Das Gesetz bin ich!

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Auf Streife in Montfermeil. Stéphane (Damien Bonnard), Chris (Alexis Manenti) und Gwada (Djibril Zonga) v. l. in dem höchst beeindruckenden Film „Die Wütenden – Les Misérables“ von Ladj Ly. © Wild Bunch Germany GmbH

Wir lieben die Berliner Kiez-Kinos, in denen man noch Filme anschauen kann, die andernorts schon längst nicht mehr laufen, wenn sie dort überhaupt gezeigt wurden. An einem regnerischen Sonntagabend machen wir uns auf zum abgeschrabbelten Bundesplatz-Kino; drei Dutzend Fans – wir sind beileibe nicht die Jüngsten (!) –  wollen „Miles Davis. Birth of the Cool“ sehen. Fassungslos erleben wir, wie der Trompeter vor einem Club, in dem er ein Konzert gibt, von einem rassistischen Cop zusammengeschlagen wird. Seine Kälte und seine sprichwörtliche Arroganz sind eine Reaktion darauf, einer der größten Jazzmusiker des 20. Jahrhunderts bleibt immer auf Distanz: zu anderen Musikern, zum Publikum – und auch zu seinen Frauen. Drogen und Schmerzen begleiten ihn fast das ganze Leben; seine große Liebe Frances verlässt ihn, weil Miles sie in rasender Eifersucht geschlagen hat. Mehrfach ist er am Boden zerstört, immer wieder kommt er zurück. Getrieben erfindet sich der geniale Musiker ein ums andere Mal neu und nimmt Meisterwerke auf. Sein Album „Kind of Blue“ (1959) steht übrigens gerade in den aktuellen deutschen Media Jazzcharts auf Platz 3.

„Das Gesetz bin ich“ – davon ist auch ein französischer Cop in Montfermeil überzeugt. Der Ort liegt in der Nähe von Paris, ein multikultureller Schmelztiegel mit eigenen Regeln & Strukturen. Die zynische, herablassende und menschenverachtende Art dieses Chris widerstrebt seinem neuen, zivilisierten Kollegen Stéphane; der Dritte im Team, der farbige Gwada, steht gewissermaßen zwischen ihnen. Vom ersten Moment an entwickelt Die Wütenden – Les Misérables, der erste Spielfilm von Ladj Ly (er ist in Montfermeil aufgewachsen, seine Familie stammt aus Mali), einen unwiderstehlichen Sog. Eine latente Aggression prägt alle Handlungen – und muss schließlich eskalieren. Zwar endet dieser höchst beeindruckende Film nicht ganz ohne Hoffnung, aber ich verlasse das „Orfeo-Kino“ in Frankfurt ganz benommen und mitgenommen. Selten hat mich ein Film so aufgewühlt, ich denke immer wieder an die Worte von Victor Hugo, die Ladj Ly ans Ende gestellt hat: „Merkt Euch, Freunde! Es gibt weder Unkraut noch schlechte Menschen. Es gibt bloß schlechte Gärtner.“

Kemmerich who? Bis vor zwei Tagen hatte wohl kaum einer vom FDP-Politiker Thomas Kemmerich gehört, der im dritten Wahlgang mit einfacher Mehrheit zum Ministerpräsidenten von Thüringen (2,1 Mio Einwohner) gewählt wurde – mit den Stimmen der AfD. Das ist zwar legal, aber dieses abgekartete Spiel ist nicht legitim und schadet unserer Demokratie. Willentlich & wissentlich haben die Landesverbände von FDP und CDU in Kauf genommen, dass Kemmerich mit den Stimmen der AfD gewählt wurde. Beide Parteien haben wieder einmal bewiesen, dass sie auf dem rechten Auge blind sind und eiern jetzt herum. Zwar will Kemmerich nun zurücktreten, aber für die Krise in Thüringen sind er und die politischen Hasardeure seiner Partei und der CDU unter Mike Mohring verantwortlich. Den Schaden haben wir alle, und die AfD lacht sich ins Fäustchen.

