Mission Impossible

Am Nationalfeiertag noch einmal zu sehen: die offizielle Fahne Afghanistans.

Diese Bilder werden sich ins kollektive Gedächtnis einschreiben. Ein Hubschrauber schwebt über der amerikanischen Botschaft in Kabul wie 1975 über Saigon, verzweifelte Menschen klammern sich ans Fahrwerk von startenden Maschinen auf dem Flughafen. Es gibt nichts zu beschönigen: der Rückzug der NATO aus Afghanistan ist eine Kapitulation. Der EU-Außenbeauftragte Josep Borell spricht von einer Niederlage, einer „Katastrophe für die Glaubwürdigkeit des Westens“, der bayerische Ministerpräsident und Nicht-Kanzlerkandidat Markus Söder von einem „Debakel“. Allen Warnungen zum Trotz haben das Außen- und das Verteidigungsministerium sowie das Kanzleramt die Lage in Afghanistan vollkommen falsch eingeschätzt. Die von der Bundeswehr ausgebildete einheimische Armee mit immerhin 300.000 Mann konnte oder wollte dem Vormarsch der Taliban nichts entgegensetzen; der gewählte Präsident Aschraf Ghani machte sich noch schnell die Taschen randvoll und ging ins Exil. Einstweilen geben sich die Taliban noch erstaunlich moderat, aber die Uhren in ihrem Gottesstaat werden zurückgedreht und Mädchen & Frauen wieder vom öffentlichen Leben ausgeschlossen. Da und dort schwenkten Furchtlose am gestrigen Nationalfeiertag noch einmal die afghanische Fahne. Ein letzter Aufschrei.

Dass die verantwortlichen Minister:innen Heiko Maas und Annegret Kramp-Karrenbauer nicht einmal ihren Rücktritt anbieten, zeugt von einem bedenklichen Verfall der politischen Kultur hierzulande. Dass der glücklose Kanzlerkandidat Armin Laschet in dieser Lage warnt, „2015 darf sich nicht wiederholen“, ist eine Schande. Immerhin haben viele Menschen in Afghanistan auf den Westen gesetzt und müssen nun um Leib und Leben fürchten. Sein durchsichtiges Taktieren verfängt indes nicht. Laut ARD DeutschlandTrend würden sich nur 16% für ihn entscheiden, wenn der Kanzler direkt gewählt werden könnte. Ganz klar vorne liegt im Moment Olaf Scholz (SPD) mit 41%, die Kandidatin der Grünen kommt nur auf 12%. Offensichtlich haben CDU/CSU und Die Grünen aufs falsche Pferd gesetzt; beide Parteien verlieren kontinuierlich an Zuspruch. Die Beliebtheit des „Scholzomaten“ überrascht mich aber schon – immerhin ist der amtierende Finanzminister politisch verantwortlich für den größten deutschen Wirtschaftsskandal (Wirecard). Womöglich zieht ihn aber noch die Causa Maas herunter – für viele der schlechteste deutsche Außenminister seit 1949!

Es bleibt zu hoffen, dass der Wahlkampf in der nun wohl (endlich) beginnenden heißen Phase auch von der Klima- und Corona-Politik geprägt wird. In Hessen dürfen wieder die Clubs und Discos öffnen – mit einer 3G-plus-Regel sozusagen. Entweder die Besucher:innen sind geimpft oder genesen oder sie können einen negativen PCR-Test vorweisen, der zwischen 50 und 120 € kostet. Ob das angenommen wird, steht dahin. Nicht genehmigt bekam jedenfalls BigCityBeats den WORLD CLUB DOME in der Deutsche Bank Arena. „Leider wurden uns Auflagen gemacht“, konstatiert Bernd Breiter, Geschäftsführer des Veranstalters, „die es nicht mal im Ansatz erlauben, den WORLD CLUB DOME praktikabel und realistisch durchzuführen. Diese Auflagen wurden uns an einem Tag gemacht, an dem 25.000 Besucher für den Fußball zugelassen werden. Das können wir einfach nicht nachvollziehen.“ Nicht zum ersten Mal drängt sich der Verdacht auf, dass mit vielerlei Maß gemessen wird. Heute Abend haben „Die letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus in Berlin in einer Inszenierung von Paulus Manker Premiere. Vor drei Jahren wurde dieses siebenstündige Theaterereignis in Wien gezeigt. Die Kritik überkugelte sich vor Begeisterung.

