Abstand aus Rücksicht

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Der Ausgang auf den Balkon bleibt weiter möglich. © Karl Grünkopf

Ist das erst so kurz her? Vor einer Woche waren wir noch bei einer Premiere im Berliner „Chamäleon“ und vor 14 Tagen bei einer Geburtstagsfeier. Da hatten bereits einige abgesagt, weil auch Gäste aus Nordrhein-Westfalen kamen. Mit meiner Namaste-Begrüßung wirkte ich auf dem Fest noch wie ein komischer Heiliger. Jetzt umarmt (sich) fast niemand mehr, und ich habe mir vorgenommen, beim Namaste zu bleiben. Ansonsten arbeitet das Gros der Republik zu Hause, solange das Internet hierzulande hält, dessen Ausbau wie so vieles in Deutschland weit hinterher hängt.  Gestern mussten in Berlin die ersten Geschäfte schließen. Werden sie alle durchkommen und nach der C-Krise wieder öffnen?  Bange Fragen zum Frühlingsbeginn.

Das gilt natürlich auch für meinen Verlag. Es hätte das dickste April-Heft aller Zeiten werden können, nun arbeiten wir an einer „kleinen“ Ausgabe und neuen Konzepten für die Verteilung. Die C-Krise wird nichts & niemanden verschonen, und die Held*innen arbeiten nicht im Home-Office, sondern halten systemrelevant die Gesellschaft zusammen. Im türkischen Supermarkt drängen sich die Kunden vor einer Kasse und pöbeln rum, wenn nicht schnell genug eine zweite geöffnet wird. In ihrer beeindruckenden Rede dankte Kanzlerin Angela Merkel ausdrücklich den Mitarbeiter*innen im Handel: „Wer in diesen Tagen an einer Supermarktkasse sitzt oder Regale befüllt, der macht einen der schwersten Jobs, die es zurzeit gibt.“

Plötzlich ist alles anders. Wir bleiben (fast) alle zu Hause und gehen nur noch zum Einkaufen raus. Einer, so wurde auf der Geburtstagsfeier erzählt, wollte 70 (!) Dosen Ravioli kaufen und ließ sich von anderen Kunden nicht irritieren. An der Kasse ließ man dem Ravioli-Egoisten nur 5 durchgehen – Abgabe nur in haushaltsüblichen Mengen! Am letzten Sonnabend gab es abends in drei Märkten nicht mehr eine Kartoffel, und im Moment warten die Läden in unserem Kiez auf Weizenmehl. Derweil das Thema Corona die Medien beherrscht und wir regelmäßig die Podcasts mit dem Virologen Christian Drosten hören und eigentlich jede*r Bescheid weiß,  machen junge Menschen immer noch Corona-Partys. Dolce vita ist vorbei! Welcome to Reality!

Sei Dir selbst genug

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Lars Eidinger in „Peer Gynt“, einer aberwitzigen Solo-Performance an der schaubühne in einer Inszenierung von John Bock. © Benjakon

Am letzten Sonntag war die Welt noch in Ordnung – scheinbar. Wir erreichen die Berliner schaubühne auf den allerletzten Drücker und sitzen mittig im Parkett. „Peer Gynt“ von Henrik Ibsen steht auf dem Programm, aber eigentlich wird ein „Taten-Drang-Drama“ von John Bock (Regie, Bühne und Kostüme) und Lars Eidinger gegeben, eine aberwitzige Solo-Performance des Schauspielers. Ab und zu hören wir etwas von Ibsen, aber ansonsten bastelt & bosselt Eidinger vor sich hin, verliert sich in Obsessionen und Größenwahn. Einmal zählt er seine großen Rollen an der Schaubühne auf: im „Hamlet“ und „Richard III“ (beide immer ausverkauft!) stand er schon hunderte Male auf der Bühne. Nun schreibt er seine Erfolgsgeschichte als Schauspieler & Sänger mit  „Peer Gynt“ fort. Was mag noch kommen für diesen Kraftmeier mit unendlichen Energien? Eine Peter Pan Performance? Und dann nur noch LARS, ein unendliches Multimedia-Spektakel?

