Das Schweigen der Sirenen

Niemand ist auf einen Katastrophenfall vorbereitet. © Hans Braxmeier auf Pixabay

Früher heulten regelmäßig die Sirenen – zur Probe. Ich hatte als Kind immer ein banges Gefühl, wenn der enervierende Ton einsetzte, obwohl ich doch wusste, dass es kein Ernstfall war. Später wurden die Übungen seltener, nach dem Ende des Kalten Krieges verschwanden die meisten Sirenen, der letzte bundesweite Warntag im Herbst letzten Jahres war ein „Fehlschlag“ (Bundesinnenministerium). Was braucht es eigentlich die Sirenen in der schönen, neuen, digitalen Welt. Nach der Hochwasserkatastrophe in Rheinland-Pfalz und NRW beurteilen Experten und solche, die es gerne sein wollen, die Lage anders. Man will nun wieder Sirenen installieren, aber das wird noch Jahre dauern. Das hätte Menschenleben retten können, denn die Warnungen der Meteorologen kamen bei (zu) vielen Menschen nicht an; deren Existenz wurde von einer Jahrhundertflut ungeahnten Ausmaßes zerstört. Der Klimawandel ist keine abstrakte Bedrohung in ferner Zukunft mehr, die Folgen der globalen Erderwärmung sind längst Realität.

Das hat inzwischen auch Armin Laschet, amtierender Ministerpräsident von NRW und Kanzlerkandidat der CDU/CSU, begriffen; sein unangemessenes Verhalten nach Ausbruch der Katastrophe wird ihm noch auf die Füße fallen. „Weil jetzt ein solcher Tag ist, ändert man nicht die Politik“, meinte er abschätzig im WDR-Fernsehen. Wann denn sonst, wenn nicht überhaupt schon viel früher? Angela Merkel ließ sich auch an den vom Hochwasser zerstörten Orten blicken, feixte natürlich nicht wie der amtierende Parteivorsitzende und zeigte sich sehr betroffen: doch ihr Ruf als „Klimakanzlerin“ ist längst verhallt. Zumindest erkennen „unsere“ Politiker:innen den globalen Klimawandel an – anders als etwa der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro, unter dessen Ägide der Regenwald schneller denn je abgeholzt wird – pro Minute wird eine Fläche von drei Fußballfeldern niedergewalzt. Eigentlich müssten am Amazonas die Sirenen rund um die Uhr heulen. „Was sich heute im Regenwald abspielt, ist ein Raubzug, ist ein Krieg“, bilanzierte der 2002 gestorbene brasilianische Politiker und Umweltaktivist José Lutzenberger schon vor langer Zeit.

Sind wir denn besser vorbereitet auf einen Katastrophenfall als die Menschen in den Hochwassergebieten, denen lokal schon wieder Starkregen droht? Für den möglichen Ernstfall – etwa einen großflächigen Stromausfall – sind wir nicht gerüstet, wie man auf der Seite des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe lesen kann. Empfohlen wird ein Vorrat an Essen und Trinken für 10 Tage. „Grundsätzlich gilt: Auch nur ein bisschen Vorrat, zum Beispiel für drei Tage, ist besser als kein Vorrat.“ Pro Tag brauche eine Person 2 Liter Wasser. „Ein Mensch kann unter Umständen drei Wochen ohne Nahrung auskommen, aber nur vier Tage ohne Flüssigkeit.“ Das dürfte allgemein bekannt sein, doch handeln wir im Kleinen wie im Großen wider besseres Wissen – wir haben bis jetzt keine Vorräte für drei Tage zu Hause, haben nicht die Nina-Warn-App auf dem Handy und schütteln über sog. Prepper (noch) den Kopf. Warum eigentlich?

Das Ende der Inzidenz

„Momentan sterben mehr Menschen durch Schusswaffen als durch Covid-19.“ Das Bild zeigt die spektakuläre U-Bahn-Station des spanischen Architekten Santiago Calatrava unter dem World Trade Center in New York. © Gitti Grünkopf

Stell‘ Dir vor, es gibt genug Stoff und keine:r will ihn haben. Während wir im April stundenlang in der Warteschleife einer Hotline hingen, um einen Impftermin mit AstraZeneca zu bekommen, sind jetzt mobile Impfteams unterwegs, um überhaupt noch Kandidat:innen zu gewinnen. Die können sich das Vakzin dann sogar aussuchen und oft noch eine Belohnung abstauben. In ihrer Not wollten Politiker wie der Söder Markus sogar Stoff bei Putin kaufen; von Sputnik V ist schon lange keine Rede mehr. Was läuft da schief in deutschen Landen? Warum lassen sich nicht genug Menschen freiwillig impfen? Warum laufen wir Gefahr, eine notwendige Impfquote von 85% der über 12-Jährigen nicht zu erreichen? Warum funktioniert die Solidargemeinschaft (wieder) nicht? Womöglich hängt dieses Desinteresse mit widersprüchlichen Signalen zusammen. Großbritannien hebt – trotz steigender Inzidenzen – am 19. Juli alle Einschränkungen auf, auch hierzulande gibt es immer weitere Lockerungen. Frankreich und Griechenland dagegen haben eine Impfpflicht für medizinisches Personal beschlossen, die in Italien schon gilt.

