Final Countdown

ROMA
Großes Kino nicht für kleine Smartphones: „Roma“ von Alfonso Cuarón. (Foto Carlos Somonte; Copyright Netflix)

Heute beginnt der Verkauf von Feuerwerkskörpern. Die Deutschen lassen es bekanntlich gerne krachen und werden wieder deutlich über 100 Millionen € verballern. Sollen sie doch ihren Spaß haben, könnte man meinen, wenn da nicht der Feinstaub wäre. Davon entsteht in der Silvesternacht so viel wie alle Autos in zwei Monaten ausstoßen. Das indes scheint niemanden zu stören, selbst Die Grünen und Die Deutsche Umwelthilfe nicht. Spaßverderber möchte wohl niemand sein, wo in den Großstädten Dieselfahrverbote kommen sollen. Aber das regt keinen mehr auf, ebensowenig das liebedienerische Verhalten gegenüber der Automobilindustrie. Nichts regt uns mehr auf: nicht der BER, nicht Stuttgart 21, nicht der marode Zustand der Infrastruktur, nicht der Stillstand bei der Digitalisierung. Uns geht’s ja noch gold.

Stehen die deutschen Kinos auch vor dem „Final Countdown“? Als die schwedische Band Europe damit 1986 einen Top-Hit landete, war die Kinowelt jedenfalls noch in Ordnung. Heuer rechnen die Betreiber mit einem Umsatzrückgang von 15% – leider war kein „Fuck ju Göthe“ am Start, leider war der Sommer lang und auch noch WM. Aber die Digitalisierung bringt noch ernsthaftere Konkurrenten hervor. Amazon und Netflix produzieren nicht bloß spannende Serien, sie können auch großes Kino, das noch (!) in den Filmpalästen gezeigt wird. „Roma“ von Alfonso Cuarón Orozco wurde eine Woche vor dem Start bei Netflix erst in ein paar  Kinos gezeigt – ein genialer Marketing-Coup. Die „Astor Lounge“ am Ku’damm war jedenfalls bestens besetzt, und dort hat man anscheinend den Königsweg gefunden, um den digitalen Giganten Paroli zu bieten: Erlebnis & Service. Schlappe 17 € kostet ein Ticket, und für Getränke & Snacks geht mindestens noch einmal das gleiche drauf.

Europe und „Final Countdown“ – angesichts des drohenden Brexit bekommt diese Kombination eine ganz neue Konnotation. Irgendwann wird uns Theresa May erzählen, warum sie von einer überzeugten Remainerin zur Vollstreckerin des Brexit geworden ist, der nun ein ganz harter zu werden droht. Beinahe verzweifelt erinnert ihr Landsmann Timothy Garden Ash in einem Interview an eine englische Lebensweisheit: „Wenn du nicht mit am Tisch sitzt, stehst Du auf der Speisekarte.“ Im Januar schon gibt es auf der Insel keinen Platz mehr in Kühlhäusern. Guten Rutsch in eine höchst ungewisse Zukunft!

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Liebe in Zeiten des Wahnsinns

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Keine Hoffnung in dieser Welt für Wiktor und Zula in dem großartigen Film „Cold War“.

Nichts ist gut! Deshalb freuen wir uns ganz besonders auf Weihnachten, das Fest der Familie und der Liebe. Und stürmen die Musicals, die um die Jahreswende auf dem Programm stehen. „Mamma Mia“ verkauft sich in der Alten Oper Frankfurt wie geschnitten Brot, dabei ist die Produktion nicht besser als der harmlose Pop der schwedischen Band ABBA, die in den 70er und 80er Jahren richtig abräumte. Schwer kommt die Geschichte in Gang – aufgesagt die Texte, hölzern fast alle Spieler. Klamauk kommt da allemal besser als Witz & Ironie, die Tanz-Szenen sind spärlich, das Bühnenbild ist so simpel wie die ganze Story. Aber trotzdem erfüllt „Mamma Mia“ eine Sehnsucht nach überschaubaren Verhältnissen, sonst würden die Zuschauer*innen (deutlich mehr Frauen) am Ende nicht stehend applaudieren. Alles ist gut in den Shows von Helene Fischer oder Wolfgang Petry, dessen Musical „Das ist Wahnsinn“ mit den größten Hits bereits eine Viertelmillion Tix verkaufte und in der Jahrhunderthalle Frankfurt vom 12. – 24.02.19 läuft.

