Irgendwann hört der Spaß auf

Die 5 glorreichen Sieben in der Bar jeder Vernunft
Schräg & überdreht: Katharina Thalbach läßt es richtig krachen. © Barbara Braun / BAR JEDER VERNUNFT

Wieder mal in die „Bar jeder Vernunft“. Eine Premiere steht auf dem Programm: „Die 5 glorreichen Sieben“, eine trashige Western-Show von fünf Frauen. Sie wollen es krachen lassen wie die Kerle und sich einen Herzenswunsch erfüllen. Die sog. Story, über die man getrost hinweggehen kann, beginnt schwerfällig, die Überleitungen zwischen den Songs kommen hölzern und krampfhaft witzig daher – bald sitze ich in einem Karl-May-Film. Dabei gibt es durchaus ein paar tolle Momente, etwa wenn Katharina Thalbach „I was born“ herrlich schräg & überdreht anstimmt; Anna Mateur und Meret Becker können neben dem alten Zirkuspferd durchaus bestehen. Nach der Pause hat das Quintett aber einen kompletten Blackout. Anders lässt sich die Szene im Bordell voller Zoten im Klartext nicht erklären. Plötzlich sind wir im falschen Film, und es läuft eine sog. Sexkomödie von Alois Brummer. Zum Glück geht’s bald wieder mit Karl May weiter – bis zum umjubelten Finale. Es genügt, wenn’s vergnügt. Die Show läuft noch bis zum 17. November und ist restlos ausverkauft. I’m amazed!

Leicht kann aus Spaß blutiger Ernst werden, wenn ewige Demütigungen & Erniedrigungen plötzlich in Gewalt umschlagen. Das Indianerspiel in einer Seouler Luxusvilla endet tödlich für den Besitzer, aber der Film „Parasite“ – heuer ausgezeichnet mit der Goldenen Palme in Cannes – verheißt den Underdogs aus der Unterstadt dennoch keinerlei Hoffnung. „Der Aufstieg ist ausgeschlossen, das ist reines Phantasma“, befindet der Regisseur Bomg Joon-ho über die zementierten Klassenverhältnisse in Südkorea; seine Diagnose scheint auf spätkapitalistische Gesellschaften insgesamt zu passen. Auch „Joker“ (sensationell gespielt von Joaquín Phoenix) besitzt von Anfang an keine Chance. Die durch ihn inspirierte Revolte der Clowns hat keine Perspektive. Der Joker sitzt am Ende wieder in der Psychiatrie und lacht irrwitzig. Womöglich ist das die letzte Geste des Widerstands. Wir alle leben weiter, über unsere Verhältnisse und auf Kosten der Zukunft.

Trotzdem können wir uns noch immer freuen, etwa wenn der Entertainer Rick Maverick als Elvis-Double eine Hochzeitsgesellschaft aufmischt, alldieweil in Berlin das JazzFest 2019 spektakulär im Martin-Gropius-Bau von Anthony Braxton eröffnet wird. Ich habe meinen Jazzfreund Werner van Treeck gebeten, seine Eindrücke dieses Events wiederzugeben. Er hat vor einiger Zeit „Dummheit – Eine unendliche Geschichte“ im Reclam Verlag veröffentlicht und ist ein profunder Musikkenner. „Anthony Braxton gehört zur ersten (Gründungs-)Generation der Association for the Advancement of Creative Musicians (AACM) in Chicago. Erste Aufnahmen gab es 1967/68 (bei Delmark), und 1969 (mit Gunter Hampel und Willem Breuker bei Birth Records); seitdem eine fünfzigjährige, nicht mehr überschaubare Produktivität in einer eigenwilligen Personalstil-Entwicklung im Rahmen vorwiegend frei improvisierter Musik, auf der Grundlage von rund 500 Kompositionen. Eine Art Synthese dieser Musik stellt das ‚Sonic Genome‘ dar, das in rund 6 Stunden mit etwa 60 MusikerInnen im Gropius Bau aufgeführt wurde: Eine hybride Konstruktion, gespielt zunächst vom gesamten Orchester, dann in wechselnden Konstellationen und Besetzungen im gleichen Atrium oder in verschiedenen Räumen, zwischen diesen wandernd, sich neu zusammensetzend, nach groben Verabredungen, doch frei entschieden von MusikerInnen… und Zuhörern, die ebenfalls zwischen Gruppen und Räumen sich frei bewegen und zwischendurch auch zum wieder vereinigten Gesamtorchester zurückkehren. Was für den Komponisten und seine MusikerInnen eine enorme Herausforderung ist, ist dies erst recht für das Auditorium: Wer überblickt 500 Kompositionen oder auch nur Teile davon, stiftet Beziehungen zwischen ihnen, vermag so etwas wie eine Synthese über die ganze Spielzeit nachzuvollziehen? So faszinierend das Projekt ist, so zufällig und willkürlich erscheinen die ausgewählten und erwanderten Klangerlebnisse. Vielleicht muß man sich von traditionellen Werkvorstellungen lösen, vielleicht ist dies ein Vorgriff auf eine musica perennis.“ Alles ist möglich, aber ein Ziel gibt es nicht. Da gratulieren wir noch rasch der alten Dame FAZ, die heute ihren 70. Geburtstag feiert. Zumindest dieses Ziel wurde erreicht.

