Auf nach Máncora

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Peng & Bobby erkunden Lima auf eigene Faust.

Lima. Ich starte meine Reise in der Hauptstadt von Perú. Meinen Job habe ich aufgegeben und reise nun begleitet von meinem guten Freund Robert oder Bobby wie ich ihn meistens nenne, durch Perú, Bolivien und das nördliche Argentinien. Wir sind in einem kleinen gemütlichen Hostel im Stadtteil Miraflores untergebracht. Hier lebt die Ober- und Mittelschicht;  es ist alles sehr sicher. Das Hostel heißt Kaclla, was in Quechua der Name einer haarlosen Hunderasse ist. Zwei solcher Hunde gehören dem Besitzer und sind auch immer irgendwo unterwegs. Interessante Tiere!

Unsere Tage hier starten immer gleich mit dem wirklich tollen Frühstück. Es gibt Müsli mit Früchten und Joghurt, traditionelles Brot, selbstgemachte Erdnussbutter, Saft und für mich auch meistens eine Mate de Coca. Generell sollen die ersten Tage in Lima uns erst mal zur Gewöhnung an Land, Leute und Sprache dienen. Wir machen eine Free Walking Tour, genießen die Parks oberhalb des Strandes (Foto) und erkunden die Stadt zu Fuß auf eigene Faust.

Interessant hingehen ist unser Ausflug zu den nahegelegenen Ruinen von Pachacamac oder besser gesagt: die Anreise dorthin. Da wir keine Tour zahlen wollen, beschließen Bobby und ich den Bus zu nehmen. Das Personal im Hostel rät uns davon ab, das mache keiner. Wir beraten uns kurz und sind schnell entschlossen: Wir machen es! Nochmal ein paar Informationen einholen und ab auf die Straße. Bus fahren erfolgt hier nach ganz eigenen Regeln: Fahrpläne und Haltestellen werden, so es sie überhaupt gibt, nicht allzu genau genommen. Man kann eigentlich überall ein- und aussteigen und der Bus kommt in den Ballungsräumen ohnehin regelmäßig. An der Tür steht immer eine Person, die lautstark Richtung und Zwischenhalte in die Mengen ruft, Leuten zupfeift und auch im Bus kassiert. Beim Kassieren laufen die teilweise noch recht jungen Burschen mit einer Hand voll Münzen durch die Reihen und klimpern den Leuten entgegen, die noch nicht bezahlt haben.

Wir sitzen schnell im ersten Bus zur Puente Primavera, wo wir umsteigen müssen, als ein junger Venezolaner einsteigt. Er ist 25 und wegen der wirtschaftlichen Lage aus Venezuela nach Perú gekommen, um Geld zu verdienen – seine Schwester leidet an Lupus. Er hat Bonbons mitgebracht, die er für umgerechnet 5 Cent das Stück verkaufen muss. Wir kaufen 2 und geben ihm 2 Sol dafür, umgerechnet 50 Cent. Er freut sich und verlässt den Bus, um seine Geschichte wohl gleich im nächsten erneut zu erzählen. Später steigt noch eine junge Frau aus Venezuela ein, und einige Senioren geben ihr ein paar Münzen, ohne etwas zu kaufen.

Der Umstieg erfolgt problemlos, wir fragen uns einfach durch. Im nächsten Bus sind die Reihen allerdings so eng, dass wir nur mit Gewalt hineinpassen. Ein Problem, das wir schon aus Kolumbien kennen und uns auch noch öfter begegnen wird. Am Stadtrand von Lima verändert sich das Bild dann langsam, man sieht, wie die hart arbeitende Bevölkerung lebt. Einfache, kleine Häuschen aus Backsteinen ziehen sich die trockene Hänge hinauf. Orte, die man als Tourist nie besuchen wird.

Die Besichtigung und die Rückfahrt sind nicht der Rede wert, doch lohnt sich eine Kurz-Recherche über die untergegangen Zivilisationen allemal. Wir sind froh, dass wir uns für die Anreise im Bus entschieden haben. So konnten wir ein kleines Stück Alltag einfangen, was doch weitaus interessanter ist als eine gebuchte Tour und für uns Zweck einer solchen Reise. Nächster Stop Máncora im Norden. Auch hier reisen wir mit dem Bus an, allerdings dauert die Fahrt 19 Stunden – wir können aber in den Sesseln erstklassig schlafen.