Glück in Bregenz

Das letzte „erlaubte“ Bild vor der Aufführung des „Rigoletto“ auf der Seebühne. © Gitti Grünkopf

Die Pandemie machte im letzten Jahr viele Planungen zunichte. Freunde von uns hatten Karten für „Rigoletto“ von Guiseppe Verdi besorgt, doch auch die Festspiele in Bregenz mussten ausfallen. Heuer soll nun alles besser werden. Im gut besuchten ICE geht‘s nach München, dann fahren wir mit dem Regionalexpress weiter. In Bayern gelten allerdings andere Corona-Regeln, wie der launige, sächsische Schaffner zweimal per Durchsage verkündet. Hier sind in regionalen Zügen der Deutschen Bahn FFP-2-Masken Pflicht. Wer keine hat, fliegt raus. Zum Glück habe ich eine ganz unten im Koffer. Drei junge Franzosen werden von Mitreisenden damit versorgt, ohne große Worte. Schon lange nehmen wir derlei Regelwirrwarr klaglos hin, ohne uns darüber aufzuregen. Der Blick auf die Wetter-App ist viel spannender. Der erste Tag bei unseren Freunden ist frühherbstlich, das morgendliche Bad im See eine echte Herausforderung. Allein, die Prognosen verheißen einen herrlichen Sommerabend für unseren Besuch der Seebühne.

Gewissermaßen zur Generalprobe machen wir uns auf nach Bregenz, schleichen per Stopp & Go über Lochau in die Stadt am Bodensee. Ehe wir die Logistik für den nächsten Abend erkunden, gehen wir ins Vorarlberg museum, denn im dortigen Atrium werden die meist großformatigen Bilder des Malers Nino Malfatti gezeigt. Die Vollendung seines jüngsten Werkes „Kanisfluh“, haben wir bei Besuchen in seinem Berliner Atelier verfolgen können. Malfatti malt nach einem Foto und findet in seinem Realismus eine ganz eigene Ästhetik, ganz im Sinne von Herwarth Walden: „Kunst ist Gabe nicht Wiedergabe.“ Über zweihundert Gäste kamen zur Vernissage; der leidenschaftliche Bergsteiger findet mit seinen Gemälden immer mehr Zuspruch; so besitzt auch Reinhold Messner in seinen Privatmuseen einige Bilder von Nino Malfatti. Zurück in der Realität peilen wir die Lage für „unsere“ Premiere in der Seebühne. Wo könnte man am besten parken, wo vorher noch einen Happen essen. Welche Strecke nehmen wir am besten zur Seebühne.

Die Vorbereitung hat sich gelohnt: Zum Opernabend fahren wir vollkommen ohne Hektik & finden direkt am Festspielgelände einen Parkplatz – mit ein bisschen Chuzpe. Entspannt nehmen wir ein gutes Abendessen ein und steigen dann weit hinauf zu unseren hervorragenden Plätzen. Ein milder Sommerabend, ein grandioser Blick auf die berühmte Seebühne mit dem Kopf von Rigoletto und seinen beiden Händen, die sich wie Sinnbilder der grandiosen Inszenierung von Philipp Stölzl ausnehmen. Wir sind schier überwältigt von den vielen Eindrücken auf der schwimmenden Bühne und der unglaublichen Präsenz auch des Orchesters, das live aus dem Konzertsaal übertragen wird. Die Sänger:innen, die munteren Gaukler mit teils atemberaubender Artistik – ein Gesamtkunstwerk, das auch beim zweiten Besuch nichts von seiner Faszination verliert, wie unsere Freunde versichern. In der bis auf den letzten Platz gefüllten Seebühne jubeln 7.000 Menschen. Die Inzidenz in Vorarlberg beträgt derzeit 66,4 – von Verunsicherung keine Spur. Bregenz liegt in Österreich. Zum Glück.

Der Schein trügt

Im neuen Infinity Mirror Room von Yayoi Kusama kann man die Orientierung verlieren. © Rolf Hiller

Diese Ausstellung ist ein Renner. Es gibt keine Karten mehr für die spektakuläre Retrospektive von Yayoi Kusama im Berliner Gropius Bau, obwohl die täglichen Öffnungszeiten schon verlängert wurden. Nicht wenige nutzen die Installationen & Skulpturen der 92-jährigen Künstlerin als Kulisse für Fotos, vor allem Selfies – alles so schön bunt hier. Dabei verdankt sich das oft farbenfrohe Werk von Kusama ihren Halluzinationen. Schon als Kind hatte sie die Vorstellung, die ganze Welt würde von Netzen überzogen – daraus entwickelten sich dann ihre berühmten Polka Dots. Ihre oft leichten und heiteren Werke entspringen einer zutiefst verunsicherten Persönlichkeit. Nach beeindruckenden Erfolgen in New York kehrte Yayoi Kusama wieder nach Japan zurück und lebt seit 1977 in einer psychiatrischen Klinik in Tokio gegenüber ihrem Atelierhaus, wie uns eine kundige Aufsicht verrät. Längst hat sich die Multimedia-Künstlerin, die zeitweise auch Romane schrieb, eine eigene Mythologie entwickelt. „Ich möchte im Verborgenen leben, in der Welt zwischen Mysterium und Symbol“, heißt es in ihrer Autobiographie.