Die Inzidenz als Maß für alle Maßnahmen hat indes ausgespielt; weitere Parameter zur Beurteilung der Lage werden hinzugezogen: die Belastung des Gesundheitssystems, die Auslastung der Intensivbetten, die Anzahl der mit oder durch Corona Gestorbenen. Allenthalben gibt es Erleichterung & eine neue Leichtigkeit. Bei einem Benefiz-Konzert zugunsten des wunderbaren Kammermusik-Festivals in Kreisau war alles wieder wie vor der Pandemie: Umarmungen, Händeschütteln, keine Masken am Platz in der nicht klimatisierten und gut besuchten Mendelssohn-Remise in Berlin. Alle freuten sich über ein Wiedersehen nach scheinbar unendlich langer Zeit. Mit meiner Verbeugung mit gekreuzten Händen vor der Brust falle ich schon wieder aus dem Rahmen. „Ja, Sie haben ja recht“, höre ich dann nach einem Moment der Überraschung. Das Virus wird nicht mehr verschwinden, weitere Varianten werden entstehen. Wir werden nach der Pandemie mit dieser Bedrohung weiter leben müssen, und ich werde weiter auf das Händeschütteln verzichten, brav eine Maske tragen und häufiger die Hände waschen.

Dass wir mit Wetterextremen leben müssen, dass der Klimawandel längst in Deutschland angekommen ist, belegen die erschütternden Nachrichten aus Rheinland-Pfalz und NRW. Das hindert Gummistiefel-Politiker wie Armin Laschet indes nicht, weiter ein Tempolimit in Deutschland zu blockieren. Weiter so! wo es doch schon lange nicht mehr so weiter gehen darf. Wie entspannt fuhren wir mit 75 Meilen auf den Highways von San Francisco nach Los Angeles, nachdem wir zuvor ein paar Tage in New York gewesen waren – und dort noch ohne Bedenken mit der U-Bahn fuhren. Das tut die Schriftstellerin Sigrid Nunez schon lange nicht mehr, wie sie Ute Büsing in einem Gespräch fürs Inforadio verriet. „Momentan sterben mehr Menschen durch Schusswaffen als durch Covid-19“, berichtet die Journalistin. Sigrid Nunez, deren neuer Roman „Was fehlt dir“ nächste Woche erscheint, fährt auch tagsüber nicht mehr mit der U-Bahn. Keine verlockenden Aussichten.

Lustbarkeiten

Onkel Otto, das Maskottchen des Hessischen Rundfunks, trägt weiter Maske. © Rolf Hiller

Was für ein Wort der Verheißung! „Sogenannte Tanzlustbarkeiten dürfen mit bis zu 1000 Personen im Freien stattfinden“, vermeldet der Berliner Tagesspiegel am Mittwoch. Solche Lustbarkeiten sind nun weniger unsere Sorte, aber es gibt endlich wieder ein halbwegs normales 3-G-Leben, für das die Formel lautet: genesen, geimpft oder getestet. Erstmals kann ich meine Corona Warn-App nutzen, zeige am Eingang der Staatsoper meinen digitalen Impfnachweis und den Personalausweis vor – und bin drin. Die Saison dort endet mit „La Fanciulla del West“ von Giacomo Puccini, einer der wenigen Opern mit einem Happy End, das wunderbar ironisch & schwelgerisch inszeniert wird. Das Publikum applaudiert begeistert, wird die Opulenz der Bilder doch von dieser herrlichen Musik befeuert. Tags drauf sitze ich schon wieder im gut besetzten ICE: die Eröffnungsveranstaltung des Festivals „Frankfurt liest ein Buch“ im Großen Sendesaal des Hessischen Rundfunks steht auf dem Programm; FRIZZ Das Magazin für Frankfurt & Vordertaunus ist seit vielen Jahren Medienpartner. Heuer liest die Stadt „Scheintod“, einen autobiographisch motivierten Roman von Eva Demski.