„Sei Dir selbst genug“, gibt uns Eidinger am Ende mit. Diese Worte haben seit Sonntag eine neue Bedeutung gewonnen. Allenthalben wird geraten, zu Hause zu bleiben und soziale Kontakte zu reduzieren. Plötzlich wird der Besuch einer Premiere im Chamäleon zur moralischen Frage. Dürfen wir allen Empfehlungen & Warnungen zum Trotz das neue Programm einer australischen Gruppe erleben, die uns vor drei Jahren mit der Zirkus-Party „Scotch & Soda“ von den Stühlen riss? Die neue Show hat etwas weniger Tempo, ist aber unbedingt zu empfehlen, denn diese Artisten sind keine Marionetten oder Maschinen, sondern echte Typen, die uns mit „Le Coup“ bestens unterhalten. Dieses Mal hat sich Chelsea McGuffin, künstlerischer Kopf der Gruppe, von australischen Boxring-Shows aus den 30er Jahren inspirieren lassen…

Sie wollen bis zum 16. August im Chamäleon auftreten – eine kaum vorstellbar lange Zeitspanne, da auch uns italienische Verhältnisse drohen, also quasi ein Ausgangsverbot; nur Apotheken & Supermärkte dürfen noch öffnen. Da ich diese Zeilen schreibe, hat das Volkstheater in Frankfurt bis Mitte April alle Vorstellungen abgesagt, und das XJAZZ-Festival in Berlin findet 2020 gar nicht statt. Die Börsenkurse rutschen immer mehr in den Keller, die Zukunft ist offener denn je. Die Ausbreitung von Corona muss verlangsamt werden. Das Gesundheitssystem darf nicht zusammenbrechen. Trotzdem müssen wir alle irgendwie weitermachen. In unserem Verlag laufen derzeit mehrere Produktionen gleichzeitig, deren Planung ständig überdacht und angepasst werden muss. Nerven behalten! Jede Krise ist auch eine Chance. Hoffentlich.

Ruhe bewahren!

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Ruhe bewahren! Spektakuläres Video von Juul Kraijer in der Ausstellung „Zweiheit“ im Museum Sinclair-Haus in Bad Homburg. © Karl Grünkopf

Das ist gerade noch einmal gut gegangen. Während die ITB und die Leipziger Buchmesse abgesagt wurden und die Frankfurter Musikmesse verschoben worden ist, konnte die 70. Berlinale noch stattfinden – trotz der allherrschenden Verunsicherung wegen Corona. Das hätte den Start der neuen Doppelspitze aus Mariette Rissenbeek (Geschäftsführung) und Carlo Chatrian (Künstlerischer Leiter) noch holpriger werden lassen. Sponsoren sagten ab, das Berlinale-Kino im Sony-Center machte dicht und der erste Leiter dieses A-Festivals Alfred Bauer wurde als Nazi geoutet, was indes keine echte Überraschung mehr war. Ansonsten nichts Neues von der Berlinale: rund 330.000 verkaufte Tickets, ein mäßiger Wettbewerb und der Goldene Bär für „There is No Evil“, ein politischer Film aus dem Iran. Die Entscheidung Chatrians, noch einen zweiten Wettbewerb namens „Encounters“ zu installieren, konnte beim Debüt nicht überzeugen – die Festivals in Cannes und Venedig spielen weiter in einer anderen Liga.

Bei der Eröffnung der sehenswerten Ausstellung „Zweiheit“ der niederländischen Künstlerin Juul Kraijer im Museum Sinclair-Haus in Bad Homburg begrüße ich das Team dort mit einer kleinen Verbeugung – und nicht mehr per Handschlag. Mich beeindrucken die Arbeiten sehr, insbesondere die Video-Performance im ersten Stock. Auf drei Leinwänden sieht man die gleiche Frau in gleicher, doch zeitlich versetzter Perspektive: stoisch erträgt diese lebende Medusa, wie sich Schlangen über ihr Gesicht bewegen. Juul Kraijer schafft ein Amalgam aus Mensch, Tier oder Materie von großer Eindringlichkeit – nie gesehene Bilder und Skulpturen. Nach der Vernissage kommt das Gespräch immer wieder auf Corona, wie könnte es auch anders sein. Von panischen Hamsterkäufen (Nudeln, Reis, Toipa) wird berichtet; einige horten ihre Beute in Wohnwagen, deren Standort wahrscheinlich absolut geheim ist. German Angst.

