Platz da

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Lee Krasner „besteht auf ihrem Willen“ und geht ihren Weg. Das Bild eines unbekannten Fotografen entstand 1938 in New York.

Wir gehen lieber in die Oper, ins Theater oder ins Kino als ins Museum. Wir haben überhaupt nichts gegen die Kunst, möchten diese aber nicht in Massen genießen. Während man in den neuen Lichtspielhäusern in bequemen Sesseln sitzt und in den Theaterhäusern immer einen (oft unbequemen) Sitzplatz bekommt, wird man/frau durch erfolgreiche Sonder-Ausstellungen geschoben. Führungen, Audio-Guide-Monaden oder Schulklassen lassen mich vor Museen schaudern. In der FAZ (06.01.20) zeigt ein Foto den Massen-Andrang zur hochgelobten Van-Gogh-Ausstellung im Frankfurter Städel. Ohne mich! Aber die Lee Krasner-Retrospektive in der Schirn auf der anderen Seite des Mains darf‘s schon sein. Erstaunlich viele Besucher*innen interessieren sich für diese Künstlerin, die für den abstrakten Expressionismus in Amerika steht und zeitlebens unbequem blieb. „Diese Studentin“, lesen wir in ihrer Akte, „ist stets eine Plage, besteht auf ihrem eigenen Willen anstatt Schulregeln zu befolgen.“

Ohne die Aufhebung der Regel gibt es keine Innovation, und das gilt natürlich auch für den allherrschenden Common Sense auf den Bühnen. Dagegen hat der im Moment sehr erfolgreiche Schriftsteller Thomas Melle („Welt im Rücken“) eine “Ode“ geschrieben. Diese Auftragsarbeit für das Deutsche Theater Berlin setzt die Regisseurin Lilja Rupprecht grell-bunt und sehr plakativ in Szene. Oft bringt der pure Effekt den klugen Text um seine Wirkung, sodass am Ende ein zwiespältiges Fazit bleibt. „Es lebe die Kunst“ ruft der Schauspieler Alexander Khuon; es bleibt zu hoffen, dass dieser Ruf gegen die selbstgefällige & selbstreferentielle Spielerei nicht ungehört verhallt. Nicht zufällig wird Sandra Hüller für ihre Darstellung des Hamlet im Schauspielhaus Bochum (Regie: Johan Simons) im März mit dem Gertrud-Eysoldt-Ring in Bensheim ausgezeichnet. Brava!!!

Morgen Bochum. Auf nach Bochum also, aber erst sind wir noch mit Frankie verabredet. Im Theater am Potsdamer Platz steht eine Weltpremiere an: „That’s Life. Das Sinatra Musical“. Der schillernde Weltstar wird ratzfatz auf deutsches Musical-Format geschrumpft: holprige Story, aufgesagte Texte, der junge Sinatra singt grottenschlecht, nur ein paar wenige Tanzeinlagen. Der alte Sinatra (Tom Ward) kann die Show auch nicht retten. „‚That’s Life‘ dümpelt leider drei Stunden vor sich hin, ohne wirkliche Highlights“, hören wir von Magdalena Bienert im Inforadio. Bald wird aus dem Theater wieder ein riesiges Kino. Dann ist Berlinale und wir schauen uns freiwillig Filme an, die wir sonst nicht beachten würden. Zum guten Schluss noch ein Glückwunsch zum 40. Geburtstag der Grünen. Servus!

Hurra wir leben noch

 

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Vom Feuerwerk bleibt nur der Müll auf den Straßen Berlins. © Karl Grünkopf

Wieder fand die größte Silvesterparty Deutschlands am Brandenburger Tor statt. Wieder war es der Feinstaub-Tag des Jahres, wieder wurden Rettungskräfte angegriffen. Same procedure as every year. „3065 Notrufe gingen bei der Polizei ein (Vorjahr: 2979)“, bilanziert der Checkpoint des Berliner Tagesspiegels am 02.01.2019, „daraus resultierten 2039 Einsätze (300 mehr als im Vorjahr) – für den Lagedienst ‚der normale Wahnsinn‘. Die Feuerwehr rückte zu 1523 Einsätzen aus, an 617 Orten brannte es. (…) Die ‚gute Nachricht‘ laut Polizei: Trotz vieler Angriffe mit Knallkörpern, Raketen und Schreckschusspistolen gab es ‚keine schwerverletzten Polizisten oder Feuerwehrleute‘.“ Diesen Wahnsinn will scheinbar niemand stoppen, keine Partei oder Initiative möchte als Spaßverderber dastehen; selbst die Deutsche Umwelthilfe mochte nicht gegen einzelne Städte klagen.