Stück für Stück nähert sich in diesem Text eine Frau dem Leben ihres verstorbenen Ex-Mannes, den sie gewissermaßen erst post mortem richtig kennenlernt. Allzu oft trügt der Schein, wie die immer neuen Enthüllungen über die grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock belegen. Nun hat der Tagesspiegel recherchiert, dass sie ein Promotionsstipendium über 40.000 Euro von der parteinahen Heinrich-Böll-Stiftung bekommen hat, ohne einen Abschluss ernsthaft anzustreben. Da sich Lebensentwürfe ändern können, sei eine Rückzahlung „weder üblich noch vorgesehen“. (07.07.21) Wieder hat die Sache ein Geschmäckle, wieder wird etwas am Ruf von Frau Baerbock hängenbleiben. Dass sie ihre Karriere strategisch auf dem grünen Ticket geplant hat, ist ihr nicht vorzuwerfen; ihr Verhalten macht sie mir indes nicht sympathischer. Die Dame, die nach ihrer Nominierung so gut rüber kam in den ersten Interviews, Angebote & Vorschläge machte, entpuppt sich plötzlich als raffinierte Strategin in eigener Sache – durchaus vergleichbar mit der noch amtierenden Kanzlerin Angela Merkel.

Zu den Lustbarkeiten unseres Lebens zählt natürlich auch das Kino. Vor über acht Monaten sahen wir im schönen „Delphi“ unseren letzten Film („Und morgen die ganze Welt“); bei unserem Kino-Re-Start an gleicher Stelle soll es „Nomadland“ sein. Das mit mehreren Oscars ausgezeichnete Werk hat insgesamt über 200 Preise abgeräumt. Wir sind sehr gespannt – und werden sehr enttäuscht. Die Episodenhandlung erzählt von Menschen in Amerika, die als Nomaden mit ihren Kleinbussen durch das Land fahren wollen oder gar müssen, weil sie ihre Bleibe verloren haben. Immer unterwegs, immer getrieben. Die Momentaufnahmen um Fern (Frances McDormand), ihre erbärmlichen Jobs, ihr einsames Leben, ihre Suche nach Sinn wirken ausgestellt. Zudem wird von der Regisseurin Chloé Zhao eine Idylle unter den modernen Nomaden inszeniert, die viel mit Kitsch aber wenig mit der Realität zu tun haben dürfte. Alle sind lieb & gut miteinander, aus freien Stücken unterwegs, ernsthafte Konflikte und Gefahren gibt es keine – das Leben on the road eine einzige Verheißung. Die Filmmusik stammt übrigens vom Klangschwelger Ludovico Einaudi, den man der sog. Neoklassik zurechnet. Wir hätten gewarnt sein müssen! 

Der Schein trügt

Vollmond über dem Schwarzen See. © VLE Press International

Back to Fleck. Unter dieser Losung machen wir uns wieder einmal auf den Weg nach Flecken Zechlin. Das Dorf liegt 100 km von Berlin entfernt in Brandenburg. Wir hatten Glück und konnten noch kurzfristig im „Haus Elsenhöhe“, direkt am Schwarzen See gelegen, unterkommen. Zur Tradition rechnet, dass wir uns auf dem Hinweg in Kunsterspring frisch geräucherte Saiblinge besorgen. Weiter geht’s von dort durch ausgedehnte Waldgebiete zur Elsenhöhe. An Wasser scheint in Brandenburg kein Mangel zu herrschen: es werden dort über 3.000 Seen gezählt. Trotzdem gibt es auch dort Wassermangel; es besteht höchste Waldbrandgefahr. Die Bedrohung ist mit Händen zu greifen. Wir sehen viele vollkommen verdorrte & abgestorbene Nadelbäume auf unserer Fahrt. Der Klimawandel ist in der Idylle längst Realität, die man allzu leicht vergisst. Wir fahren stundenlang mit einem Boot über die Seen, die durch Kanäle verbunden sind, und ankern dann und wann, um im klaren Wasser zu schwimmen. Viel los ist nicht an diesem Wochenende – ideale Voraussetzungen für Trockenkapitäne. Herrlich!

Die Hauptstadt von Brandenburg (knapp 2.6 Millionen Einwohner:innen) heißt Potsdam und dort bewerben sich bekanntlich Olaf Scholz (SPD) und Annalena Baerbock (Die Grünen) um ein Direktmandat. Nach ihrer Nominierung im April lag die Umweltpartei bei den Umfragen noch vor der CDU, doch inzwischen kommt für Baerbock & Co. der Wind von vorne – durch unforced errors, wie es beim Tennis heißt. Die Kampagnen der konservativen Medien und Parteien gegen sie laufen wie geschmiert und darüber gerät all zu rasch in Vergessenheit, was etwa Jens Spahn und besonders Andreas Scheuer in ihrer Amtszeit an Mist verzapft haben. Oder Finanzminister Olaf Scholz, der die politische Verantwortung für den Wirecard-Skandal trägt, sich aber lieber einen schlanken Fuß macht. Dass die Kanzlerin sich vom Titelfälscher Karl-Theodor zu Guttenberg für Wirecard einspannen ließ, passt ins Bild; natürlich hat der Blender bei diesem Job wieder fett abgesahnt.