Wir haben ein Doppelzimmer inkl. Behandlung im Elisabeth-Krankenhaus gebucht und sind natürlich gespannt. German Angst auch hier. Desinfektionsmittel werden von Patienten und Passanten geklaut, Atemschutzmasken sind begehrt und unter Verschluss. Die wunderbare Chefärztin gibt zu bedenken, dass es auch andere hochinfektiöse Patienten gibt, die man versorgen müsse. Knapp ist auch jeglicher Impfstoff, obwohl es noch keinen gegen Corona gibt und man sich sinnvollerweise nur  im Herbst impfen lassen sollte. Ein Pfleger raunt einem Kollegen zu, die Klinik halte 700 Masken unter Verschluss: 19.000 €. Und er beneidet einen „pfiffigen“ Berliner Scherzartikel-Händler, der Anfang Januar in China 500.000 Masken bestellt habe und diese nun für 25 € pro Stück vertickt. Womöglich hat die German Angst aber doch ein Gutes, und wir lernen die Tugend des Verzichts neu. Weniger Kapitalismus im Gesundheitssystem, weniger lange Lieferketten, weniger Globalisierung insgesamt. Satelliten zeigen plötzlich einen sauberen Himmel über China. Im Inforadio hören wir, dass Sender in Australien Toipa für ihre Hörer*innen verlosen. Kein Scherz!

 

Alter Wein in neuen Schläuchen

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Zwillinge haben eine ganz besondere Verbindung: Nina Hoss in „Schwesterlein“ von Stéphane Chuat & Veronique Reymond. © Vega Film

Wir sitzen im falschen Film. Das kann bei einem Festival mit Weltpremieren natürlich passieren, zumal bei der Berlinale. Denn seit Jahren krankt der Wettbewerb an der Qualität der ausgewählten Filme. Das ist auch beim 70. Jahrgang nicht anders. Zwar hat die Berlinale nun wie die SPD eine gemischte Doppelspitze, aber Carlo Chatrian (Künstlerischer Leiter) und Mariette Rissenbeek (Geschäftsführung) haben bei ihrem Debüt kein glückliches Händchen: die Auswahl ist schwach wie eh und je und wurde sogar mit „Encounters“ noch um einen zweiten Wettbewerb erweitert. Zumindest der sechste Film, den wir sehen, nimmt uns gefangen: „Schwesterlein“ der beiden Schweizer Regisseurinnen Stéphane Chuat & Veronique Reymond. Erzählt wird die Geschichte eines Zwillingspaares, hervorragend gespielt von Nina Hoss & Lars Eidinger; er ist Schauspieler und muss bald sterben. Das ist Kino und kein Kleines Fernsehspiel, das betulich erzählt & alles erklärt.

Wir gönnen uns eine Pause von der Berlinale und folgen der Einladung zur Premiere der  Show „2020“ in den „Wintergarten“ auf der Potsdamer. Es beginnt verheißungsvoll: die Damen vom Service tragen wunderbare Hütchen oder Stirnbänder; einige Gäste haben auch im Fundus gewühlt. Doch dann ist alles wie immer: statt eines Varieté wie vor hundert Jahren, mit Tempo und Berliner Witz, überdreht & verrucht gibt es eine Nummernrevue, auf die man „Die 20er Jahre“ draufgebappt hat. Ein paar Worte von Kästner und Brecht, ein Dietrich-Song und ansonsten Artisten & Nummern, die man (fast) alle schon einmal gesehen hat. Die weiblichen Acts setzen ihre Reize fast schon vulgär ein. Erotik & Esprit: Fehlanzeige. Potsdamer Straße eben. „Wir reisen morgen nach Buenos Aires“, verabschieden wir uns schon zur Pause. Dort gebe es breite Straßen, meint unser Tischnachbar. Der Page in Livree am Eingang würde am liebsten mitkommen.

Friedrich, Armin, Norbert und Jens – diese Vornamen schon verheißen Zukunft. Merz (64), Laschet (59), Röttgen (54) und Spahn (39) heißen die Hoffnungsträger der CDU, die gerade ihr Ende als Volkspartei erlebt. 11,2% in Hamburg, die Zustimmung im Bund schwindet, mag Angela Merkel auch immer noch (warum eigentlich?) die beliebteste Politikerin sein. Thüringen wirkt nach, aber Hamburg zeigt den Weg. Dort setzte der Erste Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) in seinem Wahlkampf ganz auf Themen der prosperierenden Hansestadt und verzichtete wohlweislich auf die Unterstützung der Doppelspitze Esken/Walter-Borjans. Mit Erfolg. Überhaupt sollte man die Länder im Dorf lassen und Bundestags- und Landtagswahlen auf den gleichen Tag legen, wie es einst schon Ralf Dahrendorf vorschlug. Dann würden die nächsten Wahlen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg (beide am 14.03.2021) nicht wieder zu Testwahlen für den Bund degradiert. Die Hoffnung stirbt zuletzt, auch bei der sog. Christlich Demokratischen Union Deutschlands.