Mit 2.000 zusätzlichen Einsatzkräften schaffte es die Berliner Polizei einige sog. Böllerverbotszonen zu behaupten. Lohnt dieser Aufwand, einmal ganz abgesehen von 400 Kubikmetern Silvestermüll auf den Straßen? Angeblich lehnt die Hälfte der deutschen Bevölkerung inzwischen die Böllerei zum Jahreswechsel ab. Warum also nicht beim Verkauf von Feuerwerk jedweder Art die externen Kosten einpreisen? Warum zahlen – wie beim Fußball übrigens auch – alle mit, wenn einige es unbedingt krachen lassen müssen. Wenn schon ein Verbot vorgeblich nicht möglich ist, dann muss eben eine marktwirtschaftliche Lösung her: Feuerwerk muss richtig teuer werden.

Das Empörungsgebell in der „Bild Zeitung“ ist dann jedenfalls garantiert! „Und sobald ein klimaschädliches Produkt oder Verhalten bepreist werden soll“, schrieb mir der gute Pong zu Weihnachten, „hallt ein – geheuchelter – Aufschrei durch die Medienlandschaft, sich mit dem ‚kleinen Mann‘ solidarisierend, dessen Anrecht auf Mallorca-Flüge, eine Kreuzfahrt oder einen Diesel-SUV verteidigend. Dass wir es hier jedoch mit einer Heuchelei zugunsten kapitalistischer Interessen zu tun haben, zeigt sich immer dann, wenn es um die Wahrung echter Interessen des sogenannten kleinen Mannes geht, die Erhöhung des Mindestlohns, die Einführung eines gerechten Renten- und Steuersystems – alles Maßnahmen, die hierzulande seit Jahrzehnten im Interesse des Kapitalismus torpediert werden.“ Eine Empörung über die Silvesterfeiern in Sydney steht uns jedenfalls nicht an. Gutes Neues!

Stoppt den Wahnsinn!

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Thomas Ostermeier inszeniert an der Berliner schaubühne „Jugend ohne Gott“ von Ödön von Horvath. © Arno Declair

Vor zwei Wochen habe ich die neuerliche Debatte um das Tempo-Limit auf deutschen Autobahnen angestoßen, die nun von der neuen SPD-Vorsitzenden Saskia Esken vehement vorangetrieben wird. Gut so! Natürlich meldet sich reflexartig die deutsche Autolobby zu Wort, allen voran Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (warum ist der eigentlich immer noch im Amt?), FDP-Chef Christian Lindner und natürlich wie immer die FAZ. Die ewig alten Argumente werden bemüht, dabei gibt es zum Wahnsinn auf deutschen Autobahnen vernünftigerweise keine Alternative als ein Tempo-Limit. Der Verkehr rollt gleichmäßiger, und wir können, ohne einen Cent mehr auszugeben, ca. 5 Mio. Tonnen COeinsparen. Aber die Auto-Narren halten mit ihren Argumenten von gestern am deutschen Sonderweg in Europa fest. Freie Fahrt für freie Bürger.

Wahn, Wahn, Wahn, wohin man auch blickt. Eines der „Bilder des Jahres“ zeigt einen Stau ganz anderer Art: Bergsteiger bilden eine lange Kette beim Anstieg auf den Mount Everest. Der höchste Punkt der Welt als touristischer Hot Spot. Das hätten sich Edmund Hillary und Tenzing Norgay nach ihrer Erstbesteigung am 29. Mai 1953 wohl nicht einmal albträumen lassen. Nicht minder schockierend ist der Müllexportismus nach Malaysia, über den heuer mehrfach berichtet wurde. Brav trennen wir den Müll und schmeißen alles Plastik in die Gelbe Tonne. Warum eigentlich? 130.000 Tonnen wurden 2018 nach Malaysia verschifft (DB mobil 11/2019)! Problem für uns gelöst, alles so schön getrennt hier.