Glanzvoll gehen die (allzu) langen Jahren von Angela Merkel nicht zu Ende, und nicht wenige Kommentatoren ziehen einen Vergleich zum quälend langen Abschied des Bundestrainers Joachim „Jogi“ Löw. In einem Kommentar in der Frankfurter Neuen Presse bringt Rafael Seligmann noch einmal den Vorschlag aufs Tapet, die Amtszeit von Politiker:innen zu begrenzen. Die Initiative von Söder Markus „sollte umgesetzt werden. Im Bund und in den Ländern. In der Politik und beim Kicken.“ (26.06.21) Ein frischer Wind schadet nie. Ich öffne das Fenster, der betörende Duft der Linden kommt hinein, den die Schriftstellerin Dagmar Leupold so feinfühlig beschrieben hat. „Der Duft ist Wahnsinn und Hellsicht in einem, er fährt einem ins Innerste und bleibt doch uneinnehmbar. Würzig und süß, ein Anflug von Gärung, von schwülem Umkippen ins Alkoholische, dabei mädchenhaft, blumig und zart.“ Hellsicht – zumal in eigener Sache – ist den Spitzen unserer Gesellschaft mehr denn je zu wünschen. Nicht nur im Somma.

Aufregungen

Die Natur lässt sich nicht instrumentalisieren: Regenbogen über Sylt. © Karl Grünkopf

Jogi im Glück. Seine Mannschaft spielte gegen Ungarn nicht gut und kam mit einem 2 : 2 dennoch ins Achtelfinale, das am Dienstag im Wembley-Stadion gegen England ausgetragen wird. 45.000 Zuschauer:innen sind erlaubt, obwohl die Delta-Variante des Corona-Virus das Land mittlerweile in Angst & Schrecken versetzt – die Inzidenzen steigen dort wieder rapide. Kann das der Europäische Fussballverband (UEFA) eigentlich verantworten? Aber dort wie bei der FIFA zählt nur der Profit, und deshalb durfte das Münchener Stadion nicht in Regenbogenfarben angestrahlt werden – als sichtbarer Protest gegen die homophobe Politik der Regierung von Viktor Orbán, der die europäische Wertegemeinschaft ein ums andere Mal verhöhnt. Die Aufregung über die UEFA lenkt freilich davon ab, wie wir es hierzulande selbst mit schwulen Kickern halten. „Ein Profifußballer in Deutschland“, analysiert die taz, „der sich als homosexuell outet, hat seinen Marktwert auf Anhieb um 90 Prozent gemindert. Denn zum Bild dieser Sportart gehört eben auch eine nichtschwule Aura. Insofern: Wendet die Zeigefinger von Uefa und Orbán ab – und zeigt gefälligst auf euch selbst.“ (23.06.21)

Solche Aufregungen sind schnell vergessen, morgen wird wieder eine neue Sau durchs Netz getrieben. Da loben wir uns doch ästhetische Anregungen, die nun wieder möglich sind und länger nachhallen, etwa die Premiere „Das Rheingold“ in der Deutschen Oper Berlin, die nicht nur die ARD-Kulturkorrespondentin Maria Ossowski restlos begeisterte. Wegen der Pandemie kann die Neuinszenierung von Wagners „Ring“ nicht chronologisch erfolgen; „Die Walküre“, den zweiten Teil, gab es bereits im letzten Herbst zu sehen. Wir saßen (aktuell getestet) wie inzwischen gewohnt versetzt, hatten beste Sicht und mussten uns nur zum Schlussapplaus wieder „maskieren“. Das war in der Philharmonie nicht nötig, dafür durften wir nur vom Personal an die Plätze gebracht werden. Michael Wollny , der seinen zweiten Auftritt nach einer (allzu) langen Pause hatte, spielte ein grandioses Solo-Konzert, das mehr als nur 300 Zuhörer:innen verdient hätte. Der vielseitigste deutsche Jazzmusiker wird immer noch besser!

