Ausgepowert

Pumas gelten als sehr beweglich und kräftig. © Ulises Flores/ pixabay

Sind wir nicht alle ein bisschen Bundeswehr? Wir pfeifen auf dem letzten Loch. Die immer neuen Krisen haben bei vielen Menschen Spuren hinterlassen: Corona, der Ukrainekrieg, Rohstoffmangel, Inflation. Die Sorge um die Zukunft steht vielen ins Gesicht geschrieben, der Krankenstand in Deutschland ist so hoch wie nie zuvor. Viele Post-Covid-Patienten, die sich noch Monate nach der akuten Infektion mit den Folgen herumschlagen müssen, sind dabei sicherlich gar nicht erfasst. Auf der Gass‘ treffe ich einen glühenden Fan der Frankfurter Eintracht. Er hat sich beim Finale der Europa League im Mai angesteckt und klagt über Schmerzen in der Brust und Rhythmusstörungen. Die Zahl der Krankheitstage wegen psychischer Überlastung stieg im letzten Jahr in Deutschland auf 126 Millionen Arbeitstage. Ein neuer Rekord.

Als Politiker:in braucht man in Zeiten wie diesen ein extrem dickes Fell und eine robuste Gesundheit, das gilt insbesondere für die Verteidigungsministerin Christine Lambrecht, die sich mit dem strukturellen Chaos bei der Bundeswehr herumschlagen muss. Bei einer Übung fielen bekanntlich alle 18 Pumas aus, die als teuerste Schützenpanzer der Welt gelten, weil sie aberwitzige Anforderungen erfüllen sollten. „Die Überfrachtung des Puma mit tausend speziellen Anforderungen wurde weder vom Ministerium noch von der Industrie rechtzeitig thematisiert und gestoppt.“ Darauf hat Hans-Peter Bartels, der ehemalige Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages, im „Tagesspiegel“ (20.12.2022) hingewiesen. „Die Feinstaubwerte im hinteren Teil (sollten) so niedrig sein, dass sich auch Schwangere dort aufhalten können.“ Geht’s noch! Das ist bundesrepublikanische Realsatire der bittersten Sorte.

Sollte es hierzulande einmal einen Verteidigungsfall geben, wären wir ohne die NATO und vor allem ohne die Amerikaner aufgeschmissen. Das weiß auch ein wahrer Puma wie Wolodymyr Selenskyj. Der ukrainische Präsident ist sich darüber im Klaren, auf wen er sich (noch) verlassen kann und besuchte in einer spektakulären Aktion den amerikanischen Präsidenten Joe Biden. Mit der Übernahme der Mehrheit im Repräsentantenhaus durch die Republikaner am 3. Januar verschieben sich die Machtverhältnisse in den Vereinigten Staaten. Das könnte Auswirkungen auf die Unterstützung der Ukraine haben, wenn „America First“ wieder die Oberhand bekommt. Ohne die amerikanische Hilfe hätte die ukrainische Bevölkerung niemals dem russischen Angriffskrieg seit dem 24. Februar widerstehen können. Weihnachten ist auch ein Fest der Hoffnung!

Rettung

Rund um die Uhr im Einsatz. © Rolf Hiller

Es fehlt bei der medizinischen Versorgung in deutschen Landen an allen Ecken und Enden: zu wenig Personal, zu wenig Betten, zu wenig Medikamente, zu wenig Rettungsfahrzeuge. Apotheken klagen seit Jahren, dass selbst einfache Arzneien wie Fiebersaft nicht mehr ausreichend verfügbar seien. Insgesamt fehlten derzeit hunderte Arzneien; teure Mittel gegen Krebs gebe es hingegen genug. Was tun? Kurzfristig gibt es keine Chance, die notwendigsten Medikamente wieder in Deutschland herzustellen. Wir sind weiter auf komplizierte Lieferketten angewiesen. Indien gilt mittlerweile als „Apotheke der Welt“; viele Vorprodukte kommen aus China und anderen asiatischen Ländern. Wer krank ist, braucht eine robuste Natur, gute Nerven und eine:n Mentor:in – sonst hat man es im deutschen Gesundheitssystem, das zu den teuersten der Welt zählt, nicht leicht.

