Clara 200

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Begeisterter Applaus: Am 200. Geburtstag von Clara Schumann geben Johanna Knauth und Thorsten Kaledwei ein wunderschönes Konzert. Im Hintergrund das Gemälde „Im Garten des Lepus“ von Torsten Schlüter. © Gitti Grünkopf

Was für ein Glück! „Secret Love. Lieder und Klaviermusik zum 200. Geburtstag von Clara Schumann“ haben die Sopranistin Johanna Knauth und Thorsten Kaldewei (Klavier) ihr Programm überschrieben. Just am Geburtstag findet eine Aufführung bei einem Hauskonzert statt. Alle Gäste kommen in freudiger Erwartung, die dicht gestellten Stuhlreihen sind bis auf den letzten Platz gefüllt – in der Staatsoper sitzt man auch nicht besser. Gespannt und in hellem Licht tritt das Duo vor das Publikum, gebannt lauschen wir drei Liedern von Robert Schumann. Johanna singt zum Niederknien schön, Thorsten ist nicht nur ein einfühlsamer Begleiter, im Laufe des Konzerts erfahren wir von ihm einige Episoden aus dem bemerkenswerten Leben der Clara Schumann.

Leider konnte sie ihr Talent als Komponistin nicht entwickeln: sie stellte sich den Konventionen der damaligen Zeit gehorchend ganz in den Schatten ihres Mannes. Nach seinem Tod musste sie dann ihre sieben Kinder als Virtuosin und Klavierlehrerin durchbringen; für das Schreiben von Musik blieb ihr keine Zeit. Leider. Denn ihre Stücke und Lieder können gegen ihren genialischen Mann durchaus bestehen. Besonders beeindrucken mich die Lieder „Ich hab‘ in Deinem Auge“ und „Liebst Du um Schönheit“, hinreißend gesungen & gespielt. Wir hören aber auch Musik von Johannes Brahms und dem heute vergessenen Theodor Kirchner; beide waren Clara in secret love verbunden. Brahms soll bei ihrer Beerdigung gesagt haben, er beerdige den einzigen Menschen, den er je geliebt habe. Am Ende des herrlichen Konzerts begeisterter Applaus, es gibt noch zwei Zugaben und Johanna Knauth und Thorsten Kaldewei ist zu wünschen, dass sie „Secret Love“ noch oft aufführen können.

Clara Schumann, die ihre letzten Jahre in der Frankfurter Myliusstraße 32 verlebte,  war eine bemerkenswerte und kluge Frau. Sicherlich würde sie dem französischen Präsidenten Emmanuel Macon zustimmen, dass es keine Erde 2.0 gibt. Ganz sicher würde sie sich fragen, warum es neben Berlin immer noch sechs Ministerien in Bonn gibt und warum Regierungsmitarbeiter über 200.00 Mal zwischen Bonn und Berlin fliegen müssen (Bild, 15.09.19). Heute tagt wieder das sog. Klima-Kabinett. Fangt endlich an! Organisiert Euch besser, nutzt Videokonferenzen und den Staatskonzern Deutsche Bahn. 70% der Deutschen sind für den Klimaschutz – es soll sich nur nichts ändern und kosten darf’s natürlich auch nichts. Gute Reise!

Hauptstadt-Publikum

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Die Macht des Schicksals kennt weder Zeit noch Gnade: Don Alvaro (Russel Thomas) und rechts neben ihm Don Carlos (Markus Brück). © Thomas Aurin

Eine ganz besondere Premiere steht an. In der Deutschen Oper gibt Frank Castorf, der ehemalige Intendant der Volksbühne, mit Verdis „La forza del destino“ sein Berliner Operndebüt – oder sollte man sagen: Castorf inszeniert Castorf. Einige Publikationen insinuierten denn auch, mit dieser Besetzung sei bewusst ein Skandal geplant worden. Von der „Macht des Schicksals“ war nichts zu spüren, als Castorf die Oper unterbrechen ließ, damit Schauspieler einen Text aus Curzio Malapartes „Die Haut“ auf Englisch deklamieren konnten. Das war denn doch zu viel. Es kommt Unruhe auf im Parkett. „Lern erst mal singen“, tönt einer. „Wir wollen unseren Verdi wieder haben“, „Wir wollen unseren alten Kaiser Wilhelm wieder haben“, schallt es aus verschiedenen Ecken durch das Opernhaus. „Kleinstadt-Publikum“, „Hauptstadt-Publikum“ und schließlich noch „Geht doch nach drüben“. Ein Abbruch der Aufführung droht, doch dieser Skandal bleibt aus. Ein Skandal ist Castorfs Inszenierung trotzdem, weil er seine üblichen Regie-Patterns der Oper überstülpt, anstatt seine Interpretation aus dem Werk zu entwickeln. In den trefflichen Worten der Kritikerin Barbara Wiegand vom Inforadio „surft der Regisseur so platt wie plakativ an der Oberfläche des Stücks entlang.“ Oh, Frankie.