 

Erfolgsgeschichten

Rigoletto
Schluss mit lustig. Rigoletto gewahrt seine tote Tochter Gilda in der Aufführung von 2009. © FIko Freese / drama-berlin.de

RBB Kultur überträgt live, fast alle Plätze der  eindrucksvollen Kirche am Hohenzollernplatz in Berlin-Wilmersdorf sind schon um halb zwölf besetzt: alle wollen den 500. NoonSong erleben. Spiritus rector dieser neuen ökumenischen Gottesdienstform ist Professor Stefan Schuck, der – orientiert am englischen Evensong – im November 2008 mit dem wunderbaren A-cappella-Chor sirventes berlin im kleinen Kreis mit dem NoonSong immer sonnabends um 12 Uhr begann. Liturg beim Jubiläum ist der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland Prof. Dr. Wolfgang Huber; an der Orgel spielt Daniel Clark. Aus dem Geheimtipp ist längst eine (auch touristische) Attraktion geworden, die Menschen strömen in die Kirche von Fritz Höger (von ihm stammt auch das Chilehaus in Hamburg) – und halten inne beim NoonSong. Inzwischen umfasst das Repertoire von sirventes berlin über 400 A-cappella-Motetten, Musik von nahezu vergessenen, aber auch zeitgenössischen Komponisten.

Unser „Ferienkind“ war natürlich begeistert, und ohne unseren Gast wären wir kaum auf die Idee gekommen, im Repertoire der Berliner Bühnen zu stöbern, weil wir dermaßen verwöhnt von Premieren sind mittlerweile. Barrie Koskys Inszenierung des „Rigoletto“ von 2009 ist best choice für diesen Sonntag, zumal die Komische Oper bereits um 16 Uhr spielt. Das Haus ist im Parkett nahezu ausverkauft, und die Aufführung hat kein bisschen Staub angesetzt. „It’s a comic opera“, befindet der Regisseur im gewohnt anregenden Programmheft, „that horribly goes wrong.“ Am Schluss vergeht nicht nur dem „traurigen Clown“ Rigoletto (Nikoloz Lagvilava erhält den stärksten Applaus) das Lachen, wir alle verfolgen gebannt Verdis Oper bis zum bittersten Ende. Und sind schon gespannt auf die Inszenierung im Somma bei den Bregenzer Festspielen, zu der uns allerbeste Freunde eingeladen haben.

Einen Lauf hat derzeit auch die Deutsche Bahn, die angesichts der Klimakatastrophe von der Politik gehätschelt & gepäppelt wird. Die Reduzierung der Mehrwertsteuer auf die Tickets gab die DB an ihre Kunden weiter und konnte im Jänner 1 Million zusätzliche Kunden verbuchen. Oha, hatte ich schon befürchtet! Doch bei meinen ersten Reisen in 2020 gab es bis dato überhaupt keine Verspätungen oder sonstigen Probleme; natürlich war ich während des Orkantiefs Sabine nicht unterwegs. Die Inlandsflüge gingen im letzten Jahr übrigens weiter zurück – auf der Strecke Berlin – Köln verbraucht das Flugzeug zehnmal so viel CO2 wie die Bahn (co2online); gleichwohl wurde 2019 mit 124,4 Millionen Fluggästen ein neuer Rekord erzielt. Hurra, wir fliegen noch. Leider viel zu viel!

Life’s a Bitch

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Unikum mit vielen Talenten: Anna Mateur, die übrigens von der Agentur Rampensau Berlin vertreten wird. © David Campesino

Im letzten November konnte man sie in der trashigen Western-Show „Die 5 glorreichen Sieben“ in der „Bar jeder Vernunft“ in Berlin erleben, nun lässt’s die grandiose Anna Mateur dort mit „The Beuys“ krachen. Lust am Spiel mit Rollen, Hintersinn, Ironie und Aberwitz kennzeichnen das neue Programm von Anna Mateur. Sicher darf man sich bei ihr nie sein, sie teilt aus und nimmt sich mit ihrer ganzen Fülle dabei keineswegs aus. Sie liebt das Grimassieren, blitzschnell können Szenen kippen – in puren Trash, surreale Phantasien oder nachdenkliche Sottisen. Dann und wann plädiert die Dresdnerin für die Mitte, ohne diese Einwürfe weiter politisch zu vertiefen. Mit ihren „Beuys“ (den beiden hervorragenden Gitarristen Samuel Halscheidt & Kim Efert) zeigt die Mateur noch einmal in den Zugaben ihre Extraklasse. „Black Coffee“ haben wir so extrovertiert jedenfalls noch nie gehört. Vom 27.10. – 31.10. sind die „Kaoshüter“ mit ihrem sog. Musik-Kabarett, eigentlich ein Gesamtkunstwerk, wieder in der „Bar jeder Vernunft“. Vormerken!