Nicht auszudenken, wie die Lage in der Ukraine ist. Dort wird bei Notstrom operiert, dort haben die Menschen nur stundenweise Heizung und Wasser. Wie lange können sie der systematischen Zerstörung ihrer Infrastruktur durch russische Raketen und Kamikaze-Drohnen, hergestellt im Iran, noch standhalten? Wird es eine neue Flüchtlingswelle geben? Wären wir darauf vorbereitet? Darf man sich in Zeiten wie diesen an dem Weihnachtsoratorium von Bach freuen? Wir brauchen solche Freuden, um wieder aufzutanken, und hören das „WO“ zum ersten Mal seit drei Jahren wieder in einer Kirche. Am nächsten Tag „tanken“ wir weiter. Wir sind zu einem Hauskonzert eingeladen, bei dem Stephen Waarts (Violine) und Yannick Rafalimanana (Klavier) ein exquisites Programm auf allerhöchstem Niveau spielen. Die beiden Künstler haben wir in Kreisau beim sommerlichen Kammermusikfestival kennengelernt. Natürlich treffen wir an diesem Berliner Abend viele Freund:innen von Krzyżowa Music. Herzerwärmend und so wichtig in diesen Tagen!

Mit vollem Tank & guter Stimmung in eine neue Arbeitswoche. Wir versuchen wie alle, die wir kennen, Energie zu sparen, und heizen nur noch Räume, in denen wir uns gerade aufhalten. Am Rechner sitze ich in eine Decke gehüllt. Niemand weiß derzeit, was der vom Kanzler verkündete Doppel-Wumms genau kosten wird. Teuer wird es für den Staat wieder einmal; dieses Hilfspaket soll ungefähr 60 Milliarden Euro kosten. 80% der letzen Abrechnung für Gas und Strom bekomme man zum gleichen Preis wie im letzten Jahr. Trösten mag eine Meldung aus Amerika. Dort ist es erstmals gelungen, bei einer Kernfusion mehr Energie zu erzeugen als man benötigt, um diesen Prozess in Gang zu setzen. So könnte klimaneutral und sicher quasi unbegrenzt Energie erzeugt werden. Das wird indes noch Jahrzehnte dauern. Zu spät, um die Klimaerwärmung noch zu stoppen. Leider!

Platz ist knapp

Nachts im Leipziger Hauptbahnhof: Martina Gedeck in „Die stillen Trabanten“. © 2022 Sommerhaus Filmproduktion / Warner Bros. Entertainment GmbH

Glück gehabt! Anders als erwartet, ergattern wir die letzten beiden Plätze in der Nachmittagsvorstellung. Very best agers (Maskenanteil ungefähr 10%) wollen sich „Die stillen Trabanten“ anschauen, der am Wochenende gestartet ist. Der Episodenfilm ist glänzend besetzt, aber Martina Gedeck, Nastassja Kinski oder Albrecht Schuch können die Geschichten nicht mit Leben füllen. Niemals erreicht die neue Kooperation von Thomas Stuber (Regie) und Clemens Meyer (Buch) die Dichte und Wucht, die „In den Gängen“ von 2018 auszeichnete. „Die stillen Trabanten“ werden lang und immer länger, die Episoden breit ausgewalzt: eine lesbische Annäherung, die heimlichen Begegnungen einer zum Islam konvertierten, jungen Frau mit einem Grillbudenbesitzer, die Treffen eines Security-Mitarbeiters mit einem jungen Mädchen aus der Ukraine. Keine Geschichte überzeugt, „Die stillen Trabanten“ sind zu gut für diese Welt. „Sozialkitsch“, meint eine Besucherin beim Verlassen des Kinos.

Die brutale Kälte findet gerade in den Kinderkliniken statt, die eine enorme Infektionswelle mit dem Respiratorischen Synzytial-Virus (RSV) nicht mehr bewältigen können. Erschütternd stellt Michael Sasse, Leitender Oberarzt der Kinderintensivmedizin an der Medizinischen Hochschule Hannover, fest: „Kinder sterben, weil wir sie nicht mehr versorgen können.“ Wohin ein kapitalistisch ausgerichtetes Gesundheitssystem geführt hat, ist nicht nur dem Fachminister Karl Lauterbach klar. Neulich erzählte mir ein Bekannter, dessen Frau als Ärztin arbeitet, in ihrer Klinik habe man an einem todgeweihten Patienten noch eine OP durchgeführt und ihn weitere 48 Stunden am Leben gehalten – um diese „Leistung“ abrechnen zu können. Dass die Fallpauschale fallen muss, liegt auf der Hand; dass es dauern wird in deutschen Landen, dürfte niemanden überraschen. Denn für die Krankenhausversorgung sind die Länder zuständig.

