Ohne ihn hätte es diesen Blog nicht gegeben, der mit dem „American Diary“ im letzten September begonnen hat. Axel richtete mir „wahnundwerk“ ein und beantwortete geduldig alle Fragen. Er war immer da, wenn etwas gemacht oder gestaltet werden sollte – und er fragte nie nach einer Entlohnung. Als vor vier Jahren mein Schulfreund Klaus starb, gestaltete Axel die Traueranzeige, die noch ein paar Mal geändert werden musste. Er kannte Klaus gar nicht und wollte „natürlich“ nichts haben. Ich dankte ihm und fragte, warum er das tue. „Aber einer muss es doch machen“, gab er zurück.
Er liebte seine Arbeit, war in seinen Foren im Internet unterwegs und immer da, wenn ein Job gemacht werden musste, einerlei ob es nun abends war oder am Wochenende. Die Arbeit war sein Leben, die Begeisterung für Technik, die Freude an Qualität schlechthin. Aber Axel war nichts weniger als ein Nerd. Er schätzte hochwertige Kleidung und rahmengenähte Schuhe genauso wie gutes Essen und guten Wein. Seine Kochkünste wurden gerühmt, und oft hat er für uns noch gekocht, ehe wir loszogen ins Konzert oder ins Theater. Ganz besonders liebte er den Roman „Der Meister und Margarita“ von Michail Bulgakow, den wir in Frankfurt und Mainz auf der Bühne erlebten. Überreden musste ich ihn zu diesen Exkursionen nie: Axel war neugierig, feinfühlig und sehr Anteil nehmend, auch in privaten Angelegenheiten, wiewohl er selbst sehr zurückhaltend war. Einer, der die Worte wägt und niemals labert. Ein sympathischer, sehr angenehmer Mensch, den ich niemals aufbrausend erlebt habe. Wenn ihm etwas gegen den Strich ging, verfinsterten sich seine Züge, und er wurde wortkarg.
Fühlte er sich hingegen wohl, verfiel er gern in ein leichtes Schwäbeln, in einen jovialen Ton ohne jede falsche Anbiederung. Ganz in seinem Element war er beim Segeln, und ich werde nie unseren Törn um Mallorca vergessen, den ich zu meinem 50. Geburtstag geschenkt bekam. Wir kamen nachts in einen schweren Sturm, aber die Männer um Skipper Hugo behielten die Nerven. Ich sehe noch Axel und Thomas, wie sie fest vertäut versuchten, das Boot durch den Sturm zu bringen. Nicht einen Moment hatte ich Angst; ich wusste mein Leben in der tosenden See in sicheren Händen. Unsere Törns auf dem Wannsee waren dagegen so abenteuerlich wie Hamburger essen, was der Gourmet Axel gleichwohl geliebt hat. Beim Törn 2018 hatten wir kaum Wind; trotzdem waren wir für den kommenden Sommer schon fest verabredet. Axel schenkte mir bei diesem letzten Besuch eine Giraffe von „züny“, die ich sofort nach ihm benannte. Gestern Morgen hat sein Herz aufgehört zu schlagen, als wolle es der Erkrankung des Nervensystems die letzte Macht verweigern. Er ist noch da und fehlt so sehr.
Dieser Flyer wurde bei der Berlinale ausgelegt: bis zum 28. März müssen wir noch Geduld haben.
Wir haben uns um achte die letzten Tix für diese Berlinale gesichert und sind früh wie noch nie auf dem Winterfeldtmarkt. Bei unseren Freunden aus Brandenburg kaufen wir Blumen, Eier und die herrlichen Gurken. Hinter uns entdecken wir plötzlich die „Brigaderia Scarbi. Soulfood aus Brasilien“. Sofort kommen wir auf „Marighella“ zu sprechen; viele Brasilianer wollten diesen Film bei der Berlinale sehen. Man habe versucht, erzählt die „Schokolikerin“, die Veröffentlichung von „Marighella“ in Brasilien zu hintertreiben. Es verwundert nicht, dass die Rechtspopulisten vom Schlage eines Bolsonaro einen Guerilla-Kampf gegen die Militärjunta in den 60er Jahren auf den Leinwänden verhindern wollten. Warum der charismatischeCarlos Marighella mit einem schwarzen Schauspieler, dem Musiker Seu Jorge, besetzt wurde, erschließt sich uns indes nicht.
Am Sonntag stehen wir eine gute halbe Stunde vor dem Berlinale-Palast, bis wir endlich eingelassen werden. Wieder sind alle Plätze besetzt, alle wollen den „Systemsprenger“ von Nora Fingscheidt sehen. Der gut recherchierte Film erzählt die Odyssee eines kleinen Mädchens durch die deutsche Jugendfürsorge. Denn niemand kann die Kleine bändigen, wenn sie wieder einmal ausrastet: dabei sucht Benni (Helena Zengel) nur ein Zuhause. „Systemsprenger“ wünsche ich viele Zuschauer, aber den meisten steht der Sinn nach bloßer Unterhaltung. Die drei erfolgreichsten Kino-Filme in dieser Woche kommen – wen wundert’s – alle aus den USA und werden von der Disney-Produktion „Ralph reicht’s 2. Chaos im Netz“ angeführt. Solche Filme laufen überall, der letzte Sommer war nicht bloß hierzulande besonders warm, die WM gab’s in jedem Land zu sehen, und mit den Streaming-Diensten ist weltweit ein neuer Konkurrent auf den Markt getreten. Dennoch beklagen nur in Deutschland die Kinos einen massiven Besucher-Rückgang: 14% weniger waren es 2018. Durchschnittlich kaufte der Bundesbürger nur 1,27 Tickets pro Jahr, während sich die Kinofilmförderung auf 272 Millionen Euro summierte.