Peng

Masken

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Gitti & Karl Grünkopf machen natürlich auch ein Selfie im Hamburger Bahnhof zu Berlin. © 2019, OSGEMEOS

Der Hamburger Bahnhof, das Museum für Gegenwartskunst in Berlin, ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Was Wunder, steht bei diesem Event doch die Kultgruppe „Flying Steps“ auf dem Programm. “ Bilder einer Ausstellung“  heißt die neue Performance zur poppig verflachten Musik von Modest Mussorgsky – einige starke Bilder, viel Leerlauf. Das liegt zum einen an der musikalischen Vorlage, die den grandiosen Breakdance-Artisten zu wenig Reibung bietet, zum anderen an der Beliebigkeit der Performance. Ein paar starke Szenen, ein paar gute Ideen reichen eben nicht für eine Choreografie: die Aufführung zieht sich hin wie das Ende.  Trotzdem klatscht das Publikum begeistert und feiert ein bisschen auch sich selbst, schließlich haben wir tolle Selfies gemacht mit den Masken, die auf unseren Stühlen lagen.

Tags zuvor liest Monika Rinck in der Frankfurter AusstellungsHalle aus ihrem neuen Buch „Champagner für die Pferde“ (S. Fischer Verlag) und entwickelt im Gespräch mit dem Münsteraner Germanisten Christian Metz ihre Gedanken.  Nichts liegt dieser Lyrikerin & Essayistin, die seit Jahrzehnten konsequent ihren eigenen Gedankenweg geht, ferner, als aus einer Lesung eine peinlichen Marketingveranstaltung zu machen. Gedichte sind für sie Momente des Innehaltens, des Einspruchs gegen die allherrschende Optimierung. Manchmal ringt sie nach den richtigen Worten, denkt nach, ganz offen und schutzlos, ohne Maske.  Sie möchte Begriff und Poesie aufeinander beziehen, mehr noch: den Widerspruch offenhalten, Nicht-Identität, um mit Adorno zu sprechen. „Wobei ein Charakteristikum von Rincks Arbeiten ist“, befindet Christian Metz, „dass ihre Essayistik poetisch durchwirkt, während ihre Poesie hochgradig theoretisch versiert daherkommt. Eigentlich muss man Rincks Arbeiten im ständigen Wechsel zwischen Theorie und Poesie lesen.“ (FAZ, 30.03.19)

Natürlich hat Monika Rinck keinen Facebook-Eintrag; sie würde auch nicht zu diesem Ball der falschen Masken passen. Ich nutze dieses Portal, das unsere Daten schlampig sichert und meistbietend verhökert, nur selten und höchst ungern. Vor drei Tagen wurde ich wieder einmal scheinbar fürsorglich ans Gratulieren erinnert. Ein Bekannter aus Frankfurter Tagen, mit dem ich manches tiefe Gespräch führte, hatte Geburtstag. Ich gratuliere mit einer Nachricht, höre wieder nichts von Sebastian und beginne nachzuforschen. Als ich ihn zuletzt traf, trug er eine Schiebermütze und hatte keine Haare mehr. „Happy birthday, How are you? Where are you???“ Die Fragen und Glückwünsche gehen wie letztes Jahr ins Nichts. Ich werde jetzt gleich posten, dass Sebastian Ende 2017 verstorben ist.

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Sans Souci

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Unbedingt zu empfehlen: die „Villa Sorgenfrei“ in Radebeul.

Das beste Knäckebrot der Welt gibt es bei der Bäckerei Weise in Großräschen. Wir sind mit Freunden dort zum Praktikum angemeldet und müssen pünktlich los in der JenAer. So beginnt ein langer Tag voller Erlebnisse & Überraschungen. Natürlich ziehen wir uns Schürzen an, schauen aber ansonsten nur zu, wie der Bäcker den Teig für „unser“ Knäcke anrührt, mit den Händen walgt und schließlich auf dem Blech ausstreicht. Täglich werden 6.000 Brötchen gebacken und 100 Kilo Mehl verbraucht – wir sind wieder beeindruckt und laden die üblichen 5 Kilo ins Auto. GROSSartig. Weiter geht’s nach Radebeul. Nach einem Imbiss erreichen wir am frühen Nachmittag ein selten charmantes, kleines Hotel: die Villa Sorgenfrei. Wir sind rundum begeistert, plötzlich müde wie richtige Bäcker und fallen in einen tiefen Mittagsschlaf.