In ihrem neuen Infinity Mirror Room kann man schon die Orientierung verlieren, wie es derzeit nicht wenigen Bürger:innen und ihren Politiker:innen geht. STIKO, SIKO und EMA heißen die Abkürzungen der Irritation. Während die Ständige Impfkommission eine Impfung für 12 bis 17-Jährige nicht empfiehlt, haben die Sächsische Impfkommission und die Europäische Arzneimittel-Kommission kein Problem damit. Die Gesundheitsminister:innen offensichtlich auch nicht; sie sprechen deshalb eine Empfehlung für diese Altersgruppe aus. Die Demontage der STIKO passt ins Bild einer Corona-Politik, die immer zu spät kommt und deren Akzeptanz immer weiter schwindet. Der Vorschlag aus dem Gesundheitsministerium, ab Oktober die kostenlosen Schnelltests abzuschaffen, ist dagegen sinnvoll. Wenn jede:r eine Chance hatte, sich impfen zu lassen, sollte der Staat nicht auch noch die Impfverweigerer alimentieren. Warum das unsolidarisch sein soll, verstehen bloß Freie Demokraten und solche, die Grundrechte nutzen, um unseren Rechtsstaat abzuschaffen. In der überhitzten Stimmung ist erstaunlicherweise höchst selten etwas vom Abwassermonitoring zu hören, worauf die Frankfurter Neue Presse kürzlich hinwies. „Ein funktionierendes Frühwarnsystem ist dagegen das Abwassermonitoring, das die EU-Mitgliedsstaaten eigentlich bis zum 1. Oktober einrichten sollen, das in Deutschland aber bislang nur in wenigen Orten umgesetzt ist. Anders als bei der Inzidenz, die nur gemeldete Infektionen berücksichtigt, wird damit auch die Dunkelziffer erfasst.“ (30.07.21)

Derzeit trüben sich die Aussichten nicht bloß ein, weil uns im Herbst eine 4. Welle der Pandemie droht. Es fehlt an allen Ecken und Enden, wie nicht nur Häuslebauer wissen. Holz ist derzeit knapp und teuer, es mangelt an vielen Rohstoffen und Vorprodukten, die Lieferketten stehen noch längst nicht wieder; Container und Europaletten sind ein knappes Gut. Was Wunder, dass die Preise in vielen Branchen unter Druck geraten sind und zum Teil massiv steigen. Und plötzlich ist sie wieder da: die Inflation. Im Juli stiegen die Preise hierzulande um 3,8%, was zum Teil sicher mit dem Auslaufen der Mehrwertsteuersenkung zusammenhängt. Knappe Güter und steigende Preise werden das nächste Jahr bestimmen. Im Moment ist hochwertiges Papier für die Druckindustrie gar nicht verfügbar; deshalb geraten die Preise für Recycling-Produkte unter Druck. Von Preissteigerungen über 20% im nächsten Jahr ist schon die Rede. Die Zeiten werden ungemütlicher. Nicht bloß für Verlage.

Menschenherden

Duldsame Lämmer unterwegs mit der Deutschen Bahn. © Rolf Hiller

Dieser Tage denke ich oft an einen meiner Kunstlehrer auf dem Gutenberg-Gymnasium in Mainz. „Ich werde die schwarzen Schafe“, orakelte er immer wieder vielsagend, „unerbittlich von den weißen Schafen trennen.“ Getrennt wurden wir aber nie, so dass ich bis heute nicht weiß, zu welcher Sorte ich gehört hätte. Darin gleicht der Mann der Kunst den Politiker:innen, die sich nicht darüber verständigen können, was mit den schwarzen Schafen der Gesellschaft geschehen soll. Müsste man überzeugte Impfverweigerer nicht zumindest teilweise trennen von Geimpften & Genesenen, denen man ihre Freiheitsrechte nicht länger vorenthalten darf. Wie vor einem Jahr eiern die Politiker:innen herum, anstatt zu sinnvollen Entscheidungen zu kommen. In einigen Bundesländern enden bald die Sommerferien, die Impfmüdigkeit ist bedenklich und die erhoffte Herdenimmunität in weiter Ferne. Wieder einmal hat der Söder Markus das Heft in die Hand genommen: ab dem 1. August gilt nun eine generelle Testpflicht bei der Einreise aus dem Ausland. Wie die kontrolliert werden soll, ist genauso unklar wie die Überwachung etwaiger Quarantänen, kurz: Aktionismus statt Strategie.

Schicksalsergeben nimmt die schweigende Mehrheit der Geimpften & Impfwilligen das alles hin und überlässt den Lautsprechern jedweder Couleur das Terrain. Wie gestern auf meiner Fahrt nach Berlin. Wieder einmal stand nur ein Ersatz-Zug zur Verfügung, wieder einmal fehlten zwei Wagen, wieder einmal waren die Reservierungen hinfällig. Wie früher saßen die Reisenden dicht gedrängt, einige standen in den Gängen oder hockten bei den Türen. Schlangen vor den Toiletten. Wir Lämmer warten geduldig und sind schon zufrieden, dass das WC überhaupt noch funktioniert. Die Deutsche Bahn möchte bis zum Jahr 2030 die Zahl ihrer Fahrgäste verdoppeln. Wie soll das dem überschuldeten Konzern gelingen? Bis dahin sind der Vorstand und der Verkehrsminister Andreas Scheuer nicht mehr im Amt und können nicht mehr an ihren Ankündigungen gemessen werden.