Gambler

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Kein Erfolg bei den lustigen Weibern: Falstaff wird verhöhnt und vertrieben. © Monika Rittershaus

Stößchen! „Die lustigen Weiber von Windsor“ sind Nachbarinnen in spießigen Doppelhaushälften irgendwo im Nirgendwo deutscher Vorstädte; das Bühnenbild passt trefflich ins trutschige Ambiente der Berliner Staatsoper Unter den Linden. Genau dort hatte das Erfolgsstück von Otto Nicolai, dessen Story so unterhaltsam ist wie eh und je, am 9. März 1849 Premiere. Der tapsige Falstaff – herrlich René Pape im Fat-Kostüm mit gewaltigem Schmerbauch – stellt den lustigen Weibern nach und wird nach Herzenslust bloß gestellt. Der Regisseur David Bötsch setzt ganz auf Trash, so dass man glaubt, im falschen Haus zu sein: nicht in der Staatsoper, sondern in der Komischen, die ihre Saison mit „The Bassarids“ eröffnete; selbst das Satyrspiel inszeniert Barrie Kosky dort ohne seine Ledermännchen. Die wunderbaren Sänger*innen in der Staatsoper – allen voran Michael Volle und Anna Prohaska – haben sichtlich Freude in diesem Schwank, den der junge Dirigent Thomas Guggeis musikalisch souverän zusammenhält.

Ein Gambler ganz anderer Art ist die lebende Legende John McLaughlin. Der Meistergitarrist, geboren am 4. Januar 1942 in Yorkshire, hat Musikgeschichte geschrieben. Er war beim Geniestreich „Bitches Brew“ von Miles Davis dabei und hat dann selbst mit seinem Mahavishnu-Orchester die Fusion von Jazz und Rock vorangetrieben und durch seine Shakti-Alben mit indischen Partnern neue Welten erkundet; nicht zu vergessen natürlich das legendäre Konzert 1981 „Friday Night in San Francisco“ mit Paco de Lucia und Al di Melos. Meine Erwartungen an das Konzert des Meisters in der Darmstädter Centralstadion sind hoch – zu hoch. John McLaughlin & The 4th Dimension spielen prima, aber es fehlen die magischen Momente. Die sind zum Glück auf „The Inner Mounting Flame“ oder einer meiner Lieblingsaufnahmen von John McLaughlin „Extrapolation“ (1969) für immer festgehalten.

Damals war der Magier Harry Keaton noch nicht auf dieser Welt, und ich konnte natürlich nicht wissen, dass ich ihn einmal im kleinen Wiesbadener Thalhaus Theater erleben würde. Eigentlich ist er auch ein Gambler, der bei jedem Auftritt seinen Ruf riskiert. Nicht seine Zaubertricks verblüffen mich am meisten, sondern seine Mental-Magie. Wie schafft der Kerl es nur, sich 30 Begriffe (u.a. Sollbruchstellenverursacher), die wir Zuschauer aufschreiben durften, in der richtigen Reihenfolge zu merken? Wie kann einer in einer Rede plötzlich einen, zuletzt sogar 4 Buchstaben weglassen, so dass eine beeindruckende dadaistische Suada ohne Sinn entsteht? Würden solche Tricks einem Boris Johnson helfen, der bis jetzt noch jede Abstimmung im Unterhaus verloren hat? „Och, och, och“, rufen wir mit Harry und staunen über das immer neue Vexierbild Brexit. Good luck!

Wer bin ich?