Natürlich könnte die Mateur auch den Satz „Life is a Bitch“ im Scat zerlegen, der einmal in der zweiten Staffel von „Bad Banks“ (ZDF) in „Das Leben ist ein Arschloch“ übertragen wird. Diese Übersetzung überzeugt so wenig wie die ganze Fortsetzung. Wie unter Speed wird erzählt, springt der Schnitt zwischen Städten und Kontinenten, dunklen Machenschaften und üblen Intrigen. Das ist von allem zu viel und deshalb zu wenig. Schon nach den ersten beiden Folgen interessieren mich die verworrene Story und ihre mit vollem Körpereinsatz agierenden Figuren nicht weiter. Bank, Sex & Crime öden schließlich nur noch an, während mich derzeit „The Affair“ und „Homeland“ in Bann ziehen. Beide Serien aus Amerika sind vielschichtiger angelegt und werden mit ruhiger Hand erzählt. Weniger ist mehr.

Ein Arschloch ist das Leben nicht, aber es ist hart und manchmal auch ungerecht, erst recht im hektischen, politischen Geschäft. Nun hat Annegret Kramp-Karrenbauer hingeschmissen, nachdem sie die Linie der Partei in Thüringen nicht hat durchsetzen können. „Kramp-Karrenbauer“, kommentiert der Münchner Merkur (11.02.2020), „durfte immer nur die Als-ob-Vorsitzende sein: eine Königin ohne Land, mit Amt, aber ohne Gestaltungsmöglichkeiten. Jetzt ist sie Merkels letztes Opfer geworden.“ Nun kann sich die Kanzlerin nur noch selbst opfern. Sie schaffen das, Frau Merkel! Down under wird man noch deutlicher. „Die eigentliche Verantwortung“, schreibt das neuseeländische Online-Medium NEWSROOM, „liegt bei Merkel, die ihre Partei über 20 Jahre hinweg in diese Katastrophe geführt hat. (…) Thüringen zeigt die dramatischen Folgen von zwei Jahrzehnten Merkelismus: Eine Partei, die keine tief verwurzelten Überzeugungen hat und sich mit dem Wind der Meinungsumfragen dreht, kann einfach keine Sicherheit, Zuverlässigkeit oder Vorhersehbarkeit schaffen – geschweige denn ein Land führen“ (zitiert nach Deutschlandfunk, Internationale Presseschau, 14.02.20). It’s time to say Goodbye.

Das Gesetz bin ich!

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Auf Streife in Montfermeil. Stéphane (Damien Bonnard), Chris (Alexis Manenti) und Gwada (Djibril Zonga) v. l. in dem höchst beeindruckenden Film „Die Wütenden – Les Misérables“ von Ladj Ly. © Wild Bunch Germany GmbH

Wir lieben die Berliner Kiez-Kinos, in denen man noch Filme anschauen kann, die andernorts schon längst nicht mehr laufen, wenn sie dort überhaupt gezeigt wurden. An einem regnerischen Sonntagabend machen wir uns auf zum abgeschrabbelten Bundesplatz-Kino; drei Dutzend Fans – wir sind beileibe nicht die Jüngsten (!) –  wollen „Miles Davis. Birth of the Cool“ sehen. Fassungslos erleben wir, wie der Trompeter vor einem Club, in dem er ein Konzert gibt, von einem rassistischen Cop zusammengeschlagen wird. Seine Kälte und seine sprichwörtliche Arroganz sind eine Reaktion darauf, einer der größten Jazzmusiker des 20. Jahrhunderts bleibt immer auf Distanz: zu anderen Musikern, zum Publikum – und auch zu seinen Frauen. Drogen und Schmerzen begleiten ihn fast das ganze Leben; seine große Liebe Frances verlässt ihn, weil Miles sie in rasender Eifersucht geschlagen hat. Mehrfach ist er am Boden zerstört, immer wieder kommt er zurück. Getrieben erfindet sich der geniale Musiker ein ums andere Mal neu und nimmt Meisterwerke auf. Sein Album „Kind of Blue“ (1959) steht übrigens gerade in den aktuellen deutschen Media Jazzcharts auf Platz 3.