Solche Besucherscharen hätte der polnische Film „Cold War. Der Breitengrad der Liebe“ allemal verdient; indes sehe ich den FRIZZ-Film 11/18 im „Orfeo“ zusammen mit zwei Dutzend Cineasten. Das Scheitern einer Liebe an und in den Verhältnissen im Staatssozialismus wie im Kapitalismus hat der Regisseur Pawel Pawlikowsi als Tragödie in Schwarzweiß gedreht – keine Hoffnung nirgends für das Paar. Nicht zufällig spielen einige Szenen in einer Pariser Bar mit dem sinnfälligen Namen „Eclipse“. „Cold War“ erhielt gerade den Europäischen Filmpreis (bester Spielfilm, beste Regie, bestes Drehbuch) und zählt auch bei der nächsten Oscar-Verleihung zu den Favoriten.

Heute endet der Steinkohlebergbau in Deutschland. Wie eine bittere Ironie mutet es an, dass am gleichen Tag in Tschechien bei einem Grubenunglück mindestens zwölf Bergarbeiter ums Leben gekommen sind. Weil das Einfahren in die Grube, das Arbeiten unter Tage an mythische Urängste rührt, berühren solche Katastrophen ganz besonders. Zu den stärksten Erinnerungen meiner Kindheit gehört die Rettung der Bergarbeiter 1963 in Lengede. Nie werde ich die Bilder im Fernsehen vergessen, als die Männer aus der Röhre gezogen wurden und man ihnen sofort eine Sonnenbrille aufsetzte. Glück auf!

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Schöne neue Welt!

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Anpassung und Fortschritt um jeden Preis verlangt Steve Pinker.

Zu Steven Pinkers Bestseller „Aufklärung Jetzt“

Leben wir in der besten aller Welten, ohne es zu bemerken? Nicht nur das behauptet der kanadische Starintellektuelle und Harvard-Professor Steven Pinker in seinem jüngsten Buch „Aufklärung Jetzt“, sondern mehr noch: nach ihm steuert die Menschheit seit der Aufklärung dank „Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt“ (so der Untertitel seins Buches) geradezu in eine paradiesische Zukunft ohne Gewalt, ohne Armut, ohne Hunger, ohne Analphabetismus,  ohne Krankheit, dafür mit ubiquitärer Bildung, steigender Lebenserwartung, Gerechtigkeit, Frieden, Demokratie. Nun, liest der Mann keine Zeitungen? möchte man einwenden. Doch, das tut er, aber genau hier liegt für ihn das Problem. Die Zeitungen, Medien ganz allgemein, berauschen sich nach Pinker am Negativen, an der der Katastrophe, so dass ein Terroranschlag mit 10 Toten dort mehr Aufmerksamkeit erfährt, als die Nicht-Nachricht, dass am selben Tag statistisch 10 000 Menschen nicht verhungert seien. Er nennt das eine systematische Wahrnehmungsverzerrung, die zu korrigieren er angetreten ist. Dazu führt er 75 Statistiken ins Feld, die allesamt beweisen sollen, dass sich das Leben der Menschheit global sukzessive zum Besseren wendet. Neben den Medien macht Pinker für den herrschenden Negativismus eine antiaufklärerische kulturelle Tradition verantwortlich, beginnend mit der Romantik, sich fortsetzend über Nietzsche, Heidegger, die Existenzialisten, die Frankfurter Schule, die Strukturalisten bis zu heutigen kritischen Intellektuellen aller Couleur, denen er unterstellt, sie betrieben Gesellschaftskritik als eine Art Geschäftsmodell. Dabei verkennt er, dass ein wesentliches Kriterium der Aufklärung ja gerade die konstruktive Kritik an den jeweils herrschenden Zuständen war und ist.

Was als eine Verteidigung der unzweifelhaften Fortschritte in den Naturwissenschaften bei Pinker durchaus einleuchtet, wird hier reaktionär. Der Grund dafür liegt in Pinkers vager Begrifflichkeit und seinem Utilitarismus. Der Vernunftbegriff ist bei ihm verkürzt auf die instrumentelle Seite, vernünftig ist, was nützt. Und der Nutzen lässt sich quantifizieren am technologischen Fortschritt, an statistischen Kurven ablesbar. Dass aber diese Kurven keine prognostischen Aussagen zulassen, weiß jeder, der sich zum Beispiel mit Börsenkursen beschäftigt. Statistisch unwahrscheinliche Ereignisse, sogenannte „schwarze Schwäne“, werden von Pinker konsequent ausgeblendet. Methodisch rächt sich, dass ihm ein normativer moralischer Kompass fehlt, ja moralische Normen erscheinen ihm überhaupt kontraproduktiv,  wie etwa das Postulat der UN-Menschenrechtsdeklaration „die Würde des Menschen ist unantastbar“. Warum also nicht einen einzelnen Menschen foltern, wenn dadurch größerer Schaden von der Allgemeinheit abgewendet werden kann?