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Versöhnung ausgeschlossen: Der großartige Bariton Günter Papendell (links) steht für das Apollinische und Dionysus Sean Panikkar. © Monika Rittershaus

Wieder eine spektakuläre Premiere in der Komischen Oper Berlin. Nach „Moses und Aron“ von Arnold Schönberg 2015 haben sich Barrie Kosky (Regie) und Vladimir Jurowski (musikalische Leitung) nun mit einem ähnlich komplexen Werk beschäftigt: Hans Werner Henzes 1966 entstandene Oper „The Bassarids“. Das selten gespielte Werk ist das Ereignis der noch jungen Saison! Nur ein Teil des Orchesters sitzt im Graben, einige Musiker spielen in den Rängen, die anderen teilen sich die Bühne mit dem Chor. Das Licht im Saal bleibt während der Aufführung an, wir erleben „The Bassarids“ (gesungen wird auf Englisch) als Zuschauer und als Beteiligte. Vordergründig geht es um den ewigen Konflikt zwischen dem Apollinischen und dem Dionysischen, doch in der griechischen Mythologie ist nichts eindeutig, trägt noch jeder eine geheime Schuld oder ein unbekanntes Schicksal. Ganz am Ende geht das Licht doch aus. Auf einem über die ersten Reihen gelegten Steg steht Dionysus (grandios der Tenor Sean Panikkar) ringt mit den Händen, verdreht die Augen und atmet nur noch. Dieser Sieger ist auch ein Besiegter seines Schicksals. Wir sind gebannt, als das Licht wieder angeht. Begeisterter Applaus für alle Mitwirkenden dieser Aufführung der Extraklasse!

Zwei Tage später treffe ich in Mainz meinen Freund Elektro-Putzi. Wir kennen uns seit fünfzig (!) Jahren, aber diesen Namen habe ich noch nie gehört. Das Gespräch sprudelt und springt durch die Jahre – wir erinnern & vergewissern uns miteinander. Das Restaurant „Como Lario“, in dem wir wieder hocken, wurde als erstes ausländisches Restaurant in Mainz 1962 eröffnet; hier bei Bruno futterte einst Ministerpräsident Helmut Kohl Pasta, und hier haben wir manche große Pizza verzehrt. Noch einen Wein in der Altstadt, und die Wege der Freunde & Nomaden trennen sich wieder. Elektro-Putzi. Herrliches Kinderwort. So nannte er sich, wenn irgend etwas automatisch aufging.

Wer bin ich? fragt sich auch Amphitryon im gleichnamigen Stück von Molière, das wir in einer Inszenierung von Herbert Fritsch an der Berliner Schaubühne erleben. Aus einem „raffinierten, bitterbösen Spiel um Schein und Sein“ (Monatsprogramm) wird da allemal ein harmlos bunter Theaterabend, der ohne Nachhall bleibt, was keinesfalls gegen die Schauspieler*innen gemünzt ist. Sie gehören teils schon lange zur lustigen Fritsch-Schar, in die sich Joachim Meyerhoff – er ist neu an der Schaubühne – trefflich einreiht. Während es in der Komischen Oper um Leben und Tod geht, wird die Identitätsfrage am Ku’damm verjuxt. Bitterernst geht es dagegen morgen im britischen Unterhaus zu. wenn es zum Schwur über den Brexit kommt. Hätte Shakespeare solch ein Stück schreiben können?

 

 

 

 

Wiener Welten

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Die Freunde des Mobilvereins in der Pause bei ihrer Lieblingsbeschäftigung. © Gitti Grünkopf

In schöner Regelmäßigkeit wird Wien zur lebenswertesten Stadt der Welt gewählt. Es braucht nur ein paar Stunden, um diese Wahl persönlich zu überprüfen. Wie an Flughäfen gibt es am Hauptbahnhof bequeme Sitzgruppen; überhaupt gibt es in Wien viele Möglichkeiten, im sog. Öffentlichen Raum zu rasten & zu entspannen. Unsere Hoteliers schätzen durchaus Berlin, aber in ihrer Stadt sei es weniger hektisch, das Leben verlaufe ruhiger hier. Das spüren wir sofort und lassen uns treiben. Ein lebendiger Einzelhandel fällt auf, es gibt wenige Filialisten mit dem immer gleichen Angebot, die deutsche Städte und ihre Fußgängerzonen so monoton machen. Im Viertel Neubau entdecken wir gleich mehrere Fotogeschäfte; unweit des Hotels hat sich eines davon ganz auf Leica spezialisiert. Wenn wir mit der Straßenbahn 49 ins Zentrum fahren – das Netz des ÖPNV ist hervorragend -, kommen wir an winzigen Lädchen mit Antiquitäten & Kruschtel vorbei, entdecken witzige Boutiquen und verlockende Restaurants.