Der war auch dringend nötig, denn abends steht eine Uraufführung im Kulturpalast auf dem Programm. Der türkische Pianist und Komponist Fazıl Say hat ein Stück für Schlagzeug und Orchester komponiert. Zumindest Martin Grubinger – er gilt als bester Schlagzeuger in der Klassik – begeistert wieder einmal; der Meister ist der nette Junge von nebenan und kommt immer gut rüber. Prokofjews Fünfte beeindruckt mich erst am Ende, die Dresdner Philharmonie unter Andris Poga spielt ordentlich, aber die Akustik im neuen Konzertsaal (2017 nach mehrjährigem Umbau wieder eröffnet) ist sehr überzeugend. Wir kommen gerne wieder, werden uns aber Disney Dresden (DD) beim nächsten Besuch sparen. Die Innenstadt um die Frauenkirche ist an diesem schönen Frühlingstag fest in der Hand der Touristen. Was soll ein normaler Bewohner der Stadt da noch? Es gibt nur Gastronomie, Souvenirs, Pferdekutschen und Gewimmel. Leipzig lebt, Dresden wird besucht, geht es mir durch den Kopf.

„Vollständige Sorglosigkeit und eine unerschütterliche Zuversicht ist das Wesentliche eines glücklichen Lebens“, lesen wir beim hervorragenden Frühstück am nächsten Morgen – es gibt zum Glück kein Buffet! „Vollständige Sorglosigkeit“ scheint auch die Abgeordneten des britischen Unterhauses zu umfangen. Sie haben gestern am 29. März, dem ursprünglich geplanten Tag des Brexits, den von Theresa May ausgehandelten Vertrag zum dritten Mal abgelehnt, in „unerschütterlicher Zuversicht“, dass sich alles irgendwie fügt. „Politik ist die Kunst des Machbaren“ (Giovanni Agnelli) – was nach einem wie auch immer gearteten Brexit sein soll, darüber müssen sich die Briten endlich klar werden. Da ich diese Zeilen schreibe, ist Theresa May immer noch nicht zurückgetreten. Ich habe die Uhren bald zum letzten Mal umgestellt. Es geht voran.

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I did it my Way

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Die Glocke auf dem Friedhof von Reutlingen-Betzingen.

Von Reutlingen weiß ich fast nichts. Ich kenne aus den Pressestimmen im Dlf den „Generalanzeiger“, und ich weiß, dass Axel dort seine Jugend verbracht hat. „Reutlingens Einwohnerzahl überschritt 1989 die Grenze von 100.000“, verzeichnet Wikipedia. „Mit rund 115.600 Einwohnern ist es heute (nach Ulm) die zweitgrößte Stadt des Regierungsbezirkes Tübingen sowie kleinste der insgesamt neun Großstädte Baden-Württembergs, als einzige unter ihnen nicht kreisfrei. In der Agglomeration Reutlingen leben etwa 316.000 Einwohner. 17,5 Prozent der Gemarkung Reutlingens gehören zum Biosphärengebiet Schwäbische Alb, weshalb sich die Stadt auch als das ‚Tor zur Schwäbischen Alb‘ bezeichnet.“ Derart gerüstet, mache ich mich auf den Weg nach Reutlingen, aber ich möchte gar nicht die Stadt entdecken, sondern Abschied nehmen von Axel, der auf dem Friedhof in Betzingen seine letzte Ruhe finden wird.

Wir kommen pünktlich an, und ich kaufe mir sofort den „Reutlinger Generalanzeiger“ und zwei Semmeln; weiter geht‘s nach Betzingen, wo schon einige Trauergäste warten. Begrüßungen, Small Talk, doch letztlich ist jeder mit sich selbst beschäftigt. Wir wollen Abschied nehmen von Axel und nehmen in der Trauerhalle Platz. Von hinten erklingt das Requiem von Fouré, eindrucksvoll gesungen von Kai-Li Hsin. Dann erinnert der Trauerredner Gunther Göppele in klaren, eindringlichen Worten an Momente in Axels Leben und lässt dabei den Menschen aufscheinen, der nur mehr Asche in einer Urne ist. „I did it my Way“ von Frank Sinatra hören wir, und ich hätte mir keinen stimmigeren Song in diesem Augenblick vorstellen können. Axel ist immer seinen Weg gegangen, hat einen ganz eigenen Weg gefunden in seinem Leben.

Zuletzt wurde dieses Leben immer reduzierter, bei jedem Besuch in Bad Camberg konnte er  weniger – und wurde immer verzweifelter. „Alles ist vergänglich und deshalb leidvoll.“ Mit diesem Wort von Buddha erinnert gestern eine Familie in der FAZ an ihren Sohn, der nur 21 Jahre alt wurde. Die Holzurne senkt sich in den Rasen, ein letzter Blick, der nicht begreifen kann, welchen Weg Axel hinter sich und vielleicht sogar vor sich hat. Im Mysterium des Todes werden wir stumm und demütig. Kurz vor der Beisetzung tönt die Glocke auf dem Friedhof. Sie wird sicher läuten, wenn ich einst wiederkomme. Und sicher wird dann auch ein Interregio-Express nach Tübingen vorbei rauschen. Saß Axel im Zug, schaute er aus dem Fenster. Auf dem Rasenfriedhof liegt sein Vater – seit neun Jahren bald.