Der deutsche Föderalismus feierte gerade bei der Corona-Pandemie, die ja noch längst nicht vorbei ist, wieder einmal fröhliche Urständ‘. Sachsen-Anhalt hat die FFP2-Maskenpflicht im Nahverkehr bereits abgeschafft, morgen folgt Bayern, wo einst der Söder Markus den entschiedenen Corona-Hardliner gab. Dafür besteht im Fernverkehr der Deutschen Bahn weiter „eine gesetzliche Pflicht zum Tragen einer FFP2-Maske“, wie regelmäßig durchgesagt wird. Und das ist auch gut so. Bei meiner letzten Fahrt in dieser Woche war der ICE rappelvoll; viele Fahrgäste mussten stehen oder hockten auf dem Boden. Ein Vorgeschmack auf das Deutschland-Ticket für 49 Euro, das irgendwann im nächsten Jahr eingeführt wird. Das Netz muss dringend saniert werden, und mehr Züge wird es auch nicht geben. Gute Reise!

Was ist normal?

Trouvaille am Wegesrand. © Gitti Grünkopf

Mit Staunen einen Beitrag aus dem März 2020 gelesen: „Ein Buch im Park zu lesen, ist indes verboten.“ In der ersten Welle der Pandemie lagen die Nerven blank, und viele Corona-Hardliner unter den deutschen Politiker:innen hätten sicher gerne die Null-Covid-Strategie aus China übernommen. Inzwischen ist längst bekannt, dass man einen Staat digital-total kontrollieren kann, nicht aber ein Virus. Unbeirrbar zieht dennoch Kaiser Xi Jinping mit der ihm ergebenen KP diesen Kurs weiter durch. Nur selten erfährt man von Mutigen, die einen VPN-Zugang haben und sich am staatlich kontrollierten Internet vorbei über andere Kanäle melden können oder Leib und Leben durch Protestaktionen mit einem weißen Blatt riskieren. So erfuhr die Welt, dass zehn Menschen bei einem Brand in einem Hochhaus ums Leben kamen, in dem sie wegen Corona eingesperrt waren. „Die Führung in Peking“, notierte die Presse aus Wien, „steht möglicherweise vor ihrer bisher größten Krise. Xi bleibt nur eine Reihe schlechter Optionen. Gesteht er Fehler in seiner strikten Null-Covid-Politik ein, würde ihm das als Schwäche ausgelegt. Eine brutale Niederschlagung der Proteste dagegen würde die Wut der Menschen wahrscheinlich nur noch mehr entfachen.“ (29.11.22)

Bond. James Bond kann da auch nichts mehr ausrichten; immerhin sind die Filme bestens geeignet, sich für zwei Stunden aus der Realität zu beamen. Als Abschluss von „Incredible India“ schauen wir uns „Octopussy“ mit Roger Moore an, der zum Teil in Udaipur spielt. Die Handlung tut nichts zur Sache. Bond kennt weder Dengue noch Jetlag oder hat Probleme mit der Schwerkraft. Mal wieder in ein richtiges Kino wäre aber auch klasse! Es muss ja nicht der Animationsfilm „Strange World“ von Disney sein, dessen Produktion mit 180 Millionen Dollar zu Buche schlug. Laut Media Control wollten ihn in der ersten Woche in Deutschland lediglich 61.686 Besucher:innen in 681 Sälen sehen. Grob geschätzt haben die Top 12 der letzten Woche in ganz Deutschland nur knapp ½ Million Menschen angelockt. Nicht bloß diese Branche steht vor großen Herausforderungen!

Ein Bond-Girl ist es nicht, aber eine höchst beeindruckende, würdevolle Frau, die da im Wasser steht, als wir einen Spaziergang um die Krumme Lanke in Berlin machen. Wir trauen unseren Augen nicht. Erst steht sie eine Weile regungslos im eisekalten Wasser, dann geht sie ganz langsam hinein, schwimmt einige Stöße, um dann gemächlich wieder aus dem See zu steigen. Den Rekonvaleszenten fröstelt es schon vom Zuschauen. Dass irgendjemand am Wegesrand das Buch „Jacques der Fatalist und sein Herr“ von Denis Diderot hingelegt hat, rundet diesen ungewöhnlichen Spaziergang ab. Normal ist das nicht. Dafür müssen wir uns wohl daran gewöhnen, dass die deutsche Fußballnationalmannschaft nicht mehr erste Sahne ist. Bereits zum zweiten Mal hintereinander ist das Team in der Gruppenphase einer WM ausgeschieden. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. „Verflickste Katarstrophe“ titelte die B.Z.