Alles so schön cool wie in Schöneberg, aber Wien ist natürlich auch ein Hotspot für Touris aus aller Welt. Und die buchen im Package den Goldenen Saal des Musikvereins gleich mit, dessen Akustik in aller Welt gelobt wird. Dieses Erlebnis wollten wir uns nicht entgehen lassen und kauften schon im Mai die Katze im Sack. Denn zu diesem Zeitpunkt lag das Programm noch nicht vor. Ein Best-of-Mozart erwartet uns auf harten, unbequemen Stühlen für 50 € das Stück auf dem Balkon; zum Abschluss dann natürlich noch die „Schöne Blaue Donau“ und der „Radetzky-Marsch“. Oha! Ein Konzert, das wir nicht vergessen werden. Nicht wegen der recht ordentlich gespielten Musik, natürlich in Rokoko-Kostümen, sondern wegen der vielen Besucher aus Asien. Sie scheint das Konzert kaum zu interessieren; unablässig sind sie mit ihren Smart-Phones zu Gange, obwohl auf japanisch und chinesisch darauf hingewiesen wurde, das digitale Alter Ego auszuschalten. Die Mädels an der Tür kommen kaum nach mit Ermahnungen und müssen kurz vor dem Ende des Konzerts ganze Horden ziehen lassen, die den Saal verlassen. Draußen warten schon die Gruppen-Fähnchen und Busse. Weiter geht’s zum nächsten Hotspot.

Wie unsere sympathischen Hoteliers verlassen wir am Wochenende wieder die beste Stadt aller Welten. Unser Hotspot heißt Dürnstein. Dort haben wir uns mit den lieben Pongs auf einige Tage in der Wachau verabredet. Das Publikum von gestern hätte sicher an den schrecklichen Kitschläden im Ort seine Freude gehabt, wir steigen hinauf zur Ruine hoch über der Donau. Damals war die Burg schier unbezwingbar, man hätte die Bewohner allenfalls aushungern können. Hier wurde einst der König von England, Richard Löwenherz, gefangen gehalten, und eine rührende Geschichte rankt sich um seine Befreiung. Der Minnesänger Blondel sei von Burg zu Burg gezogen und habe dabei immer das Lied angestimmt, das sein Herr so liebte. Und tatsächlich erklang eines Tages aus einem Kerker die zweite Strophe… In Wahrheit wurde damals von England ein horrendes Lösegeld für Richard bezahlt; singen musste dafür keiner. Fake News gab es schon, als Social Media noch in ferner Zukunft lag. Servus!

Vienna Calling

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Das Warten lohnt sich. Das legendäre Caféhaus hat seinen Charme bewahren können. ©️ Karl Grünkopf

Eine Fahrt mit dem Nachtzug der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) ist ein Erlebnis der ganz besonderen Art. Wir treffen uns in Berlin-Gesundbrunnen direkt am Gleis – um 18.36h startet der Nightjet nach Wien. Mit Mühe wuchten wir unser Gepäck in die Kabine und sind doch angenehm überrascht. Wasser steht bereit und kurz nach der Abfahrt überrascht uns der Service mit zwei Piccolo Frizzante und wünscht eine angenehme Reise. Wir zuckeln gemütlich gen Osten, denn der Nachtzug fährt über Polen und Tschechien nach Wien. In Frankfurt/Oder ist Schluss mit Zuckeln: Personen im Gleis meldet die App. Hinter vorgehaltener Hand steckt uns aber die österreichische Zugchefin, dass wir auf den polnischen Lokführer warten müssen. Denn nur er kenne die Strecke und nur er dürfe fahren.

Sei‘s drum. Wir hören Chopin, trinken Roten und futtern. Gegen 22 Uhr werden die Betten gemacht, wir üben uns auf winzigem Raum als Bad-Artisten. Licht aus, ohne eine Zeile zu lesen. Wir schlafen erstaunlich gut, bekommen die vielen Zwischenhalte überhaupt nicht mit – bis auf Bohumín (Tschechien) nachts kurz vor vier. Um 6.30h weckt uns der Nachtschaffner und möchte das Frühstück bringen. Nach der Akrobatik in der Nasszelle reicht es nur zu einem Tee, rasch klauben wir die Sachen zusammen und verlassen natürlich als Letzte den Zug. Im Wiener Hauptbahnhof gibt‘s einen Yoghurt, dann mit der Straßenbahn zum Hotel Schreiners. Das Inhaber-Ehepaar begrüßt uns freundlich mit Handschlag, und wir wissen im gleichen Moment, dass wir wiederkommen.

Spiegeleier fein dann im Café Central. Der touristische Hot-Spot, einst ein Treffpunkt der Wiener Literaten, überrascht mit schier unverwüstlichem Charme. Der Schriftsteller Peter Altenberg gab die Adresse dieses Caféhauses gleich als seine eigene aus. Abends natürlich ins Theater. Eine Bearbeitung von Gerhart Hauptmanns „sozialem Drama“ im Akademietheater klingt vielversprechend. Bei der Uraufführung vor 130 Jahren in Berlin gab es einen veritablen Theaterskandal, der den Autor schlagartig bekannt machte. In Wien setzt man auf die Modernisierung des Dramas nach Gerhart Hauptmann. Ewald Palmetshofer hat die Vorlage gewissermaßen prosaisiert: statt dramatischer Konflikte gibt‘s endloses Gerede & Gewese. Wir sitzen auf dem Balkon schlechter als bei Ryan Air, und die 135 Minuten ohne Pause ziehen sich endlos hin. Macht bloß Theater! habe ich mir in diesem Jahr schon häufiger gewünscht. Wieder vergeblich!