 

Trugbilder

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Puck schwebt über den Elfen: Benjamin Brittens „Sommernachtstraum“ in einer umjubelten Aufführung der Deutschen Oper Berlin. © Bettina Stöß

Premiere in der Komischen Oper Berlin. Eine „letzte Operette der Weimarer Republik“ steht auf dem Programm, von der wir noch nie etwas gehört haben: „Frühlingsstürme“ von Jaromír Weinberger. Die Schmonzette im XXL-Format verdient es trotzdem, aus der Versenkung geholt zu werden. Zehn Tage vor Machtübernahme der Nationalsozialisten, am 20. Januar 1933 war die Premiere im Admiralspalast, am 12. März wurde sie das letzte Mal gespielt. Viele Mitwirkende flohen ins Ausland, viele Lebenswege nahmen einen anderen Verlauf. Jaromír Weinberger, der mit seiner Volksoper „Schwanda, der Dudelsackpfeifer“ (im März wieder in der Komischen Oper) einen Welterfolg landete, nahm sich 1967 in Florida das Leben; man hatte ihn vollkommen vergessen. Mit „Ball im Savoy“ oder „Eine Frau, die weiß, was sie will“ – andere Wiederentdeckungen der Komischen Oper – können die „Frühlingsstürme“ natürlich nicht mithalten, aber die Verbeugung vor  Jaromír Weinberger, dem tschechischen Komponisten jüdischer Abstammung, ist eine noble Geste. Bravo!

Herrliche Pflichten. Tags darauf sitzen wir schon wieder in einer Premiere.: „A Midsummer Night’s Dream“ in der Deutschen Oper Berlin. Man muss wohl Benjamin Britten heißen, um solch ein Werk in neun Monaten zu komponieren. Da die Zeit drängte – die Oper sollte zur Wiedereröffnung der Jubilee Hall in Aldeburgh uraufgeführt werden -, verzichtete Britten auf ein eigenes Libretto und griff auf Shakespeares Komödie zurück. Das bringt zwar ein bisschen Kuddelmuddel, denn der Text musste um die Hälfte gekürzt werden und die Oper beginnt gleich im Elfenland, aber das nimmt dem Werk nicht die Wucht. Für die wunderbare Musik bürgt der Dirigent Donald Runnicles, der Regisseur Ted Huffmann inszeniert sparsam und setzt ein silbergraues Elfenland gegen eine rot ausgeschlagene Bühne, in der Handwerker ihr Possenspiel treiben. Puck schwebt immer wieder munter an Schnüren und stellt am Ende die Frage aller Fragen: „Habet nur geschlummert hier, Und geschaut in Nachtgesichten / Eures eignen Hirnes Dichten.“ Tolle Solisten, tosender Applaus. Ein großer Abend in der Deutschen Oper.

Ausgeträumt haben sie nun auch in Frankfurt – die Internationale Automobil Ausstellung (IAA)  findet dort im nächsten Jahr nicht mehr statt; seit 1953 gehörte diese Leitmesse zur Stadt wie der Ebbelwoi und lockte in Spitzenjahren eine Million Besucher an. Bereits in der Vorrunde war Schluss mit lustig, und nun wird der Tanz um die Karossen in Berlin, Hamburg oder München stattfinden. OB Peter Feldmann trifft dafür keine Schuld, aber wie in der AWO-Affäre machte er wieder keine gute Figur. Hochmut kommt vor dem Fall. Heute ist endlich Brexit. Und morgen beginnen die Verhandlungen mit Smaller Britain. Good Luck.

Wunder gibt es immer wieder

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Weiter geht’s wirklich nicht: „Gummi Guru“ George Faining aus Ghana lässt sich verdrehen. © Günter Hamich

Im Jänner fahre ich immer nach Bad Nauheim. Die Kurstadt im Wetteraukreis hat 32.000 Einwohner und lockt um diese Zeit mit einem außerordentlichen Ereignis. Das Neujahrsvarieté des regionalen Energieanbieters OVAG ist nämlich alles andere als ein Marketingevent, vielmehr kommen Artisten der Weltklasse ins Dolce-Theater. Im 18. Jahr ihres Bestehens meldet die Show wieder tolle Zahlen: 33.500 Zuschauer kommen zu den 49 Shows, um sich von Jongleuren, Gauklern, Gummi- und Kraftmenschen unterhalten zu lassen. Wieder erleben wir unglaubliche Darbietungen, die ich noch nie gesehen habe. Mario Berousek, der schnellste Keulen-Wirbler der Welt, George Faining mit seinen schier unmöglichen Verdrehungen oder der diabolische Magier Aaron Crow, um nur einige aus der Artistenschar dieser Saison zu nennen. Am besten gefällt mir Steve Elegy mit seiner poetisch-ironischen Nummer: „Das Wunder von Bad Nauheim“ verkündet er, bläst die Kerze aus und eine LED-Lampe geht an („wenn die Batterie geht“).