Dengue Demut

Der Bär vor der Deutschen Botschaft in Delhi strahlt Gelassenheit & Zuversicht aus. © Karl Grünkopf

Am 11. November bekam ich das Denguefieber mit Schüttelfrost und Temperaturen über 40 Grad. Über zwei Tage fieberte und dämmerte ich vor mich hin, unfähig, irgendetwas zu machen. Zum Glück! Denn sonst hätte ich mit ein paar clicks im Netz gelesen, dass diese Virusinfektion mit sehr starken Kopf- und Gliederschmerzen einhergehen kann – deshalb wird diese Krankheit auch Knochenbrecherfieber genannt. Die Rückreise mit dieser Symptomatik wäre ein Albtraum geworden. Ohnehin wird der Flug eine Tortur, obwohl unsere Auslandskrankenversicherung das Upgrade in die Businessklasse nach etwas mühevollen Verhandlungen übernommen hat. 17,5 Stunden wird die Reise von Haus zu Haus dauern. Zum Glück habe ich mir nicht ausgemalt, welche Strapazen da auf mich zukommen, obwohl alles reibungslos lief. Nichtwissen kann manchmal entlasten! Es gibt eine Gnade der Naivität.

Allerdings war es reichlich naiv anzunehmen, dass Dengue nach 14 Tagen schon überstanden ist; es kann mehrere Wochen dauern, bis man wieder auf dem Damm ist. Immer wieder steigt die Temperatur, wenn ich mich an den Schreibtisch setze oder konzentriert im Liegen arbeite. Ich habe 5 Kilo abgenommen, bin kälteempfindlich, der Jetlag wirkt nach. Jeder Krankheitsverlauf ist anders. Hatte ich auf die Einschätzung des Arztes der Deutschen Botschaft in Delhi gehofft, ich müsse mich in der zweiten Woche nur noch ein bisschen schonen, so muss ich nun akzeptieren, dass ich noch längst nicht durch bin mit diesem indischen Andenken. So habe ich mittlerweile eine Dengue Demut entwickelt, habe erkannt, dass ich dieser Krankheit ihre Zeit lassen muss. Erzwingen lässt sich eine schnelle Genesung nicht. Inzwischen bin ich sehr dankbar, dass Dengue mich nicht voll erwischt hat, dass meine Einschränkungen gut auszuhalten sind. Warum ich? Ich hadere schon längst nicht mehr.

Dengue hatte mich die letzen beiden Wochen fast vollständig absorbiert. Nur mit großer Mühe habe ich meinen Job gemacht. Es war furchtbar anstrengend, ausgelaugt & schlapp die Weihnachtsausgabe zu planen, das normale Business zu erledigen und die Weichen für 2023 zu stellen. Für die Lektüre der Zeitung und fürs Radiohören fehlte die Kraft. Nach meiner Absenz sind die Nachrichten weiter bedrückend. 9 Monate dauert nun schon der Krieg in der Ukraine, und ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, wie die Menschen dort das Leben aushalten, wie sie immer wieder die Infrastruktur reparieren, die russische Bomben und Raketen zerstören. Der geschundenen Ukraine droht der schlimmste Winter seit 1945! Während ich komfortabel meine Infektion auskuriere, herrscht in Europa Krieg. Verhandlungen über ein Endes des Wahnsinns sind nicht in Sicht. Es ist zum Verzweifeln!

Indian Fever

Lautlos, klein und gefährlich: die Denguemücke. © James Gathany

Als Glühwurm erwacht – 39,6 Fieber. Plötzlich ist alles ganz anders. Die Weiterreise nach Goa können wir knicken, auf ein paar Tage Erholung am Meer hatten wir uns so gefreut. Stattdessen müssen wir im Hotel in Jodhpur bleiben; die nächsten beiden Tage dämmere ich hoch fiebernd im Bett. Die Krankheit, deren Namen ich noch nicht kenne, hat mich voll im Griff. Soll ich ins Krankenhaus gehen, wo auch die Royal Family des Ortes behandelt wird? Ich versuche es erst einmal mit Paracetamol, das auch der herbeigerufene Arzt verschreibt. Unser Plan ist, am Montag zurück nach Delhi zu fliegen und dann dann gleich zum Arzt der Deutschen Botschaft zu fahren, was sich als die richtige Entscheidung herausstellen wird. Keine Probleme mit dem Flug, wo übrigens eine strikte Maskenpflicht gilt. Ansonsten spielt der Mund-Nasen-Schutz keine Rolle mehr im indischen Alltag. Die Pandemie scheint längst vergessen.