„Das Gesetz bin ich“ – davon ist auch ein französischer Cop in Montfermeil überzeugt. Der Ort liegt in der Nähe von Paris, ein multikultureller Schmelztiegel mit eigenen Regeln & Strukturen. Die zynische, herablassende und menschenverachtende Art dieses Chris widerstrebt seinem neuen, zivilisierten Kollegen Stéphane; der Dritte im Team, der farbige Gwada, steht gewissermaßen zwischen ihnen. Vom ersten Moment an entwickelt Die Wütenden – Les Misérables, der erste Spielfilm von Ladj Ly (er ist in Montfermeil aufgewachsen, seine Familie stammt aus Mali), einen unwiderstehlichen Sog. Eine latente Aggression prägt alle Handlungen – und muss schließlich eskalieren. Zwar endet dieser höchst beeindruckende Film nicht ganz ohne Hoffnung, aber ich verlasse das „Orfeo-Kino“ in Frankfurt ganz benommen und mitgenommen. Selten hat mich ein Film so aufgewühlt, ich denke immer wieder an die Worte von Victor Hugo, die Ladj Ly ans Ende gestellt hat: „Merkt Euch, Freunde! Es gibt weder Unkraut noch schlechte Menschen. Es gibt bloß schlechte Gärtner.“

Kemmerich who? Bis vor zwei Tagen hatte wohl kaum einer vom FDP-Politiker Thomas Kemmerich gehört, der im dritten Wahlgang mit einfacher Mehrheit zum Ministerpräsidenten von Thüringen (2,1 Mio Einwohner) gewählt wurde – mit den Stimmen der AfD. Das ist zwar legal, aber dieses abgekartete Spiel ist nicht legitim und schadet unserer Demokratie. Willentlich & wissentlich haben die Landesverbände von FDP und CDU in Kauf genommen, dass Kemmerich mit den Stimmen der AfD gewählt wurde. Beide Parteien haben wieder einmal bewiesen, dass sie auf dem rechten Auge blind sind und eiern jetzt herum. Zwar will Kemmerich nun zurücktreten, aber für die Krise in Thüringen sind er und die politischen Hasardeure seiner Partei und der CDU unter Mike Mohring verantwortlich. Den Schaden haben wir alle, und die AfD lacht sich ins Fäustchen.

 

Trugbilder

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Puck schwebt über den Elfen: Benjamin Brittens „Sommernachtstraum“ in einer umjubelten Aufführung der Deutschen Oper Berlin. © Bettina Stöß

Premiere in der Komischen Oper Berlin. Eine „letzte Operette der Weimarer Republik“ steht auf dem Programm, von der wir noch nie etwas gehört haben: „Frühlingsstürme“ von Jaromír Weinberger. Die Schmonzette im XXL-Format verdient es trotzdem, aus der Versenkung geholt zu werden. Zehn Tage vor Machtübernahme der Nationalsozialisten, am 20. Januar 1933 war die Premiere im Admiralspalast, am 12. März wurde sie das letzte Mal gespielt. Viele Mitwirkende flohen ins Ausland, viele Lebenswege nahmen einen anderen Verlauf. Jaromír Weinberger, der mit seiner Volksoper „Schwanda, der Dudelsackpfeifer“ (im März wieder in der Komischen Oper) einen Welterfolg landete, nahm sich 1967 in Florida das Leben; man hatte ihn vollkommen vergessen. Mit „Ball im Savoy“ oder „Eine Frau, die weiß, was sie will“ – andere Wiederentdeckungen der Komischen Oper – können die „Frühlingsstürme“ natürlich nicht mithalten, aber die Verbeugung vor  Jaromír Weinberger, dem tschechischen Komponisten jüdischer Abstammung, ist eine noble Geste. Bravo!

Herrliche Pflichten. Tags darauf sitzen wir schon wieder in einer Premiere.: „A Midsummer Night’s Dream“ in der Deutschen Oper Berlin. Man muss wohl Benjamin Britten heißen, um solch ein Werk in neun Monaten zu komponieren. Da die Zeit drängte – die Oper sollte zur Wiedereröffnung der Jubilee Hall in Aldeburgh uraufgeführt werden -, verzichtete Britten auf ein eigenes Libretto und griff auf Shakespeares Komödie zurück. Das bringt zwar ein bisschen Kuddelmuddel, denn der Text musste um die Hälfte gekürzt werden und die Oper beginnt gleich im Elfenland, aber das nimmt dem Werk nicht die Wucht. Für die wunderbare Musik bürgt der Dirigent Donald Runnicles, der Regisseur Ted Huffmann inszeniert sparsam und setzt ein silbergraues Elfenland gegen eine rot ausgeschlagene Bühne, in der Handwerker ihr Possenspiel treiben. Puck schwebt immer wieder munter an Schnüren und stellt am Ende die Frage aller Fragen: „Habet nur geschlummert hier, Und geschaut in Nachtgesichten / Eures eignen Hirnes Dichten.“ Tolle Solisten, tosender Applaus. Ein großer Abend in der Deutschen Oper.