Der Vater des Erfolgs ist ein Frankfurter Bub, einst einer der Gründer der legendären Disco „Funkadelic“. Andreas Matlé hat ein Händchen für Auswahl und Dramaturgie und schon das Programm für die Saison 2021 zusammengestellt – der Vorverkauf läuft prächtig. Solch einen Erfolg muss man auch der Frankfurter Volksbühne wünschen, die nun nicht mehr „fliegen“ muss und endlich, endlich eine feste Bleibe gefunden hat. Der beharrliche Optimist Michael Quast hat es also doch noch geschafft und im umgebauten Cantate-Saal ein schmuckes Quartier gefunden. Wo einst die Ikone des biederen, hessischen Theatergebabbels Liesel Christ zu Hause war, wird jetzt die Frankfurter Volksbühne heimisch: im Großen Hirschgraben 19 mitten in der City. Wegen der hohen Miete, lesen wir auf der Homepage, ist das Theater weiterhin auf Förderer und volles Haus angewiesen. Dieses Mundart-Theater 2.0 hat es wahrhaft verdient. Ei gude!!!

Der amerikanischen Trompeterin Jaimie Branch (ihre Alben „Fly and Die“ und „Fly and Die II“ haben glänzende Kritiken) eilt ein guter Ruf voraus. Bei ihrem Debüt in Frankfurt müssen in den Engelbert-Humperdinck-Saal (Dr. Hoch’s Konservatorium) noch Stühle geschoben werden. Glück gehabt, ich sitze in der Mitte und höre & sehe hervorragend. Die studierte Musikerin kultiviert geschickt ihr Underdog-Image; sie könnte auch als Rapperin durchgehen, die sich einen Dreck um ihr Outfit und ihre Fitness schert. Vom ersten Moment steht diese fat woman wie unter Strom und verspricht Clubbing in zwei Sets. Jaimie Branch spielt nicht nur grandios Trompete, sie singt inzwischen auch und schreibt selbst. Mit einer originell und hervorragend besetzten Band aus Bass, Cello und Schlagzeug verbindet sie New Jazz & Entertainment. Einen Auftritt dieser Marke wird man nicht vergessen. Ich gehe schon vor der Zugabe, Jaimie Branch nickt mir kurz zu. Wenn ich nur mehr Zeit hätte, würde ich mich als Komparse bewerben. Nicht bei der Frankfurter Volksbühne sondern beim BER: der neue Flughafen (geplante Eröffnung am 31.10.20) sucht für den Probebetrieb 20.000 Komparsen. „Wunder gibt es immer wieder“, trällerte einst Katja Ebstein.

Wenik ist mehr

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Schlappen, die keiner mag. © Karl Grünkopf

Endlich mal wieder ins Vabali. Die Saunalandschaft in balinesischer Anmutung hat sich mitten im öden Berliner Bezirk Moabit zu einem echten Anziehungspunkt entwickelt – bereits um 12h sind alle Parkplätze besetzt. Beim letzten Besuch schlüpfte irgendjemand in meine Badelatschen. Dieses Mal habe ich vorgesorgt: meine Schlappen sind einmalig, eine Mischung aus Schloss Elmau und Dritter Welt. Das Relaxen im Vabali hat natürlich seinen Preis, aber es lohnt allemal, dort ein paar Stunden zu entspannen. Am besten gefällt uns der finnische Wenik-Aufguss mit frischen Birkenzweigen. Zwar schlägt man/frau sich damit nicht wechselseitig auf den Rücken, aber die Aufgussmeisterin heizt uns beim Wedeln tüchtig ein. Herrlich! Als wir nach vier Stunden entspannt das Vabali verlassen, warten schon gut zwanzig Leute auf Einlass; es darf immer nur eine bestimmte Anzahl Gäste hinein. Gut so!

Um den allherrschenden Wahnwitz auszuhalten, braucht es schon eine Menge Gelassenheit. Nachrichten am Dienstag im Inforadio. Vor 10 Jahren wurde der Missbrauchsskandal am Canisius-Kolleg in Berlin bekannt. Die Katholische Kirche, die angeblich über ein Vermögen von 270 Milliarden € verfügt, hat bis zu 5.000 € Entschädigung pro Opfer angeboten. In deutschen Krankenhäuser stehen im Schnitt 3,84 € für die Verpflegung der Patienten täglich zur Verfügung. Es gibt also nicht nur einen Pflege- sondern auch einen Verpflegungsnotstand! Die Ozeane sind so warm wie noch nie. Von wegen „Klima-Hysterie“ (Unwort des Jahres). Es ist unfassbar.

