Auf dem Lande

597DF519-B4BE-4045-B4A3-41D2C200F361
Die weltbesten Pflaumen sind geerntet und lagern nun im Kühlschrank. Foto: Rolf Hiller

Pflaumenzeit. Natürlich sind unsere die besten der Welt, und wir fahren frohgemut zur Ernte ins Naturschutzgebiet Nuthe-Nieplitz, unweit von Beelitz. Wir haben einen Baum auf einer Streuobstwiese gepachtet, mit der einst ein Golfplatz verhindert werden konnte. Die Wiese ist vollkommen verdörrt – nach einem weiteren viel zu trockenen Sommer. Dennoch trägt unser Baum reichlich Früchte, und mit acht Händen füllen wir geschwind unsere Kisten; am Ende haben wir knapp 50 kg geerntet und eine Belohung verdient. In früheren Jahren kehrten wir immer in der „Landlust“ in Körzin ein, doch heuer ist alles anders. Das gute Restaurant existiert noch immer, aber die Betreiber mussten ihr Konzept ändern: kein Personal mehr nirgends. Die Inhaber machen notgedrungen alleine weiter. Sie kocht, er macht den Service, es gibt nur zwölf Plätze und ein Menü auf Bestellung. Zumindest hat die „Landlust“ (noch) nicht dicht gemacht wie die vielen Gasthöfe etwa im Odenwald.

LEID UND HERRLICHKEIT
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit: Der Regisseur Salvador Mallo (Antonio Banderas) entdeckt per Zufall ein Porträt von sich selbst. © CONSTANTIN FILM

Tags darauf gehen wir endlich, endlich mal wieder ins Kino. Leid und Herrlichkeit, der neue Meisterfilm des Spaniers Pedro Almodóvar muss es sein. Diese autofiktionale Reflexion einer künstlerischen Schaffenskrise führt einen Regisseur auch zurück in seine Kindheit auf dem Lande, wo er mit seinen Eltern in einer Höhle leben musste. Von der Mutter geliebt & gefördert, findet er seinen Weg und wird ein erfolgreicher Filmemacher. Mit leichter Hand erzählt Almodóvar, und wir verfolgen gebannt, wie ein Künstler aus zufälligen Erinnerungen & Wiederbegegnungen die Geschichte seines Lebens wieder entdeckt. „Leid und Herrlichkeit“ zählt zu den großartigen Kino-Erlebnissen dieses Jahres, ein Film, den wir gerne auf der Berlinale gesehen hätten. Die internationale Premiere war natürlich wieder in Cannes.

Im „Orfeo“, meinem Frankfurter Kino umme Ecke, freue ich mich sehr über den Trailer zu „Leid und Herrlichkeit“. Ich schaue einen Dokumentarfilm an: Raumstadt Nordweststadt. Von der Vision zur Wirklichkeit. Enno Echt & Hagen Gottschalck stellen einen Stadtteil von Frankfurt vor, der vor gut 50 Jahren auf Ackerland entstand – und dessen Konzeption noch heute überzeugt und funktioniert. Denn die Planer gingen vom Menschen aus, wollten ein Miteinander ermöglichen; die Wege der Fußgänger und Autos wurden entflochten.  Die sog. Nordi ist inzwischen zu einem Stadtviertel mit vielen Bäumen & Wiesen geworden, die Bewohner lieben ihr Quartier, es gibt keine sozialen Spannungen wie in anderen Trabantenstädten, obwohl sich die Bevölkerungsstruktur sehr gewandelt hat. Inzwischen mischen sich ältere, deutsche Bewohner fast zu gleichen Teilen mit Menschen, die einen migrantischen Hintergrund haben. „Ich bin auf dem Dorf aufgewachsen“, sagt eine junge Frau nach dem Film, „aber ich habe mich noch nie so wohl gefühlt wie in der Nordi.“ Ob es im Jahr 2070 solch ein Kompliment für die Planer der Tristesse im Europaviertel oder auf dem Riedberg geben wird? Ich halte dagegen!