Inzwischen hat sich die Aufregung um die Amselküken vorm Fenster gelegt. Zwar schauen wir regelmäßig, aber leider ist nur noch das Erstgeborene am Leben; wir nennen es Selmi. Das füllt das Nest schon gut aus, ihm sind Flügel & Federn gewachsen, und es lässt es sich gut gehen. Selma & Selmo wechseln sich im Lieferservice ab, wobei sich die Mutter immer wieder lange ins Nest setzt, also „hudert“. Eine normale Ein-Kind-Familie, bei der sich der Nachwuchs um nichts kümmern muss. No longer Struggle for Life! Nächste Woche soll Selmi schon beginnen zu fliegen, und bald wird das Nest leer sein, in dem vor gut anderthalb Wochen noch fünf grüne Eier lagen. Dann ist unsere Küche wieder nur eine normale Küche. Gerne also wieder. Wir haben schon Kontakt zu einer Ornithologin aufgenommen.

Nachtrag zum fertigen Blog. Selmi wird niemals fliegen. Heute um 9.42h informiert uns eine Nachbarin, dass drei Krähen das Küken aus dem Nest geholt haben. Wir rennen in die Küche. Selmi ist nicht mehr da. Uns stehen Tränen in den Augen. Selma sitzt klagend im Apfelbaum. Selmo hockt auf dem Nest und starrt hinein.

Lebbe geht weider

Joachim Meyerhoff in „Das Leben des Vernon Subutex 1“ von Virginie Despentes in einer Inszenierung von Thomas Ostermeier an der schaubühne. © Thomas Aurin

Was haben Corona und Fußball gemein? Jede:r hat eine Meinung dazu, jede:r kann dazu eine Geschichte erzählen; allerdings gibt die Pandemie derzeit natürlich mehr her. Letzte Woche waren wir zu einer Geburtstagsfeier in Brandenburg eingeladen, bei der schon wieder 70 Personen erlaubt waren! Wie früher üblich streckt mir ein Gast seine Hand entgegen – und ich schüttele sie, wie das eben immer so war. Seit über einem Jahr habe ich das nicht mehr getan und wollte es mir ganz abgewöhnen. Die anderen Hände der munteren Runde erwidere ich mit einer leichten Verbeugung. Zwar sinken die Inzidenzen derzeit erfreulich, aber die Pandemie ist noch längst nicht vorüber; das Virus und seine tückischen Varianten werden nie wieder verschwinden. Aber bald brauchen wir keine Testzentren mehr, mit denen sich einige eine goldene Nase verdient haben. Einer hat in Offenbach seine vier gut laufenden Restaurants endgültig dicht gemacht, Stationen für Schnelltests eröffnet; angeblich ist er jetzt Millionär.

So wendig ist Vernon Subutex nicht. Er muss seinen Plattenladen in Paris aufgeben, verliert seine Wohnung und laviert sich irgendwie durch. Joachim Meyerhoff, in seiner ersten großen Rolle an der schaubühne, spielt diesen Absteiger erstaunlich zurückhaltend und gelassen; sein Schicksal wird ausgestellt, berührt aber nicht einen Moment. Der Regisseur Thomas Ostermeier hat diesen französischen Romanbestseller von Virginie Despentes aus dem Jahr 2015 auf die Bühne gebracht und verliert sich oft in dessen Verzweigungen. Wir erleben in vier langen, allzu langen Stunden die schonungslose Bestandsaufnahme einer bürgerlichen Gesellschaft, die sich zynisch eingerichtet hat im Job wie im Leben, in der Drogen genauso dazugehören wie Pornographie. Im Theater fügt sich dieses düstere Panoptikum nicht zu einem Reigen; die Szenen, häufig unterbrochen von Live-Musik, stehen für sich. Womöglich ist dieser Ansatz sogar schlüssig: es gibt keinen Zusammenhalt, keine Hoffnung mehr. Dem Publikum (aktueller Schnelltest, Schachbrett-Platzierung im Saal, Maskenpflicht) ist’s gerade recht. Vor dem geordneten „Auslass“ gibt es für dieses Kaleidoskop herzlichen Beifall.

Nach der Heimkehr vom ersten Theaterabend des Jahres schauen wir sofort nach unserer Amsel vor dem Küchenfenster. Selma „kennt“ uns inzwischen und brütet seelenruhig weiter. Am Montag dann schlüpft das erste Amselchen – ein vollkommen hilfloses, kleines Tierlein mit riesigen Augen, die wohl nicht mehr wachsen, und sichtbaren Herzschlägen. Wunder der Natur! Tags drauf ist das nächste winzige Vöglein da, dann ist das fünfte Ei verschwunden, und am Mittwoch hat Selma schon drei Küken zu versorgen. Plötzlich fehlt der Nachzügler, das vierte Ei liegt noch immer im perfekt getarnten Nest. Vielleicht bringen Selma und ihr schwarz gefiederter Gatte Selmo immerhin zwei Küken durch, die erst nach 18 Tagen fliegen können und insgesamt nur eine Chance von 30% haben, das erste Jahr zu überleben. Wenn es nicht klappt, legt sie wieder Eier (bis zu drei Mal im Jahr). „Lebbe geht weider“, sagte der Frankfurter Fußballphilosoph Dragoslav „Stepi“ Stepanović einmal, als seine Eintracht knapp den Titel verfehlte. Wer wollte ihm da widersprechen?