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Das Leben in unseren Jahren

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Hüter der Techno-Kultur: Christian Arndt vor der Präsentation seines Buches in der Frankfurter Stadtbücherei.

Die Party ist vorbei, Techno ist in der Stadtbücherei angekommen. Dort stellt mein Freund Christian „Harry“ Arndt sein kürzlich erschienenes Buch „Electronic Germany“ vor. Das Interesse ist groß, die Stuhlreihen sind fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Zum Glück gibt es keine typische Wasserglas-Lesung, sondern DJ Eastenders befragt den Techno-Experten, und es entwickelt sich ein munteres Gespräch, zu dem sich später noch Chris Liebing und Ralf Hildenbeutel gesellen; beide arbeiten heute vor allem als Produzenten. Denn die große Zeit der Techno-Hauptstadt Frankfurt ist längst perdu, „Dorian Gray“, Omen“ und „Vogue“ sind Geschichte. Heutzutage gibt es nur noch Mega-Events, aber keine kreative Club-Szene mehr, zumindest nicht in Frankfurt. Bezeichnenderweise fällt Chris Liebing überhaupt keine aktuelle Frankfurter Location ein; allenthalben ist von Berlin und vom „Berghain“ die Rede. Immerhin gibt es aber in Frankfurt das „Tanzhaus West“ und in Offenbach das „Robert Johnson.

Christian arbeitete übrigens jahrelang bei FRIZZ Das Magazin für Frankfurt als Musikredakteur, und es versteht sich von selbst, dass in der aktuellen Ausgabe ein großes Interview mit ihm steht. Sein Lieblingsclub war damals das legendäre „Dorian Gray“, wo ich selbst ein paar Mal gewesen bin, professionell gewissermaßen, denn Techno war nie mein Ding. Trotzdem macht es auch mir Spaß, in dem klasse von Alexander Branczyk („Frontpage“) gestalteten Buch zu blättern und zu lesen, in dem natürlich auch Bilder des Szene-Fotografen Ernst Stratmann nicht fehlen dürfen. Er hat nie bloß dokumentiert sondern war immer mittenmang, wie er erzählt. Bestimmt wäre Axel mit zu dieser ungewöhnlichen Buchvorstellung gekommen,obwohl auch er beileibe kein Techno-Freak gewesen ist; schließlich waren wir drei anno 1998 zusammen beim North Sea Festival in Den Haag,  Da ich diese Zeilen schreibe, wird mir bewusst, dass heute in einer Woche seine Beerdigung in Reutlingen schon wieder Vergangenheit sein wird.

Noch eine Vergangenheit. In den CD’s von Axel finde ich das Album „Bach to the Future“ von Jacques Loussier. Der französische Pianist starb kurz nach ihm, und wie Loussier zum Jazz fand, das hätte Axel sicherlich gefallen: „Das Malheur passierte während der Prüfung: Mitten in einem Stück von Johann Sebastian Bach verliert der Klavierstudent des Pariser Konservatoriums den Faden und muss improvisieren, bis er endlich wieder zum originalen Notentext zurückfindet.“ (Tagesspiegel, 26.10.2014) Solch ein Malheur passiert, wie das Leben. „Nicht die Jahre in unserem Leben zählen, sondern das Leben in unseren Jahren.“ Auf dieses Wort von A. E. Stevenson bin ich am Dienstag in einer Traueranzeige gestoßen; rechts neben mir steht die Giraffe von Axel.

Christian Arndt, Electronic Germany, Edel Books

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2828

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Heil war die Welt auch in Einbeck nie.

Niemals werde ich diese Nummer vergessen. Das Telefon meiner Großeltern stand im kleinen Atelierarbeitszimmer meines Großvaters in Einbeck auf einem Ekawerk-Schreibtisch. Es war weiß, schwer und immer gleich. Ferngespräche am Tag waren unerschwinglich, auch abends nach 18 Uhr fasste man sich kurz. Später kamen dann Tastentelefone auf, aber die alten Geräte mit der braunen Schnur waren unverwüstlich; man konnte sie jahrzehntelang benutzen. Das ist heute anders. Die Telefone in unserem Bürohaus in der V53 sind erst ein paar Jahre alt und funktionieren noch tadellos. Aber sie müssen weg, weil die aktuelle Software nicht mehr auf den Geräten läuft und es irgendwann keinen Support mehr gibt. Also kommen die Telefone zum Elektroschrott und landen in der Dritten Welt, wo arme Teufel sie dann verwerten. Nach uns die Sintflut, wie immer. Längst schon geht der sogenannte Fortschritt von der Software aus – updaten oder abfallen.