Ausgeträumt haben sie nun auch in Frankfurt – die Internationale Automobil Ausstellung (IAA)  findet dort im nächsten Jahr nicht mehr statt; seit 1953 gehörte diese Leitmesse zur Stadt wie der Ebbelwoi und lockte in Spitzenjahren eine Million Besucher an. Bereits in der Vorrunde war Schluss mit lustig, und nun wird der Tanz um die Karossen in Berlin, Hamburg oder München stattfinden. OB Peter Feldmann trifft dafür keine Schuld, aber wie in der AWO-Affäre machte er wieder keine gute Figur. Hochmut kommt vor dem Fall. Heute ist endlich Brexit. Und morgen beginnen die Verhandlungen mit Smaller Britain. Good Luck.

Wunder gibt es immer wieder

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Weiter geht’s wirklich nicht: „Gummi Guru“ George Faining aus Ghana lässt sich verdrehen. © Günter Hamich

Im Jänner fahre ich immer nach Bad Nauheim. Die Kurstadt im Wetteraukreis hat 32.000 Einwohner und lockt um diese Zeit mit einem außerordentlichen Ereignis. Das Neujahrsvarieté des regionalen Energieanbieters OVAG ist nämlich alles andere als ein Marketingevent, vielmehr kommen Artisten der Weltklasse ins Dolce-Theater. Im 18. Jahr ihres Bestehens meldet die Show wieder tolle Zahlen: 33.500 Zuschauer kommen zu den 49 Shows, um sich von Jongleuren, Gauklern, Gummi- und Kraftmenschen unterhalten zu lassen. Wieder erleben wir unglaubliche Darbietungen, die ich noch nie gesehen habe. Mario Berousek, der schnellste Keulen-Wirbler der Welt, George Faining mit seinen schier unmöglichen Verdrehungen oder der diabolische Magier Aaron Crow, um nur einige aus der Artistenschar dieser Saison zu nennen. Am besten gefällt mir Steve Elegy mit seiner poetisch-ironischen Nummer: „Das Wunder von Bad Nauheim“ verkündet er, bläst die Kerze aus und eine LED-Lampe geht an („wenn die Batterie geht“).

Der Vater des Erfolgs ist ein Frankfurter Bub, einst einer der Gründer der legendären Disco „Funkadelic“. Andreas Matlé hat ein Händchen für Auswahl und Dramaturgie und schon das Programm für die Saison 2021 zusammengestellt – der Vorverkauf läuft prächtig. Solch einen Erfolg muss man auch der Frankfurter Volksbühne wünschen, die nun nicht mehr „fliegen“ muss und endlich, endlich eine feste Bleibe gefunden hat. Der beharrliche Optimist Michael Quast hat es also doch noch geschafft und im umgebauten Cantate-Saal ein schmuckes Quartier gefunden. Wo einst die Ikone des biederen, hessischen Theatergebabbels Liesel Christ zu Hause war, wird jetzt die Frankfurter Volksbühne heimisch: im Großen Hirschgraben 19 mitten in der City. Wegen der hohen Miete, lesen wir auf der Homepage, ist das Theater weiterhin auf Förderer und volles Haus angewiesen. Dieses Mundart-Theater 2.0 hat es wahrhaft verdient. Ei gude!!!