Dass gut eine viertel Milliarde Euro nichts bringt, sollte zu denken geben. Aber wir nehmen ja auch andere Skandale gelassen zur Kenntnis: BER, Stuttgart 21 oder – ganz aktuell – die irrsinnigen Kosten, um die „Gorch Fock“ wieder flott zu machen. Deshalb freuen wir uns um so mehr auf „Die Ziege“, „eine seltsame, lustige Komödie“ (The Hollywood Reporter). „Was machst du“, lese ich begeistert auf dem Flyer, „wenn deine tote Freundin als Ziege wiedergeboren wird? Du nimmst sie zusammen mit deinem Freund auf einen Road-Trip!“ Alles wird doch noch gut.
Hertha BSC und Schalke 04 spielen außer Konkurrenz in der Fußballbundesliga, und die Berlin Volleys sind auch dabei. So geht der Wettbewerb der Berlinale: von 22 Filmen werden 6 außer Konkurrenz gezeigt, darunter der Dokumentarfilm über Aretha Franklin aus dem Jahr 1972, den wir uns heute Abend anschauen. Trotzdem ist die 69. und letzte Berlinale unter der Leitung von Dieter Kosslick wieder ein Fest des Kinos, ein Fest des Publikums, das in Scharen kommt. Viele sind froh, überhaupt ein Ticket zu ergattern, egal für welchen Film. „Und dann“, notierte Daniel Haas in der NZZ (09.02.19), “ verbringen die Leute ihre Zeit mit Filmen, die sie sonst nicht einmal gegen Geld anschauen würden, weil das Herkunftsland kaum auszusprechen ist und die Handlung so verstiegen, dass es an Satire grenzt. Kostprobe: ‚Doppelgängerinnen, Untote, eine Nazi-Witwe, ein suizidaler Förster und eine syrische Dichterfamilie geistern durch die Steiermark‘.“
Dennoch hat das Publikum ein Gespür für Qualität. Vor dem Friedrichstadt-Palast steht man geduldig in einer Doppelreihe, um nur ja nicht den mazedonischen Film „God Exists, Her Name Is Petrunya“ zu verpassen. Die Hauptdarstellerin Zorica Nusheva, die so gar nichts gemein hat mit einer Diane Kruger, taucht einfach so in die traditionelle Männerwelt ein; beiläufig erleben wir den Machismo eines modernen Landes und wie schnell der Mob entstehen kann. Wenn der Beifall das Kriterium wäre, dann würde dieser Film heute Abend den Goldenen Bären bekommen. Hoch gehandelt bei den Kritikern wird auch der chinesische Film „So Von, My Son“. Wir schenkten uns die zweite Hälfte, weil der Film zu viel erzählen will und die Stühle im Haus der Berliner Festspiele genauso schlecht sind wie die im Friedrichstadt-Palast. Keinen Cent wette ich, dass die Jury unter Juliette Binoche Fatih Akins primitives Splatterding „Der Goldene Handschuh“ beachtet.
Am schlechtesten bei der Kritiker-Jury im Berliner Tagesspiegel kommt übrigens „Pferde stehlen“ weg, den die Freunde vom Inforadio zu ihrem Favoriten gekürt haben. Dieser Film nach dem Roman von Per Pettersen streift philosophische Fragen, etwa ob wir die Hauptdarsteller in unserem eigenen Leben sind. Der kleine Lars erschießt beim Spielen seinen Zwillingsbruder und muss mit dieser Tat (weiter-)leben. „Die Dinge passieren, einfach so“ und danach ist nichts mehr so, wie es war. Heute gibt’s die Bären: einen Goldenen für den besten Film und ganz viele Silberne für die Schauspieler*innen, die Regie etc., auch so ein Kuriosum. Morgen wissen wir mehr.
Seit 1901 verkehrt die Schwebebahn in Wuppertal. Sie ist damit älter als die Stadt selbst, die ihren Namen erst durch den im Jahre 1929 erfolgten Zusammenschluss der im Wuppertal benachbart gelegenen Städte Barmen, Elberfeld und Vohwinkel erhielt. Die Schwebebahn, die täglich rund 70 000 Fahrgäste befördert, gilt als eines der sichersten Verkehrsmittel der Welt. Nur einmal in ihrer langen Geschichte entgleiste ein Waggon, vor genau 20 Jahren – im Jahre 1999, als eine Baufirma vergessen hatte, eine zu Reparaturzwecken angebrachte stählerne Kralle an den Schienen rechtzeitig wieder zu entfernen. Ein Waggon kollidierte und stürzte in die Wupper, fünf Tote waren zu beklagen, dazu viele Schwerverletzte. Glimpflich ging dagegen ein Unfall im November letzten Jahres aus, als gleichsam aus heiterem Himmel ein hunderte Meter langes Schienenstück brach und auf die Straße fiel, glücklicherweise ohne dass ein Mensch verletzt worden wäre. Seither steht die Bahn still und wird wohl erst im Sommer 2019 nach Revision des gesamten Schienennetzes ihren Fahrbetrieb wieder aufnehmen können.