2828. Wie herrlich einfach waren die Zeiten. Ein Telefon war zum Telefonieren da und hielt ein Leben lang. Nach dem Gespräch war die Vernetzung zu Ende, Daten konnten nicht gesammelt werden. Mein Großvater starb 1976, ich war damals gerade in Griechenland und erfuhr von seinem Tod erst später, weil ich auf Lesbos unerreichbar war. Niemand wusste genau, wo wir am Meer unser Zelt aufgeschlagen hatten.  Was für ein Glück, was für ein Pech. Heute bin ich (fast) immer erreichbar und hinterlasse nolens volens permanent digitale Spuren, ohne zu wissen, wer meine Daten sammelt und damit Geld verdient. Noch werden diese Daten nicht genutzt wie in China, um sozial unerwünschtes Verhalten zu sanktionieren, aber längst werden über Social Media Stimmung und Politik gemacht.

Was tun? Es gibt keinen Weg zurück in die scheinbar heile Welt von 2828, aber ob demokratische Staaten auf Dauer der Verlockung von „Überwachen und Strafen“ widerstehen, daran habe ich mehr Zweifel denn je. „Nur wenn, was ist, sich ändern lässt“, schrieb Adorno einst, „ist das, was ist, nicht alles.“ Nicht einmal das, was ist, ist noch sicher, etwa das Friedens- und Zukunftsprojekt Europa.  Das schert die Populisten einen Dreck, und die Brexitiers sind die allerschlimmsten. Dieser Tage hörte ich ein Interview im Deutschlandfunk mit einer Labour-Abgeordneten. Sie hatte Arbeiter in einer Fabrik gefragt, wie sie denn beim Referendum abgestimmt hätten. Die meisten konnten sich nicht mehr erinnern (!), und alle sind inzwischen natürlich gegen den Austritt aus der EU. Verstehe einer die Menschen. Her also mit einem zweiten Referendum und weg mit Theresa May! Immediately.

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Axel

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Ohne ihn hätte es diesen Blog nicht gegeben, der mit dem „American Diary“ im letzten September begonnen hat. Axel richtete mir „wahnundwerk“ ein und beantwortete geduldig alle Fragen. Er war immer da, wenn etwas gemacht oder gestaltet werden sollte – und er fragte nie nach einer Entlohnung. Als vor vier Jahren mein Schulfreund Klaus starb, gestaltete Axel die Traueranzeige, die noch ein paar Mal geändert werden musste. Er kannte Klaus gar nicht und wollte „natürlich“ nichts haben. Ich dankte ihm und fragte, warum er das tue. „Aber einer muss es doch machen“, gab er zurück.

Er liebte seine Arbeit, war in seinen Foren im Internet unterwegs und immer da, wenn ein Job gemacht werden musste, einerlei ob es nun abends war oder am Wochenende. Die Arbeit war sein Leben, die Begeisterung für Technik, die Freude an Qualität schlechthin. Aber Axel war nichts weniger als ein Nerd. Er schätzte hochwertige Kleidung und rahmengenähte Schuhe genauso wie gutes Essen und guten Wein. Seine Kochkünste wurden gerühmt, und oft hat er für uns noch gekocht, ehe wir loszogen ins Konzert oder ins Theater. Ganz besonders liebte er den Roman „Der Meister und Margarita“ von Michail Bulgakow, den wir in Frankfurt und Mainz auf der Bühne erlebten. Überreden musste ich ihn zu diesen Exkursionen nie: Axel war neugierig, feinfühlig und sehr Anteil nehmend, auch in privaten Angelegenheiten, wiewohl er selbst sehr zurückhaltend war. Einer, der die Worte wägt und niemals labert. Ein sympathischer, sehr angenehmer Mensch, den ich niemals aufbrausend erlebt habe. Wenn ihm etwas gegen den Strich ging, verfinsterten sich seine Züge, und er wurde wortkarg.

