über russische Truppenbewegungen, ihr Präsident Biden sprach aus, was Kanzler Scholz erst nicht über die Zunge gehen wollte: im Falle einer Invasion in der Ukraine wird Nord Stream 2 gestoppt. Seit Jahren wurden die deutschen Putin-Versteher von den NATO-Partnern dafür kritisiert, seit Jahren ist der Zustand der Bundeswehr bekannt. Jetzt rächt sich diese Naivität bitter. Ebenso ist es illusorisch zu glauben, Zar Putin hätte die Sanktionsdrohungen der EU nicht einkalkuliert. Schon bei der Aussetzung des Swift-Abkommens gibt es wieder keine Einigkeit in der EU. Angeblich verfügt Russland derzeit über fast 700 Milliarden Euro an Devisenreserven; auf Gas, Kohle und Öl von dort ist besonders Deutschland weiter angewiesen.

Zur Wahrheit zählt auch, dass die NATO ohne die Amerikaner nicht viel taugt. „Nur die USA garantieren die Sicherheit Europas“, hält die Magdeburger Volksstimme (19.02.22) fest. Heute zieht die kroatische Zeitung Jutarnji List aus Zagreb einen naheliegenden Vergleich und malt eine düstere Perspektive aus: „Putins Angriff auf die Ukraine ist eine Kopie von Hitlers Angriff auf Polen am 1. September 1939. Die transatlantische Allianz muss jetzt koordiniert und entschlossen Putin entgegentreten. Andernfalls wird es das Ende der liberalen Demokratie sein.“ (25.02.22) Diese Zitate habe ich der Internationalen Presseschau im Deutschlandfunk entnommen, die ich sehr empfehlen kann. Gerade hat der russische Außenminister Sergej Lawrow der ukrainischen Regierung die demokratische Legitimation abgesprochen. Zynischer geht’s nicht. Nicht auszudenken, was wäre, wenn der amerikanische Präsident noch Donald Trump hieße…

Bataclan

Céline (Noémie Merlant) und Ramón (Nahuel Pérez Biscayart) scheinen den Terroranschlag bewältigt zu haben. „Un año, una noche“ © Bambu Producciones, Mr. Field & Friends Cinema, La Termita Films, Noodles Productions

Wer wagt, gewinnt! Carlo Chatrian (Künstlerische Leitung) und Mariette Rissenbeek (Geschäftsführung) hatten ganz darauf gesetzt, dass die 72. Berlinale wieder als Live-Veranstaltung stattfindet. Was hatte man den beiden nicht alles um die Ohren gehauen. Teilnehmer:innen seien gezwungen, Russisch Roulette zu spielen; die Organisatoren würden „die bewusste Inkaufnahme einer Durchseuchung des eigenen Publikums“ riskieren. Geht’s noch ein bisschen apokalyptischer? Während der Berlinale sprang meine Corona-Warn-App wieder auf Grün, obwohl ich täglich im Seuchengebiet Kino unterwegs war. Das Hygienekonzept war für Journalist:innen strenger als für das normale Publikum; aber es hat funktioniert, obwohl die Omikron-Wand oder, etwas weniger dramatisch formuliert, die fünfte Welle der Pandemie Deutschland überrollte. Ein ganz starkes Signal für die Kultur – noch vor den Lockerungen, die nun schrittweise ab 4. März auch hierzulande kommen. Vertraut man berufenen & selbst ernannten Expert:innen, dann schwächt sich Corona zu einer Endemie ab, die indes alles andere als harmlos ist.

Ein Zurück in das alte, gewohnte Leben vor Corona wird es aber nicht geben, auch nicht für die Berlinale, der ein Sprung in die Digitalisierung gelungen ist. Vorbei die Zeiten, als die Fans am Potsdamer Platz eine ganze Nacht vor den Ticket-Shops ausharrten oder die Journalist:innen sich täglich aufs Neue wg Karten anstellen mussten. Das Online-Ticketing hat hervorragend funktioniert. Wir hatten uns schnell daran gewöhnt, morgens ab 7.30h buchen zu können. Weil’s so einfach war, haben wir so viele Filme wie noch nie bei einer Berlinale gesehen, Entdeckungen gemacht und bei manchen Filmen aber auch immer wieder auf die Uhr geschaut. Wann haben wir zuletzt einen Hitchcock (Mr. & Mrs. Smith) im Kino gesehen? Hätten wir je eine skurrile Trouvaille wie das missglückte Porträt des introvertierten Pianisten Thelonious Monk zu Gesicht bekommen. Für Entdeckungen jedweder Art ist die Berlinale immer gut, unabhängig von der Qualität des Wettbewerbs, die alle Jahre wieder reklamiert wird.