Der wundersamste Unfall jedoch ereignete sich im Jahre 1950. Kein Waggon, kein Mensch, kein Schienenteil, sondern eine junge Elefantenkuh stürzte da aus dem Waggon Nummer 13 zehn Meter tief in die Wupper – ohne über dieselbe zu gehen. Der Reihe nach. Der vierjährige Elefant namens Tuffi gehörte zum Zirkus Althoff, dessen Direktor ein geschickter Marketingstratege war und aus Anlass eines Gastspiels seines Zirkus zu Werbezwecken eine Schwebebahnfahrt samt Elefant und geladener Journalisten unternahm. In der Station Alter Markt stieg die ungewöhnliche Reisegruppe zu, nicht ohne zuvor vier Tickets für Tuffi gelöst zu haben und eines für Franz Althoff. Sage nachher keiner, der Elefant sei schwarz gefahren. Noch bevor die Bahn jedoch die nächste Station erreichen konnte, bekam Tuffi, wahrscheinlich ob des Gedränges und ob der vielen Blitzlichter Panik, durchbrach die Seitenwand des Waggons und fiel hinab in die Wupper, die an dieser Stelle nicht sonderlich tief, aber morastig war, so dass der Sturz des Dickhäuters abgefedert wurde. Den Berichten zufolge konnte der Zirkusdirektor gerade noch davon abgehalten werden, hinterher zu springen. Dazu trug sicher auch bei, dass er von oben sehen konnte, wie Tuffi sich schüttelte und Richtung Ufer bewegte. Der Zirkusdirektor wurde nach einem teils humoresken Prozess, der um die Frage kreiste, ob das Mitführen von Elefanten gegen die Beförderungsbestimmungen verstieß, wegen fahrlässiger Transportgefährdung zu einer Geldstrafe verurteilt. Tuffi jedoch wurde berühmt und zu einem Wuppertaler Wahrzeichen. An einer Mauer gegenüber der Unfallstelle erinnert noch heute ein Elefanten-Fresko an den historischen Sturz.
Tuffi ist in Wuppertal omnipräsent, sei es auf Geschenkartikeln aller Art von der Seife bis zum Kaffe, als Bronze-Skulptur oder aber auch mitten in der Fußgängerzone als Lichtobjekt aus über 10 000 LEDs. Darüber hinaus ist Tuffi der Star vieler Kinderbücher weltweit. Kurios ist, dass es von dem Unfall selbst keine historischen Fotos gibt, obwohl die Gondel (so nennt man Schwebebahnwaggons auch) mit dem kleinen Elefanten vollbesetzt mit Fotografen war. Diese werden sich aber konfrontiert mit der Panikreaktion des Elefanten lieber spontan in Sicherheit gebracht haben. Die an jedem Zeitungskiosk in Wuppertal erhältlichen Postkarten mit dem Bild des aus der Bahn stürzenden Elefanten sind indes Fotomontagen, neudeutsch: Fakes. Der echte Tuffi verbrachte noch einige Jahre im berühmten Elefantenballett des Zirkus Althoff, bevor er nach dessen Auflösung an den Cirque Gruss in Paris verkauft wurde. Dort starb Tuffi dann im Jahre 1989 eines natürlichen Todes, also vor genau 30 Jahren.
Die Station Alter Markt, wo Tuffis kurze Reise begann, liegt genau gegenüber der legendären Probebühne einer anderen Wuppertaler Berühmtheit. Die Rede ist von der Lichtburg und von Pina Bausch, zwar gebürtig aus Solingen, aber als Begründerin und langjährige Leiterin des Wuppertaler Tanztheaters in Wuppertal und in der ganzen Welt eine feste Größe. Die Stadt begeht dieses Jahr den 10. Todestag dieser Choreografin, deren über 40 Werke auch heute noch weltweit gespielt werden und inzwischen den Rang eines nationalen Kulturerbes einnehmen. Nach den letztjährigen Stürmen um die fristlose Entlassung der Leiterin Adolphe Binder nach nur einem Jahr Amtszeit, liegt es nun an der neuen Intendantin Bettina Wagner-Bergelt, das angeschlagene Schiff „Tanztheater Wuppertal“ in ruhigeres Fahrwasser zu manövrieren. Dazu muss sich – um im Bilde zu bleiben – allerdings auch die Besatzung ins Zeug legen.
Halten wir fest: Wuppertal feiert 2019 seinen 90. Stadt-Geburtstag, vor genau 30 Jahren starb Tuffi, vor genau 20 Jahren ereignete sich der einzige Schwebebahnunfall mit Todesfolge, vor genau 10 Jahren starb Pina Bausch. Und einer anderen berühmten Tochter dieser Stadt, Elke Lasker-Schüler wird heuer aus Anlass ihres 150. Geburtstags gedacht. Friedrich Engels übrigens, der berühmteste Sohn Wuppertals, feiert erst nächstes Jahr seinen 200. Geburtstag.
Klamottentausch beim Jonglieren kein Problem. Foto: Strahlemann & Söhne
Bad Nauheim liegt nördlich von Frankfurt und ist knapp 50 km entfernt. Anfang des Jahres veranstaltet der örtliche Energie-Anbieter dort im Dolce-Theater ein Neujahrsvarieté, das zu einer unendlichen Erfolgsgeschichte geworden ist. 49 Vorstellungen gab es heuer, alle waren ausverkauft. Wieder hatte „Direktor“ Andreas Matlé, der eigentlich die Marketing-Kommunikation bei OVAG leitet, ein gutes Händchen und stellte eine Show mit 21 Programm-Punkten zusammen; kurz vor Mitternacht erst röhren vier brasilianische Teufelskerle mit ihren Maschinen in einer Metallkugel. Noch mehr beeindrucken mich „Strahlemann & Söhne“ aus Berlin. Die Jungs tauschen locker ihre Anzüge und werfen sich dabei ihre Jonglierkeulen zu – fabelhaft. Es sieht alles so einfach aus, was diese Artisten von Weltklasse da in Bad Nauheim auf die Bühne zaubern. Natürlich auch bei der ganz besonderen letzten Vorstellung, der Dernière. Chapeau!