Fühlte er sich hingegen wohl, verfiel er gern in ein leichtes Schwäbeln, in einen jovialen Ton ohne jede falsche Anbiederung. Ganz in seinem Element war er beim Segeln, und ich werde nie unseren Törn um Mallorca vergessen, den ich zu meinem 50. Geburtstag geschenkt bekam. Wir kamen nachts in einen schweren Sturm, aber die Männer um Skipper Hugo behielten die Nerven. Ich sehe noch Axel und Thomas, wie sie fest vertäut versuchten, das Boot durch den Sturm zu bringen. Nicht einen Moment hatte ich Angst; ich wusste mein Leben in der tosenden See in sicheren Händen. Unsere Törns auf dem Wannsee waren dagegen so abenteuerlich wie Hamburger essen, was der Gourmet Axel gleichwohl geliebt hat. Beim Törn 2018 hatten wir kaum Wind; trotzdem waren wir für den kommenden Sommer schon fest verabredet. Axel schenkte mir bei diesem letzten Besuch eine Giraffe von „züny“, die ich sofort nach ihm benannte. Gestern Morgen hat sein Herz aufgehört zu schlagen, als wolle es der Erkrankung des Nervensystems die letzte Macht verweigern. Er ist noch da und fehlt so sehr.

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Warten auf die Ziege

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Dieser Flyer wurde bei der Berlinale ausgelegt: bis zum 28. März müssen wir noch Geduld haben.

Wir haben uns um achte die letzten Tix für diese Berlinale gesichert und sind früh wie noch nie auf dem Winterfeldtmarkt. Bei unseren Freunden aus Brandenburg kaufen wir Blumen, Eier und die herrlichen Gurken. Hinter uns entdecken wir plötzlich die „Brigaderia Scarbi. Soulfood aus Brasilien“. Sofort kommen wir auf „Marighella“ zu sprechen; viele Brasilianer wollten diesen Film bei der Berlinale sehen. Man habe versucht, erzählt die „Schokolikerin“, die Veröffentlichung von „Marighella“ in Brasilien zu hintertreiben. Es verwundert nicht, dass die Rechtspopulisten vom Schlage eines Bolsonaro einen Guerilla-Kampf gegen die Militärjunta in den 60er Jahren auf den Leinwänden verhindern wollten. Warum der charismatische Carlos Marighella mit einem schwarzen Schauspieler, dem Musiker Seu Jorge, besetzt wurde, erschließt sich uns indes nicht.

Am Sonntag stehen wir eine gute halbe Stunde vor dem Berlinale-Palast, bis wir endlich eingelassen werden. Wieder sind alle Plätze besetzt, alle wollen den „Systemsprenger“ von Nora Fingscheidt sehen. Der gut recherchierte Film erzählt die Odyssee eines kleinen Mädchens durch die deutsche Jugendfürsorge. Denn niemand kann die Kleine bändigen, wenn sie wieder einmal ausrastet: dabei sucht Benni (Helena Zengel) nur ein Zuhause. „Systemsprenger“ wünsche ich viele Zuschauer, aber den meisten steht der Sinn nach bloßer Unterhaltung. Die drei erfolgreichsten Kino-Filme in dieser Woche kommen – wen wundert’s – alle aus den USA und werden von der Disney-Produktion „Ralph reicht’s 2. Chaos im Netz“ angeführt. Solche Filme laufen überall, der letzte Sommer war nicht bloß hierzulande besonders warm, die WM gab’s in jedem Land zu sehen, und mit den Streaming-Diensten ist weltweit ein neuer Konkurrent auf den Markt getreten. Dennoch beklagen nur in Deutschland die Kinos einen massiven Besucher-Rückgang: 14% weniger waren es 2018. Durchschnittlich kaufte der Bundesbürger nur 1,27 Tickets pro Jahr, während sich die Kinofilmförderung auf 272 Millionen Euro summierte.

Dass gut eine viertel Milliarde Euro nichts bringt, sollte zu denken geben. Aber wir nehmen ja auch andere Skandale gelassen zur Kenntnis: BER, Stuttgart 21 oder – ganz aktuell – die irrsinnigen Kosten, um die „Gorch Fock“ wieder flott zu machen. Deshalb freuen wir uns um so mehr auf „Die Ziege“, „eine seltsame, lustige Komödie“ (The Hollywood Reporter). „Was machst du“, lese ich begeistert auf dem Flyer, „wenn deine tote Freundin als Ziege wiedergeboren wird? Du nimmst sie zusammen mit deinem Freund auf einen Road-Trip!“ Alles wird doch noch gut.