Unterwegs nach Gießen mit dem Auto; es ließ sich leider nicht anders organisieren. Der Verkehr fließt stockend. Ich brauche für die 65 km anderthalb Stunden – nicht bloß ich sitze allein im Wagen. Die Rückfahrt läuft besser, und ich komme pünktlich im „Kinopolis“ in der Nähe von Frankfurt an. Zum Glück, denn ich hatte befürchtet, dass „1917“ von Sam Mendes am ersten Tag ein volles Haus hat. Das Gegenteil war der Fall: kurz vor Beginn um 20.10h sind noch 355 Tickets frei. Die Story soll auf einer wahren Begebenheit beruhen. Zwei junge Soldaten müssen sich im Ersten Weltkrieg durch eine verwüstete Landschaft schlagen, um einen wichtigen Befehl des Generals dem Kommandanten eines britischen Regiments zu überbringen. Nur einer kommt durch, unverwundbar wie James Bond (von Mendes stammen „Skyfall“ und „Spectre“) – und genauso unglaubwürdig. Mich erreicht der Film immer weniger, ich schaue mehrmals auf die Uhr. Kein Wunder, dass der Superman (überzeugend: George MacKay) auf der Flucht vor den Kugeln der Deutschen in einen Malstrom gerät und natürlich unbeschadet aus einem reißenden Fluss steigt, mit dem Befehl im Hemde. Warum der Film bei den Golden Globes ausgezeichnet wurde und als Oscar-Kandidat gehandelt wird, verstehe, wer will. „Nachdenken nützt nichts“, heißt es einmal in dieser Hollywood-Produktion. Weniger wäre mehr gewesen.

Platz da

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Lee Krasner „besteht auf ihrem Willen“ und geht ihren Weg. Das Bild eines unbekannten Fotografen entstand 1938 in New York.

Wir gehen lieber in die Oper, ins Theater oder ins Kino als ins Museum. Wir haben überhaupt nichts gegen die Kunst, möchten diese aber nicht in Massen genießen. Während man in den neuen Lichtspielhäusern in bequemen Sesseln sitzt und in den Theaterhäusern immer einen (oft unbequemen) Sitzplatz bekommt, wird man/frau durch erfolgreiche Sonder-Ausstellungen geschoben. Führungen, Audio-Guide-Monaden oder Schulklassen lassen mich vor Museen schaudern. In der FAZ (06.01.20) zeigt ein Foto den Massen-Andrang zur hochgelobten Van-Gogh-Ausstellung im Frankfurter Städel. Ohne mich! Aber die Lee Krasner-Retrospektive in der Schirn auf der anderen Seite des Mains darf‘s schon sein. Erstaunlich viele Besucher*innen interessieren sich für diese Künstlerin, die für den abstrakten Expressionismus in Amerika steht und zeitlebens unbequem blieb. „Diese Studentin“, lesen wir in ihrer Akte, „ist stets eine Plage, besteht auf ihrem eigenen Willen anstatt Schulregeln zu befolgen.“

Ohne die Aufhebung der Regel gibt es keine Innovation, und das gilt natürlich auch für den allherrschenden Common Sense auf den Bühnen. Dagegen hat der im Moment sehr erfolgreiche Schriftsteller Thomas Melle („Welt im Rücken“) eine “Ode“ geschrieben. Diese Auftragsarbeit für das Deutsche Theater Berlin setzt die Regisseurin Lilja Rupprecht grell-bunt und sehr plakativ in Szene. Oft bringt der pure Effekt den klugen Text um seine Wirkung, sodass am Ende ein zwiespältiges Fazit bleibt. „Es lebe die Kunst“ ruft der Schauspieler Alexander Khuon; es bleibt zu hoffen, dass dieser Ruf gegen die selbstgefällige & selbstreferentielle Spielerei nicht ungehört verhallt. Nicht zufällig wird Sandra Hüller für ihre Darstellung des Hamlet im Schauspielhaus Bochum (Regie: Johan Simons) im März mit dem Gertrud-Eysoldt-Ring in Bensheim ausgezeichnet. Brava!!!