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Das phänomenale „Crazy Girl“ Barbara Hannigan, der Komponist Hans Abrahamsen und Sir Simon Rattle (Mitte) mit dem London Symphony Orchestra werden bejubelt. © Rolf Hiller

Ansonsten aber kann sich das Hauptstadt-Publikum derzeit nicht beklagen. Einzig bei der Kultur ist Berlin absolute Weltklasse. Kürzlich war die Netrebko in der Deutschen Oper, gleich zwei Neu-Inszenierungen von Wagners „Ring“ stehen in der nächsten Zeit an, das Berliner Ensemble ist mit „Baal“ (Regie: Ersan Mondtag) und die Schaubühne mit „Jugend ohne Gott“ (Regie: Thomas Ostereier) verheißungsvoll in den Theater-Herbst gestartet; das Musikfest Berlin hat uns weitere Sternstunden beschert. Das erste Berlin-Gastspiel des London Symphony Orchestras unter Sir Simon Rattle wird ein einziger Triumph. Mit der phänomenalen Sopranistin Barbara Hannigan – empfehlenswert ihr grandioses Album Crazy Girl – spielen sie Hans Abrahamsens Werk „let me tell you“, um nach der Pause mit Olivier Messiaens elfsätzigem Werk „Éclairs sur l’Au-Delà“ noch einen draufzusetzen. Gebannte Stille nach dem letzten, kaum hörbaren Ton – dann tosender Applaus!

Beseelt auf die Räder und übers Kulturforum nach Hause. Dort darf sich das Hauptstadt-Publikum auf das neue Museum der Moderne freuen, das in einer gewaltigen Halle (Kunst-Scheune) den Platz einst dominieren wird – wenn es dazu kommt. Denn der überarbeitete Entwurf des Architektenbüros Herzog & de Meuron ist zwar etwas kleiner, nimmt als Solitär aber keine Rücksicht auf das Ensemble der Gebäude des Kulturforums. Zudem muss jetzt ein weiteres Tiefgeschoss gebaut werden; statt der kalkulierten 200 Millionen Euro gehen Insider bereits von 600 Millionen aus, wie die SZ (12.09.19) vermeldete. Die Stararchitekten bauten auch die Hamburger Elbphilharmonie, die am Ende mit 866 Millionen Euro mehr als zehnmal so viel Geld verschlang wie ursprünglich geplant. „Uns geht’s ja noch gold“… (Romantitel von Walter Kempowski). Das Hauptstadt-Publikum darf sich auf einiges gefasst machen!

Frosch im Herbst

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Große Begeisterung für einen großen Abend in der Berliner Philharmonie nach einer konzertanten Aufführung von Richard Strauss‘ Oper „Die Frau ohne Schatten“. © Gitti Grünkopf

Der letzte Sommertag in diesem Jahr, meteorologisch gesehen. Und los geht’s zum Schlachtensee: Abschwimmen 2019. Das Wasser ist herrlich, wenig Boote unterwegs – wie schade, dass diese Saison schon wieder zu Ende geht. Wir sehen keinen Frosch und auch der sagenumwobene Wels lässt sich natürlich wieder nicht blicken. Nun beginnt der Herbst mit den Saisonstarts der Bühnen und den vielen Festivals. Den Auftakt macht immer das Musikfest Berlin, das heuer den französischen Komponisten Hector Berlioz feiert. Vom Orchestre Révolutionnaire et Romantique unter Leitung von Sir John Eliot Gardiner erleben wir ein fabelhaftes Konzert: die halbszenisch dargebotene Oper „Benvenuto Cellini“. Das Publikum in der Philharmonie ist begeistert.