Tags drauf tauche ich in die Welt der Wasserglas-Lesungen ein: Wolf Wondratschek liest aus seinem Roman „Selbstbild mit russischem Klavier“. Er empfindet sich immer noch als underground und verachtet die Feuilletonisten nicht weniger als die Klappentextschreiber in den Verlagen. Dennoch berichtet er nicht ohne Stolz & Freude, dass nun ein Halbmexikaner als Agent für ihn die Fäden ziehe; erstmals erscheine er in Frankreich und in einem New Yorker Verlag. Zufällig nehmen an meinem Tisch der Anglist und Schriftsteller Klaus Reichert und seine Frau Platz; beide kennen Wondratschek seit 1966. Immer wieder beruft er sich auf Klaus, denn mitnichten geht es an diesem Abend nur um den Roman über einen russischen Pianisten. Mehr noch: seine Assoziationen sind mindestens genauso spannend, wenn er über Kreativität und Wahrheit nachsinnt. Ganz besonders gefällt mir eine von Klaus verbürgte Anekdote über Adorno: seine Interpretation vom „Endspiel“ kanzelte dessen Autor Samuel Beckett kurz und knapp mit „No“ ab. Von wegen Hamlet und Clown, was den eitlen Professor indes nicht zu irritieren schien.
Eine ganz andere Welt tut sich im tristen Februar immer in Berlin auf. Die ganze Stadt scheint sich nur noch für das Kino zu interessieren, das im letzten Jahr in Deutschland spürbare Rückgänge bei den Umsatz- und Besucherzahlen hinnehmen musste – Final Countdown. Von Katzenjammer ist bei der Berlinale nichts zu spüren, auch wenn der Wettbewerb um den Goldenen Bären seit Jahren ein Problem ist. Die besseren Filme laufen in Cannes und Venedig, und die Oscar-Kandidaten spielen sowieso in einer anderen Liga, etwa „The Favourite. Intrigen und Irrsinn“ von Giorgos Lanthimos. Kostümfilme mag ich eigentlich gar nicht, aber dieses Machtspiel um die Gunst der Königin Anne mit allen Mitteln fasziniert in jedem Moment; alle drei Hauptdarstellerinnen verdienen einen Oscar. Im Großbritannien des frühen 18. Jahrhunderts geht es bei den Ränkespielen so wenig um das Wohl der Nation wie den verbohrten Sturköpfen, die heute das große Wort führen auf der Insel. In 49 Tagen ist B-Day; „Brexit Boxen“ mit gefriergetrockneten Lebensmitteln verkaufen sich gut. Stop it immediately!
Fund im Reichsbahnbunker: Karten zum Jubiläum 500 Jahre Post (1990). Wer steckt dahinter?
Kassel war einmal die größte Fachwerkstadt Europas – bis zum 22. Oktober 1943. Bei einem Bombenangriff der Alliierten wurden in der Nacht 80% aller Wohnhäuser zerstört; über 10.000 Menschen starben. Weil fast nichts mehr übrig geblieben ist von dieser schönen Stadt, muss man nach der Vergangenheit unter Tage forschen. Das Team von FRIZZ Kassel steigt in die Tiefe: in den Reichsbahnbunker, wo ich überraschenderweise auf Jubiläumskarten „500 Jahre Post“ stoße, in den Felsenkeller Roßteuscher und in den Luftschutzstollen Viktoriabunker. Dort versteckte sich vor den Luftangriffen der vierjährige Frank mit seinen Eltern. Der kleine „Rank“ lebt noch, aber er will nie mehr an diesen Ort des Schreckens zurückkehren, wie uns die kundigen Begleiter – das Wort Führer möchte ich nicht benutzen – erläutern. 530 Menschen fanden Platz im Stollen; die jüdischen Zwangsarbeiterinnen durften nur die Trockenklos entleeren. Nachdenklich steigen wir wieder hinauf in unser Leben, das Krieg nur vom Hörensagen kennt. 40% aller Jugendlichen wissen nicht, was in Auschwitz geschehen ist.
Jugendliche treffe ich nicht bei einer eindrucksvollen Lesung von Monika Held in der Frankfurter „Fabrik“. Die Schriftstellerin, die lange als Journalistin gearbeitet hat, liest aus ihrem Bestseller „Der Schrecken verliert sich vor Ort“, in dem sie das Leben von Hermann Reineck literarisiert hat; sie war eng mit ihm befreundet. Er wäre am 9. Januar 100 Jahre alt geworden und hat Auschwitz überlebt. Ich kann mir Auschwitz nicht vorstellen, und ich kann mir noch weniger vorstellen, wieviel Lebenswillen, Kraft und Glück es braucht, Auschwitz zu überleben. Reineck war Zeuge im Frankfurter Auschwitz-Prozess und gründete mit anderen Häftlingen 1979 die „Lagergemeinschaft Auschwitz“. Das Desinteresse, das unserer Erinnerungskultur Hohn spricht, hätte diesen Mann sicher tief getroffen, dessen Maxime es doch war, dass „über Auschwitz kein Gras wachsen darf“. Die Worte der Schriftstellerin hallten gewissermaßen nach in den Tönen von Gregor Praml auf dem Kontrabass.