Per Schiff zur Show

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Kopf runter zur Doppelgänger-Show. © Rolf Hiller

Abfahrt zu einer Überraschungstour der ganz besonderen Art. Wir gehen an der Schlossbrücke Charlottenburg  an Bord und fahren mit dem voll besetzten Ausflugsdampfer auf der Spree durch das alte und neue Berlin, sehen großartige Gründerzeitgebäude, die monotone Schießscharten-Architektur am Hauptbahnhof, das spektakuläre Kanzleramt, die Museumsinsel, das Humboldt-Forum aus Beton mit der angepappten Fassade und die einfallslosen Funktionsbauten am sog. Mercedes-Benz-Platz. Alles so schön clean hier, wa! 30 km lang ist unsere Reise, wir passieren 70 Brücken und zwei Schleusen und werden mit jovialen Hinweisen & Sprüchen unterhalten. Mehrmals werden die Gäste aufgefordert, unbedingt sitzen zu bleiben – so knapp geht’s unter den Brücken hindurch. Am Ende unserer Passage muss noch einmal die Kapitänskabine abgesenkt werden, sonst wären wir an einer Brücke hängengeblieben.

Weil unser Pott auf dem engen Neuköllner Schifffahrtskanal nicht drehen kann, erreichen wir die Endstation im Rückwärtsgang: das Hotel Estrel. Wow, da wollte ich schon immer mal hin! Mit 1.125 Zimmern Deutschlands größtes Haus, eine riesige Anlage mit einem Veranstaltungsraum für über 5.000 Besucher und einem eigenen Show-Programm.  Gnocchis & Bier zur Stärkung und schon sitzen wir in der berühmten Doppelgänger-Show mit den angeblich besten Doubles der Welt. Rod Stewart 2.0 macht seine Sache ordentlich, Madonna taugt besser zur Kirmes, aber die Blues Brothers sind wirklich spitze; das Publikum bekommt die Hits und klatscht zufrieden.

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Erfolg in Las Vegas: Brain-Man Harry Keaton verblüfft in der Show „Fool Us“ nicht bloß die Moderatorin Alyson Hannigan. © CW Television

Normalerweise sind die Ansagen der Show in die professionelle Video-Collage integriert; die Band und die Gogo-Girls sind natürlich echt wie die Doubles. Einmal hat dort der Magier Harry Keaton moderiert, der kürzlich in Las Vegas für einen spektakulären Trick ausgezeichnet wurde, den die Hohepriester der Zauberei Penn & Teller in ihrer TV-Show „Fool Us“ vergeben – bitte unbedingt anschauen! Ich treffe ihn in seiner  magischen Halle in einem Offenbacher Hinterhof. Der Bursche hat’s einfach drauf und verblüfft mich ein ums andere Mal, obwohl ich doch unmittelbar neben ihm sitze. Harry zeigt mir das Buch „Pi to 100.000 Decimal Places“ Ich solle ihm ein besonderes Datum nennen. Kein Problem: 26.11.. Der Magier scheint die Ziffernfolge zu speichern, bittet mich, die Seite 185 aufzuschlagen, und weist mich auf die zweite Zahl in der sechsten Zeile hin: eine 2. Es folgen 6 und 11. Harry kann mir sämtliche Zahlen bis ans Ende der Seite richtig nennen. Ich falle vom Stuhl vor Verblüffung und werde mir unbedingt seine Show „The Brain“ anschauen, mit der er im nächsten Jahr auf Tour gehen will. Wie geht dem bloß, Brain-Main?

Clara 200

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Begeisterter Applaus: Am 200. Geburtstag von Clara Schumann geben Johanna Knauth und Thorsten Kaledwei ein wunderschönes Konzert. Im Hintergrund das Gemälde „Im Garten des Lepus“ von Torsten Schlüter. © Gitti Grünkopf

Was für ein Glück! „Secret Love. Lieder und Klaviermusik zum 200. Geburtstag von Clara Schumann“ haben die Sopranistin Johanna Knauth und Thorsten Kaldewei (Klavier) ihr Programm überschrieben. Just am Geburtstag findet eine Aufführung bei einem Hauskonzert statt. Alle Gäste kommen in freudiger Erwartung, die dicht gestellten Stuhlreihen sind bis auf den letzten Platz gefüllt – in der Staatsoper sitzt man auch nicht besser. Gespannt und in hellem Licht tritt das Duo vor das Publikum, gebannt lauschen wir drei Liedern von Robert Schumann. Johanna singt zum Niederknien schön, Thorsten ist nicht nur ein einfühlsamer Begleiter, im Laufe des Konzerts erfahren wir von ihm einige Episoden aus dem bemerkenswerten Leben der Clara Schumann.