Deutschlandreise

Der ICE  ist rappelvoll. Die Freunde von der Deutschen Bahn fahren ohne Vorwarnung mit einem Wagen weniger, und es gibt das übliche Geschiebe & Gedränge. Am Hamburger Hauptbahnhof ist der Teufel los, und wir sind froh, als wir bei Neumann‘s in der Langen Reihe sitzen. Wetter & Passanten wechseln rasch, aber ein Umzug erweckt unsere Aufmerksamkeit. Angeführt von einem älteren Mitarbeiter des Straßenamtes mit einem rot-weißen Wimpel passiert ein seltsamer Zug die Kreuzung. Halbnackte Ledermänner mit Piercings und Tiermasken ziehen übermütig bellend um die Häuser, derweil wir über den Verlust der Intimität nachdenken. Neulich, berichtet uns der Freund,  habe er Herr und Sklave mit Hundemaske in einer Szene-Location gesehen – der Tiermensch demütig auf allen Vieren angekettet unter dem Tisch. Wie erklärt man solche Szenen einem Kinde?

IMG_8588
Tim Rodig live im Hamburger Stadtpark.

Abends bleiben wir von solchen Irritationen zum Glück verschont. Eine der vielen Cousinen feiert einen sog. Runden Geburtstag im Stadtpark. Wir lieben solche Feste und können gar nicht genug Darbietungen bekommen. Stets noch erfahren wir Neues aus einem Leben, das als Nonne hätte verlaufen können und sich kurz auch mal der Agitation überraschter Hafenarbeiter verschrieben hatte. Einen Coup landete die fidele Jubilarin mit dem kurzfristig abgemachten Gig von Tim Rodig . Womöglich habe ich den Tenorsaxophonisten schon einmal erlebt; er war mit Roger Cicero († 24.03.2016) und Stefan Gwildis on tour. Doch der ist inzwischen in kleiner Besetzung unterwegs, erzählt Tim, eine große Band sei zu teuer. Der Kuchen wird kleiner, auch für so einen souveränen & versierten Saxophonisten, der für uns locker einige Jazz-Standards & Latin-Grooves spielt.

IMG_8603
Nils Wogram, Joe Sachse und Feliks Büttner beim Finale in der Nikolaikirche in Rostock.

Bereits am Donnerstag bin ich wieder in Hamburg und will am Tag, da sich Woodstock zum 50. Mal jährt, entspannt umsteigen und nach Rostock fahren. Zeit genug habe ich eingeplant. Dass wir mit 130 Minuten Verspätung ankommen würden, hatte ich indes nicht erwartet. Also mit fliegenden Schößen per Taxi zur Nikolaikirche, wo ich tatsächlich noch vor einem denkwürdigen Konzert eintreffe. Der Gitarrist Joe Sachse hatte mich eingeladen und begrüßt mich freudig per Handschlag. Er wird an diesem Abend wieder mit dem großartigen Posaunisten Nils Wogram ein Duo-Konzert geben. Die sehr gut besuchte Kirche bietet für ihre Dialoge einen passenden Rahmen – mal übernimmt der eine, mal der andere die Initiative. Da verstehen sich zwei Musiker intuitiv, und ganz besonders horche ich auf, wenn Sachse die Gitarre in seiner unnachahmlichen Art expressiv und perkussiv spielt. „Helmut ‚Joe‘ Sachse“, lesen wir auf seiner Homepage. „verdankt seinen Zweitnamen dem legendären Jimi Hendrix.  Und das sicher nicht nur, weil er dessen gleichlautenden Hit gern und oft gespielt hat.“ Weil mir sein Album „If 69 was 96“ (mit Pinguin Moschner!) so gut gefällt, wollte ich den Meister heuer noch im Konzert erleben: und das war aller Mühen wert, zumal ich noch nie gesehen habe, wie während eines Konzerts ein Gemälde entsteht. Kein Problem für den dritten im Bunde: den Maler Feliks Büttner. Thanks Joe!

Grüezi mitenand

IMG_8571
Die Gedenkstelle im Frankfurter Hauptbahnhof für den heimtückisch ermordeten achtjährigen Jungen.