Die Grenzen des technologischen Fortschrittsoptimismus Pinkers zeigen sich in seinem Buch dort, wo er auf den Klimawandel, die globalen Zerstörungen an Fauna und Flora zu sprechen kommt, sind diese doch unbestreitbar ein Kollateralschaden genau jenes Fortschritts, der die Welt so viel besser machen soll. Konsequent setzt Pinker, dem der konservative Gedanke einer zu bewahrenden Schöpfung fremd ist, unverdrossen auf weiteren technologischen Fortschritt, Atomenergie und Geoengineering gegen Klimawandel, die gentechnische Anpassung  von Pflanzen, Tieren und letztlich auch Menschen an die sich verschlechternden natürlichen Lebensbedingungen. Schöne neue Welt! Dass Bill Gates dieses Buch „mein absolutes Lieblingsbuch aller Zeiten“ genannt hat, wundert da nicht.

Pong

Steve Pinker, Aufklärung Jetzt, erschienen im Fischer Verlag 2018

Das Danaergeschenk

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Manuela lässt’s gerne krachen.

Eine Benachrichtigung von Amazon liegt auf dem Tisch, als ich nach Hause komme. Komisch, habe doch gar nichts bestellt. Schon steht der freundliche Nachbar vor der Tür und übergibt mir ein stattliches Paket, das mich nicht wenig erstaunt: ein Mini TT-Table (net included). Das habe ich mir schon immer gewünscht. „Viel Vergnügen mit Ihrem Geschenk! Von: Manuela.“ Kenne keine Manuela und aus Gründen des Datenschutzes erwähne ich hier nicht ihren Nachnamen, der mir gar nichts sagt. Schnell mal im Netz geschaut: eine der Damen hat einen Pflegedienst, eine andere einen Tapezierer Betrieb, die dritte ist vor drei Jahren verstorben. Was tun? Abwarten, weiter verschenken, auf die Gass‘ stellen? Ich schaffe es tatsächlich bei Amazon anzurufen, bekomme Retour-Etiketten und einen Gutschein. Wow, da hat sich die Mühe doch gelohnt. Wahrscheinlich wird aber der Mini TT-Table irgendwann geschreddert, denn das kommt den Handelsriesen, der angeblich 85.000 Dollar Umsatz pro Minute macht, allemal günstiger als ein Second-Hand-Verkauf. Schöne, neue Wegwerfgesellschaft! „In Deutschland wirft jeder Einwohner im Schnitt 37 Kilogramm Plastikverpackungen weg – sechs Kilogramm mehr als der EU-Durchschnitt.“ (Apotheker-Umschau, 15.10.18) Europas Musterländle blamiert sich also nicht bloß bei den Klimazielen.

Blamabel ist auch der Zustand der Schulen hierzulande, insbesondere die Ausstattung mit Computern. Feine Sache also ein Digitalpakt – seit zwei Jahren stehen 5 Milliarden vom Bund für die Länder bereit. Doch vor der Auszahlung müssen in Deutschland natürlich neue Gesetze geschmiedet werden – alles muss seine Ordnung haben. Warum dafür allerdings gleich das Grundgesetz geändert werden soll, verstehe ich so wenig wie die 16 Ministerpräsidenten der Länder, die sich parteiübergreifend gegen das hübsch verpackte Danaergeschenk aus Berlin sperren. Der Föderalismus ist eine tolle Sache, einfacher wird’s dadurch aber nicht. Man denke an den Zustand vieler Straßen und Brücken, von der Deutschen Bahn ganz zu schweigen. Alles dauert zu lange, und beim Digitalpakt sind zwei Jahre Verzögerung eine Ewigkeit, mehr noch: eine Schande.

Ob sich die Milliarden, die der französische Präsident Emmanuel Macon springen lässt, noch als Danaergeschenk erweisen, wird sich zeigen. Womöglich enden die sozialen Unruhen. Die Schuldenlast von Frankreich erreicht damit aber knapp 100% des BIP, und die „eigentlich“ in der EU vereinbarte 3%-Grenze bei der Neuverschuldung wird auch gerissen. Nicht mehr lange wird sich der Präsident von seinen engsten Vertrauten Jupiter nennen lassen. Es wäre allzu lächerlich.