Am Tag davor haben wir den Sommer gewissermaßen schon einmal beschlossen: wir sehen den großartigen Film „Once Upon a Time… in Hollywood“ von Quentin Tarantino in der Astor Lounge, einem unserer Lieblingskinos. In 162 Minuten, die nicht eine Sekunde zu lang sind, verwebt der Regisseur meisterhaft unterschiedliche Erzählstränge und Geschichten. Es geht um das Ende des good old Hollywood, paradigmatisch gezeigt am Schicksal eines abgehalfterten Westernhelden (grandios: Leonardo DiCaprio), der in lausigen Streifen und billigen Italo-Western herunterkommt. Die Zeit dieser Helden und die Illusion Love, Peace & Happiness sind im Sommer 1969 vorbei. Kurz vor dem Woodstock-Festival wurde die hochschwangere Sharon Tate in ihrem Haus von den Hippies der Manson Family bestialisch ermordet. Mit seiner Lust an kontrafaktischen Verschiebungen verschafft Tarantino jedenfalls dem Faktotum (Brad Pitt als tough guy) seines Helden noch einen starken Abgang.

In den üppigen Villen der Hollywoodstars tummeln sich bestimmt auch Frösche, und so fällt der Übergang zu Richard Strauss‘ monumentaler Oper „Die Frau ohne Schatten“ nicht schwer, die Fans gerne Frosch nennen. Gut zweihundertfünfzig Musiker*innen wirken bestimmt mit – vom Kinderchor bis zur Glasharfe ist alles dabei, was man sich irgend vorstellen kann. Strauss schafft es meisterhaft, diese Klangkörper raffiniert zu führen und einzusetzen. Was Wunder, dass es am Ende standing ovations für diesen konzertanten Frosch gab, allen voran für den Dirigenten des RSB Vladimir Jurowski und die famosen Solisten. Das ganz große Theater findet heuer aber nicht auf den Bühnen statt, die die Welt bedeuten, sondern in der Welt selber. Boris, mir graut’s vor Dir! Aus diesem Frosch wird kein schöner Königssohn.

Krzyżowa

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Höchst intensive Generalprobe von Olivier Messiaens „Quatuor pour la fin du temps“ bei Krzyżowa Music 2019.

Hinter der polnischen Grenze beginnt wieder die knapp 70 km lange Ruckelpiste, wie vor drei Jahren, als wir zum ersten Mal zu Krzyżowa Music fuhren. Auch Google Maps hatte uns diese Strecke vorgeschlagen, und wir machen natürlich immer, was Google Maps vorschlägt, und nehmen stillschweigend-resigniert in Kauf, dass unsere Daten vertickt werden. Das System leitet uns zuverlässig & pünktlich nach Świdnica, wo uns die Freunde bereits erwarten. Wir wohnen in einem sehr schönen, alten Gästehaus in Blickweite zur berühmten Friedenskirche. Unter strikten Auflagen durften schlesische Protestanten nach dem Westfälischen Frieden dieses Fachwerkgebäude im damaligen Schweidnitz errichten. Innerhalb eines Jahres musste die Kirche für immerhin siebentausend Menschen fertiggestellt werden – unvorstellbar für Berliner Besucher aus der Jetztzeit!

Zur Einstimmung auf unsere Reise habe ich Freya von Moltkes „Erinnerungen an Kreisau. 1930 – 1945“ gelesen. Die Frau von Helmuth James Graf von Moltke schildert das wechselvolle Leben der Familie in Zeiten, die man wohl nur mit „Verhaltenslehren der Kälte“ (so der Titel des berühmten Buches von Helmut Lethen) bewältigen kann. Zwei Tage nach der Ermordung ihres Mannes, der eine prominente Rolle im konservativen Widerstand gegen die Hitler-Diktatur spielte (Kreisauer Kreis), ist Freya von Moltke schon wieder „ganz heiter“ auf der Heimreise von Berlin. Nach einem russischen Bombenangriff beobachtet sie mit Stahlgewitter-Augen ein Opfer: „Schön und voller Weisheit wirkte das sterbende Kind: es röchelte, die Mutter weinte, der Pfarrer tröstete.“ Nachdenklich unterbreche ich die Lektüre, die einmal mehr belegt, dass wir wurden, die wir sind.