Vergangenheit vergeht nicht. Das scheint zum Schicksal der Engländer zu werden; in 2 Monaten ist der B-Day schon Geschichte. Weltmacht einst, Inselmentalität immer, Snobismus und verantwortungslose Scharfmacher wie Boris Johnson, der übrigens in Brüssel aufwuchs, verbinden sich auf fatale Weise. Nichts mehr da vom britischen Pragmatismus & Understatement. Keine Ideen und Lösungen nirgends. Eigentlich sollten alle unverantwortlichen Politiker sofort zurücktreten; Theresa May zuerst. Neue Köpfe sind auch neue Chancen. Welcome to reality.
Die überraschende Wiederkehr der Romantik im neuen Roman des großen Zynikers.
Michel Houllebecq äußert sich als öffentliche Person gelegentlich skandalös, jedenfalls gemessen am common sense eines aufgeklärten, linksliberalen Bildungsbürgertums: Homophob, islamophob und frauenverachtend. Und Donald Trump findet seine Zustimmung wegen dessen antiglobalem Nationalismus und wegen dessen so ganz und gar nicht politisch korrekter, dafür umso deutlicherer Sprechweise. Trump scheint ein Mann nach Houllebecqs Geschmack, ein Macho, ein Womenizer, furchtlos, viril, chauvinistisch, rassistisch, egozentrisch, frei von Selbstzweifeln. Glaubt man Personen wie Frédéric Beigbeder, die Houllebecq persönlich kennen, dann ist das nicht als lediglich provokative Haltung aufzufassen, sondern die volle Überzeugung der Person Michel Houllebecq, die sich damit disqualifiziert für die Teilhabe an einem humanistischen Diskurs in der Folge der Aufklärung.
Und dennoch: die Werke dieses Autors erfreuen sich immenser Beliebtheit, werden von den – überwiegend linksliberalen – Feuilletons gefeiert, ja selbst von feministischer Seite erfährt sein Werk Zuspruch. Ganz offensichtlich kann Houllebecq als Paradebeispiel für die Trennung von Autor und Werk gelten, als Beispiel dafür, dass die Bedeutung eines Werks nicht an der politischen Moral des Künstlers gemessen werden darf – wie das übrigens in totalitären Gesellschaften Usus war und ist. Die Kunstgeschichte kennt viele moralisch defizitäre Künstler, von der Renaissance (Caravaggio, Cellini, Bernini) über die Moderne (Marinetti, Picasso, Benn, Jünger) bis in die Gegenwart, wo im Zuge der #MeToo-Bewegung ganze Heerscharen an Malern, Regisseuren, Schauspielern, Komponisten, Choreografen, Dirigenten und Musikern in ihrer Immoralität geoutet wurden. Die strafrechtliche Verfolgung von Verfehlungen ist Sache der Justiz, nicht aber zugleich die Zensur der Kunstwerke, die heute zusehends einem moralischen Rechtfertigungszwang unterliegen, der die Freiheit der Kunst insgesamt gefährdet. In der digitalen Moderne (Hanno Rauterberg) wird die Freiheit der Kunst immer weiter eingeengt durch den Anspruch auf Rücksichtnahme auf jede nur denkbare Empfindlichkeit einzelner Gruppen, Ethnien, Gender, Religionen, Kulturen und Handicaps. Die Freiheit der Kunst, ihre Autonomie, besteht aber gerade darin, sich nicht den politischen und sozialen Zwängen der political correctness beugen zu müssen. Im Gegenteil, es ist geradezu ein Wesenszug ihrer Freiheit, anarchistisch, quer zum herrschenden Diskurs zu stehen. Daran muss man in unseren Tagen wieder erinnern.
Und damit komme ich zu „Serotonin“, dem jüngsten Roman Houllebecqs. Sein Roman strotzt nur so vor politisch inkorrekten Ausdrücken („Homohimmel“, „fette Schlampe“), vor expliziter Pornografie, vor radikaler Gesellschaftskritik, nirgends nimmt er ein Blatt vor den Mund, sondern „rülpst“ seine „Wahrheiten“ dem Leser ungefiltert ins Gesicht. Diese schonungslose Direktheit ohne Rücksicht auf irgendwelche Empfindlichkeiten potentieller Leser, das ist ein anarchistisches Element, spricht jeder political correctness Hohn, ist Freiheit der Kunst, und wird wohl von vielen Lesern nachgerade als befreiend empfunden. Der apodiktische Stil Houllebecqs, in seiner Maßlosigkeit auch urkomisch, darf jedoch nicht zu vorschnellen Schlussfolgerungen über das Gesagte verführen. Bei aller verbalen Kraftmeierei bilanziert in diesem Roman ein Möchtegern-Macho, tatsächlich aber ein überaus schwacher, wehleidiger Protagonist sein gescheitertes Leben. Dessen Beruf als leitender Angestellter in der Land- und Forstwirtschaftsbürokratie führt ihm die Absurdität einer Agrarpolitik vor Augen, die in der zynischen Erkenntnis gipfelt „Monsanto oder der Hungertod“. Hinzu kommt eine enttäuschende Liebesaffäre mit einer Japanerin, die außer sexueller Libertinage keine Zukunft verspricht. Diese Frusterfahrungen bewegen ihn dazu, der Politik und der Gesellschaft den Rücken zu kehren. Er kündigt seinen Job, verkauft seine Wohnung und verschwindet aus seinem bisherigen Leben in der Anonymität einer abgelegenen Hochhauswohnung in einem deklassierten Wohnviertel. In „Serotonin“ blickt Florent-Claude, eine Art Anti-Held, auf sein gescheitertes Leben zurück. Dieses Leben ist für ihn nur zu ertragen