Nach der Ankunft in Delhi geht es gleich weiter zur Deutschen Botschaft. Wir kommen sofort dran. Der Arzt untersucht mich und nimmt Blut ab. Kurze Zeit später kommt er mit dem Resultat aus dem Labor: „Es ist Dengue“. Ruhig erklärt er, was in mir abläuft und wie es weitergehen wird. Nach 5 – 7 Tagen geht das Fieber zurück, dann mindestens nochmal so lange dauert die vollständige Genesung. Viel trinken und liegen sind seine Empfehlung; eine Einweisung ins Krankenhaus ist nicht notwendig. Sinnvollerweise hätte ich mich mit diesem Virus vertraut machen sollen. Indien ist Hochrisikogebiet. „Bei Denguefieber handelt es sich um die sich am schnellsten ausbreitende virale von Stechmücken übertragene Krankheit; die Fallzahlen haben sich von 1960 bis 2010 verdreißigfacht.“ (Wikipedia) Mit dieser Infektionskrankheit steckten sich 2013 fast 390 Millionen Menschen an, schätzte die Zeitschrift „Nature“.

Ich bin also nicht allein und zudem in den allerbesten Händen. Die Tage verlaufen im Gleichmaß. Waren die ersten zwei Wochen der Reise prall gefüllt mit Eindrücken und Erlebnissen, herrscht jetzt ein Stillstand des Immergleichen. Trotzdem geht die Zeit voran. Wir besuchen noch einmal den Botschaftsarzt. Er ist mit dem Verlauf meiner Genesung zufrieden. „Dann kommt der Ausschlag, d.h. der Körper hat gesiegt.“ Ich beklage, dass ich von drei Wochen Indien eine im Bett verbringen musste. „Dafür haben Sie Denguefieber gehabt“, tröstet mich der lebenskluge Botschaftsarzt. So kann man es auch wenden. Er hat viel von Indien verstanden. Um diese Erfahrung reicher, muss ich mich in Geduld üben. Ich habe kein Fieber mehr und insgesamt einen milden Verlauf des Denguefiebers erlebt. Die Genesung wird aber noch dauern. Die Reise der zwei Geschwindigkeiten geht zu Ende.

Rajasthan

Late Night Shopping in Jaipur. ©️ Karl Grünkopf

Lost in Time. Was haben wir vor vier Tagen, was vorgestern alles unternommen. Wenn ich nachts einmal wach liege, fahre ich die Tour noch einmal. Die Reise durch Rajasthan beginnt am letzten Freitag. Längst haben wir uns daran gewöhnt, dass auch auf den Autobahnen jeder fährt, wie er will. Mal überholen wir die Laster rechts, dann links, mal kommen uns Autos, Motorbikes oder Tuk Tuks (Motor-Rikshahs) entgegen. Selbstverständlich queren Bullen und Fußgänger den Indian Highway, Kamelkarawanen stören niemanden. Das Chaos ist Prinzip, und trotzdem rollt der Verkehr, ohne dass sich irgendjemand aufregt. In unserem Heritage Hotel treffen wir die Freunde wieder, die ein paar Tage mit uns unterwegs sind, obwohl oder weil ihre Zeit in Indien bald zu Ende geht. Sie haben mit ihrem Reisebüro diese Rundreise geplant, ohne sie wäre uns dieser faszinierende Subkontinent der vielen Klassen, Kulturen und Religionen noch fremder geblieben. Nichts verstehen wollen, hinnehmen und erleben.

Crash kurz vor dem Ziel. © Gitti Grünkopf

Im tosenden Verkehr schaukelt uns der Fahrer in die rote Altstadt von Jaipur. Ich lasse mir die Haare schneiden inklusive Kopfmassage; wir schlendern durch enge Gassen, Bikes rasen an uns vorbei, gemütlich quert auch mal eine Kuh unseren Weg. Tags darauf sehen wir das berühmte Fort und den Palast der Winde, dann geht‘s weiter nach Bundi. An Rindern, Hunden, Schweinen und Affen vorbei spazieren wir den Weg hinauf zu einem Fort, das kurz vor der abendlichen Schließung nur noch wenige Touristen sehen wollen, die meisten übrigens aus Indien. Die Freundin führt uns zu einem kleinen Laden eines Webers; wir warten geduldig in der Männerecke. Mit den letzten Rupies ins The Palace View Restaurant, wo der gerne lachende Wirt und seine Schwiegertochter wunderbar für uns kochen; irgendwo im Internet sind unsere Fotos zu sehen. Weiter über Chittorgarh ins schönste Hotel dieser Reise – der alte Maharadscha-Palast in Udaipur liegt direkt am See (Fototapetenbilder: kein Problem). Vor der Idylle fährt uns der Schrecken in die Glieder. Beim U-Turn kracht es. Ich sehe, wie die Leute panisch den anderen Wagen verlassen, aus Angst, weitere Fahrzeuge würden hineinfahren. Mit zwei Tuk Tuks weiter ins Hotel, der eingedellte Kotflügel unseres Toyota ist schon am nächsten Tag ausgebeult.