Aus dem Moltke-Schloss in Kreisau wurde 1998 eine Internationale Jugendbegegnungsstätte, und es lag eigentlich nahe, an diesem Ort ein Festival für junge Musiker zu gründen. Viviane Hagner, die Geigerin, und Matthias von Hülsen, der passionierte Organisator, hatten diese großartige Idee. Heuer feierte Krzyżowa Music schon den fünften Geburtstag, und der Zauber dieses ganz besonderen Festivals nimmt die Besucher*innen noch immer gleich gefangen. Wir können nämlich junge Musiker aus aller Welt nicht nur in Konzerten erleben, sondern in den Proben verfolgen, wie sie ein Werk zusammen erarbeiten, wie sie ihre Interpretation suchen. Gebannt hören wir die Generalprobe von Olivier Messiaens „Quatuor pour la fin du temps“, das er als deutscher Kriegsgefangener 1941 in Görlitz vollendete. Die physische und emotionale Anspannung der jungen Musiker*innen ist enorm – nach dem Werk ringen die Geigerin Miriam Helms Ålien, Pablo Barragán (Klarinette), Alexey Stadler (Violoncello) und Yannick Rafalimanana am Klavier förmlich nach Luft und Fassung; wir sind ebenso tief getroffen. „Kreisau“, erzählt Matthias von Hülsen in einem Interview (FR, 15.08.19), „ist kein Ort, an dem Sie im Elfenbeinturm musizieren können. Dazu ist seine historische Bedeutung und Ausstrahlung viel zu gewichtig.“ Übermorgen jährt sich der deutsche Überfall auf Polen zum achtzigsten Mal. Die Wehrmacht verwüstete Städte und Dörfer und ermordete 6 Millionen Menschen. Zu Recht werden wieder Forderungen nach Reparationen laut, deren moralische Berechtigung wohl niemand bestreiten kann. Auch darum ist Krzyżowa Music so wichtig. Dziękuję!

Auf dem Lande

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Die weltbesten Pflaumen sind geerntet und lagern nun im Kühlschrank. Foto: Rolf Hiller

Pflaumenzeit. Natürlich sind unsere die besten der Welt, und wir fahren frohgemut zur Ernte ins Naturschutzgebiet Nuthe-Nieplitz, unweit von Beelitz. Wir haben einen Baum auf einer Streuobstwiese gepachtet, mit der einst ein Golfplatz verhindert werden konnte. Die Wiese ist vollkommen verdörrt – nach einem weiteren viel zu trockenen Sommer. Dennoch trägt unser Baum reichlich Früchte, und mit acht Händen füllen wir geschwind unsere Kisten; am Ende haben wir knapp 50 kg geerntet und eine Belohung verdient. In früheren Jahren kehrten wir immer in der „Landlust“ in Körzin ein, doch heuer ist alles anders. Das gute Restaurant existiert noch immer, aber die Betreiber mussten ihr Konzept ändern: kein Personal mehr nirgends. Die Inhaber machen notgedrungen alleine weiter. Sie kocht, er macht den Service, es gibt nur zwölf Plätze und ein Menü auf Bestellung. Zumindest hat die „Landlust“ (noch) nicht dicht gemacht wie die vielen Gasthöfe etwa im Odenwald.

LEID UND HERRLICHKEIT
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit: Der Regisseur Salvador Mallo (Antonio Banderas) entdeckt per Zufall ein Porträt von sich selbst. © CONSTANTIN FILM

Tags darauf gehen wir endlich, endlich mal wieder ins Kino. Leid und Herrlichkeit, der neue Meisterfilm des Spaniers Pedro Almodóvar muss es sein. Diese autofiktionale Reflexion einer künstlerischen Schaffenskrise führt einen Regisseur auch zurück in seine Kindheit auf dem Lande, wo er mit seinen Eltern in einer Höhle leben musste. Von der Mutter geliebt & gefördert, findet er seinen Weg und wird ein erfolgreicher Filmemacher. Mit leichter Hand erzählt Almodóvar, und wir verfolgen gebannt, wie ein Künstler aus zufälligen Erinnerungen & Wiederbegegnungen die Geschichte seines Lebens wieder entdeckt. „Leid und Herrlichkeit“ zählt zu den großartigen Kino-Erlebnissen dieses Jahres, ein Film, den wir gerne auf der Berlinale gesehen hätten. Die internationale Premiere war natürlich wieder in Cannes.

Im „Orfeo“, meinem Frankfurter Kino umme Ecke, freue ich mich sehr über den Trailer zu „Leid und Herrlichkeit“. Ich schaue einen Dokumentarfilm an: Raumstadt Nordweststadt. Von der Vision zur Wirklichkeit. Enno Echt & Hagen Gottschalck stellen einen Stadtteil von Frankfurt vor, der vor gut 50 Jahren auf Ackerland entstand – und dessen Konzeption noch heute überzeugt und funktioniert. Denn die Planer gingen vom Menschen aus, wollten ein Miteinander ermöglichen; die Wege der Fußgänger und Autos wurden entflochten.  Die sog. Nordi ist inzwischen zu einem Stadtviertel mit vielen Bäumen & Wiesen geworden, die Bewohner lieben ihr Quartier, es gibt keine sozialen Spannungen wie in anderen Trabantenstädten, obwohl sich die Bevölkerungsstruktur sehr gewandelt hat. Inzwischen mischen sich ältere, deutsche Bewohner fast zu gleichen Teilen mit Menschen, die einen migrantischen Hintergrund haben. „Ich bin auf dem Dorf aufgewachsen“, sagt eine junge Frau nach dem Film, „aber ich habe mich noch nie so wohl gefühlt wie in der Nordi.“ Ob es im Jahr 2070 solch ein Kompliment für die Planer der Tristesse im Europaviertel oder auf dem Riedberg geben wird? Ich halte dagegen!