durch die immer höhere Dosierung des Antidepressivums Captorix (Wirkstoff Serotonin), das es ihm immerhin ermöglicht, seinen Alltag zu „formalisieren“, allerdings um den Preis der Impotenz. In dieser Lebensbilanz, konsequent aus der Ich-Perspektive erzählt, wird dem Protagonisten des Romans schmerzhaft klar, dass er zweimal die Chance hatte, seinem Leben eine sinnvolle Wendung zu geben, aber beide Chancen weggeworfen hatte in dem Glauben an „individuelle Freiheit“, ein „offenes Leben mit unbegrenzten Möglichkeiten“, wie es dem damaligen „Zeitgeist“ entsprochen habe. Die falsch interpretierte Freiheit zu schrankenloser Selbstverwirklichung des Individuums verleitete den Ich-Erzähler zu einem sexuell ausschweifenden, dem egozentrischen Lustprinzip folgenden Lebensstil, ohne dabei glücklich werden zu können. Im Gegenteil: eine höhere Dosierung erwies sich hier im Rückblick als kontraproduktiv, zerstörerisch für das angestrebte Glück. Dieses erkennt Florent-Claude im Nachhinein in der monogamen Liebe von Mann und Frau – was für ein Kontrast zu dessen triebgesteuertem Macho-Dasein. Dass die beiden Frauen Ärztinnen waren, mit denen das gelungene Leben rückblickend möglich gewesen sein soll, entspricht der Vorstellung der Heilung des Mannes aus seiner Triebverstrickung durch die Frau. Der Protagonist Houllebecqs erweist sich als Romantiker, wenn er am Ende seines Daseins bilanziert: „Wir (er und seine damalige Freundin Kate) hätten die Welt retten können, und wir hätten sie in einem Augenblick retten können, wie der Deutsche sagt, aber wir haben es nicht getan, das heißt, ich habe es nicht getan, und die Liebe hat nicht obsiegt, ich habe die Liebe betrogen.“ Und weiter: „ich werde mein Leben unglücklich, griesgrämig und einsam beschließen, und ich werde es verdient haben.“ Von der Weltrettung durch Liebe „in einem Augenblick“ ist es nur noch ein kurzer Weg zum Christentum – und ähnlich wie die deutschen Romantiker – bekennt sich Florent-Claude kurz vor seinem selbstbestimmten Ende zu dem Wunder der „überschwänglichen Liebe Gottes“, zu Jesus Christus, der verärgert über die „Verhärtung der Herzen“ fragt: „Muss ich wirklich noch mein Leben für die Erbärmlichen geben?“. Worauf die Antwort – zugleich der Schlusssatz im Buch – lautet: „Offenbar ja.“ Es bleibt ambivalent, wie dieser Schluss zu deuten ist: sieht sich die Romanfigur etwa in einer krankhaften Wahnvorstellung als Märtyrer in Analogie zu Christus? Oder hat hier gar der Autor selbst das letzte Wort? Hat er nicht erst kürzlich eine Japanerin geheiratet? Die Freiheit der Kunst besteht eben auch in ihrer Uneindeutigkeit.
Es ist eine unerwartete Volte, dass der chauvinistische Zyniker und Agnostiker Houllebecq seine Romanfigur im Scheitern zum christlich-romantischen Konzept der Versöhnung mit der Welt durch Liebe finden lässt. Hier spricht das Werk eine ganz andere Sprache als der politische Diskurs des Autors nahelegt. Kunst lässt sich nicht auf einen Deutungsansatz verengen. „Serotonin“ ermöglicht viele weitere, auch sich widersprechende Lesarten.
Michel Houllebecq, Serotonin, Köln, DuMont Buchverlag 2019
Auf ins Land, wo die Zitronen blühn. Foto: Susanka E.
Was für ein Unterschied. Mit dem Bus zum Regionalflughafen Tegel und dann landen wir nach zwei Stunden Flug auf einem richtigen Airport: Rom Fiumicino. Eine ganz andere internationale Welt. Das Gepäck kommt schnell, und der Zug nach Trastevere steht schon bereit. So geht Flughafen, möchte man den Piefkes in Berlin eine Nase drehen, denen inzwischen dämmert, dass man die U 7 eigentlich zum BER verlängern könnte. Guten Morgen, die Herren. Bald sind sieben Jahre seit der ersten (!) geplanten Eröffnung vergangen, und noch immer raunt man von Kabel-Chaos und möglichen Verzögerungen. Warum plant man einen Flughafen oder – um ein anderes Beispiel zu nennen – den Hauptbahnhof nicht zusammen mit der nötigen Verkehrsinfrastruktur? Warum glaubt man, einen tollen Deal zu machen, indem man mit Milliardenverlust Wohnungen zurückkauft, die man in den 90er Jahren vertickt hat? Die dringend benötigten neuen Wohnungen entstehen so nicht, aber mit solchem Aktionismus bekommt man in Berlin allemal Beifall.
Den hat sich redlich eine gewisse Manuela verdient, die uns vor Weihnachten mit einem Mini TT Table (net included) überraschte. Längst hat sich herausgestellt, dass hinter dieser Überraschung nur einer stecken konnte: Advantage Pong! Auch im Spiel war der Meister für Ping einige Nummern zu groß, obwohl er nur mit einem Mini-Schläger spielte. Ich werde hart trainieren müssen, aber vor allem macht es richtig Spaß. Das weiß anscheinend auch die Personalausweisbehörde, denn sie verpasste Pong ein persönliches Sperrkennwort: Tischtennis. Ich bin fassungslos, wie der Crack das wieder gedreht hat, wenn es denn stimmt und nicht eine grandiose Erfindung ist.