Auf der Fahrt werden wir über die Displays auf die sog. AHA-Regeln hingewiesen – die Bahn hat Sinn für Humor. Zwei Tage zuvor sitzen wir bei einer Theateraufführung im Freien. Wir müssen uns per App einchecken, tragen Masken bis zum Platz, je zwei Stühle sind zusammen gebunden, und die Abstände zu den nächsten Gästen sind großzügig bemessen. Jede Fahrt mit einem ICE ist riskanter! Diese Widersprüche mindern die Akzeptanz der Maßnahmen, die ohnehin nicht genügen. Vielleicht hilft ein Blick nach Amerika oder Israel. In den USA wird gerade geprüft, ob sich Staatsangestellte impfen lassen müssen; derweil haben einige Tech-Konzerne schon Fakten geschaffen. Wer dort im Büro arbeiten möchte, muss geimpft sein. In Israel können sich ab Sonntag über 60jährige zum dritten Mal impfen lassen. Die Delta-Variante des C-Virus kennt keine Sommerpause. Wer wie der Kanzlerkandidat Armin Laschet von der CDU glaubt, wir könnten uns Zeit bis zum Herbst lassen, hat den Ernst der Lage noch immer nicht begriffen.

Das Schweigen der Sirenen

Niemand ist auf einen Katastrophenfall vorbereitet. © Hans Braxmeier auf Pixabay

Früher heulten regelmäßig die Sirenen – zur Probe. Ich hatte als Kind immer ein banges Gefühl, wenn der enervierende Ton einsetzte, obwohl ich doch wusste, dass es kein Ernstfall war. Später wurden die Übungen seltener, nach dem Ende des Kalten Krieges verschwanden die meisten Sirenen, der letzte bundesweite Warntag im Herbst letzten Jahres war ein „Fehlschlag“ (Bundesinnenministerium). Was braucht es eigentlich die Sirenen in der schönen, neuen, digitalen Welt. Nach der Hochwasserkatastrophe in Rheinland-Pfalz und NRW beurteilen Experten und solche, die es gerne sein wollen, die Lage anders. Man will nun wieder Sirenen installieren, aber das wird noch Jahre dauern. Das hätte Menschenleben retten können, denn die Warnungen der Meteorologen kamen bei (zu) vielen Menschen nicht an; deren Existenz wurde von einer Jahrhundertflut ungeahnten Ausmaßes zerstört. Der Klimawandel ist keine abstrakte Bedrohung in ferner Zukunft mehr, die Folgen der globalen Erderwärmung sind längst Realität.

Das hat inzwischen auch Armin Laschet, amtierender Ministerpräsident von NRW und Kanzlerkandidat der CDU/CSU, begriffen; sein unangemessenes Verhalten nach Ausbruch der Katastrophe wird ihm noch auf die Füße fallen. „Weil jetzt ein solcher Tag ist, ändert man nicht die Politik“, meinte er abschätzig im WDR-Fernsehen. Wann denn sonst, wenn nicht überhaupt schon viel früher? Angela Merkel ließ sich auch an den vom Hochwasser zerstörten Orten blicken, feixte natürlich nicht wie der amtierende Parteivorsitzende und zeigte sich sehr betroffen: doch ihr Ruf als „Klimakanzlerin“ ist längst verhallt. Zumindest erkennen „unsere“ Politiker:innen den globalen Klimawandel an – anders als etwa der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro, unter dessen Ägide der Regenwald schneller denn je abgeholzt wird – pro Minute wird eine Fläche von drei Fußballfeldern niedergewalzt. Eigentlich müssten am Amazonas die Sirenen rund um die Uhr heulen. „Was sich heute im Regenwald abspielt, ist ein Raubzug, ist ein Krieg“, bilanzierte der 2002 gestorbene brasilianische Politiker und Umweltaktivist José Lutzenberger schon vor langer Zeit.

Sind wir denn besser vorbereitet auf einen Katastrophenfall als die Menschen in den Hochwassergebieten, denen lokal schon wieder Starkregen droht? Für den möglichen Ernstfall – etwa einen großflächigen Stromausfall – sind wir nicht gerüstet, wie man auf der Seite des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe lesen kann. Empfohlen wird ein Vorrat an Essen und Trinken für 10 Tage. „Grundsätzlich gilt: Auch nur ein bisschen Vorrat, zum Beispiel für drei Tage, ist besser als kein Vorrat.“ Pro Tag brauche eine Person 2 Liter Wasser. „Ein Mensch kann unter Umständen drei Wochen ohne Nahrung auskommen, aber nur vier Tage ohne Flüssigkeit.“ Das dürfte allgemein bekannt sein, doch handeln wir im Kleinen wie im Großen wider besseres Wissen – wir haben bis jetzt keine Vorräte für drei Tage zu Hause, haben nicht die Nina-Warn-App auf dem Handy und schütteln über sog. Prepper (noch) den Kopf. Warum eigentlich?