Deutschlandreise

Der ICE  ist rappelvoll. Die Freunde von der Deutschen Bahn fahren ohne Vorwarnung mit einem Wagen weniger, und es gibt das übliche Geschiebe & Gedränge. Am Hamburger Hauptbahnhof ist der Teufel los, und wir sind froh, als wir bei Neumann‘s in der Langen Reihe sitzen. Wetter & Passanten wechseln rasch, aber ein Umzug erweckt unsere Aufmerksamkeit. Angeführt von einem älteren Mitarbeiter des Straßenamtes mit einem rot-weißen Wimpel passiert ein seltsamer Zug die Kreuzung. Halbnackte Ledermänner mit Piercings und Tiermasken ziehen übermütig bellend um die Häuser, derweil wir über den Verlust der Intimität nachdenken. Neulich, berichtet uns der Freund,  habe er Herr und Sklave mit Hundemaske in einer Szene-Location gesehen – der Tiermensch demütig auf allen Vieren angekettet unter dem Tisch. Wie erklärt man solche Szenen einem Kinde?

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Tim Rodig live im Hamburger Stadtpark.

Abends bleiben wir von solchen Irritationen zum Glück verschont. Eine der vielen Cousinen feiert einen sog. Runden Geburtstag im Stadtpark. Wir lieben solche Feste und können gar nicht genug Darbietungen bekommen. Stets noch erfahren wir Neues aus einem Leben, das als Nonne hätte verlaufen können und sich kurz auch mal der Agitation überraschter Hafenarbeiter verschrieben hatte. Einen Coup landete die fidele Jubilarin mit dem kurzfristig abgemachten Gig von Tim Rodig . Womöglich habe ich den Tenorsaxophonisten schon einmal erlebt; er war mit Roger Cicero († 24.03.2016) und Stefan Gwildis on tour. Doch der ist inzwischen in kleiner Besetzung unterwegs, erzählt Tim, eine große Band sei zu teuer. Der Kuchen wird kleiner, auch für so einen souveränen & versierten Saxophonisten, der für uns locker einige Jazz-Standards & Latin-Grooves spielt.

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Nils Wogram, Joe Sachse und Feliks Büttner beim Finale in der Nikolaikirche in Rostock.

Bereits am Donnerstag bin ich wieder in Hamburg und will am Tag, da sich Woodstock zum 50. Mal jährt, entspannt umsteigen und nach Rostock fahren. Zeit genug habe ich eingeplant. Dass wir mit 130 Minuten Verspätung ankommen würden, hatte ich indes nicht erwartet. Also mit fliegenden Schößen per Taxi zur Nikolaikirche, wo ich tatsächlich noch vor einem denkwürdigen Konzert eintreffe. Der Gitarrist Joe Sachse hatte mich eingeladen und begrüßt mich freudig per Handschlag. Er wird an diesem Abend wieder mit dem großartigen Posaunisten Nils Wogram ein Duo-Konzert geben. Die sehr gut besuchte Kirche bietet für ihre Dialoge einen passenden Rahmen – mal übernimmt der eine, mal der andere die Initiative. Da verstehen sich zwei Musiker intuitiv, und ganz besonders horche ich auf, wenn Sachse die Gitarre in seiner unnachahmlichen Art expressiv und perkussiv spielt. „Helmut ‚Joe‘ Sachse“, lesen wir auf seiner Homepage. „verdankt seinen Zweitnamen dem legendären Jimi Hendrix.  Und das sicher nicht nur, weil er dessen gleichlautenden Hit gern und oft gespielt hat.“ Weil mir sein Album „If 69 was 96“ (mit Pinguin Moschner!) so gut gefällt, wollte ich den Meister heuer noch im Konzert erleben: und das war aller Mühen wert, zumal ich noch nie gesehen habe, wie während eines Konzerts ein Gemälde entsteht. Kein Problem für den dritten im Bunde: den Maler Feliks Büttner. Thanks Joe!