Leider konnte sie ihr Talent als Komponistin nicht entwickeln: sie stellte sich den Konventionen der damaligen Zeit gehorchend ganz in den Schatten ihres Mannes. Nach seinem Tod musste sie dann ihre sieben Kinder als Virtuosin und Klavierlehrerin durchbringen; für das Schreiben von Musik blieb ihr keine Zeit. Leider. Denn ihre Stücke und Lieder können gegen ihren genialischen Mann durchaus bestehen. Besonders beeindrucken mich die Lieder „Ich hab‘ in Deinem Auge“ und „Liebst Du um Schönheit“, hinreißend gesungen & gespielt. Wir hören aber auch Musik von Johannes Brahms und dem heute vergessenen Theodor Kirchner; beide waren Clara in secret love verbunden. Brahms soll bei ihrer Beerdigung gesagt haben, er beerdige den einzigen Menschen, den er je geliebt habe. Am Ende des herrlichen Konzerts begeisterter Applaus, es gibt noch zwei Zugaben und Johanna Knauth und Thorsten Kaldewei ist zu wünschen, dass sie „Secret Love“ noch oft aufführen können.

Clara Schumann, die ihre letzten Jahre in der Frankfurter Myliusstraße 32 verlebte,  war eine bemerkenswerte und kluge Frau. Sicherlich würde sie dem französischen Präsidenten Emmanuel Macon zustimmen, dass es keine Erde 2.0 gibt. Ganz sicher würde sie sich fragen, warum es neben Berlin immer noch sechs Ministerien in Bonn gibt und warum Regierungsmitarbeiter über 200.00 Mal zwischen Bonn und Berlin fliegen müssen (Bild, 15.09.19). Heute tagt wieder das sog. Klima-Kabinett. Fangt endlich an! Organisiert Euch besser, nutzt Videokonferenzen und den Staatskonzern Deutsche Bahn. 70% der Deutschen sind für den Klimaschutz – es soll sich nur nichts ändern und kosten darf’s natürlich auch nichts. Gute Reise!

Hauptstadt-Publikum

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Die Macht des Schicksals kennt weder Zeit noch Gnade: Don Alvaro (Russel Thomas) und rechts neben ihm Don Carlos (Markus Brück). © Thomas Aurin

Eine ganz besondere Premiere steht an. In der Deutschen Oper gibt Frank Castorf, der ehemalige Intendant der Volksbühne, mit Verdis „La forza del destino“ sein Berliner Operndebüt – oder sollte man sagen: Castorf inszeniert Castorf. Einige Publikationen insinuierten denn auch, mit dieser Besetzung sei bewusst ein Skandal geplant worden. Von der „Macht des Schicksals“ war nichts zu spüren, als Castorf die Oper unterbrechen ließ, damit Schauspieler einen Text aus Curzio Malapartes „Die Haut“ auf Englisch deklamieren konnten. Das war denn doch zu viel. Es kommt Unruhe auf im Parkett. „Lern erst mal singen“, tönt einer. „Wir wollen unseren Verdi wieder haben“, „Wir wollen unseren alten Kaiser Wilhelm wieder haben“, schallt es aus verschiedenen Ecken durch das Opernhaus. „Kleinstadt-Publikum“, „Hauptstadt-Publikum“ und schließlich noch „Geht doch nach drüben“. Ein Abbruch der Aufführung droht, doch dieser Skandal bleibt aus. Ein Skandal ist Castorfs Inszenierung trotzdem, weil er seine üblichen Regie-Patterns der Oper überstülpt, anstatt seine Interpretation aus dem Werk zu entwickeln. In den trefflichen Worten der Kritikerin Barbara Wiegand vom Inforadio „surft der Regisseur so platt wie plakativ an der Oberfläche des Stücks entlang.“ Oh, Frankie.