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Die Dinge passieren, einfach so

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Begeisterter Applaus im bis auf den letzten Platz gefüllten Friedrichstadt-Palast für Zorica Nusheva.© sistersandbrothermitevski

Hertha BSC und Schalke 04 spielen außer Konkurrenz in der Fußballbundesliga, und die Berlin Volleys sind auch dabei. So geht der Wettbewerb der Berlinale: von 22 Filmen werden 6 außer Konkurrenz gezeigt, darunter der Dokumentarfilm über Aretha Franklin aus dem Jahr 1972, den wir uns heute Abend anschauen. Trotzdem ist die 69. und letzte Berlinale unter der Leitung von Dieter Kosslick wieder ein Fest des Kinos, ein Fest des Publikums, das in Scharen kommt. Viele sind froh, überhaupt ein Ticket zu ergattern, egal für welchen Film. „Und dann“, notierte Daniel Haas in der NZZ (09.02.19), “ verbringen die Leute ihre Zeit mit Filmen, die sie sonst nicht einmal gegen Geld anschauen würden, weil das Herkunftsland kaum auszusprechen ist und die Handlung so verstiegen, dass es an Satire grenzt. Kostprobe: ‚Doppelgängerinnen, Untote, eine Nazi-Witwe, ein suizidaler Förster und eine syrische Dichterfamilie geistern durch die Steiermark‘.“

Dennoch hat das Publikum ein Gespür für Qualität. Vor dem Friedrichstadt-Palast steht man geduldig in einer Doppelreihe, um nur ja nicht den mazedonischen Film „God Exists, Her Name Is Petrunya“ zu verpassen. Die Hauptdarstellerin Zorica Nusheva, die so gar nichts gemein hat mit einer Diane Kruger, taucht einfach so in die traditionelle Männerwelt ein; beiläufig erleben wir den Machismo eines modernen Landes und wie schnell der Mob entstehen kann. Wenn der Beifall das Kriterium wäre, dann würde dieser Film heute Abend den Goldenen Bären bekommen. Hoch gehandelt bei den Kritikern wird auch der chinesische Film „So Von, My Son“. Wir schenkten uns die zweite Hälfte, weil der Film zu viel erzählen will und die Stühle im Haus der Berliner Festspiele genauso schlecht sind wie die im Friedrichstadt-Palast. Keinen Cent wette ich, dass die Jury unter Juliette Binoche Fatih Akins primitives Splatterding „Der Goldene Handschuh“ beachtet.

Am schlechtesten bei der Kritiker-Jury im Berliner Tagesspiegel kommt übrigens „Pferde stehlen“ weg, den die Freunde vom Inforadio zu ihrem Favoriten gekürt haben. Dieser Film nach dem Roman von Per Pettersen streift philosophische Fragen, etwa ob wir die Hauptdarsteller in unserem eigenen Leben sind. Der kleine Lars erschießt beim Spielen seinen Zwillingsbruder und muss mit dieser Tat (weiter-)leben. „Die Dinge passieren, einfach so“ und danach ist nichts mehr so, wie es war. Heute gibt’s die Bären: einen Goldenen für den besten Film und ganz viele Silberne für die Schauspieler*innen, die Regie etc., auch so ein Kuriosum. Morgen wissen wir mehr.

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Wuppertal

TUFFI
Tuffi ist omnipräsent in der Stadt.

Seit 1901 verkehrt die Schwebebahn in Wuppertal. Sie ist damit älter als die Stadt selbst, die ihren Namen erst durch den im Jahre 1929 erfolgten Zusammenschluss der im Wuppertal benachbart gelegenen Städte Barmen, Elberfeld und Vohwinkel erhielt. Die Schwebebahn, die täglich rund 70 000 Fahrgäste befördert, gilt als eines der sichersten Verkehrsmittel der Welt. Nur einmal in ihrer langen Geschichte entgleiste ein Waggon, vor genau 20 Jahren – im Jahre 1999, als eine Baufirma vergessen hatte, eine zu Reparaturzwecken angebrachte stählerne Kralle an den Schienen rechtzeitig wieder zu entfernen. Ein Waggon kollidierte und stürzte in die Wupper, fünf Tote waren zu beklagen, dazu viele Schwerverletzte. Glimpflich ging dagegen ein Unfall im November letzten Jahres aus, als gleichsam aus heiterem Himmel ein hunderte Meter langes Schienenstück brach und auf die Straße fiel, glücklicherweise ohne dass ein Mensch verletzt worden wäre. Seither steht die Bahn still und wird wohl erst im Sommer 2019 nach Revision des gesamten Schienennetzes ihren Fahrbetrieb wieder aufnehmen können.