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Der gescheiterte Putsch

Ein letztes Mal hier zu Friedrich Merz, bevor er wieder in der gut dotierten Versenkung verschwindet, aus der er scheinbar so plötzlich aufgetaucht war. Heute wissen wir, dass es sich mit seiner Kandidatur um einen lange vorbereiteten Putschversuch handelte, eingefädelt von Schäuble und den alten AndenpaktSeilschaften um Roland Koch und die Mittelstandsvereinigung der CDU. Es ging dabei um nicht weniger als die Kanzlerschaft, der Parteivorsitz wäre dazu nur der Steigbügel gewesen. Die von Merz im Vorfeld gemachten Beteuerungen, er werde gut mit Merkel zusammen arbeiten, darf man getrost als taktische Augenwischerei bezeichnen. Mit der Wahl von Merz wäre das Ende der Kanzlerschaft von Merkel nur noch eine Frage der Zeit gewesen, das kann man auch aus dem überaus knappen Abstimmungsergebnis ableiten. Dass ausgerechnet Schäuble mit seinem unbeherrschten Vorpreschen kurz vor der Wahl wahrscheinlich seinem Kandidaten die paar wenigen fehlenden Stimmen gekostet haben dürfte, zählt zur Ironie dieses Putschversuchs. 

Entsprechend erleichtert fiel die Reaktion von Merkel aus, das konnte man an den Live-Bildern im TV im Moment der Bekanntgabe des Abstimmungsergebnisses sehr gut erkennen, so sehr sie sich – wie es ihre Art ist – auch bemühte, jede emotionale Triumph-Geste zu vermeiden. Merkel kann nun also Kanzlerin bleiben bis zum Ende der Legislaturperiode oder aber bis zu einer dann freiwillig vorgezogenen Stabsübergabe an AAK, um einen anderen missliebigen Kandidaten zu verhindern. Sie behält so alle Optionen in der Hand. Mit dieser Wahl wird somit zunächst Kontinuität gewahrt, ein Roll Back in den Neoliberalismus bleibt uns glücklicherweise erspart. Sicher aber hätte die Wahl von Merz die von vielen als verkrustet wahrgenommene politische Landschaft aufgemischt. Zum einen wären für die AFD, die jetzt zwar öffentlich die Wahl von AKK als Merkl 2.0 verspottet, insgeheim aber erleichtert sein dürfte, schwere Zeiten angebrochen, denn ein „starker Mann“ mit scharfer Rhetorik gegen Zuwanderung und für eine Leistungsgesellschaft hätte gerade am rechten Rand Stimmen für die CDU zurück gewonnen. Zum anderen hätte eine neoliberale Ausrichtung der CDU der SPD endlich die Chance gegeben, sich selbst in der Koalition als Hüterin der sozialenMarktwirtschaft zu profilieren. Diese Chance bleibt ihr nun weiterhin verwehrt, im Gegenteil, es dürfte für die Sozialdemokraten unter dem Tandem Merkel/AKK noch schwieriger werden, denn die von vielen lange unterschätze AKK, selbst nicht Teil der Regierung,  kann nun ihrerseits zusammen mit dem jungrechten „Überläufer“ Paul Ziemiakein strategisches Gegengewicht gegen Merkel bilden, so dass die Spielräume für eine profilierte Oppositionshaltung in der Regierungsverantwortung für die SPD noch enger werden dürften. 

Dagegen sieht die CSU jetzt wieder neue Chancen als die selbsternanntenatürliche Bastion gegen rechts, ungeachtet des noch frischen Desasters bei der Bayerischen Landtagswahl. Wenn ein Seehofer jetzt frohlockt, mit AKK könne die Union wieder 40% im Bund holen, dann klingt das einerseits sehr nach Liebedienerei, zugleich aber auch wie das Pfeifen im Walde. Denn nächstes Jahr stehen gleich in drei ostdeutschen Ländern Wahlen an, die nichts Gutes für unsere liberale Demokratie vermuten lassen. Fazit: die Kontinuität ist gewahrt, der Neoliberalismus erst einmal abgewendet, aber ein Hoffnungssignal für die Zukunft ist das auch nicht.

Pong

Das Ende ist nah

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Biedermeier und die Zeitschriften. Die Auswahl im Frankfurter Hauptbahnhof ist beeindruckend.