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Das phänomenale „Crazy Girl“ Barbara Hannigan, der Komponist Hans Abrahamsen und Sir Simon Rattle (Mitte) mit dem London Symphony Orchestra werden bejubelt. © Rolf Hiller

Ansonsten aber kann sich das Hauptstadt-Publikum derzeit nicht beklagen. Einzig bei der Kultur ist Berlin absolute Weltklasse. Kürzlich war die Netrebko in der Deutschen Oper, gleich zwei Neu-Inszenierungen von Wagners „Ring“ stehen in der nächsten Zeit an, das Berliner Ensemble ist mit „Baal“ (Regie: Ersan Mondtag) und die Schaubühne mit „Jugend ohne Gott“ (Regie: Thomas Ostereier) verheißungsvoll in den Theater-Herbst gestartet; das Musikfest Berlin hat uns weitere Sternstunden beschert. Das erste Berlin-Gastspiel des London Symphony Orchestras unter Sir Simon Rattle wird ein einziger Triumph. Mit der phänomenalen Sopranistin Barbara Hannigan – empfehlenswert ihr grandioses Album Crazy Girl – spielen sie Hans Abrahamsens Werk „let me tell you“, um nach der Pause mit Olivier Messiaens elfsätzigem Werk „Éclairs sur l’Au-Delà“ noch einen draufzusetzen. Gebannte Stille nach dem letzten, kaum hörbaren Ton – dann tosender Applaus!

Beseelt auf die Räder und übers Kulturforum nach Hause. Dort darf sich das Hauptstadt-Publikum auf das neue Museum der Moderne freuen, das in einer gewaltigen Halle (Kunst-Scheune) den Platz einst dominieren wird – wenn es dazu kommt. Denn der überarbeitete Entwurf des Architektenbüros Herzog & de Meuron ist zwar etwas kleiner, nimmt als Solitär aber keine Rücksicht auf das Ensemble der Gebäude des Kulturforums. Zudem muss jetzt ein weiteres Tiefgeschoss gebaut werden; statt der kalkulierten 200 Millionen Euro gehen Insider bereits von 600 Millionen aus, wie die SZ (12.09.19) vermeldete. Die Stararchitekten bauten auch die Hamburger Elbphilharmonie, die am Ende mit 866 Millionen Euro mehr als zehnmal so viel Geld verschlang wie ursprünglich geplant. „Uns geht’s ja noch gold“… (Romantitel von Walter Kempowski). Das Hauptstadt-Publikum darf sich auf einiges gefasst machen!

Frosch im Herbst

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Große Begeisterung für einen großen Abend in der Berliner Philharmonie nach einer konzertanten Aufführung von Richard Strauss‘ Oper „Die Frau ohne Schatten“. © Gitti Grünkopf

Der letzte Sommertag in diesem Jahr, meteorologisch gesehen. Und los geht’s zum Schlachtensee: Abschwimmen 2019. Das Wasser ist herrlich, wenig Boote unterwegs – wie schade, dass diese Saison schon wieder zu Ende geht. Wir sehen keinen Frosch und auch der sagenumwobene Wels lässt sich natürlich wieder nicht blicken. Nun beginnt der Herbst mit den Saisonstarts der Bühnen und den vielen Festivals. Den Auftakt macht immer das Musikfest Berlin, das heuer den französischen Komponisten Hector Berlioz feiert. Vom Orchestre Révolutionnaire et Romantique unter Leitung von Sir John Eliot Gardiner erleben wir ein fabelhaftes Konzert: die halbszenisch dargebotene Oper „Benvenuto Cellini“. Das Publikum in der Philharmonie ist begeistert.

Am Tag davor haben wir den Sommer gewissermaßen schon einmal beschlossen: wir sehen den großartigen Film „Once Upon a Time… in Hollywood“ von Quentin Tarantino in der Astor Lounge, einem unserer Lieblingskinos. In 162 Minuten, die nicht eine Sekunde zu lang sind, verwebt der Regisseur meisterhaft unterschiedliche Erzählstränge und Geschichten. Es geht um das Ende des good old Hollywood, paradigmatisch gezeigt am Schicksal eines abgehalfterten Westernhelden (grandios: Leonardo DiCaprio), der in lausigen Streifen und billigen Italo-Western herunterkommt. Die Zeit dieser Helden und die Illusion Love, Peace & Happiness sind im Sommer 1969 vorbei. Kurz vor dem Woodstock-Festival wurde die hochschwangere Sharon Tate in ihrem Haus von den Hippies der Manson Family bestialisch ermordet. Mit seiner Lust an kontrafaktischen Verschiebungen verschafft Tarantino jedenfalls dem Faktotum (Brad Pitt als tough guy) seines Helden noch einen starken Abgang.