Morgen Bochum. Auf nach Bochum also, aber erst sind wir noch mit Frankie verabredet. Im Theater am Potsdamer Platz steht eine Weltpremiere an: „That’s Life. Das Sinatra Musical“. Der schillernde Weltstar wird ratzfatz auf deutsches Musical-Format geschrumpft: holprige Story, aufgesagte Texte, der junge Sinatra singt grottenschlecht, nur ein paar wenige Tanzeinlagen. Der alte Sinatra (Tom Ward) kann die Show auch nicht retten. „‚That’s Life‘ dümpelt leider drei Stunden vor sich hin, ohne wirkliche Highlights“, hören wir von Magdalena Bienert im Inforadio. Bald wird aus dem Theater wieder ein riesiges Kino. Dann ist Berlinale und wir schauen uns freiwillig Filme an, die wir sonst nicht beachten würden. Zum guten Schluss noch ein Glückwunsch zum 40. Geburtstag der Grünen. Servus!

Hurra wir leben noch

 

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Vom Feuerwerk bleibt nur der Müll auf den Straßen Berlins. © Karl Grünkopf

Wieder fand die größte Silvesterparty Deutschlands am Brandenburger Tor statt. Wieder war es der Feinstaub-Tag des Jahres, wieder wurden Rettungskräfte angegriffen. Same procedure as every year. „3065 Notrufe gingen bei der Polizei ein (Vorjahr: 2979)“, bilanziert der Checkpoint des Berliner Tagesspiegels am 02.01.2019, „daraus resultierten 2039 Einsätze (300 mehr als im Vorjahr) – für den Lagedienst ‚der normale Wahnsinn‘. Die Feuerwehr rückte zu 1523 Einsätzen aus, an 617 Orten brannte es. (…) Die ‚gute Nachricht‘ laut Polizei: Trotz vieler Angriffe mit Knallkörpern, Raketen und Schreckschusspistolen gab es ‚keine schwerverletzten Polizisten oder Feuerwehrleute‘.“ Diesen Wahnsinn will scheinbar niemand stoppen, keine Partei oder Initiative möchte als Spaßverderber dastehen; selbst die Deutsche Umwelthilfe mochte nicht gegen einzelne Städte klagen.

Mit 2.000 zusätzlichen Einsatzkräften schaffte es die Berliner Polizei einige sog. Böllerverbotszonen zu behaupten. Lohnt dieser Aufwand, einmal ganz abgesehen von 400 Kubikmetern Silvestermüll auf den Straßen? Angeblich lehnt die Hälfte der deutschen Bevölkerung inzwischen die Böllerei zum Jahreswechsel ab. Warum also nicht beim Verkauf von Feuerwerk jedweder Art die externen Kosten einpreisen? Warum zahlen – wie beim Fußball übrigens auch – alle mit, wenn einige es unbedingt krachen lassen müssen. Wenn schon ein Verbot vorgeblich nicht möglich ist, dann muss eben eine marktwirtschaftliche Lösung her: Feuerwerk muss richtig teuer werden.

Das Empörungsgebell in der „Bild Zeitung“ ist dann jedenfalls garantiert! „Und sobald ein klimaschädliches Produkt oder Verhalten bepreist werden soll“, schrieb mir der gute Pong zu Weihnachten, „hallt ein – geheuchelter – Aufschrei durch die Medienlandschaft, sich mit dem ‚kleinen Mann‘ solidarisierend, dessen Anrecht auf Mallorca-Flüge, eine Kreuzfahrt oder einen Diesel-SUV verteidigend. Dass wir es hier jedoch mit einer Heuchelei zugunsten kapitalistischer Interessen zu tun haben, zeigt sich immer dann, wenn es um die Wahrung echter Interessen des sogenannten kleinen Mannes geht, die Erhöhung des Mindestlohns, die Einführung eines gerechten Renten- und Steuersystems – alles Maßnahmen, die hierzulande seit Jahrzehnten im Interesse des Kapitalismus torpediert werden.“ Eine Empörung über die Silvesterfeiern in Sydney steht uns jedenfalls nicht an. Gutes Neues!

Stoppt den Wahnsinn!