Nicht Theresa May oder Emmanuel Macron droht (schon) das Ende, sondern der Chefredakteur der Musikzeitung SPEX kündigt im Editorial der aktuellen Ausgabe an, am 27. Dezember werde das letzte Heft erscheinen. Dann gehen bei einer weiteren gedruckten Titel in diesem Segment die Lichter aus; heuer haben sich bekanntlich schon Intro und Groove vom Printmarkt verabschiedet. Es ist viel über diesen Abschied spekuliert worden, dabei sind die Gründe ganz simpel: zu wenig Käufer, zu wenig Leser, zu wenig Anzeigen. Wie viele Abonnenten es noch sind, lässt sich nicht recherchieren; ebensowenig die Auflage und die Anzeigenpreise. Bei der IVW (Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern e. V.) ist der Titel nicht zu finden, und die Mediadaten stehen nicht auf der Webseite von SPEX; man erhält diese Informationen nur auf Anfrage. So kann man indes keinen Blumentopf mehr gewinnen – es zählen auch bei Print Schnelligkeit & Transparenz.

Dabei wäre das „Magazin für Popkultur“ heute wichtiger denn je, um den Overflow der Informationen zu sichten und einzuordnen. Wer will denn, wie in den Feuilletons insinuiert wurde, sich selbst einen Überblick über die aktuelle Pop-Kultur im Internet verschaffen. Das geht dort doch weniger denn je. Aber das Ende von SPEX verweist auch auf die Krise der Druckindustrie. Die Papierpreise – sie sind noch immer niedriger als in den 90er Jahren – steigen, einige Druckereien haben sich vom Markt zurückgezogen oder mussten Insolvenz anmelden. Verlage, die nicht schlank aufgestellt sind, einen guten Vertrieb haben und zu sehr am Tropf der überregionalen Lifestyle-Kunden hängen, geraten zwangsläufig unter Druck, zumal der Lesermarkt schrumpft. Schrumpfen muss, denn der Tag hat weiterhin nur 24 Stunden. Deshalb wäre schnelle & verlässliche Orientierung nötiger denn je – es kommt nicht auf das Medium an sondern auf den Content. Nirgends kann ich mich schneller & besser informieren als in einem gedruckten Titel, vorzugsweise natürlich in einem Stadtmagazin.

Aber auch den Illustrierten des neuen Biedermeier scheint es noch immer blendend zu gehen: die Auswahl an Haus- und Gartenheften ist riesig und verrät einiges über die Stimmung im Lande. Alles soll so bleiben wie es ist. „In Hamburg sagt man Tschüss“, trällerte einst Heidi Kabel. Am Wochenende 1.001 Mal zu Angela Merkel.

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Heuschrecken

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Keine Heuschrecken nirgends im Spreewald.

In den Spreewald können wir noch fahren, ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen. Dort sind wir noch als Gast willkommen und nicht als Tourist verpönt. Wir nutzen ein Special und fahren mal wieder „Zur Bleiche“. Plüsch & Kitsch schrecken uns nicht, der sogenannte Wellness-Bereich ist prima, und es gibt dort immer noch das beste Frühstück von die ganze Welt. Freilich funktioniert das Geschäftsmodell nur noch, weil es fast ausschließlich Polinnen im Service gibt. Das weitläufige Gelände der „BLEICHE RESORT SPA“ – so die offizielle Schreibweise – liegt etwas außerhalb von Burg und fügt sich in die Landschaft. Eine Welt für sich wie die Clubs. Die Gäste haben dort alles, bleiben unter sich und fallen nicht wie Heuschrecken über Städte wie Berlin, Amsterdam oder Venedig her. Die Clubs verbrauchen zwar Land und Energie, aber sie zerstören zumindest keine bestehende Infrastruktur.

Die Konsequenzen des „Overtourism“ sind in keiner Stadt drastischer als in Venedig: dort müssen 50.000 Einwohner jährlich 30 Millionen Touristen ertragen. „Der Tourismus“, konstatiert Marco d’Eramo, „ist mittlerweile zur wichtigsten Industrie dieses neuen Jahrhunderts geworden.“ Nach der Lektüre seines Buches „Die Welt im Selfie. Eine Besichtigung des touristischen Zeitalters“ möchte ich am liebsten nie mehr verreisen. Erst recht nicht nach Venedig, und es hilft nicht sicheinzureden, im November wäre es in Venedig nicht so schlimm und eine Kreuzfahrt im Mittelmeer käme nie und nimmer in Frage. Sind wir unterwegs, sind wir auch Touristen; da können wir die Reisegruppen und Selfie-Maniacs noch so verachten.