Nun sitze ich in Rom an meinem Rechner und mache hier meinen Job. Vom Müll-Notstand, von dem ich kürzlich in der Tagespresse gelesen habe, ist in Trastevere nichts zu bemerken. Eben habe ich aus dem Fenster geschaut und die Müllmänner bei ihrer Arbeit beobachtet. Gegenüber auf dem Balkon hängt eine EU-Fahne; dort kann kein schlechter Mensch wohnen. Ob es ein Engländer ist, der nach Rom geflohen ist? Einer, der nicht mehr begreift, was auf der Insel abgeht? Zum guten Schluss daher noch zwei ungebetene Ratschläge: Theresa May sollte sofort zurücktreten. Und warum nicht einen harten Brexit auf Probe. Drei Monate Chaos total und dann schauen wir mal. Good Luck!
Auf der Suche nach Gemütlichkeit 1969: Verner Pantons Kantine des „Spiegel“.
„Wir bringen euch hin. Hamburg liegt jetzt an der Spree“, lese ich überrascht im Display des Fahrscheinautomaten. Wir trauen der BVG durchaus weniger zu und buchen lieber bei der krisengeschüttelten Deutschen Bahn. Freunde haben uns zu einem Wochenende eingeladen – und schwups sind wir auch schon da. Eine zweite Hörprobe in der Elbphilharmonie steht erst morgen an, aber „68. Pop und Protest“ geht immer. Die großartige Ausstellung saugt uns förmlich an. Bilder, die zum kollektiven Gedächtnis gehören, werden projiziert, ein Fackel-Lauf der Studenten in Berlin läuft als Endlos-Schleife. Wir erleben 1968 hautnah in Filmausschnitten und Dokumenten; der dunkle Raum im „Museum für Kunst und Gewerbe“ nimmt uns mit in eine aktuelle Vergangenheit, als noch Hoffnung auf gesellschaftlichen Fortschritt war. Aufbruch auch in der Musik, in der Mode und im Design, wenn auch die Ästhetik der originalen Kantine des „Spiegel“ heute doch sehr befremdet.
In der Elbphilharmonie fühlen wir uns heimisch, sitzen fabelhaft und staunen wieder über dieses Meisterwerk moderner Architektur, das uns dieses Mal auch akustisch überzeugt, beim gewaltigen 1. Klavierkonzert von Brahms ebenso wie bei seiner letzten Sinfonie. Die Instrumente lassen sich einzeln ausmachen und finden doch zu einem großartigen Klang unter Kent Nagano zusammen, obwohl man sich nur in der Generalprobe auf die schwierige Akustik in der Elbphilharmonie einstellen konnte. Am Abend davor verließ das Publikum reihenweise das Haus, weil es nichts von seinem Star hören konnte. Jonas Kaufmann war darob so erbost, dass er nie wieder in der Elbphilharmonie auftreten möchte.
Die Suche nach dem Klang beschäftigt auch das Eröffnungsfestival „100 Jahre Bauhaus“ in der Berliner Akademie der Künste. Gibt es einen „Bau.Haus.Klang“? Wer da nur formal an Zwölftonmusik oder gar Minimal Music denkt, wird vom furiosen Auftritt einer Gruppe um Michael Wollny eines Besseren belehrt– klanggewordene Dialektik von formaler Strenge und Experiment & Ekstase. In diesem Geist des Widerspruchs ist das ganze von Bettina Wagner-Bergelt kuratierte Festival zu verstehen, das klug auf big names wie Wollny und Robert Wilson setzt und gleichzeitig kaum bekannten Klangtüftlern wie dem originellen Instrumentenbauer Ferdinand Försch eine Bühne bietet. Das gefiel auch dem Bundespräsenten Frank Walter Steinmeier, der seine prägnante Rede mit einem Wort von Robert Gernhardt schloss: „Gut gefühlt / Gut gefügt / Gut gedacht / Gut gemacht.“ Lob an das gesamte Festival-Team. Gut gemacht!
Mit seinem Buch „1913. Der Sommer des Jahrhunderts“, erschienen im Herbst 2012, war Florian Illies ein Bestseller gelungen, der sich bis heute über 1 Million Mal verkaufte. Damit hatte Illies all jene überrumpelt, die fleißig an ihren Büchern zum kalendarisch verabredeten Jubiläumsjahr saßen, dem Jahr des Kriegsausbruchs 2014. Ein weiterer Coup bestand darin, dass Illies jene unmittelbare Vorkriegszeit nicht in einem unheilvoll dramatischen Licht zeichnete, sondern Anekdoten vornehmlich aus Künstlerkreisen im humoristischen Plauderton erzählte, die in der Zusammenschau ein buntes, ganz und gar nicht unheilvolles Bild jenes Sommers ergaben. Das war neu, widersprach der gängigen Erwartungshaltung, war eine Überraschung.
Sechs Jahre später, im Herbst 2018, versucht Florian Illies nun, diese Erfolgsgeschichte einfach fortzuschreiben und nennt sein neues Buch „1913. Was ich unbedingt noch erzählen wollte“. Was die kommerzielle Seite betrifft, wird die Rechnung wohl auch aufgehen, das Buch liegt bereits in der 3. Auflage vor. Die Leser lieben offensichtlich gehobenen Tratsch. Dennoch ist das mit dem Remake eines Blockbusters immer so eine Sache. Der Überraschungscoup lässt sich nicht wiederholen, die Masche ist bekannt, die Zeit weiter gelaufen und heute wäre wohl ein Werk über das Jahr 1918/19 von höherem Interesse als nachgereichte Anekdoten. Volker Weidermann hat es mit seinem Buch über die Wirren der Münchner Räterepublik „Träumer. Als Dichter die Macht übernahmen“ eindrucksvoll gezeigt.