Das Ende der Inzidenz

„Momentan sterben mehr Menschen durch Schusswaffen als durch Covid-19.“ Das Bild zeigt die spektakuläre U-Bahn-Station des spanischen Architekten Santiago Calatrava unter dem World Trade Center in New York. © Gitti Grünkopf

Stell‘ Dir vor, es gibt genug Stoff und keine:r will ihn haben. Während wir im April stundenlang in der Warteschleife einer Hotline hingen, um einen Impftermin mit AstraZeneca zu bekommen, sind jetzt mobile Impfteams unterwegs, um überhaupt noch Kandidat:innen zu gewinnen. Die können sich das Vakzin dann sogar aussuchen und oft noch eine Belohnung abstauben. In ihrer Not wollten Politiker wie der Söder Markus sogar Stoff bei Putin kaufen; von Sputnik V ist schon lange keine Rede mehr. Was läuft da schief in deutschen Landen? Warum lassen sich nicht genug Menschen freiwillig impfen? Warum laufen wir Gefahr, eine notwendige Impfquote von 85% der über 12-Jährigen nicht zu erreichen? Warum funktioniert die Solidargemeinschaft (wieder) nicht? Womöglich hängt dieses Desinteresse mit widersprüchlichen Signalen zusammen. Großbritannien hebt – trotz steigender Inzidenzen – am 19. Juli alle Einschränkungen auf, auch hierzulande gibt es immer weitere Lockerungen. Frankreich und Griechenland dagegen haben eine Impfpflicht für medizinisches Personal beschlossen, die in Italien schon gilt.

Die Inzidenz als Maß für alle Maßnahmen hat indes ausgespielt; weitere Parameter zur Beurteilung der Lage werden hinzugezogen: die Belastung des Gesundheitssystems, die Auslastung der Intensivbetten, die Anzahl der mit oder durch Corona Gestorbenen. Allenthalben gibt es Erleichterung & eine neue Leichtigkeit. Bei einem Benefiz-Konzert zugunsten des wunderbaren Kammermusik-Festivals in Kreisau war alles wieder wie vor der Pandemie: Umarmungen, Händeschütteln, keine Masken am Platz in der nicht klimatisierten und gut besuchten Mendelssohn-Remise in Berlin. Alle freuten sich über ein Wiedersehen nach scheinbar unendlich langer Zeit. Mit meiner Verbeugung mit gekreuzten Händen vor der Brust falle ich schon wieder aus dem Rahmen. „Ja, Sie haben ja recht“, höre ich dann nach einem Moment der Überraschung. Das Virus wird nicht mehr verschwinden, weitere Varianten werden entstehen. Wir werden nach der Pandemie mit dieser Bedrohung weiter leben müssen, und ich werde weiter auf das Händeschütteln verzichten, brav eine Maske tragen und häufiger die Hände waschen.

Dass wir mit Wetterextremen leben müssen, dass der Klimawandel längst in Deutschland angekommen ist, belegen die erschütternden Nachrichten aus Rheinland-Pfalz und NRW. Das hindert Gummistiefel-Politiker wie Armin Laschet indes nicht, weiter ein Tempolimit in Deutschland zu blockieren. Weiter so! wo es doch schon lange nicht mehr so weiter gehen darf. Wie entspannt fuhren wir mit 75 Meilen auf den Highways von San Francisco nach Los Angeles, nachdem wir zuvor ein paar Tage in New York gewesen waren – und dort noch ohne Bedenken mit der U-Bahn fuhren. Das tut die Schriftstellerin Sigrid Nunez schon lange nicht mehr, wie sie Ute Büsing in einem Gespräch fürs Inforadio verriet. „Momentan sterben mehr Menschen durch Schusswaffen als durch Covid-19“, berichtet die Journalistin. Sigrid Nunez, deren neuer Roman „Was fehlt dir“ nächste Woche erscheint, fährt auch tagsüber nicht mehr mit der U-Bahn. Keine verlockenden Aussichten.

Lustbarkeiten

Onkel Otto, das Maskottchen des Hessischen Rundfunks, trägt weiter Maske. © Rolf Hiller

Was für ein Wort der Verheißung! „Sogenannte Tanzlustbarkeiten dürfen mit bis zu 1000 Personen im Freien stattfinden“, vermeldet der Berliner Tagesspiegel am Mittwoch. Solche Lustbarkeiten sind nun weniger unsere Sorte, aber es gibt endlich wieder ein halbwegs normales 3-G-Leben, für das die Formel lautet: genesen, geimpft oder getestet. Erstmals kann ich meine Corona Warn-App nutzen, zeige am Eingang der Staatsoper meinen digitalen Impfnachweis und den Personalausweis vor – und bin drin. Die Saison dort endet mit „La Fanciulla del West“ von Giacomo Puccini, einer der wenigen Opern mit einem Happy End, das wunderbar ironisch & schwelgerisch inszeniert wird. Das Publikum applaudiert begeistert, wird die Opulenz der Bilder doch von dieser herrlichen Musik befeuert. Tags drauf sitze ich schon wieder im gut besetzten ICE: die Eröffnungsveranstaltung des Festivals „Frankfurt liest ein Buch“ im Großen Sendesaal des Hessischen Rundfunks steht auf dem Programm; FRIZZ Das Magazin für Frankfurt & Vordertaunus ist seit vielen Jahren Medienpartner. Heuer liest die Stadt „Scheintod“, einen autobiographisch motivierten Roman von Eva Demski.