In Widersprüchen sind wir gewohnt zu leben, mit Widerstand werden wir Touristen künftig rechnen müssen. Das ist wohl die einzige Chance, seine Lebenswelt zu erhalten. „Ureinwohner töten Missionar mit Pfeilen“, lese ich auf der letzten Seite im Berliner Tagesspiegel vom 23.11.18. Er gehört zum Stamm der Sentinelesen im Indischen Ozean. Der BBC zu Folge seien sie vor 55.000 Jahren (!) aus Afrika gekommen und konnten „über all die Jahrtausende ihre Lebensweise“ bewahren. Hoffentlich bleiben sie jetzt auch weiter von kirchlichen und weltlichen Missionaren verschont. „Im Jahr 1996“, so steht in der Zeitung geschrieben, „hat die (indische) Regierung Kontakte mit den Sentinelesen offiziell verboten. Die indische Marine überwacht die Schutzzone.“ Gut so!

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Spielkind Meese!

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Liebe im Niemandsland des Kunstbengels.

Die Pinakothek der Moderne in München zeigt eine kleine Werkschau Die Irrfahrten des Meese, vom Künstler selbst nach dem Odysseus-Motiv betitelt.  Wie bei Odysseus soll auch bei Meese die Reise nachhause führen, dem Ziel aller K.U.N.S.T – in dieser Meese-Schreibweise die radikalisierte Form von Kunst als System, als totalste Zukunft, Gesamtkunstwerk,Chefsache. Dieses Zuhause spiegelt im Grunde Vergangenheit, ist ein Kinder-Spielland, jenseits von Ideologie, Politik, Religion, jenseits von allem „Falsch“ der Erwachsenenwelt. In ihm leben die Kindheitsmythen weiter, die Mumins, Kaptain Bligh, Dr. No, Parsifal, Odysseus, Graf von Monte Christo, Die 3 Fragezeichen und vieles Heterogene mehr, beaufsichtigt von seiner leibhaftigen Mutter, die immer noch über dieses Spielland und Spielkind wacht. Und da Meese dieses K.U.N.S.T.land als totalste Freiheitsetzt, kann er in diesem Kontext tun und lassen was ihm gefällt. Meese argumentiert nicht, er behauptet einfach, seine Redeweise ist durch und durch apodiktisch. Seine Sätze in dem kleinen Katalog zur Münchner Ausstellung lauten beispielhaft Kunst ist nährendesund dann wahlweise Kunstland, Erzland, Atlantis, Traumland, Niemandsland, Muminlandusw., immer garniert mit Ausrufezeichen. Der Kunstbengel, so der Titel eines Selbstporträts, erlaubt sich dann auch jeden infantilen Unsinn wie etwa Die Unterhosen-Schlüpferrevolution ist eine Basisrevolution! Unterhosen und Schlüpfer sind Rohstoffe der Kunst! Unterhosen und Schlüpfer sind keinerleiSpekulation! Der Erzevolutionsschritt ‚Kunst’ tut sich!, so nachzulesen im Glossar des bereits zitierten Münchner Ausstellungsheftes. Dieses Spielkind Meese will natürlich – wie alle Kinder – Aufmerksamkeit  und greift dafür auf die – nicht mehr sonderlich originelle, aber immer noch wirkmächtige – NS-Masche zurück. Dazu gehören sein seit der Documenta 2012 notorisch gewordener Hitler-Gruß, seine Website in völkischer Grafik, seine ganze „Erz“terminologie und die immer wieder in seinen Bildern verstreuten Eisernen- und Hakenkreuze. Natürlich ist Meese kein Faschist, natürlich darf Kunst das alles, die Frage ist nur, ob das einerseits nicht als ästhetisch-politische Provokation längst veraltet ist, so hängen etwa nur ein Saal weiter in München zwei Werke von Anselm Kiefer, ursprünglich aus dem Jahre 1969 (!), sich selbst mit Hitlergruß zeigend. Was damals bei Kiefer noch ein riskanter Versuch war, sich hinein zu versetzen in diese Geste der totalen Unterwerfung, den Schrecken an sich selbst und in der Reaktion der Umwelt zu fühlen, und einen echten Kunstskandal auslöste, ist bei Meese nur noch Showelement. Andererseits ist dieser Umgang mit den Nazisymbolen gerade heutzutage leichtfertig zu nennen, selbst wenn man wie Meese etwas größenwahnsinnig behauptet, diese durch sein Tun erst zu dekontaminieren. Auch wenn für den Künstler nur die Kunstwelt zählt, auch wenn er diese als die einzig wirkliche definiert, so lebt er doch in einer politisch realen Welt, ist er gesellschaftlich vernetzt, sollte sich hüten vor Beifall von der falschen Seite und gerade in einer Zeit des wieder erstarkenden Rechtsnationalismus nicht beitragen zu einer schleichenden ikonografischen Akzeptanz faschistischer Symbole und Gesten. Es sei denn der Künstler verstünde sich eben wie Meese als geschichtsvergessenes Spielkind, dem unterschiedslos alles zum Spielzeug werden kann. Und so gleicht die Ausstellung in der Münchner Pinakothek der Moderne auch einem großen, hell erleuchteten Meese-Spielzimmer mit einem überdimensionalen Spielplan auf dem Boden. Alles grell, bunt, durcheinander, von der Barbie-Puppe bis zum Gralsritter, von Cowboys bis zu Riesenkraken. Alles schön und gut, aber was gehen uns die Privatmythen und Obsessionen eines ebenso genialischen wie größenwahnsinnigen Exzentrikers an? Ein dilettantisch gemaltes, spätpubertäres und postdadaistisches l’art pour l’art?