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Thomas Ostermeier inszeniert an der Berliner schaubühne „Jugend ohne Gott“ von Ödön von Horvath. © Arno Declair

Vor zwei Wochen habe ich die neuerliche Debatte um das Tempo-Limit auf deutschen Autobahnen angestoßen, die nun von der neuen SPD-Vorsitzenden Saskia Esken vehement vorangetrieben wird. Gut so! Natürlich meldet sich reflexartig die deutsche Autolobby zu Wort, allen voran Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (warum ist der eigentlich immer noch im Amt?), FDP-Chef Christian Lindner und natürlich wie immer die FAZ. Die ewig alten Argumente werden bemüht, dabei gibt es zum Wahnsinn auf deutschen Autobahnen vernünftigerweise keine Alternative als ein Tempo-Limit. Der Verkehr rollt gleichmäßiger, und wir können, ohne einen Cent mehr auszugeben, ca. 5 Mio. Tonnen COeinsparen. Aber die Auto-Narren halten mit ihren Argumenten von gestern am deutschen Sonderweg in Europa fest. Freie Fahrt für freie Bürger.

Wahn, Wahn, Wahn, wohin man auch blickt. Eines der „Bilder des Jahres“ zeigt einen Stau ganz anderer Art: Bergsteiger bilden eine lange Kette beim Anstieg auf den Mount Everest. Der höchste Punkt der Welt als touristischer Hot Spot. Das hätten sich Edmund Hillary und Tenzing Norgay nach ihrer Erstbesteigung am 29. Mai 1953 wohl nicht einmal albträumen lassen. Nicht minder schockierend ist der Müllexportismus nach Malaysia, über den heuer mehrfach berichtet wurde. Brav trennen wir den Müll und schmeißen alles Plastik in die Gelbe Tonne. Warum eigentlich? 130.000 Tonnen wurden 2018 nach Malaysia verschifft (DB mobil 11/2019)! Problem für uns gelöst, alles so schön getrennt hier.

Für die Populisten dieser geschundenen Welt gibt es keine Erderwärmung und natürlich auch sonst keine Probleme, für die wir verantwortlich sind. Allenthalben ist vom Zusammenbruch der Demokratie und der Zivilgesellschaft die Rede. Das ist auch Thema des Romans „Jugend ohne Gott“ von Ödön von Horvath. Der Schriftsteller, der bis Mitte der 1930er Jahre unter Pseudonym weiter im Nationalsozialismus publizierte, verarbeitet darin seine eigene Geschichte, enthistorisiert sie aber gleichzeitig. „Jugend ohne Gott“ spielt in einer nicht näher bestimmten Diktatur und verhandelt dort das Dilemma Anpassung und Zivilcourage. Thomas Ostermeier setzt die Vorlage in der Berliner schaubühne getreulich um, aber ihm gelingt keine dringend gebotene Aktualisierung. Der Rechtspopulismus ist schon viel wirkmächtiger in Deutschland als diese Aufführung erzählt. Das ist nicht bloß das Problem des Theaters!

Zeitmaschine

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Die Hoffnung stirbt zuletzt: Daniel Auteuil in „Die schönste Zeit unseres Lebens“. © Constantin Film Verleih GmbH

Schön war die Jugend, sie kehrt nie mehr zurück, sangen die Großeltern einer Freundin glück- und weinselig. 1974 konnte ich mit diesem Lied nicht viel anfangen. Die Jugend war jetzt, das Abi in der Tasche. Würde ich mich auch auf das Spiel einlassen, mich in eine Zeit meiner Wahl zurückbeamen zu lassen. In eine perfekt nachempfundene Kulisse, mit Schauspieler*innen, die das Leben meiner Freunde darstellen. Aus dieser Illusion wird eine neue Realität, wie der wunderbar leichte, wunderbar tiefe Film „Die schönste Zeit unseres Lebens“ von Nicolas Bedos erzählt. Zurück auf Los geht aber nicht, die verführerische Flamme (Doria Tillier) von einst ist eine Schauspielerin, die ihren Job macht. Victor (Daniel Auteuil) besinnt sich auf die Hoffnungen seiner Jugend: aus einem resignierten Zausel wird wieder ein neugieriger, lebensbejahender Mann. Der Zauber von einst kehrt zurück; auch das schöne Hippiemädchen, das seine Frau (Fanny Ardant) wurde. Beschwingt verlassen wir den Berliner Zoo-Palast: solche Filme kriegen wir Grübler nicht hin, aber die Franzosen. Bravo für den poetischsten Film des Jahres!