Für die Populisten dieser geschundenen Welt gibt es keine Erderwärmung und natürlich auch sonst keine Probleme, für die wir verantwortlich sind. Allenthalben ist vom Zusammenbruch der Demokratie und der Zivilgesellschaft die Rede. Das ist auch Thema des Romans „Jugend ohne Gott“ von Ödön von Horvath. Der Schriftsteller, der bis Mitte der 1930er Jahre unter Pseudonym weiter im Nationalsozialismus publizierte, verarbeitet darin seine eigene Geschichte, enthistorisiert sie aber gleichzeitig. „Jugend ohne Gott“ spielt in einer nicht näher bestimmten Diktatur und verhandelt dort das Dilemma Anpassung und Zivilcourage. Thomas Ostermeier setzt die Vorlage in der Berliner schaubühne getreulich um, aber ihm gelingt keine dringend gebotene Aktualisierung. Der Rechtspopulismus ist schon viel wirkmächtiger in Deutschland als diese Aufführung erzählt. Das ist nicht bloß das Problem des Theaters!

Zeitmaschine

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Die Hoffnung stirbt zuletzt: Daniel Auteuil in „Die schönste Zeit unseres Lebens“. © Constantin Film Verleih GmbH

Schön war die Jugend, sie kehrt nie mehr zurück, sangen die Großeltern einer Freundin glück- und weinselig. 1974 konnte ich mit diesem Lied nicht viel anfangen. Die Jugend war jetzt, das Abi in der Tasche. Würde ich mich auch auf das Spiel einlassen, mich in eine Zeit meiner Wahl zurückbeamen zu lassen. In eine perfekt nachempfundene Kulisse, mit Schauspieler*innen, die das Leben meiner Freunde darstellen. Aus dieser Illusion wird eine neue Realität, wie der wunderbar leichte, wunderbar tiefe Film „Die schönste Zeit unseres Lebens“ von Nicolas Bedos erzählt. Zurück auf Los geht aber nicht, die verführerische Flamme (Doria Tillier) von einst ist eine Schauspielerin, die ihren Job macht. Victor (Daniel Auteuil) besinnt sich auf die Hoffnungen seiner Jugend: aus einem resignierten Zausel wird wieder ein neugieriger, lebensbejahender Mann. Der Zauber von einst kehrt zurück; auch das schöne Hippiemädchen, das seine Frau (Fanny Ardant) wurde. Beschwingt verlassen wir den Berliner Zoo-Palast: solche Filme kriegen wir Grübler nicht hin, aber die Franzosen. Bravo für den poetischsten Film des Jahres!

Mit einem Konzert des derzeit von Erfolg zu Erfolg spielenden Pianisten Michael Wollny hat das musikalische Jahr begonnen, mit einem viertägigen Gastspiel seines Special Projects im Berliner „A-Trane“ endet es. Vor Wochen schon hatte ich Karten bestellt und für das dritte Konzert doch nur Stehplätze (35 €) bekommen. Dicht drängt sich das Publikum, es wird immer schwüler. Kurz vor der Pause reiße ich meinen Pullover runter – und flüchte schweißgebadet durch die Menge ins Freie. Endlich Luft, endlich Besinnung – und Enttäuschung. Denn Wollny – ohne Frage der vielseitigste Musiker der aktuellen Szene – setzt bei diesem Auftritt zu sehr auf Synthesizer & Rechner und spielt kaum Klavier. Christian Lillinger, der Schlagzeuger der Stunde, hat damit kein Problem; auch Tim Lefebvre (E.Bass) behauptet sich mühelos im Maschinengebrodel, das auf Dauer sehr monoton wird. Der wunderbare Sopransaxophonist Emile Parisien kann sich dagegen nicht behaupten. Schade!

Wir können nicht bis zum Ende bleiben und bedauern es nicht. Vor genau drei Jahren saßen wir im „Haus der Berliner Festspiele“ und sahen das Stück „Palermo. Palermo“ von Pina Bausch. „Nach der Pause“, notierte ich damals, „kam die Wirklichkeit ins Theater. In Windeseile verbreitete sich im Publikum die Nachricht vom Terroranschlag auf dem Breitscheidplatz, den ich per Rad um 16.30h passiert hatte. Unruhe. Einige verlassen die Vorstellung. ‚Es sind neun Menschen gestorben‘, rief eine junge Frau empört und ging. Andere folgen. ‚Palermo. Palermo‘ erreichte mich noch weniger. Zumindest die Szene mit Pistolen hätte man spontan streichen sollen. Nach der Vorstellung sprach der Intendant Thomas Oberender (ein bisschen zu viel), und das Publikum schwieg. Niemand hustete. Danach der mediale Overflow. Wie immer. Wir müssen weiter leben. Wir wollen weiter leben. So!“ Morgen ist der kürzeste Tag des Jahres. Wieder einmal.