Nicht einmal nach der Uhrzeit schaute ich bei der französisch-spanischen Produktion „Un año, una noche“ (Ein Jahr, eine Nacht), obwohl davor noch lang & lieblos die European Shooting Stars ’22 gekürt wurden. Der Film erzählt die Geschichte eines Paares, das den Anschlag auf den Club Bataclan 2015 in Paris überlebt hat. Céline (Noémie Merlant) und Ramón (Nahuel Pérez Biscayart) – beide spielen, als würden sie nicht spielen – reagieren ganz unterschiedlich. Sie verdrängt, er versucht, das Grauen durch intensive Auseinandersetzung zu bannen. Der Regisseur Isaki Lacuesta hält die Angst der Besucher:innen nach dem Massaker fest, bei dem 89 Menschen ermordet wurden, und verzichtet ganz auf Schockeffekte. Nicht nach unten schauen, werden die Überlebenden angehalten, nicht nach unten schauen zu den Toten und Sterbenden. „Un año, una noche“ wurde von der Kritik mäßig aufgenommen und bekam keinen einzigen der vielen Berlinale Bären. Gewonnen hat in diesem Jahr der spanische Film „Alcarràs“, den wir uns zum Glück noch anschauen können, da die Publikumstage heuer verlängert wurden. Gut so!

Ich bin ein Berliner

Spannung am Morgen. Ab 7.30 Uhr kann man Pressekarten für die Berlinale buchen.

John F. Kennedy hat natürlich nie in Berlin gewohnt. Das wollen aber viele Menschen, ungeachtet der bekannt schlechten Verwaltung in der Stadt. Es knirscht immer wieder systematisch zwischen dem Senat und den Bezirken. Nun darf man sich diese nicht als Stadtteil vorstellen; viele Bezirke haben mehr Einwohner:innen als deutsche Mittelstädte. So hat Pankow über 400.000 Einwohner:innen, Mitte erreicht diese Zahl (noch) nicht ganz. Da man oft monatelang auf einen Termin beim Amt warten muss, hatte ich nicht viel Hoffnung, als ich mich an den Rechner setzte. Ich wollte meinen Wohnsitz verlegen – und bekam online für den gleichen Tag um 14.12h einen Termin zugeteilt. Pünktlich erschien ich im Bürgeramt, wurde etwas vor der Zeit aufgerufen – und war um 14.15h Berliner. Ich war begeistert, lobte die sichtlich erfreute Mitarbeiterin und vergab nur Bestnoten bei der Bewertung.

Die gibt’s natürlich nicht für den Wechselbalg Söder Markus, der das – auch von der CSU – verabschiedete Gesetz zur Impfpflicht für die Beschäftigten im Gesundheitswesen in Bayern erst einmal nicht anwenden möchte. Ob das rechtlich überhaupt haltbar ist, wird sich weisen – das politische Signal ist fatal. Nicht nur die Mitteldeutsche Zeitung ist entsetzt: „Die Ankündigung, das Gesetz nicht umsetzen zu wollen, wirkt wie ein Brandbeschleuniger für die ‚Querdenker‘-Szene. Darüber hinaus gilt: Von demokratisch gewählten Parlamenten verabschiedete Gesetze binden Bürger und Staat in gleicher Weise. Das ist die Essenz des Rechtsstaates.“ (09.02.22) Dass man vor der Verabschiedung des Gesetzes seine Konsequenzen nicht bedachte, wirft kein gutes Licht auf die politische Klasse. Wer soll diese Impfpflicht kontrollieren? Etwa die überlasteten Gesundheitsämter? Was passiert, wenn noch mehr Mitarbeiter:innen ihren Job aufgeben oder wechseln. Geklatscht wird schon lange nicht mehr für diese Held:innen.