Pong

Die Irrfahrten des Meese. Noch bis 3. März 2019, Pinakothek der Moderne, MünchenKatalog zur Ausstellung hrsg. von Swantje Grundler und Bernhard Schwenk bei Walter König

 

 

Vielfalt

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Begegnung im Theaterstübchen: Arthur Brown trifft David Murray.

Arthur Brown, David Murray, Gospelchor Open Arms. Solch ein abenteuerliches Programm macht hierzulande nur einer: Markus Knierim vom Theaterstübchen in Kassel. Zu Recht wurde er für seine Arbeit zum zweiten Mal in Folge mit dem „Applaus“ in der höchsten Kategorie ausgezeichnet und bekam 40.000 € von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) Monika Grütters. Mit dieser ganz wichtigen Auszeichnung wird die Programmplanung unabhängiger Spielstätten unterstützt – und das Theaterstübchen steht für Vielfalt wie kein anderer mir bekannter Club in Deutschland. Mit seinen populären Angeboten und natürlich mit der Disko finanziert der unermüdliche Macher Konzerte, bei denen er drauflegen muss. Aber trotzdem holt er David Murray nach Kassel. Das Publikum ist vom Quartett des Tenorsaxophonisten begeistert, zumal die klassische Formation noch um den jungen Sänger & Spoken Poet Saul Williams erweitert ist. Unter den Besuchern entdecke ich einen Mann mit Hut, der aus dem Silbersee heraussticht: Arthur Brown. Am Vortag hat er die Hütte mit seiner „Fire“-Tour gerockt, jetzt will er Jazz erleben und plauscht später angeregt  mit David Murray. Das gibt’s nur im Theaterstübchen.

Tags drauf beim Gospelchor ist der Laden auch wieder ausverkauft, und Markus berichtet mir vom Vorverkauf für den 11. Jazzfrühling im März 2019: von 900 Tix für das Konzert des Moka Efti Orchestras im Staatstheater sind schon 700 verkauft. Wow! Aber der Auftritt der Band aus der Serie „Babylon Berlin“ ist nur eines von 16 Konzerten beim Jazzfrühling. Was Wunder, dass Fans mittlerweile aus Köln und Stuttgart zum Theaterstübchen pilgern. Schaut’s unbedingt auf die Seite dieses Clubs, wenn Ihr in der Mitte Deutschlands vorbeikommt – http://www.theaterstuebchen.de. Vielfalt ist dort Programm und vielleicht applaudiert dort ja auch mal die umtriebige Monika Grütters.

Vielfalt gibt es noch immer im Schillerkiez im Berliner Bezirk Neukölln. Bei unserem letzten Besuch im „Sowieso“ – hier gibt’s immer frischen Jazz zu entdecken – nehme ich einen Flyer mit. Der Kiez-Kneipe „Syndikat“ wurde nach 33 Jahren gekündigt. Die Macher fragen zu recht und generell: „Wer entscheidet, wer in unserem Kiez wohnt, arbeitet und lebt? Wer entscheidet, wie unser Kiez aussehen soll und welche Geschäfte dort sein sollen?“ Im Kleinen lässt sich hier studieren, was im Großen in allen Städten passiert: mit der sog. Gentrifizierung geht die Vielfalt verloren. Schöne, neue, leere Welt. Wer schon am Berliner Hauptbahnhof ausgestiegen ist, weiß, was da auf uns zukommt. Das Ende der alten, europäischen Stadt.