Ende einer Welt

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Trutzburg einer Welt von gestern direkt an der vierspurigen Bundesallee in Berlin-Wilmersdorf.© Karl Grünkopf

„Angesichts der unverantwortlichen Haltung, die der ADAC bei der Diskussion um eine Tempolimitierung auf den Bundesautobahnen einnimmt, ist mir eine weitere Mitgliedschaft in Ihrem Club aus moralischen Gründen nicht möglich.“ Mein Schreiben datiert vom 28.02.1974 und wurde vom ADAC wortreich beantwortet. Überzeugen konnten mich die Argumente nicht, und seither bekomme ich auch die ADAC Motorwelt nicht mehr zugeschickt. Die findet jetzt kein Mitglied mehr in seinem Briefkasten. Im neuen Jahr gibt’s das Zentralorgan der Automobilisten nur noch einmal im Quartal; dafür müssen die in einen Netto-Markt oder in eine Clubfiliale fahren: dort können sie ihr Magazin dann abholen. Damit einher geht eine massive Reduzierung der Auflagen. Der reiche Verein muss sparen.

Ging es damals um die Sicherheit im Straßenverkehr, geht es heute in erster Linie um die  Umwelt. Greenpeace schätzt, dass mit einem Tempolimit in Deutschland bis zu 5 Millionen Tonnen COeingespart werden können, ohne dass diese Maßnahme auch nur einen Cent kosten würde. Was den Amerikanern die Schusswaffen, sind den Deutschen ihre schnellen Autos. Selbst Die Grünen wollen diese heilige Kuh nicht ernsthaft schlachten, niemand traut sich, diesen deutschen Sonderweg zu beenden, die Auto-Kanzlerin erst recht nicht. In allen anderen Ländern dieser Welt rollt der Verkehr entspannter & klimafreundlicher, wir rollen bei Fahrten im Ausland einfach mit und finden es dann ganz toll.

Für eine Reduzierung des CO2-Verbrauchs sind mittlerweile alle: es soll sich nur nichts ändern, und kosten darf es auch nichts. Natürlich auch die Freunde von der SPD, die traditionell gute Beziehungen zur Arbeiterwohlfahrt (AWO) pflegen. Die unglaublichen Verhältnisse in den Kreisverbänden Frankfurt und Wiesbaden erschüttern derzeit die Glaubwürdigkeit dieses Verbandes der Freien Wohlfahrtspflege im Rhein-Main-Gebiet – und finden bundesweit Beachtung. Ohnehin schon fürstlich entlohnte Führungskäfte bekamen noch Dienstwagen mit vielen hundert PS gestellt und schrieben nebenbei noch fette Honorar-Rechnungen. Auch die Frau des Frankfurter OB Peter Feldmann, der seine Brötchen einst bei der AWO verdiente, profitiert von dieser Wohlfahrt in eigener Sache. Ihr Gehalt als Leiterin einer KITA ist überdurchschnittlich hoch, und sie fährt einen Dienstwagen; davon will ihr Mann überhaupt nichts bemerkt haben.  Sein SPD-Kollege in Hannover, Stefan Schostok, ist über eine ähnliche Affäre gestolpert und muss jetzt seinen Ruhestand genießen. Hochmut kommt vor dem Fall. Welcome to Small Britain, Mr. Johnson!

Vom Weg abgekommen

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Die Hoffnung stirbt zuletzt. „Glauben an die Möglichkeiten der völligen Erneuerung der Welt“ im Friedrichstadt-Palast. © William Minke

Die Premiere am 6. März 1853 in Venedig muss ein unglaubliches Ereignis gewesen sein: eine Kurtisane mit Tuberkulose in der Hauptrolle. Nach anfangs mäßigem Zuspruch hat sich Giuseppe Verdis Oper „La Traviata“ zu einer der erfolgreichsten Musikdramen aller Zeiten entwickelt; jede*r hat die Ohrwürmer dieses Werkes schon einmal gehört. Um so größer sind die Erwartungen an eine Neuinszenierung; in der Komischen Oper Berlin fällt der Regisseurin Nicola Raab allerdings nicht viel ein. Violetta ist eine Sexarbeiterin, die sich in den Stoff der Vergangenheit träumt. Ein paar Rechner & Handys als Symbole unserer Zeit, ansonsten singen & spielen alle nebeneinander – ohne erkennbare Regie. So spielt auch das Orchester an diesem Abend – ohne Feuer & Leidenschaft. Violetta (Natalya Pavlova) und Giorgio (Günter Papendell) singen wunderbar, können aber eine Inszenierung nicht retten, die von Beginn an vom Weg abgekommen ist.