Ärgerlich an diesem Remake von Illies ist dessen penetrant lockerer Erzählton, flapsig, lakonisch, ironisch, mitunter kalauernd und sprachlich gelegentlich an der Grenze zum Groschenroman. Da wird zwischen den disparaten Begebenheiten hin und her geschaltet wie in einer Livereportage, es werden krampfhafte Überleitungen gebastelt, um Ereignisse verbal miteinander zu verbinden, die nichts miteinander zu tun haben. Das geht dann so: „1913“, behauptet er, „ist das Jahr, das das 19. Jahrhundert und das 20. Jahrhundert unauflöslich miteinander verbindet.“ Nun ist man gespannt auf die Begründung, was gerade das Jahr 1913 so besonders macht. Doch er fährt fort: „Kein Wunder, dass deshalb am 29. April 1913 Gideon Sundback das Patent für den Reissverschluss erhält.“ Da muss man sich dann doch wundern. Diese Beliebigkeit hat Methode: Isidora Duncan bekommt ein Kind, Illies formuliert das „Ende 1913 wächst in ihrem Bauch ein kleiner Romano Romanellino“, um anzuschließen „Passend dazu entwickelte … Alfred Sturtevant die erste DNA-Analyse“, doch der habe sich für die Darstellung des Chromosoms „nicht den kleinen Romanellino, sondern die Fruchtfliege Drosophila ausgesucht“. Wäre also auch das geklärt. Nicht mehr flapsig, sondern geschmacklos muss es man nennen, wenn Illies über das indische Mathematikgenie Ramanujan schreibt, es sei eine „eigene Zeitschrift, das ‚Ramanujan Journal‘ erschienen, um die Überfülle seiner Resultate, Rechenmodelle und Lösungsvorschläge zu publizieren. Kurz darauf stirbt er. Nur damit hatte er nicht gerechnet.“ Oder auch Alfred Lichtenstein. Dieser war „am 1. Oktober als Einjährig Freiwilliger in das Zweite Bayerische Infanterieregiment eingetreten. Und er hatte das mit dem ‚Einjährigen‘ ernst gemeint: Er fällt am 25. September 1914, also genau ein Jahr später.“ Für eine Pointe ist Illies nichts zu schade. Da spielen Maxim Gorki und Lenin auf Capri Schach „und überlegten, welche Bauernopfer es brauchte, um Russlands König endgültig matt zu setzen“. Mag das noch als Ironie durchgehen, so wird es dann endgültig peinlich, wenn Illies sich nicht entblödet, das Geschenk Pablo Picassos an Gertrude Stein und deren Freundin, das Bild eines einzelnen Apfels, so zu kommentieren: „Damit sie auch morgen noch kraftvoll zubeißen können.“ Ach ja und dann wären da noch die Frauen, Modelle, Schauspielerinnen, Femmes Fatales, Künstlerinnen, die es Illies offensichtlich angetan haben. Gerne referiert er im Stile eines Dirty Old Man deren Vorliebe, „splitternackt“ (nur nackt genügt ja nicht) oder auch „nackt wie Gott sie schuf“ aufzutreten. Die Geliebte Ernst Ludwig Kirchners, Erna Schilling, läuft da „meist ganz nackt am Strand herum“ und Illies weiß zu berichten, dass Kirchner und Erna mit einem Glas Wein am Strand liegen und „hinten in der Ferne geht die Sonne langsam unter. Erna liegt schnurrend in seinem Arm. Und er hat eigentlich schon wieder Lust auf sie“. Nicht nur, dass dieses reinster Kitsch ist, sondern Illies schlüpft hier in die Rolle des Voyeurs, der an anderer Stelle gesehen haben will, dass Isidora Duncan „nackt unter ihrer Tunica posierte“. Ja so was aber auch: nackt unter der Kleidung. Dieser Voyeurismus gilt aber nicht allein dem Erotischen, es ist vielmehr die Erzählposition des Autors in gottgleicher Warte. Er sieht alles, sogar die feinen Kringel des Zigarettenrauchs auf Capri aufsteigen und als Nachgeborener weiß er natürlich auch immer, wie die Geschichte ausging. Dieser Autorgott amüsiert sich über das Gewusel des Menschen anno 1913, ihre Schicksalsschläge, ihre Schwächen, ihre Unwissenheit über das was kommen wird. Es ist ein mitleidloser Gott. Einzig Marcel Proust scheint er zugewandt. So zählen die Geschichten über Marcel Prousts nicht enden wollende Kollage- und Korrekturarbeit an seinem Roman „A la Recherche du Temps perdu“ zu den stärksten Episoden dieses Buches. Wie dieser Jahrhundertroman lange Zeit keinen Verleger fand. Wie Proust selbst den Überblick über sein Mammutwerk zu verlieren drohte. Wie er sogar seinen Chauffeur und Liebhaber in den Entstehungsprozess einspannte. Wie er von diesem Liebhaber finanziell ausgebeutet wurde, bevor dieser mit einem von Proust geschenkten Flugzeug davonflog und sich sinnigerweise unter dem Pseudonym Marcel Swann versteckte, bevor er ins Meer abstürzte, das ist großer Stoff. Und zum Erscheinen von „A la Recherche“ kaufte sich Proust Rezensionen auf den Titelseiten großer Journale für sehr viel Geld, Rezensionen die er auch noch selbst verfasst hatte. Solches hat der neue Rowohlt Verleger Florian Illies mit Sicherheit nicht nötig.
Florian Illies, 1913. Was ich unbedingt noch erzählen wollte. Erschienen im Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2018