Perspektiven

Fenster zum Hof: im Kräuterkasten brütet jetzt eine Amsel. © Rolf Hiller

Selma who? Wir haben eine neue Mitbewohnerin. Sie kam nicht aus dem Internet, sondern aus der Luft und hat sich ihr Nest direkt vor unserem Fenster gebaut. Immer wenn wir in die Küche gehen, schauen wir sofort nach unserer Amsel. Sie ist überhaupt nicht schreckhaft und hat sich bei uns gut eingelebt. Dann und wann verlässt sie für kurze Zeit ihren Brutplatz, der um die Mittagsstunde besonders heiß wird. Dann atmet Selma mit offenem Mund, manchmal glauben wir ein leises Stöhnen zu vernehmen. Was Wunder, Selma brütet seit über zwei Wochen fünf Eier aus. Bald müssen die Kleinen schlüpfen; dann werden wir wohl ihren Herrn Gemahl Selmo kennenlernen. Die Idylle im Hof erinnert mich an ein Wort des Philosophen Theodor W. Adorno, dass „südliche Länder wolkenlose Tage kennen“, von denen ausgehe, „nicht sei alles verloren, alles könne gut werden.“ Nichts ist gut. Die Klimaerwärmung geht unerbittlich weiter, das Eis in der Arktis schmilzt immer schneller, dem deutschen Wald geht es zunehmend schlechter, das Wasser wird auch hierzulande knapp.

Trotzdem sind wir wieder geflogen und beruhigen unser schlechtes Gewissen mit einer „Ablasszahlung“ bei atmosfair. Auf meinem Hin- und Rückflug nach Mallorca habe ich 556 kg CO₂ verbraucht und 13 € für Klimaprojekte gespendet. Zum Vergleich: die Pro-Kopf-Jahresemission beträgt in Äthiopien 560 kg. Viele Inseln im Pazifik sind vom Untergang bedroht. Wir wissen, was wir tun, und handeln wider besseres Wissen. Unser Lifestyle ist das Problem. Sage nur niemand, er hätte das nicht gewusst. „Weniger ist mehr“ hieß der Blog letzte Woche. In den Worten von Erich Kästner: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“.

So düster die Perspektiven langfristig sind, so optimistisch ist aktuell die Stimmung angesichts sinkender Inzidenzen und steigender Impfquoten. Das normale Leben kehrt endlich zurück. Gestern hatte ich meine erste Yoga-Stunde seit dem 22. Oktober letzten Jahres. Die Cafés und Restaurants sind draußen voll, allenthalben wird getan und geplant. Das Summer Special der Berlinale mit Open-Air-Veranstaltungen wirkt wie eine Initialzündung zurück in ein halbwegs normales Kulturleben. Heute startet die um ein Jahr verschobene Fußball-EM, und nicht weniger spannend dürfte der Parteitag der Grünen werden. Über 3.000 Änderungsvorschläge zum Wahlprogramm stehen auf der Agenda, und sicherlich wird die Basis die schlechte Performance ihrer Vorsitzenden Annalena Baerbock und Robert Habeck ins Visier nehmen. Das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt war bescheiden, das Umfragehoch ist passé. Willkommen in der Wirklichkeit!

Weniger ist mehr

Bahnen ziehen ohne Quallen: das Piscina Municipal in Cala d‘Or. © Karl Grünkopf

Nie habe ich mehr Quallen in „unserer“ Bucht gesehen. Diesen Satz schrieb ich am 13.07.19 in das Gästebuch unseres traumschönen Quartiers auf Mallorca. So schlimm war es heuer nicht, aber wieder hatte ich eine Begegnung der brennenden Art im Wasser. Was tun? Rasierschaum auf die Wunden, einwirken lassen und mit einer Scheckkarte in eine Richtung abstreifen. Am nächsten Tag ist von den Verbrennungen fast nichts mehr zu sehen & zu spüren, aber schon lange schwimmen wir nicht mehr unbeschwert weite Strecken im Meer. Dabei könnte ich nicht einmal sagen, dass es heute mehr Medusen gibt als früher, obwohl ich jetzt schon dreimal hintereinander erwischt wurde. Zum Glück haben wir eine Alternative gefunden: das Hallenbad im steril-weißen Touristenort Cala d‘Or. Wegen der Pandemie dürfen derzeit nur 8 Badegäste hinein – wir haben immer eine Bahn für uns alleine. Grandios! Und ins Meer gehen wir trotzdem täglich.