Stück für Stück nähert sich in diesem Text eine Frau dem Leben ihres verstorbenen Ex-Mannes, den sie gewissermaßen erst post mortem richtig kennenlernt. Allzu oft trügt der Schein, wie die immer neuen Enthüllungen über die grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock belegen. Nun hat der Tagesspiegel recherchiert, dass sie ein Promotionsstipendium über 40.000 Euro von der parteinahen Heinrich-Böll-Stiftung bekommen hat, ohne einen Abschluss ernsthaft anzustreben. Da sich Lebensentwürfe ändern können, sei eine Rückzahlung „weder üblich noch vorgesehen“. (07.07.21) Wieder hat die Sache ein Geschmäckle, wieder wird etwas am Ruf von Frau Baerbock hängenbleiben. Dass sie ihre Karriere strategisch auf dem grünen Ticket geplant hat, ist ihr nicht vorzuwerfen; ihr Verhalten macht sie mir indes nicht sympathischer. Die Dame, die nach ihrer Nominierung so gut rüber kam in den ersten Interviews, Angebote & Vorschläge machte, entpuppt sich plötzlich als raffinierte Strategin in eigener Sache – durchaus vergleichbar mit der noch amtierenden Kanzlerin Angela Merkel.

Zu den Lustbarkeiten unseres Lebens zählt natürlich auch das Kino. Vor über acht Monaten sahen wir im schönen „Delphi“ unseren letzten Film („Und morgen die ganze Welt“); bei unserem Kino-Re-Start an gleicher Stelle soll es „Nomadland“ sein. Das mit mehreren Oscars ausgezeichnete Werk hat insgesamt über 200 Preise abgeräumt. Wir sind sehr gespannt – und werden sehr enttäuscht. Die Episodenhandlung erzählt von Menschen in Amerika, die als Nomaden mit ihren Kleinbussen durch das Land fahren wollen oder gar müssen, weil sie ihre Bleibe verloren haben. Immer unterwegs, immer getrieben. Die Momentaufnahmen um Fern (Frances McDormand), ihre erbärmlichen Jobs, ihr einsames Leben, ihre Suche nach Sinn wirken ausgestellt. Zudem wird von der Regisseurin Chloé Zhao eine Idylle unter den modernen Nomaden inszeniert, die viel mit Kitsch aber wenig mit der Realität zu tun haben dürfte. Alle sind lieb & gut miteinander, aus freien Stücken unterwegs, ernsthafte Konflikte und Gefahren gibt es keine – das Leben on the road eine einzige Verheißung. Die Filmmusik stammt übrigens vom Klangschwelger Ludovico Einaudi, den man der sog. Neoklassik zurechnet. Wir hätten gewarnt sein müssen! 

Der Schein trügt

Vollmond über dem Schwarzen See. © VLE Press International

Back to Fleck. Unter dieser Losung machen wir uns wieder einmal auf den Weg nach Flecken Zechlin. Das Dorf liegt 100 km von Berlin entfernt in Brandenburg. Wir hatten Glück und konnten noch kurzfristig im „Haus Elsenhöhe“, direkt am Schwarzen See gelegen, unterkommen. Zur Tradition rechnet, dass wir uns auf dem Hinweg in Kunsterspring frisch geräucherte Saiblinge besorgen. Weiter geht’s von dort durch ausgedehnte Waldgebiete zur Elsenhöhe. An Wasser scheint in Brandenburg kein Mangel zu herrschen: es werden dort über 3.000 Seen gezählt. Trotzdem gibt es auch dort Wassermangel; es besteht höchste Waldbrandgefahr. Die Bedrohung ist mit Händen zu greifen. Wir sehen viele vollkommen verdorrte & abgestorbene Nadelbäume auf unserer Fahrt. Der Klimawandel ist in der Idylle längst Realität, die man allzu leicht vergisst. Wir fahren stundenlang mit einem Boot über die Seen, die durch Kanäle verbunden sind, und ankern dann und wann, um im klaren Wasser zu schwimmen. Viel los ist nicht an diesem Wochenende – ideale Voraussetzungen für Trockenkapitäne. Herrlich!