Um so gespannter sind wir auf „Glauben an die Möglichkeiten der völligen Erneuerung der Welt“ im Friedrichstadt-Palast Berlin. Auf der riesigen Bühne haben der künftige Intendant der Berliner Volksbühne René Pollesch, den man gemeinhin dem Diskurstheater zuschlägt, und der Schauspieler Fabian Hinrichs ein Stück mit Tänzer*innen inszeniert. Im goldigen Einteiler monologisiert er über eine fürchterliche Kindheit und eine nicht minder deprimierende Jetztzeit – „der Kapitalismus ist auch kein Zuhause“. Wer wollte solch trivialen Einsichten, die jeder Dorfkabarettist witziger auf den Punkt bringt, widersprechen. Mal gruppiert sich um Hinrichs die Chorus Line des Friedrichstadt-Palastes, mal darf man über die Bühnentechnik staunen, am Ende schwebt er durch den Raum und findet in der Apotheose des Lichtes doch noch Hoffnung. Banaler geht’s nimmer, und das Publikum klatscht zufrieden im voll besetzten Haus (bis Januar sind alle Termine ausverkauft).

Klima oder Kohle. Quo vadis SPD? Da ich diese Zeilen schreibe, ist die neue Doppelspitze mit Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans schon gewählt. Sie haben sich bekanntlich in einem quälend langwierigen Verfahren durchgesetzt. Von Aufbruchstimmung geht jetzt die Rede, man sei eine Volkspartei und strebe bei der nächsten Bundestagswahl über 30% an. Von wem die kommen sollen, steht dahin, wenn sich schon bei der Mitgliederbefragung zur Besetzung der Parteispitze nur die Hälfte beteiligen wollte. Die SPD hat die Lehrerzimmer an die Grünen verloren und die Werkbänke an die AfD, analysiert der FDP-Vorsitzende Christian Lindner schonungslos. Genau das ist das Problem der guten, alten Tante SPD: Ist sie die Partei der kleinen Leute oder der urbanen Eliten. Wer nicht weiß, wie er über die Runden kommt, dem ist das Klima egal. Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral. Da hat Bertolt Brecht einmal recht gehabt.

Realitäten

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Trolley – New Orleans, 1955. Das Titelbild des berühmten Fotobuchs „The Americans“ von Frank Roberts. © Robert Frank . Courtesy Pace/MacGill Gallery, New York

Berlin ist Deutschlands Kinostadt, nicht bloß wegen der Berlinale. Kleine Filme, die woanders nie laufen, kann man in der Hauptstadt noch Wochen nach dem Start sehen, etwa Born in Evin. Sonntagmittag also ab über die Dächer von Kreuzberg, denn die Sputnik-Kinos am Südstern sind im 5. Stock. Das kleinere Kino ist erstaunlich gut besucht, knapp zwei Dutzend Besucher*innen wollen erfahren, wie sich die Schauspieler & Regisseurin Maryam Zaree einer Realität ihres Lebens vergewissert. Die Tochter der Frankfurter GRÜNEN-Politikerin Nargess Eskandari-Grünberg wurde im berüchtigten politischen Gefängnis Evin im Iran geboren und verbrachte dort die ersten beiden Jahre ihres Lebens. Nie wurde dieses „Familiengeheimnis“ Thema bei ihrer Mutter, einer studierten Psychologin, und deren Partner, der sich als Psychoanalytiker mit der Weitergabe von Traumata beschäftigt. Der Dokumentarfilm zeigt diese schmerzliche Recherche, lässt aber allen Beteiligten ihr Geheimnis und ihre Würde.