Umstritten ist nach wie vor, ob man angesichts immer neuer Rekorde und einer immer roten Corona-Warn-App überhaupt schon wieder Großveranstaltungen wagen sollte. Mit einem strengen Hygiene-Konzept und nur zur Hälfte besetzten Kinosälen geht die Berlinale in ihre 72. Auflage. Es gilt die 2G-plus-Regel mit Maske für das Publikum, die Journalist:innen müssen darüber hinaus täglich einen aktuellen Coronatest vorlegen. Im Vorfeld haben Carlo Chatrian (Künstlerischer Leiter) und Mariette Rissenbeek (Geschäftsführung) ganze Arbeit geleistet, damit das größte Publikumsfestival der Welt wieder stattfinden kann; anders als die Buchmesse in Leipzig, die erneut abgesagt wurde. Die Berlinale sendet ein positives Signal für die Filmwirtschaft, für die Kinos, die dramatische Umsatzrückgänge verkraften müssen, und für die Kultur insgesamt. Alles ist in diesem Jahr anders: die morgendliche Buchung der Tickets, die strengen Kontrollen beim Einlass, die halb leeren Säle bei den Vorführungen. Ein bisschen Wehmut kommt auf. Dagegen könnten gute Filme helfen. „Rimini“ von Ulrich Seidl, erstaunlicherweise im Wettbewerb gezeigt, gehört schon mal nicht dazu. Die Berlinale hat’s nicht leicht.

Rätselworte

ANTIKRIST, Regie: Ersan Mondtag, Premiere 30. Januar 2022 Deutsche Oper Berlin. © Thomas Aurin

Karte gesucht! Obwohl oder weil dieses Werk in der Deutschen Oper Berlin überhaupt erst das vierte Mal aufgeführt wird, ist das Interesse groß. Geschrieben und selbst überarbeitet hat der dänische Einzelgänger Rued Langgaard „Antikrist“ in den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts. Zur Uraufführung kam es erst 1999 in Innsbruck, es schlossen sich bis dato nur noch Kopenhagen (2002) und Mainz (2018) an. Diese Zurückhaltung hat Gründe. Anders als in seiner „Sphärenmusik“, in der erstmals die Saiten in einem aufgeklappten Flügel angeschlagen wurden, erobert Langgaard im „Antikrist“ kein musikalisches Neuland. Spätromantische Klänge untermalen ein verschrobenes Libretto, in dem Luzifer und Gottes Stimme einen Pakt zur Rettung der verderbten Welt eingehen. „Rätselworte“ hören wir viele an diesem Abend. Die Sänger:innen und Ersan Mondtags bildstarke Inszenierung mit durchweg präsenten Tänzer:innen retten die „Kirchenoper“ in einer „Lärmes Kirchen Ödnis“, in der zum guten Schluss natürlich Luzifer dran glauben muss und ein androgyner Christus obsiegt. Die kundige ARD-Kulturkorrespondentin Maria Ossowski war von diesem „biblischen Roadmovie“ in 90 Minuten durchaus angetan.

Nach dieser Wiederentdeckung steht zwei Tage später die nächste an: „Mein Name sei Gantenbein“ im Berliner Ensemble. Der Intendant Oliver Reese hat diesen Roman von Max Frisch für die Bühne eingerichtet und mit Matthias Brandt einen wunderbaren Schauspieler gefunden, der seit 20 Jahren das erste Mal wieder im Theater zu erleben ist. Natürlich sind alle Vorstellungen ausverkauft. In knapp zwei kurzen Stunden nimmt Brandt verschiedene Identitäten an. Wenige Requisiten und sparsame Gesten reichen ihm allemal, um in ein „neues“ Leben zu schlüpfen. „Erkenntnisgewinn durch das Hineintreten in andere Identitäten“ sei das Wesen des Schauspielerns, stellte er in einem Gespräch mit Ute Büsing im Inforadio fest. Mit minimalen, aber effektiven Mitteln kommen auch Inszenierung und Bühnenbild aus. Es wechselt der Rahmen aus Neonröhren oder die Musik – schon schafft Matthias Brandt eine ganz neue Situation. „Ich probiere Geschichten an wie Kleider“, heißt ein gern zitierter Satz aus dem 1964 erschienenen Roman, der heute, wo man sich beliebig im Netz in anderen Identitäten verstecken kann, so wahr ist wie ehedem. Lang anhaltender Applaus für diese Soloperformance. Jammerschade, dass Matthias Brandt derzeit keine weiteren Theaterpläne hat.