Die Hauptstadt von Brandenburg (knapp 2.6 Millionen Einwohner:innen) heißt Potsdam und dort bewerben sich bekanntlich Olaf Scholz (SPD) und Annalena Baerbock (Die Grünen) um ein Direktmandat. Nach ihrer Nominierung im April lag die Umweltpartei bei den Umfragen noch vor der CDU, doch inzwischen kommt für Baerbock & Co. der Wind von vorne – durch unforced errors, wie es beim Tennis heißt. Die Kampagnen der konservativen Medien und Parteien gegen sie laufen wie geschmiert und darüber gerät all zu rasch in Vergessenheit, was etwa Jens Spahn und besonders Andreas Scheuer in ihrer Amtszeit an Mist verzapft haben. Oder Finanzminister Olaf Scholz, der die politische Verantwortung für den Wirecard-Skandal trägt, sich aber lieber einen schlanken Fuß macht. Dass die Kanzlerin sich vom Titelfälscher Karl-Theodor zu Guttenberg für Wirecard einspannen ließ, passt ins Bild; natürlich hat der Blender bei diesem Job wieder fett abgesahnt.

Glanzvoll gehen die (allzu) langen Jahren von Angela Merkel nicht zu Ende, und nicht wenige Kommentatoren ziehen einen Vergleich zum quälend langen Abschied des Bundestrainers Joachim „Jogi“ Löw. In einem Kommentar in der Frankfurter Neuen Presse bringt Rafael Seligmann noch einmal den Vorschlag aufs Tapet, die Amtszeit von Politiker:innen zu begrenzen. Die Initiative von Söder Markus „sollte umgesetzt werden. Im Bund und in den Ländern. In der Politik und beim Kicken.“ (26.06.21) Ein frischer Wind schadet nie. Ich öffne das Fenster, der betörende Duft der Linden kommt hinein, den die Schriftstellerin Dagmar Leupold so feinfühlig beschrieben hat. „Der Duft ist Wahnsinn und Hellsicht in einem, er fährt einem ins Innerste und bleibt doch uneinnehmbar. Würzig und süß, ein Anflug von Gärung, von schwülem Umkippen ins Alkoholische, dabei mädchenhaft, blumig und zart.“ Hellsicht – zumal in eigener Sache – ist den Spitzen unserer Gesellschaft mehr denn je zu wünschen. Nicht nur im Somma.

Aufregungen

Die Natur lässt sich nicht instrumentalisieren: Regenbogen über Sylt. © Karl Grünkopf

Jogi im Glück. Seine Mannschaft spielte gegen Ungarn nicht gut und kam mit einem 2 : 2 dennoch ins Achtelfinale, das am Dienstag im Wembley-Stadion gegen England ausgetragen wird. 45.000 Zuschauer:innen sind erlaubt, obwohl die Delta-Variante des Corona-Virus das Land mittlerweile in Angst & Schrecken versetzt – die Inzidenzen steigen dort wieder rapide. Kann das der Europäische Fussballverband (UEFA) eigentlich verantworten? Aber dort wie bei der FIFA zählt nur der Profit, und deshalb durfte das Münchener Stadion nicht in Regenbogenfarben angestrahlt werden – als sichtbarer Protest gegen die homophobe Politik der Regierung von Viktor Orbán, der die europäische Wertegemeinschaft ein ums andere Mal verhöhnt. Die Aufregung über die UEFA lenkt freilich davon ab, wie wir es hierzulande selbst mit schwulen Kickern halten. „Ein Profifußballer in Deutschland“, analysiert die taz, „der sich als homosexuell outet, hat seinen Marktwert auf Anhieb um 90 Prozent gemindert. Denn zum Bild dieser Sportart gehört eben auch eine nichtschwule Aura. Insofern: Wendet die Zeigefinger von Uefa und Orbán ab – und zeigt gefälligst auf euch selbst.“ (23.06.21)

Solche Aufregungen sind schnell vergessen, morgen wird wieder eine neue Sau durchs Netz getrieben. Da loben wir uns doch ästhetische Anregungen, die nun wieder möglich sind und länger nachhallen, etwa die Premiere „Das Rheingold“ in der Deutschen Oper Berlin, die nicht nur die ARD-Kulturkorrespondentin Maria Ossowski restlos begeisterte. Wegen der Pandemie kann die Neuinszenierung von Wagners „Ring“ nicht chronologisch erfolgen; „Die Walküre“, den zweiten Teil, gab es bereits im letzten Herbst zu sehen. Wir saßen (aktuell getestet) wie inzwischen gewohnt versetzt, hatten beste Sicht und mussten uns nur zum Schlussapplaus wieder „maskieren“. Das war in der Philharmonie nicht nötig, dafür durften wir nur vom Personal an die Plätze gebracht werden. Michael Wollny , der seinen zweiten Auftritt nach einer (allzu) langen Pause hatte, spielte ein grandioses Solo-Konzert, das mehr als nur 300 Zuhörer:innen verdient hätte. Der vielseitigste deutsche Jazzmusiker wird immer noch besser!