Ping

Merz und die Mitte

„Nur nachts wird gestohlen. Am Tag wird genommen.“

(Sprichwort, das Herta Müller zitierte, in ihrer Dankesrede für die Verleihung des Brücke-Berlin-Preises)

 

Nur keine Neid-Debatte, das liest man immer wieder im Kontext der Diskussion über Vermögen und Verdienst des Friedrich Merz. Das scheint mir jedoch der falsche Ansatz. Es geht hier in erster Linie nicht um Neid, sondern um Fragen der moralischen Integrität. Politiker sollten eben nicht die Interessen der Oberschicht und der Finanzindustrie vertreten, sondern jene des Normalbürgers und des Allgemeinwohls. Und hier ist eine generelle Skepsis durchaus nachvollziehbar, was Motivation und Interessenlage eines Politikers betrifft, der bis vor kurzem die Interessen eines global operierenden Finanzkonzerns vertrat, welcher das Umgehen von nationalen Steuervorschriften und Ausnutzen von Gesetzeslücken zu seinem Geschäftsmodell zugunsten seiner vermögenden Klientel gemacht hat. Dabei ist es dem global operierenden Konzern selbstredend gleichgültig, wenn Staaten – und das bedeutet: den jeweiligen Steuerzahlern – damit Milliardenbeträge vorenthalten oder diese gar nach allen Regeln der Kunst fiktiver Käufe und Verkäufe betrogen werden. Dem Bürger und Wähler jedoch kann dieses verständlicherweise nicht egal sein, auch steht er – nachvollziehbar – dem Argument skeptisch gegenüber, finanzielle Unabhängigkeit immunisiere gleichsam gegen Korrumpierbarkeit und befähige nachgerade zu moralisch uneigennützigem Handeln. Eher scheint es doch so, dass große Vermögen oder Einkommen eine besondere Gefahr darstellen, mit den Gesetzen in Konflikt zu geraten. Zu groß ist die Gier nach immer noch mehr, zu groß das jeweilige Ego, das glaubt, über den Regeln eines gesellschaftlichen Miteinanders zu stehen, jüngstes Beispiel der soeben inhaftierte Renault-Nissan Chef Ghosn, der es offenbar nicht einsehen wollte, sein Jahreseinkommen in Höhe von vorsichtig geschätzten 17 Millionen € in voller Höhe zu versteuern. Auch haben sich Milliardäre in der Politik bisher nicht gerade als Segen für ihr Land, besser gesagt, für die Mehrheit der dort arbeitenden Bevölkerung erwiesen. Berlusconi hat nicht nur sich selbst reicher und den Durchschnittsitaliener ärmer gemacht, sondern gleich das ganze Land ruiniert. Und auch ein Trump gerät mit seiner Politik der Steuergeschenke für Unternehmen, also Besitzer bzw. Aktionäre, sowie der unilateralen Zölle nicht gerade in Verdacht, ein besonderes Interesse am Wohlergehen des Normalverdieners in den USA zu haben, so sehr er dies auch in Wahlkampfauftritten behaupten mag. Natürlich folgt aus all dem nicht zwangsläufig, dass ein Friedrich Merz nicht geeignet sei für ein hohes Parteiamt oder die Kanzlerschaft. Aber es macht doch eine Skepsis plausibel, die nichts mit Neid zu tun hat. Wenn Merz sich nun selbst mit seinem jährlichen Millioneneinkommen, mit seinen Flugzeugen und Häusern zur deutschen oberen Mittelschicht rechnet, dann ist man doch perplex: entweder hat er keine Ahnung von der deutschen Vermögens- und Einkommenspyramide, peinlich für einen Bewerber um den CDU-Parteivorsitz, oder aber er scheut es aus Gründen der Opportunität, sich zur obersten Oberschicht zu bekennen, was in Anbetracht der Faktenlage dann eine Dummheit wäre, auch das keine Referenz. Vielleicht aber hat er auch nur Mittelschicht mit Mittelstand verwechselt: die Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der CDU/CSU, die Lobbygroup mittelständischer Unternehmen von 1 bis 50 Millionen € Jahresumsatz,  hat soeben Friedrich Merz offiziell ihre Unterstützung im Kampf um den Parteivorsitz zugesagt. Ob das den Normalverdiener zuversichtlich stimmen kann?

Pong