Das gilt unbedingt auch für die Fotografien von Robert Frank, die im C/O Berlin gezeigt werden („Unseen“ nur noch bis zum 30.11.). Sein Zyklus „The Americans“ aus dem Jahr 1959 muss damals eine Sensation gewesen sein, ein Schock, denn Frank hat auf seiner Reise durch Amerika kein „keep smiling“ dokumentiert sondern seinen radikal subjektiven Blick auf das Leben von Menschen, die nicht viel zu lachen haben. Gleichwohl werden sie nicht bloß gestellt; auch er lässt ihnen ihre Würde und ihr Geheimnis und dem Betrachter Raum. „Etwas muss für den Betrachter übrig bleiben“, schreibt Robert Frank, „er muss etwas zu sehen haben. Es ist nicht alles schon für ihn vorformuliert.“ Sein berühmtes Buch erschien übrigens 1958 zuerst in Frankreich; „Les Américains“ ist derzeit neu nur in der französischen Ausgabe bei Amazon lieferbar.

Während die Fotografie immer auf die Realität bezogen bleibt, schafft die Kunst sich eine eigene. Das gilt besonders auch für die Digitale Kunst, die im Markt immer noch ein Nischendasein fristet, wie Wolfgang Liesen in einem Gespräch zur Ausstellung „Digitale Welten“ im Museum Sinclair in Bad Homburg erzählte. Der Geschäftsführer der Berliner DAM GALLERY beschäftigt sich schon lange mit dieser Kunst; erstaunlicherweise plädiert gerade er für eine „real existierende Galerie“. Das weit verbreitete Vorurteil ist natürlich Quatsch, solche Kunst mache der Computer. Was dem Maler der Pinsel, ist dem digitalen Künstler die Programmierung. Dennoch ist es immer noch irritierend, sich einfach eine Zip-Datei zu kaufen, die permanent neue Werke und Realitäten produziert. Womöglich würde sogar Theodor W. Adorno die Noblesse dieser Kunstwerke anerkennen. „Ernst Schoen“, notierte er in seiner „Ästhetischen Theorie“, „hat einmal von der unübertrefflichen noblesse des Feuerwerks gesprochen, das als einzige Kunst nicht dauern wolle sondern einen Augenblick lang strahlen und verpuffen.“ Bald ist schon wieder Silvester.

Ohne Worte

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Lara (Corinna Harfouch) im „Drama ungeliebten Lebens“ (Jan-Ole Gerster). © STUDIOCANAL / Frederic Batier

Uraufführungen sind immer besonders spannend und in Opernhäusern selten. Die Intendanten setzen auf bewährte Schlachtrösser von Verdi, Mozart und Wagner; damit entspricht man den Wünschen & Erwartungen des Publikums. Gleichwohl ist die Deutsche Oper in Berlin bestens besetzt, als zum ersten Mal „Heart Chamber“ von Chaya Czernowin aufgeführt wird. Zwei Werke der israelischen Komponistin wurden von der Fachzeitschrift „Opernwelt“ bereits zur „Uraufführung des Jahres“ gewählt. „Heart Chamber“ dürfte diese Ehrung wohl kaum zuteilwerden; die „Erforschung der Liebe“ im 21. Jahrhundert kommt über Tableaus der Fremdheit und Entfremdung nicht hinaus. Zwischen Mann und Frau geht gar nichts von Anfang bis zum Ende der 90 teils sehr langen Minuten. Musikalisch passiert hingegen um so mehr: Czernowin lotet mit dem fabelhaften Orchester des Hauses und grandiosen Stimmen (Patrizia Ciofi/Sopran und Dietrich Henschel/Bariton) neue Klänge & Räume aus. Bisweilen scheint ein Wispern und Summen durch das weite Rund des Hauses zu gehen. Allein, sie wäre gut beraten, sich ganz auf diese Qualitäten zu verlassen und nicht auch noch das Libretto zu verfassen.

Dass es nicht vieler Worte bedarf, um eine Geschichte zu erzählen, beweist der Regisseur  Jan-Ole Gerster mit seinem Film „Lara“. Nach seinem sensationellen Debüt „Oh Boy“ (2012) hat er sich zum Glück Zeit gelassen – und nicht schnell etwa „Oh Girl“ nachgeschoben. An ihrem 60. Geburtstag kommt Lara (beeindruckend gespielt von Corinna Harfouch) zu einer ernüchternden Bilanz ihres Lebens: mehr wäre als Pianistin möglich gewesen, stattdessen fristete sie ihr Dasein in irgendeinem Verwaltungsjob bei der Stadt Berlin. Um so mehr widmete sie sich der Förderung & Karriere ihres Sohnes (Tom Schilling) und kann doch seine Erfolge nicht anerkennen; vor der Uraufführung kanzelt sie eine Komposition von ihm als „musikantisch“ ab. Eine Vernichtung! Aber Lara steht vor den Trümmern ihres eigenen Lebens: isoliert, desillusioniert, aber nicht deprimiert. Sie spielt wieder Klavier…