Wes Brot ich ess‘, des Lied ich sing‘. Der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder, ein gut bezahlter Lobbyist von Putins Gnaden, verstörte wieder einmal die Öffentlichkeit mit seinen bizarren Äußerungen zur Ukraine-Krise und gewahrte in dem Land, das von russischen Soldaten umzingelt ist, ein „Säbelrasseln“. Seine Partei bringt er damit erneut in die Bredouille – wo steht eigentlich die SPD in dieser Krise? Das Lavieren des Kanzlers wirkt sich schon in den Umfragen aus; bei Nord Stream 2, bei der Bekämpfung der Pandemie oder bei der Haltung zu den Olympischen Spielen macht Olaf Scholz keine gute Figur. Der Politiker, der Führung versprochen hatte, scheint nach zwei Monaten im Amt noch immer nicht angekommen zu sein und wirkt seltsam blass. Beim aktuellen ARD-DeutschlandTrend liegt die SPD mit 22% deutlich hinter der CDU/CSU (27%); mit der Arbeit von Olaf Scholz sind nur noch 43% zufrieden. Heute beginnen in Peking die Olympischen Spiele. Ohne mich, versteht sich!

Das Ende naht

Ganz großes Theater: „Eurotrash“ von Christian Kracht. Regie: Jan Bosse mit Angela Winkler und Joachim Meyerhoff in der Berliner schaubühne. © Fabian Schellhorn

Bis auf den letzten Platz ist das Theater gefüllt. In der schaubühne müssen alle Besucher:innen während der Vorstellung eine FFP2-Maske tragen; und es gilt die 2G-Plus-Regelung. Man muss also einen tagesaktuellen Negativ-Test vorweisen, oder man ist geboostert. Ohne Planung geht gar nichts in der Kultur, aber das Publikum nimmt diese Umstände in Kauf – schließlich stehen Angela Winkler und Joachim Meyerhoff auf der Bühne. Knapp zweieinhalb Stunden (ohne Pause) dauert das Theaterereignis, das den komplexen Roman „Eurotrash“ von Christian Kracht schlüssig verdichtet. Dieses Kunststück ist dem Regisseur Jan Bosse und Bettina Ehrlich gelungen. Sie haben die autofiktionale Mutter-Sohn-Geschichte geschickt reduziert, den Personen allerdings auch viel von ihrer Komplexität genommen. Angela Winkler gibt eine kapriziöse alte Dame, nicht ein tabletten- und alkoholsüchtiges Wrack, das vom Leben zerstört wurde. Joachim Meyerhoff ist ein freundlicher Sohn, der die Wahnvorstellungen seiner Mutter geduldig erträgt. Ihre Fahrt auf dem Schiff der Erinnerungen & Obsessionen endet nicht bei den Zebras in Afrika, sondern in der Psychiatrie.

Diese Lesart kann man gelten lassen. Nach der Vorstellung gibt es standing ovations. Wir fühlen uns ein bisschen wie vor der Pandemie. Ein solcher Abend aber macht noch keinen Sommer. Sollte das Kurzarbeitergeld nicht länger gezahlt werden, droht in der Veranstalterbranche eine Kündigungswelle. „‚Mehr als drei Viertel der Veranstaltungsunternehmen werden im März ihre Mitarbeiter kündigen mangels Kurzarbeit‘, teilte Jan Kalbfleisch von der Bundesvereinigung Veranstaltungswirtschaft mit.“ (dpa) Während in Berlin (noch) großzügige Regelungen gelten, werden in Hessen Veranstaltungen quasi im Stundentakt storniert, weil nicht mehr als 250 Besucher:innen erlaubt sind, ungeachtet der Raumgröße. Das Moka Efti Orchestra im Großen Saal der Alten Oper Frankfurt (2.400 Plätze) rechnet sich da ebenso wenig wie die Pferdeshow Cavalluna in der Frankfurter Festhalle (knapp 9.500 Sitzplätze). Während hierzulande einer Branche der Garaus gemacht wird, wollen Dänemark und England alle Corona-Beschränkungen wieder aufheben.

Was tun? Solange Branchen quasi mit einem Tätigkeitsverbot belegt sind, müssen sie weiter unterstützt werden durch Kurzarbeitergeld und Betriebsmittelzuschüsse. Sonst droht ein Kahlschlag mit volkswirtschaftlichen Konsequenzen. Immerhin hängen an der Veranstalterbranche rund 1 Million Existenzen. Ob dieses Business dann noch einmal auf die Beine kommt, darf bezweifelt werden. Nicht jedes Geschäftsmodell lässt sich ins Netz verlagern. Ein Konzert, eine Show, ein Opern- oder Theaterabend ist ein einmaliges Erlebnis, dessen Besonderheit eben nicht im Stream erscheint. Womöglich ist diese Emphase nicht mehr zeitgemäß. Mir ist es jedenfalls nicht egal, ob ich Kultur analog oder digital erlebe – es ist ein Unterschied ums Ganze. Zum Glück!