Wieder einmal komme ich am Frankfurter Hauptbahnhof an, aber diese Ankunft ist anders. Zwischen Gleis 8 und Gleis 7 stehen Menschen und blicken still und ratlos auf Blumen, Kerzen, Grüße, Teddys und andere Spielsachen; Security ist in der Nähe. Helfen und verstehen kann keiner. In der letzten Woche wurde ein kleiner Junge vor einen einfahrenden ICE gestoßen und starb. Seine Mutter konnte sich auf einen Weg zwischen den Gleisen retten, eine ältere Dame die unvermittelte Attacke des heimtückischen Täters abwehren. „Mehrmals über den Tag“, notiere ich am 29. Juli in mein Leuchtturm-Notizbuch, „denke ich an die arme Frau. Wie wird, wie kann ihr Leben weitergehen?“ Am nächsten Tag gehe ich noch einmal an die Gedenkstelle; wieder halten Passanten inne, ein Kamerateam befragt eine Frau. Ich sehe mir noch einmal den Gruß der Eritreischen Gemeinde Frankfurt an – und zögere, ob ich mir jetzt ein Eis kaufen darf.

Das Leben geht weiter, immer weiter. Ich kaufe mir eine Kugel bei Häagen Dazs für 3 € und bin plötzlich wieder im Engadin, wo wir mit Freunden einige anregende & unbeschwerte Tage verleben, in einer Idylle, die von unserer Zivilisation immer mehr bedroht wird. Die Gletscher schmelzen, die Pisten werden planiert, auf den herrlichen Wegen müssen die Wanderer vor den Kampf-Bikern auf der Hut sein, Sankt Moritz ist ein teures Pflaster ohne Flair, das sich sog. Normalverdiener schon längst nicht mehr leisten können; viele Anwesen & Wohnungen werden wenig genutzt und stehen meist leer. Wie Mallorca ist das Engadin trotzdem vom Tourismus nicht kaputt zu kriegen – immer wieder sind wir von der atemberaubenden Schönheit dieser Landschaft fasziniert.

IMG_3126
Das Engadin behauptet seine atemberaubende Schönheit gegen die Zivilisation. Foto: Gitti Grünkopf

Mich fasziniert auch das Modell Schweiz, diese erstaunliche Verbindung von Eigensinn und Erfolg. Ganz besonders gefällt uns das Feuerwerk zum Nationalfeiertag am 1. August. Wir steigen auf den Berg und blicken über den beleuchteten See nach Sankt Moritz Bad, wo die Raketen und Leuchtkörper gezündet werden sollen. Hier und da knallt und leuchtet es ein bisschen, aber kurz nach 22 Uhr gehen die Lichter am See schon wieder aus. Das war’s dann auch – poetisch und nicht martialisch wie Silvester in Deutschland. Theodor W. Adorno hätte es bestimmt gefallen. Er soll Feuerwerke geliebt haben und kam sommers immer in die Schweiz. Am 6. August 1969 ist er dort in Visp gestorben – an gebrochenem Herzen, wie immer wieder kolportiert wird. „Nur wenn das, was ist“, resümierte Adorno in seiner „Negativen Dialektik“ ohne Hoffnung, „sich ändern lässt, ist das, was ist, nicht alles.“ Uf Wiederluege.

Post an Wagner

02098E7A-A03B-4962-ABB7-DC868CD7EE81
Nach dem Fest die Tristesse: Blick aus dem Hotel auf den Bahnhofsvorplatz von Bayreuth; im Hintergrund der Grüne Hügel.

Um 5.45h klingelt der Wecker: wir fahren nach Bayreuth. Der Zug ist ausgebucht, wir haben keine Reservierung, und „es verkehrt ein Ersatz-ICE“. Oha, diese Fahrt kann wieder lustig werden. Doch wir haben Glück, finden zwei Plätze und reisen entspannt, natürlich mit Maria Ossowski. Die ARD-Kulturkorrespondentin gibt an diesem Morgen im Inforadio Tipps für Bayreuth-Anfänger. Wir waren zwar schon im Festspielhaus, aber bei den Festspielen noch nie und sind natürlich für Hinweise einer Expertin dankbar. Wir wollen die viel beachteten „Meistersinger“ in der Inszenierung von Barrie Kosky erleben, die immerhin sechseinhalb Stunden dauert. Rasch im Hotel eingecheckt, zwei Plätze im Bus zum Grünen Hügel gebucht, dann ist Power-Napping angesagt.