Der amerikanischen Trompeterin Jaimie Branch (ihre Alben „Fly and Die“ und „Fly and Die II“ haben glänzende Kritiken) eilt ein guter Ruf voraus. Bei ihrem Debüt in Frankfurt müssen in den Engelbert-Humperdinck-Saal (Dr. Hoch’s Konservatorium) noch Stühle geschoben werden. Glück gehabt, ich sitze in der Mitte und höre & sehe hervorragend. Die studierte Musikerin kultiviert geschickt ihr Underdog-Image; sie könnte auch als Rapperin durchgehen, die sich einen Dreck um ihr Outfit und ihre Fitness schert. Vom ersten Moment steht diese fat woman wie unter Strom und verspricht Clubbing in zwei Sets. Jaimie Branch spielt nicht nur grandios Trompete, sie singt inzwischen auch und schreibt selbst. Mit einer originell und hervorragend besetzten Band aus Bass, Cello und Schlagzeug verbindet sie New Jazz & Entertainment. Einen Auftritt dieser Marke wird man nicht vergessen. Ich gehe schon vor der Zugabe, Jaimie Branch nickt mir kurz zu. Wenn ich nur mehr Zeit hätte, würde ich mich als Komparse bewerben. Nicht bei der Frankfurter Volksbühne sondern beim BER: der neue Flughafen (geplante Eröffnung am 31.10.20) sucht für den Probebetrieb 20.000 Komparsen. „Wunder gibt es immer wieder“, trällerte einst Katja Ebstein.

Wenik ist mehr

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Schlappen, die keiner mag. © Karl Grünkopf

Endlich mal wieder ins Vabali. Die Saunalandschaft in balinesischer Anmutung hat sich mitten im öden Berliner Bezirk Moabit zu einem echten Anziehungspunkt entwickelt – bereits um 12h sind alle Parkplätze besetzt. Beim letzten Besuch schlüpfte irgendjemand in meine Badelatschen. Dieses Mal habe ich vorgesorgt: meine Schlappen sind einmalig, eine Mischung aus Schloss Elmau und Dritter Welt. Das Relaxen im Vabali hat natürlich seinen Preis, aber es lohnt allemal, dort ein paar Stunden zu entspannen. Am besten gefällt uns der finnische Wenik-Aufguss mit frischen Birkenzweigen. Zwar schlägt man/frau sich damit nicht wechselseitig auf den Rücken, aber die Aufgussmeisterin heizt uns beim Wedeln tüchtig ein. Herrlich! Als wir nach vier Stunden entspannt das Vabali verlassen, warten schon gut zwanzig Leute auf Einlass; es darf immer nur eine bestimmte Anzahl Gäste hinein. Gut so!

Um den allherrschenden Wahnwitz auszuhalten, braucht es schon eine Menge Gelassenheit. Nachrichten am Dienstag im Inforadio. Vor 10 Jahren wurde der Missbrauchsskandal am Canisius-Kolleg in Berlin bekannt. Die Katholische Kirche, die angeblich über ein Vermögen von 270 Milliarden € verfügt, hat bis zu 5.000 € Entschädigung pro Opfer angeboten. In deutschen Krankenhäuser stehen im Schnitt 3,84 € für die Verpflegung der Patienten täglich zur Verfügung. Es gibt also nicht nur einen Pflege- sondern auch einen Verpflegungsnotstand! Die Ozeane sind so warm wie noch nie. Von wegen „Klima-Hysterie“ (Unwort des Jahres). Es ist unfassbar.

Unterwegs nach Gießen mit dem Auto; es ließ sich leider nicht anders organisieren. Der Verkehr fließt stockend. Ich brauche für die 65 km anderthalb Stunden – nicht bloß ich sitze allein im Wagen. Die Rückfahrt läuft besser, und ich komme pünktlich im „Kinopolis“ in der Nähe von Frankfurt an. Zum Glück, denn ich hatte befürchtet, dass „1917“ von Sam Mendes am ersten Tag ein volles Haus hat. Das Gegenteil war der Fall: kurz vor Beginn um 20.10h sind noch 355 Tickets frei. Die Story soll auf einer wahren Begebenheit beruhen. Zwei junge Soldaten müssen sich im Ersten Weltkrieg durch eine verwüstete Landschaft schlagen, um einen wichtigen Befehl des Generals dem Kommandanten eines britischen Regiments zu überbringen. Nur einer kommt durch, unverwundbar wie James Bond (von Mendes stammen „Skyfall“ und „Spectre“) – und genauso unglaubwürdig. Mich erreicht der Film immer weniger, ich schaue mehrmals auf die Uhr. Kein Wunder, dass der Superman (überzeugend: George MacKay) auf der Flucht vor den Kugeln der Deutschen in einen Malstrom gerät und natürlich unbeschadet aus einem reißenden Fluss steigt, mit dem Befehl im Hemde. Warum der Film bei den Golden Globes ausgezeichnet wurde und als Oscar-Kandidat gehandelt wird, verstehe, wer will. „Nachdenken nützt nichts“, heißt es einmal in dieser Hollywood-Produktion. Weniger wäre mehr gewesen.