Mit einem Konzert des derzeit von Erfolg zu Erfolg spielenden Pianisten Michael Wollny hat das musikalische Jahr begonnen, mit einem viertägigen Gastspiel seines Special Projects im Berliner „A-Trane“ endet es. Vor Wochen schon hatte ich Karten bestellt und für das dritte Konzert doch nur Stehplätze (35 €) bekommen. Dicht drängt sich das Publikum, es wird immer schwüler. Kurz vor der Pause reiße ich meinen Pullover runter – und flüchte schweißgebadet durch die Menge ins Freie. Endlich Luft, endlich Besinnung – und Enttäuschung. Denn Wollny – ohne Frage der vielseitigste Musiker der aktuellen Szene – setzt bei diesem Auftritt zu sehr auf Synthesizer & Rechner und spielt kaum Klavier. Christian Lillinger, der Schlagzeuger der Stunde, hat damit kein Problem; auch Tim Lefebvre (E.Bass) behauptet sich mühelos im Maschinengebrodel, das auf Dauer sehr monoton wird. Der wunderbare Sopransaxophonist Emile Parisien kann sich dagegen nicht behaupten. Schade!

Wir können nicht bis zum Ende bleiben und bedauern es nicht. Vor genau drei Jahren saßen wir im „Haus der Berliner Festspiele“ und sahen das Stück „Palermo. Palermo“ von Pina Bausch. „Nach der Pause“, notierte ich damals, „kam die Wirklichkeit ins Theater. In Windeseile verbreitete sich im Publikum die Nachricht vom Terroranschlag auf dem Breitscheidplatz, den ich per Rad um 16.30h passiert hatte. Unruhe. Einige verlassen die Vorstellung. ‚Es sind neun Menschen gestorben‘, rief eine junge Frau empört und ging. Andere folgen. ‚Palermo. Palermo‘ erreichte mich noch weniger. Zumindest die Szene mit Pistolen hätte man spontan streichen sollen. Nach der Vorstellung sprach der Intendant Thomas Oberender (ein bisschen zu viel), und das Publikum schwieg. Niemand hustete. Danach der mediale Overflow. Wie immer. Wir müssen weiter leben. Wir wollen weiter leben. So!“ Morgen ist der kürzeste Tag des Jahres. Wieder einmal.

Ende einer Welt

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Trutzburg einer Welt von gestern direkt an der vierspurigen Bundesallee in Berlin-Wilmersdorf.© Karl Grünkopf

„Angesichts der unverantwortlichen Haltung, die der ADAC bei der Diskussion um eine Tempolimitierung auf den Bundesautobahnen einnimmt, ist mir eine weitere Mitgliedschaft in Ihrem Club aus moralischen Gründen nicht möglich.“ Mein Schreiben datiert vom 28.02.1974 und wurde vom ADAC wortreich beantwortet. Überzeugen konnten mich die Argumente nicht, und seither bekomme ich auch die ADAC Motorwelt nicht mehr zugeschickt. Die findet jetzt kein Mitglied mehr in seinem Briefkasten. Im neuen Jahr gibt’s das Zentralorgan der Automobilisten nur noch einmal im Quartal; dafür müssen die in einen Netto-Markt oder in eine Clubfiliale fahren: dort können sie ihr Magazin dann abholen. Damit einher geht eine massive Reduzierung der Auflagen. Der reiche Verein muss sparen.

Ging es damals um die Sicherheit im Straßenverkehr, geht es heute in erster Linie um die  Umwelt. Greenpeace schätzt, dass mit einem Tempolimit in Deutschland bis zu 5 Millionen Tonnen COeingespart werden können, ohne dass diese Maßnahme auch nur einen Cent kosten würde. Was den Amerikanern die Schusswaffen, sind den Deutschen ihre schnellen Autos. Selbst Die Grünen wollen diese heilige Kuh nicht ernsthaft schlachten, niemand traut sich, diesen deutschen Sonderweg zu beenden, die Auto-Kanzlerin erst recht nicht. In allen anderen Ländern dieser Welt rollt der Verkehr entspannter & klimafreundlicher, wir rollen bei Fahrten im Ausland einfach mit und finden es dann ganz toll.