Auf meinen Fahrten nach Frankfurt arbeite ich mich immer durch die letzten Ausgaben des Berliner Tagesspiegels – und stieß dabei auf eine sehr positive Rezension der Biographie „Die Weizsäckers. Eine deutsche Familie“ von Hanns-Joachim Noack (Siedler Verlag). „Kaum eine deutsche Familie“, schreibt Christine Brinck, „ist ohne Schuld durch die Geschichte gegangen, aber neu zu denken und Einsichten zu produzieren, die sich historisch niederschlagen, ist nicht jeder Familie gegeben. Die Weizsäckers haben das bis heute erstaunlich konstant und kontinuierlich geschafft.“ (11.11.19) Abends erschüttert mich die Nachricht, der Mediziner Fritz von Weizsäcker wurde nach einem Vortrag in der Schlosspark-Klinik erstochen. Der offenbar psychisch gestörte Mörder wollte eigentlich seinen Vater Richard von Weizsäcker († 31.01.2015) richten, weil der in den 60er Jahren in der Geschäftsführung von Boehringer in Ingelheim auch dafür verantwortlich gewesen sei, dass Produkte zur Herstellung des hochgiftigen Entlaubungsmittels „Agent Orange“ für den Vietnamkrieg an Dow Chemical nach Amerika geliefert wurden. Mir fehlen die Worte.

Zukunft

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„Trans Nature“ von Miguel Chevalier im Museum Sinclair Haus in Bad Homburg. © Karl Grünkopf

Die Zukunft gehört der Bahn, schwadronieren gerne Politiker, die nie mit dem Zug fahren. Die Gegenwart verspielt die DB fast jeden Tag. Mir schwant schon nichts Gutes am letzten Sonntag, und ich steige deshalb im Hauptbahnhof ein. Alle Befürchtungen werden übertroffen: die Wagen 31 – 38 fehlen ganz, die Nummern der Waggons können nicht angezeigt werden, natürlich auch nicht die Reservierungen. Los geht‘s im überfüllten Zug bis Berlin-Südkreuz. Dort dürfen wir aus Sicherheitsgründen nicht weiterfahren: der Zug ist überfüllt, zu viele Fahrgäste stehen in der Mitte. Die DB lockt mit 25-€-Gutscheinen, wenn die Fahrgäste in den Zug wechseln, der via Leipzig nach Frankfurt fährt. Wir kommen auch in Halle und Erfurt nicht gleich weiter: zu viele stehen in den Gängen. Dass wir Frankfurt nur mit einer Verspätung von 38 Minuten erreichen, grenzt an ein Wunder. Dass die Klimaanlage wieder einmal zu stark kühlt und das WLAN nicht funktioniert, passiert eben bei der DB, die angeblich einen Investitionsbedarf von 50 Milliarden € hat. Neulich erzählte mir ein Vielfahrer, dass mit zusätzlichen 5 Millionen Fahrgästen zu rechnen sei, wenn die Mehrwertsteuer für Bahn-Tickets auf 7% gesenkt wird. Dann ist endgültig Schluss mit lustig beim Zugfahren.

Entspannte Reisen werden wir bald nur noch virtuell erleben, ähnlich wie die Idylle der Natur. Diesem  Thema hat sich das Museum Sinclair-Haus in Bad Homburg in einer spannenden Ausstellung gestellt: „Illusion Natur. Digitale Welten“. Wir sehen die Natur in den Arbeiten der Künstler, wie sie schon (längst) nicht mehr existiert: für sich und ohne menschlichen Zugriff. Besonders beeindruckend ist ein mit schwarzer Folie ausgeschlagener Raum mit einer riesigen Leinwand: hier erleben die Besucher*innen nicht die Illusion einer heilen Natur, der Künstler Miguel Chevalier hat vielmehr eine „Trans-Nature“ geschaffen, in die man vollkommen eintauchen kann; es fehlen nur Liegestühle. Wie immer sind in diesem kleinen, feinen Museum treffende Zitate direkt auf die Wände geschrieben. „Der Mensch lebt von seinen Illusionen“ (Wilhelm Raabe). Diese Ausstellung läuft noch bis zum 02.02.2020. Ich komme wieder.