Blick von der Hotelterrasse über den See in Udaipur. © Gitti Grünkopf

Unsere Wege trennen sich wieder. Die Freunde reisen via Delhi nach Kalkutta; unsere letzte Station in Rajasthan heißt Jodhpur. Zwischendurch halten wir am weltberühmten Tempel der Jain aus dem 15. Jahrhundert. “Bekannt ist der Jainismus für das Ideal der Nichtverletzung von Lebewesen. Jainas ernähren sich so, dass keine Tiere dafür leiden oder sterben müssen und Pflanzen nur im unvermeidlichen Maß geschädigt werden.“ (Wikipedia) Unsere Rundreise durch Rajasthan voller Eindrücke und Erlebnisse nähert sich dem Ende. Die Einfahrt zum Fünf-Sterne-Haus nimmt sich wie das Entree beeindruckend aus, die Zimmer eher nicht. Erst das dritte (!) rechtfertigt den Hotelauftritt im Internet. Gut so! Denn von den letzten Besichtigungen komme ich mit Fieber zurück und sinke erschöpft ins Bett – 39,34 Grad. Zum Glück haben wir uns mit indischem Aspirin versorgt. 20 Tabletten Disprin kosten 22 Rupies, ungefähr 25 Cent. Das gegenwärtige Äon gilt den Jain übrigens als ein Zeitalter des Verfalls. Wer wollte ihnen da widersprechen,

Incredible India!

Das India Gate im weitläufigen Regierungsviertel. ©️ Gitti Grünkopf

Nichts geht mehr beim Check-In in Frankfurt. Ich komme gerade noch durch die Sicherheitskontrolle, dann werden die Bänder angehalten. Keiner weiß Bescheid, keine Durchsage nirgends. Nach einer guten Stunde laufen die Bänder wieder an. Keine Erklärung, keine Entschuldigung. Das Boarding geht dann reibungslos, wir sind mit unseren Plätzen sehr zufrieden. Der Flug nach Delhi soll acht Stunden dauern, aber die Zeit vergeht im Nu. Ein paar Szenen aus dem Film „The Outfitter“, ein paar Stunden Halbschlaf, am ganz frühen Morgen gibt es ein Frühstück, und auf einmal kann man schon die Mega-City mit über 30 Millionen Einwohnern unter uns sehen.. Bei der Passkontrolle brauchen wir noch eine gute Stunde, schnappen unsere Koffer und treffen in der Vorhalle den Freund, der uns ins Parkhaus lotst. Mitten auf dem Weg dorthin liegen Hunde – niemand stört sich an den Tieren. Sein Driver fährt uns seelenruhig durch den dichten Verkehr ins Diplomatenviertel, wo uns ein Doorman das Tor öffnet und das Gepäck auslädt. Wir sind in einer anderen Welt angekommen – und werden herzlich von unserer Freundin in Empfang genommen.

Anstrengend, bunt und laut: Old Delhi. ©️ Gitti Grünkopf

Europäer im diplomatischen Dienst haben ganz selbstverständlich Driver, Doorman 24h und eine Maid, die sich um alles im Haus kümmert. Reiche Inder haben weit mehr Dienerschaft. Ein Nachbar hat die größte Mercedes-Vertretung in Nordindien; ein eigener Koch ist nur für das Personal zuständig. Schärfer könnte der Kontrast zu Old Delhi nicht sein. Während wir abends nach unserer Ankunft durch die weitläufigen Anlagen ums India Gate streifen, führt uns die Freundin zwei Tage später durch enge, laute Gassen mit tosendem Verkehr und einem andauernden Gehupe – trotzdem regt sich niemand auf. Schilder & Ampeln gibt es kaum, die Rikschas, Motorroller und Fahrräder drängeln sich durch und teilen die schmalen Gassen noch mit Passanten und Händlern. Die hocken in Old Delhi meist in höhlenartigen Verschlägen und bieten ihre Waren an; es scheint fast alles zu geben hier, natürlich auch Obst und Gemüse oder Imbissstände. Der Lärm ist groß, die Feinstaubbelastung extrem – an diesem Morgen warnte die Wetter-App vor einer gefährlichen Luftqualität!