In den üppigen Villen der Hollywoodstars tummeln sich bestimmt auch Frösche, und so fällt der Übergang zu Richard Strauss‘ monumentaler Oper „Die Frau ohne Schatten“ nicht schwer, die Fans gerne Frosch nennen. Gut zweihundertfünfzig Musiker*innen wirken bestimmt mit – vom Kinderchor bis zur Glasharfe ist alles dabei, was man sich irgend vorstellen kann. Strauss schafft es meisterhaft, diese Klangkörper raffiniert zu führen und einzusetzen. Was Wunder, dass es am Ende standing ovations für diesen konzertanten Frosch gab, allen voran für den Dirigenten des RSB Vladimir Jurowski und die famosen Solisten. Das ganz große Theater findet heuer aber nicht auf den Bühnen statt, die die Welt bedeuten, sondern in der Welt selber. Boris, mir graut’s vor Dir! Aus diesem Frosch wird kein schöner Königssohn.

Krzyżowa

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Höchst intensive Generalprobe von Olivier Messiaens „Quatuor pour la fin du temps“ bei Krzyżowa Music 2019.

Hinter der polnischen Grenze beginnt wieder die knapp 70 km lange Ruckelpiste, wie vor drei Jahren, als wir zum ersten Mal zu Krzyżowa Music fuhren. Auch Google Maps hatte uns diese Strecke vorgeschlagen, und wir machen natürlich immer, was Google Maps vorschlägt, und nehmen stillschweigend-resigniert in Kauf, dass unsere Daten vertickt werden. Das System leitet uns zuverlässig & pünktlich nach Świdnica, wo uns die Freunde bereits erwarten. Wir wohnen in einem sehr schönen, alten Gästehaus in Blickweite zur berühmten Friedenskirche. Unter strikten Auflagen durften schlesische Protestanten nach dem Westfälischen Frieden dieses Fachwerkgebäude im damaligen Schweidnitz errichten. Innerhalb eines Jahres musste die Kirche für immerhin siebentausend Menschen fertiggestellt werden – unvorstellbar für Berliner Besucher aus der Jetztzeit!

Zur Einstimmung auf unsere Reise habe ich Freya von Moltkes „Erinnerungen an Kreisau. 1930 – 1945“ gelesen. Die Frau von Helmuth James Graf von Moltke schildert das wechselvolle Leben der Familie in Zeiten, die man wohl nur mit „Verhaltenslehren der Kälte“ (so der Titel des berühmten Buches von Helmut Lethen) bewältigen kann. Zwei Tage nach der Ermordung ihres Mannes, der eine prominente Rolle im konservativen Widerstand gegen die Hitler-Diktatur spielte (Kreisauer Kreis), ist Freya von Moltke schon wieder „ganz heiter“ auf der Heimreise von Berlin. Nach einem russischen Bombenangriff beobachtet sie mit Stahlgewitter-Augen ein Opfer: „Schön und voller Weisheit wirkte das sterbende Kind: es röchelte, die Mutter weinte, der Pfarrer tröstete.“ Nachdenklich unterbreche ich die Lektüre, die einmal mehr belegt, dass wir wurden, die wir sind.

Aus dem Moltke-Schloss in Kreisau wurde 1998 eine Internationale Jugendbegegnungsstätte, und es lag eigentlich nahe, an diesem Ort ein Festival für junge Musiker zu gründen. Viviane Hagner, die Geigerin, und Matthias von Hülsen, der passionierte Organisator, hatten diese großartige Idee. Heuer feierte Krzyżowa Music schon den fünften Geburtstag, und der Zauber dieses ganz besonderen Festivals nimmt die Besucher*innen noch immer gleich gefangen. Wir können nämlich junge Musiker aus aller Welt nicht nur in Konzerten erleben, sondern in den Proben verfolgen, wie sie ein Werk zusammen erarbeiten, wie sie ihre Interpretation suchen. Gebannt hören wir die Generalprobe von Olivier Messiaens „Quatuor pour la fin du temps“, das er als deutscher Kriegsgefangener 1941 in Görlitz vollendete. Die physische und emotionale Anspannung der jungen Musiker*innen ist enorm – nach dem Werk ringen die Geigerin Miriam Helms Ålien, Pablo Barragán (Klarinette), Alexey Stadler (Violoncello) und Yannick Rafalimanana am Klavier förmlich nach Luft und Fassung; wir sind ebenso tief getroffen. „Kreisau“, erzählt Matthias von Hülsen in einem Interview (FR, 15.08.19), „ist kein Ort, an dem Sie im Elfenbeinturm musizieren können. Dazu ist seine historische Bedeutung und Ausstrahlung viel zu gewichtig.“ Übermorgen jährt sich der deutsche Überfall auf Polen zum achtzigsten Mal. Die Wehrmacht verwüstete Städte und Dörfer und ermordete 6 Millionen Menschen. Zu Recht werden wieder Forderungen nach Reparationen laut, deren moralische Berechtigung wohl niemand bestreiten kann. Auch darum ist Krzyżowa Music so wichtig. Dziękuję!