Grüezi mitenand

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Die Gedenkstelle im Frankfurter Hauptbahnhof für den heimtückisch ermordeten achtjährigen Jungen.

Wieder einmal komme ich am Frankfurter Hauptbahnhof an, aber diese Ankunft ist anders. Zwischen Gleis 8 und Gleis 7 stehen Menschen und blicken still und ratlos auf Blumen, Kerzen, Grüße, Teddys und andere Spielsachen; Security ist in der Nähe. Helfen und verstehen kann keiner. In der letzten Woche wurde ein kleiner Junge vor einen einfahrenden ICE gestoßen und starb. Seine Mutter konnte sich auf einen Weg zwischen den Gleisen retten, eine ältere Dame die unvermittelte Attacke des heimtückischen Täters abwehren. „Mehrmals über den Tag“, notiere ich am 29. Juli in mein Leuchtturm-Notizbuch, „denke ich an die arme Frau. Wie wird, wie kann ihr Leben weitergehen?“ Am nächsten Tag gehe ich noch einmal an die Gedenkstelle; wieder halten Passanten inne, ein Kamerateam befragt eine Frau. Ich sehe mir noch einmal den Gruß der Eritreischen Gemeinde Frankfurt an – und zögere, ob ich mir jetzt ein Eis kaufen darf.

Das Leben geht weiter, immer weiter. Ich kaufe mir eine Kugel bei Häagen Dazs für 3 € und bin plötzlich wieder im Engadin, wo wir mit Freunden einige anregende & unbeschwerte Tage verleben, in einer Idylle, die von unserer Zivilisation immer mehr bedroht wird. Die Gletscher schmelzen, die Pisten werden planiert, auf den herrlichen Wegen müssen die Wanderer vor den Kampf-Bikern auf der Hut sein, Sankt Moritz ist ein teures Pflaster ohne Flair, das sich sog. Normalverdiener schon längst nicht mehr leisten können; viele Anwesen & Wohnungen werden wenig genutzt und stehen meist leer. Wie Mallorca ist das Engadin trotzdem vom Tourismus nicht kaputt zu kriegen – immer wieder sind wir von der atemberaubenden Schönheit dieser Landschaft fasziniert.

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Das Engadin behauptet seine atemberaubende Schönheit gegen die Zivilisation. Foto: Gitti Grünkopf

Mich fasziniert auch das Modell Schweiz, diese erstaunliche Verbindung von Eigensinn und Erfolg. Ganz besonders gefällt uns das Feuerwerk zum Nationalfeiertag am 1. August. Wir steigen auf den Berg und blicken über den beleuchteten See nach Sankt Moritz Bad, wo die Raketen und Leuchtkörper gezündet werden sollen. Hier und da knallt und leuchtet es ein bisschen, aber kurz nach 22 Uhr gehen die Lichter am See schon wieder aus. Das war’s dann auch – poetisch und nicht martialisch wie Silvester in Deutschland. Theodor W. Adorno hätte es bestimmt gefallen. Er soll Feuerwerke geliebt haben und kam sommers immer in die Schweiz. Am 6. August 1969 ist er dort in Visp gestorben – an gebrochenem Herzen, wie immer wieder kolportiert wird. „Nur wenn das, was ist“, resümierte Adorno in seiner „Negativen Dialektik“ ohne Hoffnung, „sich ändern lässt, ist das, was ist, nicht alles.“ Uf Wiederluege.

Post an Wagner

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Nach dem Fest die Tristesse: Blick aus dem Hotel auf den Bahnhofsvorplatz von Bayreuth; im Hintergrund der Grüne Hügel.

Um 5.45h klingelt der Wecker: wir fahren nach Bayreuth. Der Zug ist ausgebucht, wir haben keine Reservierung, und „es verkehrt ein Ersatz-ICE“. Oha, diese Fahrt kann wieder lustig werden. Doch wir haben Glück, finden zwei Plätze und reisen entspannt, natürlich mit Maria Ossowski. Die ARD-Kulturkorrespondentin gibt an diesem Morgen im Inforadio Tipps für Bayreuth-Anfänger. Wir waren zwar schon im Festspielhaus, aber bei den Festspielen noch nie und sind natürlich für Hinweise einer Expertin dankbar. Wir wollen die viel beachteten „Meistersinger“ in der Inszenierung von Barrie Kosky erleben, die immerhin sechseinhalb Stunden dauert. Rasch im Hotel eingecheckt, zwei Plätze im Bus zum Grünen Hügel gebucht, dann ist Power-Napping angesagt.