Blick vom Agra Fort auf das Taj Mahal im Feinstaubsmog bei sehr ungesunder Luftqualität. ©️ Karl Grünkopf

Das Abenteuer geht weiter. Wir fahren im vollbesetzten Zug nach Agra. Am Ende unseres Programms steht das Taj Mahal. Foreigners zahlen weit mehr als Inder und müssen deshalb niemals lange warten. Wir bekommen sogar einen Private Guide, der sich als guter Fotograf und durchtriebener Lockvogel erweist. Unsere kleinen Alter Egos werden mir bei der „Sicherheitskontrolle“ abgenommen; der Guide nimmt sie in Verwahrung. Am Ende der Tour wollen wir unsere Schleich-Figuren zurückhaben und zum Ausgang. Der Guide besteht hartnäckig auf einen Umweg und führt uns zu einem Shop mit Marmor-Artikeln. Wir weigern uns, den Laden zu betreten, und verlangen unser Eigenturm zurück. Endlich rückt ein Verkäufer die Figuren heraus; wir streben zum Ausgang und müssen noch jede Menge Verkaufsattacken abwehren. Bald kommt unser Driver, wir steigen erleichtert ein. Die Menschen, nicht die Affen machten uns bei unserem ersten & letzten Besuch des eindrucksvollen Taj Mahal zu schaffen. Nach dem Dinner im Hotel werden wir von einer Party in den Garten gelockt und sind plötzlich Teil einer fröhlichen Hochzeitsgesellschaft. Incredible India!

Amt & Bürde

Die unerwartete Intensität der rechten Hetze isoliert „Die Bürgermeisterin“ Claudia Voss (Anna Schudt) zunehmend. © ZDF/ Martin Valentin Menke

Und täglich lockt der Corona-Test, der natürlich aus China kommt. Längst sind die Handgriffe Routine geworden. Stäbchen auspacken, mit dem Abstrich aus der Nase ins Serum, dann zwei Tropfen auf den schicken Test-Streifen. Jetzt wird’s spannend. Zeigen sich zwei Striche, bist Du positiv, färbt sich nur einer, ist alles positiv und Du hast Corona für dieses Mal überstanden. Trotz überwundener Infektion und Doppel- oder gar Dreifach-Booster ist nicht ausgeschlossen, dass man sich wieder mit einer neuen Variante infiziert. Das müssen wir schicksalsergeben hinnehmen wie die Entscheidungen des Bundeskanzlers, der sich in der Koalition und in seiner eigenen Partei zunehmend isoliert. Teile eines Hamburger Container-Terminals werden – mit massiver Unterstützung von Olaf Scholz – an den chinesischen Staatskonzern COSCO vertickt, der schon an 13 europäischen Häfen, darunter Antwerpen und Rotterdam, beteiligt ist. Müssen wir derzeit nicht alle schmerzhaft erfahren, dass die kritische Infrastruktur niemals zur Disposition stehen darf?

Nun also endlich wieder negativ. Die Corona-Tage lassen sich in der Erinnerung kaum mehr voneinander unterscheiden. Am Anfang Bed-Office, dann Home-Office, ein paar gymnastische Übungen, nach der Mittagspause wieder an den Rechner – tagaus, tagein. Abends schauen wir im Heimkino Filme und stoßen einmal völlig überraschend auf „Die Bürgermeisterin“, ein TV-Drama im ZDF. Normalerweise gucken wir fast gar kein Fernsehen, und TV-Dramen schrecken besonders ab. Ein Vorurteil! Denn dieser Film erzählt mit ruhiger Hand, wie eine ehrenamtliche Ortsbürgermeisterin unter Druck gerät, als in ihrem Stadtteil ein Flüchtlingsheim entstehen soll. Claudia Voss (großartig: Anna Schudt) wird dafür verantwortlich gemacht, obwohl sie nur ausführen muss, was der Landkreis beschlossen hat. Das rechte Bürgertum und der rechte Mob arbeiten Hand in Hand und setzen der Bürgermeisterin und ihrer Familie offen und versteckt zu, bis sie am Ende ihrer Kraft sind. 4,2 Millionen Zuschauer sahen dieses überzeugende TV-Drama, das noch bis zum 14.10.23 im ZDF verfügbar ist.

Wie dicht der Film von Christiane Balthasar (Regie) und Magnus Vattrodt (Buch) an der Realität ist, belegt die anschließende Reportage „Engagiert und attackiert – Wenn Politiker zur Zielscheibe werden“. Die Zahlen sind erschreckend. „Zerstochene Reifen, Hass-Nachrichten, Morddrohungen: Mehr als die Hälfte der Bürgermeister in Deutschland hat das bereits erlebt. Immer häufiger werden sie zur Zielscheibe“, schreibt das ZDF auf seiner Homepage zu der Doku von Lisa-Marie Schnell (bis 17.10.24 in der ZDF-Mediathek). Von 11.500 Bürgermeister:innen (davon 8.000 übrigens im Ehrenamt) haben das 57% schon erlebt; 19% erwägen deshalb, sich aus der Kommunalpolitik zurückzuziehen. Was Wunder, dass sich nur drei von ihnen vor der Kamera äußern wollten, u.a. Belit Onay. Den OB von Hannover erreichte nach seiner Wahl vor drei Jahren ein niederträchtiger Shitstorm. Es ist vieles, sehr vieles faul in deutschen Landen. Zumindest aber sind hierzulande unsere nächsten Verwandten im Tierreich recht fein artig – anders als in Indien. „Neu-Delhis Affenbande spielt verrückt“ titelt der Tagesspiegel. Morgen werden wir es vor Ort erleben. Namaste!