Noch immer ist die Insel angenehm leer. Also machen wir uns auf zur Caló des Moro, die als eine der schönsten Buchten Mallorcas gilt. Erstaunlich voll ist der Parkplatz um die Mittagsstunde, erstaunlich viele sind unterwegs zum „Geheimtipp“, der schon lange keiner mehr ist. Wir ersparen uns den Frust und brechen diese Unternehmung ab. Dabei ist es so einfach, dem Massenglück zu entkommen. Wir haben uns für eine Woche Räder gemietet und sind oft ganz allein unterwegs auf den kleinen Straßen durch die unendlichen Mandel- und Olivenhaine. Es ist immer wieder überraschend, wie leicht man den vielen anderen entgehen kann. Noch eindrücklicher war freilich ein Naturereignis, gegen das sich das Gewitter auf dem Hinflug wie ein Pulverplättchen ausnimmt. Von halb zehn abends bis nach vier Uhr in der Frühe wütete ein Gewitter über der Insel mit Starkregen, heftigen Windböen und tosender See. Am nächsten Morgen ist die Welt dann wieder in Ordnung: die Sonne scheint, rasch ist alles getrocknet, als sei nichts gewesen in der Nacht.

Nichts bleibt, wie es ist. Mich erreicht die Nachricht, dass Wolfgang Wagner, der Wirt der Frankfurter Apfelweinkneipe „Zu den Drei Steubern“ , gestorben ist. Noch lebhaft ist mir mein erster Besuch dort in der rappelvollen Schenke in Erinnerung. Jean und ich quetschten uns in eine Ecke, das Stöffsche floss in Strömen, dazu gab‘s Soleier oder Handkäs‘ und immer wieder barsch-herzliche Worte vom Kellner, dem heimlichen Chef der „Drei Steuber“. Wir liebten diese Erniedrigungen. Später wurde es nach einer wochenlangen Schließung wg. Krankheit schon merklich stiller, wir bekamen schon um acht Uhr ohne Mühe Plätze; unser letzter Besuch war ein Endspiel. Seit den fünfziger Jahren machte Wolfgang Wagner sein Ding – „der Mann war ohne Apfelwein nicht denkbar“ (Andreas Maier). Morgen geht‘s mit aktuellem Negativ-Schnelltest schon wieder zurück, am Sonntag leisten wir bei atmosfair einen „Ausgleich“ für unsere Flüge, und in Sachsen-Anhalt wird gewählt. Nicht nur der CDU-Vorsitzende Armin Laschet dürfte diesem letzten Stimmungstest vor der Bundestagswahl mit Bangen entgegensehen.

Alarmzustand

Nichts hat sich verändert, vieles ist anders auf der Insel. © Karl Grünkopf

Blitzschlag! Kurz nach dem Start kommen wir in ein Gewitter und werden getroffen. Der Stewart beruhigt die Fluggäste, das komme immer mal wieder vor – kein Grund zur Beunruhigung. Die Kapitänin pflichtet ihm bei, allerdings könne die Elektronik oder Hydraulik Schaden genommen haben. Ob wir weiter nach Palma fliegen können, werde noch entschieden. Safety first! Wir müssen zurück zum BER und in eine andere Maschine umsteigen. Da kommt Laune auf. Beim Einstieg in das neue Flugzeug freut sich aber eine Mitreisende wie Bolle: „Zwei Flüge für einen Preis.“ Wer wollte ihr da widersprechen. Schließlich ist es für uns ein kleines Wunder, dass wir überhaupt reisen können in Zeiten der Pandemie.

Eigentlich wollten wir wieder auf unsere Sehnsuchtsinsel Hiddensee, aber touristische Reisen dorthin sind noch nicht wieder möglich. Glücklicherweise war die Traumwohnung im Naturschutzgebiet von Cala Mondragó noch frei. Voraussetzung: ein aktueller negativer PCR-Test. Den hatten wir schon im Gepäck, als wir im letzten Moment bemerken, dass ich im Testzentrum meinen Führerschein statt des vorgeschriebenen Personalausweises vorgelegt hatte. Was tun? Es einfach versuchen oder ändern lassen. Safety first. Ich schreibe ans Testzentrum und bekomme umgehend mein Ergebnis mit den richtigen Daten. Ob das jemand bemerkt hätte? Auf jeden Fall werden Test und Einreiseformular vor dem Start und zweimal nach der Landung kontrolliert. Puh!