Inzwischen hat sich die Aufregung um die Amselküken vorm Fenster gelegt. Zwar schauen wir regelmäßig, aber leider ist nur noch das Erstgeborene am Leben; wir nennen es Selmi. Das füllt das Nest schon gut aus, ihm sind Flügel & Federn gewachsen, und es lässt es sich gut gehen. Selma & Selmo wechseln sich im Lieferservice ab, wobei sich die Mutter immer wieder lange ins Nest setzt, also „hudert“. Eine normale Ein-Kind-Familie, bei der sich der Nachwuchs um nichts kümmern muss. No longer Struggle for Life! Nächste Woche soll Selmi schon beginnen zu fliegen, und bald wird das Nest leer sein, in dem vor gut anderthalb Wochen noch fünf grüne Eier lagen. Dann ist unsere Küche wieder nur eine normale Küche. Gerne also wieder. Wir haben schon Kontakt zu einer Ornithologin aufgenommen.

Nachtrag zum fertigen Blog. Selmi wird niemals fliegen. Heute um 9.42h informiert uns eine Nachbarin, dass drei Krähen das Küken aus dem Nest geholt haben. Wir rennen in die Küche. Selmi ist nicht mehr da. Uns stehen Tränen in den Augen. Selma sitzt klagend im Apfelbaum. Selmo hockt auf dem Nest und starrt hinein.

Lebbe geht weider

Joachim Meyerhoff in „Das Leben des Vernon Subutex 1“ von Virginie Despentes in einer Inszenierung von Thomas Ostermeier an der schaubühne. © Thomas Aurin

Was haben Corona und Fußball gemein? Jede:r hat eine Meinung dazu, jede:r kann dazu eine Geschichte erzählen; allerdings gibt die Pandemie derzeit natürlich mehr her. Letzte Woche waren wir zu einer Geburtstagsfeier in Brandenburg eingeladen, bei der schon wieder 70 Personen erlaubt waren! Wie früher üblich streckt mir ein Gast seine Hand entgegen – und ich schüttele sie, wie das eben immer so war. Seit über einem Jahr habe ich das nicht mehr getan und wollte es mir ganz abgewöhnen. Die anderen Hände der munteren Runde erwidere ich mit einer leichten Verbeugung. Zwar sinken die Inzidenzen derzeit erfreulich, aber die Pandemie ist noch längst nicht vorüber; das Virus und seine tückischen Varianten werden nie wieder verschwinden. Aber bald brauchen wir keine Testzentren mehr, mit denen sich einige eine goldene Nase verdient haben. Einer hat in Offenbach seine vier gut laufenden Restaurants endgültig dicht gemacht, Stationen für Schnelltests eröffnet; angeblich ist er jetzt Millionär.

So wendig ist Vernon Subutex nicht. Er muss seinen Plattenladen in Paris aufgeben, verliert seine Wohnung und laviert sich irgendwie durch. Joachim Meyerhoff, in seiner ersten großen Rolle an der schaubühne, spielt diesen Absteiger erstaunlich zurückhaltend und gelassen; sein Schicksal wird ausgestellt, berührt aber nicht einen Moment. Der Regisseur Thomas Ostermeier hat diesen französischen Romanbestseller von Virginie Despentes aus dem Jahr 2015 auf die Bühne gebracht und verliert sich oft in dessen Verzweigungen. Wir erleben in vier langen, allzu langen Stunden die schonungslose Bestandsaufnahme einer bürgerlichen Gesellschaft, die sich zynisch eingerichtet hat im Job wie im Leben, in der Drogen genauso dazugehören wie Pornographie. Im Theater fügt sich dieses düstere Panoptikum nicht zu einem Reigen; die Szenen, häufig unterbrochen von Live-Musik, stehen für sich. Womöglich ist dieser Ansatz sogar schlüssig: es gibt keinen Zusammenhalt, keine Hoffnung mehr. Dem Publikum (aktueller Schnelltest, Schachbrett-Platzierung im Saal, Maskenpflicht) ist’s gerade recht. Vor dem geordneten „Auslass“ gibt es für dieses Kaleidoskop herzlichen Beifall.

Nach der Heimkehr vom ersten Theaterabend des Jahres schauen wir sofort nach unserer Amsel vor dem Küchenfenster. Selma „kennt“ uns inzwischen und brütet seelenruhig weiter. Am Montag dann schlüpft das erste Amselchen – ein vollkommen hilfloses, kleines Tierlein mit riesigen Augen, die wohl nicht mehr wachsen, und sichtbaren Herzschlägen. Wunder der Natur! Tags drauf ist das nächste winzige Vöglein da, dann ist das fünfte Ei verschwunden, und am Mittwoch hat Selma schon drei Küken zu versorgen. Plötzlich fehlt der Nachzügler, das vierte Ei liegt noch immer im perfekt getarnten Nest. Vielleicht bringen Selma und ihr schwarz gefiederter Gatte Selmo immerhin zwei Küken durch, die erst nach 18 Tagen fliegen können und insgesamt nur eine Chance von 30% haben, das erste Jahr zu überleben. Wenn es nicht klappt, legt sie wieder Eier (bis zu drei Mal im Jahr). „Lebbe geht weider“, sagte der Frankfurter Fußballphilosoph Dragoslav „Stepi“ Stepanović einmal, als seine Eintracht knapp den Titel verfehlte. Wer wollte ihm da widersprechen?