Positiv

Striche lügen nicht. © Rolf Hiller

Nun hat das Virus auch mich erwischt. Am Montag war ich noch negativ, tags drauf auf der Rückfahrt abends fühlte ich mich schlapp & schlapper, aß zu Hause noch Nudeln mit Mangold und fiel sofort ins Bett. Das Bistro im ICE war wieder einmal geschlossen – dieses Mal gab’s keine Beleuchtung. Vorsichtshalber hatte ich schon alle Termine am letzten Wochenende abgesagt; nun wurden die Verabredungen für diese Woche gestrichen. Das ist selbstverständlich; mir ist nicht nachvollziehbar, warum 10% aller Berufstätigen mit positivem Test zur Arbeit gehen. Zum Hausarzt habe ich mich allerdings nicht bemüht; das machen inzwischen die wenigsten Infizierten mit nur leicht grippalen Symptomen. Die Zahlen der Corona-Warn-App spiegeln deshalb nicht mehr annähernd die wahre Verbreitung der neuen Omikron-Variante wider, gegen die meine zweite Booster-Impfung aus dem Juli kaum wirkt. Es wird höchste Zeit, dass auch hierzulande ein flächendeckendes Abwasser-Monitoring eingeführt wird, was in vielen anderen europäischen Ländern längst passiert ist.

Durch unsere positiven Tests hat eine Selbstisolierung begonnen; wir verlassen kaum noch unsere Wohnung. Mit Skrupeln und Maske, versteht sich, die nötigsten Einkäufe machen? Darf man das überhaupt? Eine Recherche im Netz verschafft Klarheit: „Wer in Quarantäne oder Isolation geht, bleibt zu Hause und verlässt die Wohnung nicht – auch nicht zum Einkaufen.“ (rbb24.de) Ein Selbsttest genüge nicht zur Freitestung. Hält sich da jemand dran? Zum Glück lässt sich in digitalen Zeiten fast alles von zu Hause erledigen. Der Job, die noch notwendigen Besorgungen für unsere Reise nach Indien nächste Woche, die schon zweimal der Pandemie zum Opfer fiel. Einmal waren die Zahlen dort besonders hoch, im Frühjahr war es umgekehrt. Bis nächste Woche sind wir hoffentlich erst einmal durch mit dieser Infektion. Sicher ist das nicht. Freunde von uns – auch viermal geimpft – erkrankten fast zur gleichen Zeit wie wir, hatten über 39 Grad Fieber, hartnäckigen Husten und fühlen sich schlapp und kraftlos. Das macht diese Virusinfektion so unheimlich – man weiß nicht, wann und wie schlimm sie uns trifft und welche Folgen sie haben kann. Schätzungen gehen von einer halben Million Patient:innen mit Long Covid in Deutschland aus.

Die volkswirtschaftlichen Folgen der Pandemie lassen sich seriös noch überhaupt nicht abschätzen. Das gilt nicht minder für die Konsequenzen des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine, die uns im Herbst und Winter ganz unmittelbar treffen werden. Die Energiekosten gehen durch die Decke, die Inflation ist auf dem höchsten Stand seit 70 Jahren. Ein Sondervermögen von 200 Milliarden Euro, vulgo neue Schulden, sollen die schlimmsten Folgen der schlimmsten Krise der Bundesrepublik, in die das Land gerade taumelt, mildern. Strukturell ändern diese Mittel überhaupt nichts an der Abhängigkeit von fossilen Energien. Der Umbau der Energieversorgung wird noch Jahre dauern. Auf diesen Winter folgt der nächste. Es ist nicht ausgeschlossen, dass es in Deutschland zu Unterbrechungen der Stromversorgung kommt. In weiten Teilen der Ukraine sind Strom und Wasser nur stundenweise verfügbar; viele Menschen verlassen ihre Heimat. In der Nähe von Wismar wurde ein Heim für ukrainische Flüchtlinge abgebrannt. Es ist eine Schande!