Nach dem Ende des Alarmzustandes, gewissermaßen die spanische Variante der deutschen Notbremse, läuft das Leben auf Mallorca fast wieder normal, wenn es auf der Insel auch spürbar leerer ist als bei früheren Aufenthalten. Draußen besteht die generelle Pflicht zum Tragen einer Maske (es muss aber keine medizinische sein), aber das nehmen alle klaglos hin. In alle Geschäfte geht‘s ohne Test & Anmeldung und nur mit Maske, ebenso in die sog. Außengastronomie; natürlich dürfen die Gäste in den Restaurants am Tisch den Mund-Nasen-Schutz ablegen. Leo, unser Autovermieter, will mich am Flughafen als erster Mensch seit über einem Jahr mit Handschlag begrüßen – ich lasse es bei einer Verbeugung, obwohl wir beide den ersten Pieks bereits hinter uns haben. Darauf werden Kinder & Jugendliche von 12 bis 15 Jahren in Deutschland noch länger warten müssen. Es fehlt der Stoff, heute soll das Vakzin von BionTech für sie in der EU zumindest zugelassen werden, aber es fehlen weiter Daten über Nebenwirkungen bei dieser Altergruppe. Aus der Ferne wirkt die übliche Kakophonie über dieses Thema noch absurder.

Trügerisch

Am Montag war die Welt für Annalena Baerbock noch in Ordnung.

Stell‘ dir vor, es ist Wahlkampf und alle sind lieb miteinander. Dieser Eindruck vermittelte sich bei einem Polit-Talk diese Woche, zu dem das rbb Inforadio und die Süddeutsche Zeitung Annalena Baerbock (Die Grünen) und Olaf Scholz (SPD) eingeladen hatten. Der Talk plätscherte gemütlich vor sich, als wolle man:frau schon einmal das gemeinsame Miteinander nach der Wahl üben. Im großen und ganzen waren sich Baerbock und Scholz, die beide um ein Direktmandat in Potsdam kämpfen, einig. Sicher hätten Angela Ulrich (Inforadio) und Stefan Braun (SZ) entschiedener nachgefasst, wären zwei News dieser Woche schon am Montag bekannt gewesen. Franziska Giffey (SPD), die ihren umstrittenen Doktortitel seit einiger Zeit schon nicht mehr trägt, ist als Familienministerin (endlich) zurückgetreten; Annalena Baerbock steht wegen verspätet an den Bundestag gemeldeter Sonderzahlungen plötzlich ganz erheblich unter Druck.

Zum Markenkern der Grünen zählen besonders hohe moralische Ansprüche an sich und andere. In der Sache ist das „blöde Versäumnis“ (Baerbock), dass sie erhaltene Sonderzahlungen inkl. Erfolgsboni erst Ende März gemeldet hat, eine Lappalie. Aber im Wahlkampf bleibt von solchen Fehlern immer etwas hängen und wird sich sicher negativ bei den nächsten Umfragen auswirken. Noch spannender ist die Frage, wie Die Grünen mit diesem „blöden Versäumnis“, das die Partei beim Kampf um die Macht zurückwirft, umgehen wird. Wusste Robert Habeck davon, als er Annalena Baerbock vor vier Wochen den Vortritt ließ und sie die erste Kanzlerkandidatin der Grünen wurde. Hätte er womöglich die besseren Chancen? Wie wird die Basis der Partei reagieren? Häme & Spott werden über sie in den sog. sozialen Netzwerken verbreitet; es rollt eine Kampagne gegen Baerbock, die sie erst einmal durchstehen muss. Ausführlich beschäftigte sich etwa der Leitartikel der FAZ vor zwei Tagen mit der beruflichen Vita der Kandidatin, um ihr nonchalant Provinzialität zu bescheinigen.

Vor dieser allherrschenden Aufgeregtheit gerät in den Hintergrund, dass die Inzidenzen in Deutschland weiter sinken und die Impfzahlen erfreulich steigen. Friede, Freude, Eierkuchen, bald ist Somma und Herdenimmunität. Schön wär’s! „Wenn Christian Drosten recht hat – und das hat er ziemlich oft -„, schreibt der Tagesspiegel, „werden sich fast alle, die sich nicht impfen lassen, infizieren.“ (19.05.21) Was tun? Da ein Impfzwang politisch nicht durchsetzbar ist und eine vierte Welle der Pandemie im Herbst niemand ausschließen kann, bleibt nur die Hoffnung, dass (fast) alle doch noch mitmachen. Längst ist es im ÖPNV und in den Fernzügen üblich, eine Maske zu tragen, und das Personal macht zum Glück kein Fass auf, wenn jemand nur mit einer medizinischen auf den langen Fahrten unterwegs ist. Nach meiner Ankunft am Berliner Südkreuz machen wir rasch noch einen PCR-Test. Morgen eröffnet in Venedig die Architekturbiennale als richtige Veranstaltung unter dem Motto: How will we live together? Sicherlich eine der Fragen des Jahres.