Ohne Kontrollen kommt niemand ins Festspielhaus. Erst müssen wir unseren Perso einer Polizei-Kontrolle vorlegen, dann mit dem Ticket bei jedem Einlass; so will man den Schwarzmarkt ausschalten. Wir besorgen uns noch Sitzkissen und nehmen unsere großartigen Plätze genau in der Mitte im Festspielhaus ein. Das „jüdische, schwule Känguru“ (Kosky über Kosky) hat den ersten Aufzug der „Meistersinger“ in die Villa Wahnfried verlegt und deutet mit dieser spektakulären Eröffnung schon an, was er im Schilde führt: er möchte den „Fall Wagner“ (Nietzsche) neu verhandeln. Die letzten beiden Aufzüge spielen denn auch in der Kulisse des Gerichtssaals der Nürnberger Prozesse – Richard Wagner hätte auch auf der Anklagebank sitzen müssen. Das hervorragende Programmheft zeigt minutiös den fanatischen Antisemitismus und Nationalismus in seinem Werk, kurzum es gibt nicht den großen Künstler und den unerträglichen Hetzer, den guten und den bösen Richard Wagner.

“Mein Leben ist ein Theaterstück, geschrieben von mir“, behauptete er und hat sich stets mit der Figur des Hans Sachs identifiziert. „Ist jemand hier, der Recht mir weiß, der tret‘ als Zeug‘ in diesen Kreis!“ wird vor dem letzten Aufzug auf den Vorhang projiziert. Wir treten nicht in diesen Kreis, sind von der Inszenierung vollkommen überzeugt, nicht aber von der handlungsarmen und schwerfälligen Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“, wiewohl Michael Volle (Hans Sachs) und Klaus Florian Vogt (Walther von Stolzing) zu recht gefeiert werden. Dann wollen wir nur noch raus aus der Schwüle ins Freie und  finden im „Weihenstephan“ draußen zwei Plätze. Wir verlassen das Restaurant gegen Mitternacht, weiter herrscht reges Treiben im Vorgarten. Herrlich international, multikulturell & bunt ist Bayreuth während der Festspiele. Richard Wagner und Adolf Hitler hätte das pure Grauen erfasst. Gut so!

Zahlen bitte!

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Noch vor den superheißen Tagen spielte Angelique Kidjo mit ihrer Band ein großartiges Konzert in Berlin. Eine Wiederentdeckung!

Es geht Schlag auf Schlag. Geilenkirchen war mit 40,5 Grad nur einen Tag Spitzenreiter, tags drauf zog Lingen im Emsland mit 42,6 Grad vorbei. Niemals nie wurden in Deutschland höhere Temperaturen gemessen. Der Klimawandel ist längst da und für alle & jeden konkret erfahrbar. Neben tropischen Temperaturen erleben wir einen dramatischen Rückgang der Insekten – das Artensterben können wir also auch beobachten. Wir müssen alle unser Verhalten ändern, und zwar sofort. Mit Flugscham ist es nicht getan, wir müssen weniger fliegen & mehr dafür bezahlen. Für unsere Flüge nach Malle haben wir bei atmosfair zumindest 59 € für Klima-Projekte gespendet. Wir müssen davon ausgehen, dass die glücklose Umweltministerin Svenja Schulze das für die 1.740 Flüge ihrer Mitarbeiter zwischen Bonn und Berlin nicht getan hat. Pro Flug sind 10 Euro fällig, macht zusammen 17.400 €. Jede Politik ist auch Symbol-Politik. Diese Zahlung ist das Mindeste, was Frau Schulze tun muss. Peanuts gegen die drohenden 850.000 € Strafzahlung an die EU-Kommission pro Tag (!), weil Deutschland immer noch zu hohe Nitratwerte im Grundwasser aufweist.

Für diesen Rat rechne ich natürlich kein Berater-Honorar ab, auch nicht für den Vorschlag, per sofort Einwegflaschen aus Plastik zu verbieten, was Costa Rica längst getan hat! Der FAZ (25.07.19) zu Folge hat das Wort „Flugscham“ allerbeste Chancen, das Wort des Jahres zu werden. Finden wir alle super und fliegen mehr denn je, erst recht die Grünen-Klientel. „In Wirklichkeit“, kommentiert das Blatt, „wird indes eher über persönliche Konsequenzen für mehr Klimaschutz geredet als entsprechend gebucht. Die Anhänger der Grünen bilden da keine Ausnahme. Ausweislich der Erkenntnisse der Forschungsgruppe Wahlen sind sie sogar nach wie vor besonders häufig mit dem Flieger unterwegs.“ Wahn, Wahn, überall Wahn möchte man rufen. Jährlich passieren 2,5 Millionen LKW den Brenner. Lifestyle & Logistik gehören dringend auf den Prüfstand.