Von seinen Illusionen lebt auch der Haushaltsausschuss des Bundestags. Es wird sich als Täuschung erweisen, dass die sog. Kunst-Scheune zwischen Neuer Nationalgalerie und Philharmonie beide Solitäre nicht durch seine schiere Größe und Wucht erschlägt. Oder dass man mit den nun bewilligten 364 Millionen € auskäme. Die Chance, das völlig verhunzte Berliner Kulturforum städtebaulich neu zu gestalten, wurde schändlich vertan, alldieweil andere Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz vergammeln und über schmale Ankaufsetats verfügen. Schon lästern Spötter über das Taj Mahal der Kulturstaatsministerin Monika Grütters. Schlimmer hätte die Zukunft des Kulturforums nicht aussehen können.

 

 

 

Eine Quote für die Note

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Back to the Roots: das Gard Nilssen Trio live & ohne Noten im Auster Club. © Karl Grünkopf

Am letzten Abend des JazzFest Berlin schließt sich der Kreis. Wie zu Beginn im Gropius-Bau steht wieder der ewige Avantgardist Anthony Braxton auf der Bühne. Mit einer verschworenen Gemeinschaft, die seine geheimnisvollen, graphisch-bunten Notierungen lesen & spielen können, entwickelt er seine rätselhaft-beliebigen Klangwelten und erreicht das Publikum so wenig wie das KIM Collective mit seiner„Fungus Opera“. Auch die anderen „Deutschlandpremieren“ überzeugen nicht, etwa Eve Rissers schlichte Spielereien auf einem präparierten Klavier inkl. Rhythmusmaschine. Sie war zuletzt 2016 beim JazzFest, ein Jahr später schon einmal der Trompeter Ambrose Akinmusire, dessen aktuelles Projekt „Origami Harvest“ man schnell vergessen wird. Warum wurde statt dessen nicht an die quicklebendige New-Jazz-Szene in der DDR erinnert, 30 Jahre nach dem Mauerfall. Cony Bauer, Ernst-Ludwig Petrowsky, Joe Sachse oder Günter „Baby“ Sommer sind Meister der freien Improvisation. Noten brauchen solche Jazzer nicht!

Dass große Formationen und Bigbands nicht ohne Noten auskommen, versteht sich natürlich von selbst. Aber das Festival setzt heuer zu sehr auf „akademischen“ Jazz, wie er an den Hochschulen gelehrt wird. Was die Absolventen dort nicht oder zu wenig lernen, ist, was den Jazz erst ausmacht: Improvisation und ein eigener Personalstil. Charlie Parker, John Coltrane oder Ornette Coleman sind und bleiben einzigartig, während die Notenspieler mit klassischem Ernst musizieren – und oft nur langweilen wie etwa das Australian Art Orchestra. Insofern fordere ich eine Quote im nächsten Jahr: nur die Hälfte der Musiker*innen darf vom Blatt spielen, die anderen können zeigen, was sie als Jazzer draufhaben.

Trotz Noten überzeugt der Schlagzeuger Christian Lillinger mit seinem bereits in Donaueschingen aufgeführten Projekt „Open Form For Society“, aber den herzlichsten Applaus heimst „Melodic Ornette“ von Joachim Kühn mit der wunderbaren hr-Bigband ein. Wegen Sanierungsarbeiten am Haus der Berliner Festspiele könnte dem JazzFest im nächsten Jahr ein Umzug in das ehemalige Weddinger Krematorium „Silent Green“ drohen. Eine gute Gelegenheit, sich von allzu vielen Performances, Premieren, Projekten – und Noten zu verabschieden. Back to the Roots, back to Jazz! Also gleich zwei Tage später in den Kreuzberger Auster Club zum kurzen Auftritt des Trios um den großartigen norwegischen Schlagzeuger Gard Nilssen. Nadine Deventer ist im Publikum. Ob sie auch so emotional berührt wird wie von Anthony Braxton und dem KIM Collective,  ist nicht auszumachen; die Kuratorin des JazzFest ist mit ihrem Smartphone beschäftigt. Dabei sein ist alles.