Der wundersamste Unfall jedoch ereignete sich im Jahre 1950. Kein Waggon, kein Mensch, kein Schienenteil, sondern eine junge Elefantenkuh stürzte da aus dem Waggon Nummer 13 zehn Meter tief in die Wupper – ohne über dieselbe zu gehen. Der Reihe nach. Der vierjährige Elefant namens Tuffi gehörte zum Zirkus Althoff, dessen Direktor ein geschickter Marketingstratege war und aus Anlass eines Gastspiels seines Zirkus zu Werbezwecken eine Schwebebahnfahrt samt Elefant und geladener Journalisten unternahm. In der Station Alter Markt stieg die ungewöhnliche Reisegruppe zu, nicht ohne zuvor vier Tickets für Tuffi gelöst zu haben und eines für Franz Althoff. Sage nachher keiner, der Elefant sei schwarz gefahren. Noch bevor die Bahn jedoch die nächste Station erreichen konnte, bekam Tuffi, wahrscheinlich ob des Gedränges und ob der vielen Blitzlichter Panik, durchbrach die Seitenwand des Waggons und fiel hinab in die Wupper, die an dieser Stelle nicht sonderlich tief, aber morastig war, so dass der Sturz des Dickhäuters abgefedert wurde. Den Berichten zufolge konnte der Zirkusdirektor gerade noch davon abgehalten werden, hinterher zu springen. Dazu trug sicher auch bei, dass er von oben sehen konnte, wie Tuffi sich schüttelte und Richtung Ufer bewegte. Der Zirkusdirektor wurde nach einem teils humoresken Prozess, der um die Frage kreiste, ob das Mitführen von Elefanten gegen die Beförderungsbestimmungen verstieß, wegen fahrlässiger Transportgefährdung zu einer Geldstrafe verurteilt. Tuffi jedoch wurde berühmt und zu einem Wuppertaler Wahrzeichen. An einer Mauer gegenüber der Unfallstelle erinnert noch heute ein Elefanten-Fresko an den historischen Sturz.

Tuffi ist in Wuppertal omnipräsent, sei es auf Geschenkartikeln aller Art von der Seife bis zum Kaffe, als Bronze-Skulptur oder aber auch mitten in der Fußgängerzone als Lichtobjekt aus über 10 000 LEDs. Darüber hinaus ist Tuffi der Star vieler Kinderbücher weltweit. Kurios ist, dass es von dem Unfall selbst keine historischen Fotos gibt, obwohl die Gondel (so nennt man Schwebebahnwaggons auch) mit dem kleinen Elefanten vollbesetzt mit Fotografen war. Diese werden sich aber konfrontiert mit der Panikreaktion des Elefanten lieber spontan in Sicherheit gebracht haben. Die an jedem Zeitungskiosk in Wuppertal erhältlichen Postkarten mit dem Bild des aus der Bahn stürzenden Elefanten sind indes Fotomontagen, neudeutsch: Fakes. Der echte Tuffi verbrachte noch einige Jahre im berühmten Elefantenballett des Zirkus Althoff, bevor er nach dessen Auflösung an den Cirque Gruss in Paris verkauft wurde. Dort starb Tuffi dann im Jahre 1989 eines natürlichen Todes, also vor genau 30 Jahren.

Die Station Alter Markt, wo Tuffis kurze Reise begann, liegt genau gegenüber der legendären Probebühne einer anderen Wuppertaler Berühmtheit. Die Rede ist von der Lichtburg und von Pina Bausch, zwar gebürtig aus Solingen, aber als Begründerin und langjährige Leiterin des Wuppertaler Tanztheaters in Wuppertal und in der ganzen Welt eine feste Größe. Die Stadt begeht dieses Jahr den 10. Todestag dieser Choreografin, deren über 40 Werke auch heute noch weltweit gespielt werden und inzwischen den Rang eines nationalen Kulturerbes einnehmen. Nach den letztjährigen Stürmen um die fristlose Entlassung der Leiterin Adolphe Binder nach nur einem Jahr Amtszeit, liegt es nun an der neuen Intendantin Bettina Wagner-Bergelt, das angeschlagene Schiff  „Tanztheater Wuppertal“ in ruhigeres Fahrwasser zu manövrieren. Dazu muss sich – um im Bilde zu bleiben – allerdings auch die Besatzung ins Zeug legen.

Halten wir fest: Wuppertal feiert 2019 seinen 90. Stadt-Geburtstag, vor genau 30 Jahren starb Tuffi, vor genau 20 Jahren ereignete sich der einzige Schwebebahnunfall mit Todesfolge, vor genau 10 Jahren starb Pina Bausch. Und einer anderen berühmten Tochter dieser Stadt, Elke Lasker-Schüler wird heuer aus Anlass ihres 150. Geburtstags gedacht. Friedrich Engels übrigens, der berühmteste Sohn Wuppertals, feiert erst nächstes Jahr seinen 200. Geburtstag.

Pong