Per Rad also zur „Wassermusik“ auf der Terrasse der Kongresshalle in Berlin. Angelique Kidjo, deren Album „Ayé“ ich in früheren Jahren bald täglich hörte, gibt ein fulminantes Konzert mit ihrer famosen Band, bei sehr angenehmen Temperaturen. Sie widmet ihren Auftritt der Salsa-Queen Celia Cruz und den Talking Heads, deren Album „Remain in Light“ sie kongenial re-afrikanisiert hat. Eine Wiederentdeckung! 42,6 Grad schaffen wir in Frankfurt nicht, aber 41 sind ja auch nicht schlecht. Was kann man da Besseres unternehmen, als afrikanisch essen zu gehen. Wir treffen uns in einer anderen Welt: im „Kenkey House“ in Sachsenhausen. Erst gibt’s die Klöße aus fermentiertem Mais nicht, dann plötzlich doch wieder. Einen Beleg bekommen wir nicht. „Die Kasse ist gestohlen“, feixt einer an der Bar. Auch egal bei dere Hitz‘. Wir verlassen das Lokal um halb elf. Es sind immer noch 33 Grad.

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New Swing live im Jazzkeller. Das Jean-Philippe Bordier Quartett aus Paris mit dem Frankfurter Andreas Neubauer am Schlagzeug.

Nichts bleibt, wie es ist. Morgens informiere ich mich gerne live im Radio. 10 Minuten Pressestimmen im Dlf um 7.05h, um halb acht gibt’s eine Auswahl aus den Feuilletons in SWR2, oft im reizvollen Kontrast zu hr2 eine halbe Stunde später. Das wird sich bald ändern, denn die Kulturwelle des Hessischen Rundfunks wird zu einem Klassikradio – Durchhörbarkeit heißt die Devise. Keine Kulturpresse mehr, kein „Doppelkopf“, kein „Der Tag“, keine Buchvorstellungen und Bühnenkritiken. Ein Kahlschlag, ein Skandal sondergleichen, denn auch der Hessische Rundfunk hat einen Programmauftrag – dafür müssen alle und jeder den Rundfunkbeitrag bezahlen. Nur wofür? Ich kenne niemanden, der noch lineares Fernsehen guckt, das vom hr schon gar nicht. Es dümpelt mit einem Marktanteil von knapp 6 Prozent vor sich hin – Schlusslicht aller dritten Programme.

Was wird mit den Jazz-Sendungen in hr2? Davon war bislang nicht die Rede, scheint auch niemanden zu interessieren. Zum Glück haben wir in Frankfurt den „Jazzkeller“, den Eugen Hahn seit Jahrzehnten schmeißt; neuerdings gibt’s dort feine Cocktails, einen eigenen Kanal bei YouTube und Infos über Social Media. Wir erleben das Quartett des Gitarristen Jean-Philippe Bordier in der ungewöhnlichen Besetzung mit Orgel, Vibraphon und Schlagzeug. Drei Franzosen und ein Frankfurter Bub – das passt bestens. Die Band arbeitet schon einige Jahre zusammen, hat gerade ein neues Album in Paris aufgenommen und sprüht nach der Pause förmlich vor Spielfreude.

Das funzt ohne jedwede Rochade, wie sie Macron und Merkel trickreich beherrschen – und plötzlich Ursula von der Leyen als EU-Kommissionspräsidentin aus dem Hut zaubern. Die Kanzlerin sieht zwar aus wie eine „lame duck“, aber an ihrem 65. Geburtstag zeigte sie wieder ihre Führungsqualitäten. Die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer dient nun der Truppe und kann von Merkel lernen, dass siegen auch heißen kann, seine Meinung zu ändern, wenn es denn opportun ist. Vielleicht besinnt sie sich ja wieder darauf, dass sie schon einmal als Klimakanzlerin gehandelt wurde. Das sog. Klima-Kabinett brachte jedenfalls bis dato noch nicht viel zu Stande – und produziert um so mehr CO₂ . Das Magazin Focus wies darauf, dass Mitarbeiter des Umweltministeriums bis jetzt in diesem Jahr 1.740 Mal (!) zwischen Berlin und Bonn hin und her geflogen sind. Stoppen Sie diesen Wahnsinn sofort, Svenja Schulze! Machen Sie Ihren Job als Umwelt-Ministerin und retten erst einmal das Klima in Ihrem Amt. DankE!!!