Für eine Reduzierung des CO2-Verbrauchs sind mittlerweile alle: es soll sich nur nichts ändern, und kosten darf es auch nichts. Natürlich auch die Freunde von der SPD, die traditionell gute Beziehungen zur Arbeiterwohlfahrt (AWO) pflegen. Die unglaublichen Verhältnisse in den Kreisverbänden Frankfurt und Wiesbaden erschüttern derzeit die Glaubwürdigkeit dieses Verbandes der Freien Wohlfahrtspflege im Rhein-Main-Gebiet – und finden bundesweit Beachtung. Ohnehin schon fürstlich entlohnte Führungskäfte bekamen noch Dienstwagen mit vielen hundert PS gestellt und schrieben nebenbei noch fette Honorar-Rechnungen. Auch die Frau des Frankfurter OB Peter Feldmann, der seine Brötchen einst bei der AWO verdiente, profitiert von dieser Wohlfahrt in eigener Sache. Ihr Gehalt als Leiterin einer KITA ist überdurchschnittlich hoch, und sie fährt einen Dienstwagen; davon will ihr Mann überhaupt nichts bemerkt haben.  Sein SPD-Kollege in Hannover, Stefan Schostok, ist über eine ähnliche Affäre gestolpert und muss jetzt seinen Ruhestand genießen. Hochmut kommt vor dem Fall. Welcome to Small Britain, Mr. Johnson!

Vom Weg abgekommen

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Die Hoffnung stirbt zuletzt. „Glauben an die Möglichkeiten der völligen Erneuerung der Welt“ im Friedrichstadt-Palast. © William Minke

Die Premiere am 6. März 1853 in Venedig muss ein unglaubliches Ereignis gewesen sein: eine Kurtisane mit Tuberkulose in der Hauptrolle. Nach anfangs mäßigem Zuspruch hat sich Giuseppe Verdis Oper „La Traviata“ zu einer der erfolgreichsten Musikdramen aller Zeiten entwickelt; jede*r hat die Ohrwürmer dieses Werkes schon einmal gehört. Um so größer sind die Erwartungen an eine Neuinszenierung; in der Komischen Oper Berlin fällt der Regisseurin Nicola Raab allerdings nicht viel ein. Violetta ist eine Sexarbeiterin, die sich in den Stoff der Vergangenheit träumt. Ein paar Rechner & Handys als Symbole unserer Zeit, ansonsten singen & spielen alle nebeneinander – ohne erkennbare Regie. So spielt auch das Orchester an diesem Abend – ohne Feuer & Leidenschaft. Violetta (Natalya Pavlova) und Giorgio (Günter Papendell) singen wunderbar, können aber eine Inszenierung nicht retten, die von Beginn an vom Weg abgekommen ist.

Um so gespannter sind wir auf „Glauben an die Möglichkeiten der völligen Erneuerung der Welt“ im Friedrichstadt-Palast Berlin. Auf der riesigen Bühne haben der künftige Intendant der Berliner Volksbühne René Pollesch, den man gemeinhin dem Diskurstheater zuschlägt, und der Schauspieler Fabian Hinrichs ein Stück mit Tänzer*innen inszeniert. Im goldigen Einteiler monologisiert er über eine fürchterliche Kindheit und eine nicht minder deprimierende Jetztzeit – „der Kapitalismus ist auch kein Zuhause“. Wer wollte solch trivialen Einsichten, die jeder Dorfkabarettist witziger auf den Punkt bringt, widersprechen. Mal gruppiert sich um Hinrichs die Chorus Line des Friedrichstadt-Palastes, mal darf man über die Bühnentechnik staunen, am Ende schwebt er durch den Raum und findet in der Apotheose des Lichtes doch noch Hoffnung. Banaler geht’s nimmer, und das Publikum klatscht zufrieden im voll besetzten Haus (bis Januar sind alle Termine ausverkauft).

Klima oder Kohle. Quo vadis SPD? Da ich diese Zeilen schreibe, ist die neue Doppelspitze mit Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans schon gewählt. Sie haben sich bekanntlich in einem quälend langwierigen Verfahren durchgesetzt. Von Aufbruchstimmung geht jetzt die Rede, man sei eine Volkspartei und strebe bei der nächsten Bundestagswahl über 30% an. Von wem die kommen sollen, steht dahin, wenn sich schon bei der Mitgliederbefragung zur Besetzung der Parteispitze nur die Hälfte beteiligen wollte. Die SPD hat die Lehrerzimmer an die Grünen verloren und die Werkbänke an die AfD, analysiert der FDP-Vorsitzende Christian Lindner schonungslos. Genau das ist das Problem der guten, alten Tante SPD: Ist sie die Partei der kleinen Leute oder der urbanen Eliten. Wer nicht weiß, wie er über die Runden kommt, dem ist das Klima egal. Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral. Da hat Bertolt Brecht einmal recht gehabt.