Ohne Kontrollen kommt niemand ins Festspielhaus. Erst müssen wir unseren Perso einer Polizei-Kontrolle vorlegen, dann mit dem Ticket bei jedem Einlass; so will man den Schwarzmarkt ausschalten. Wir besorgen uns noch Sitzkissen und nehmen unsere großartigen Plätze genau in der Mitte im Festspielhaus ein. Das „jüdische, schwule Känguru“ (Kosky über Kosky) hat den ersten Aufzug der „Meistersinger“ in die Villa Wahnfried verlegt und deutet mit dieser spektakulären Eröffnung schon an, was er im Schilde führt: er möchte den „Fall Wagner“ (Nietzsche) neu verhandeln. Die letzten beiden Aufzüge spielen denn auch in der Kulisse des Gerichtssaals der Nürnberger Prozesse – Richard Wagner hätte auch auf der Anklagebank sitzen müssen. Das hervorragende Programmheft zeigt minutiös den fanatischen Antisemitismus und Nationalismus in seinem Werk, kurzum es gibt nicht den großen Künstler und den unerträglichen Hetzer, den guten und den bösen Richard Wagner.

“Mein Leben ist ein Theaterstück, geschrieben von mir“, behauptete er und hat sich stets mit der Figur des Hans Sachs identifiziert. „Ist jemand hier, der Recht mir weiß, der tret‘ als Zeug‘ in diesen Kreis!“ wird vor dem letzten Aufzug auf den Vorhang projiziert. Wir treten nicht in diesen Kreis, sind von der Inszenierung vollkommen überzeugt, nicht aber von der handlungsarmen und schwerfälligen Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“, wiewohl Michael Volle (Hans Sachs) und Klaus Florian Vogt (Walther von Stolzing) zu recht gefeiert werden. Dann wollen wir nur noch raus aus der Schwüle ins Freie und  finden im „Weihenstephan“ draußen zwei Plätze. Wir verlassen das Restaurant gegen Mitternacht, weiter herrscht reges Treiben im Vorgarten. Herrlich international, multikulturell & bunt ist Bayreuth während der Festspiele. Richard Wagner und Adolf Hitler hätte das pure Grauen erfasst. Gut so!

Zahlen bitte!

87C3D8D8-E8D8-4CD3-BF36-567DF020F09F
Noch vor den superheißen Tagen spielte Angelique Kidjo mit ihrer Band ein großartiges Konzert in Berlin. Eine Wiederentdeckung!

Es geht Schlag auf Schlag. Geilenkirchen war mit 40,5 Grad nur einen Tag Spitzenreiter, tags drauf zog Lingen im Emsland mit 42,6 Grad vorbei. Niemals nie wurden in Deutschland höhere Temperaturen gemessen. Der Klimawandel ist längst da und für alle & jeden konkret erfahrbar. Neben tropischen Temperaturen erleben wir einen dramatischen Rückgang der Insekten – das Artensterben können wir also auch beobachten. Wir müssen alle unser Verhalten ändern, und zwar sofort. Mit Flugscham ist es nicht getan, wir müssen weniger fliegen & mehr dafür bezahlen. Für unsere Flüge nach Malle haben wir bei atmosfair zumindest 59 € für Klima-Projekte gespendet. Wir müssen davon ausgehen, dass die glücklose Umweltministerin Svenja Schulze das für die 1.740 Flüge ihrer Mitarbeiter zwischen Bonn und Berlin nicht getan hat. Pro Flug sind 10 Euro fällig, macht zusammen 17.400 €. Jede Politik ist auch Symbol-Politik. Diese Zahlung ist das Mindeste, was Frau Schulze tun muss. Peanuts gegen die drohenden 850.000 € Strafzahlung an die EU-Kommission pro Tag (!), weil Deutschland immer noch zu hohe Nitratwerte im Grundwasser aufweist.

Für diesen Rat rechne ich natürlich kein Berater-Honorar ab, auch nicht für den Vorschlag, per sofort Einwegflaschen aus Plastik zu verbieten, was Costa Rica längst getan hat! Der FAZ (25.07.19) zu Folge hat das Wort „Flugscham“ allerbeste Chancen, das Wort des Jahres zu werden. Finden wir alle super und fliegen mehr denn je, erst recht die Grünen-Klientel. „In Wirklichkeit“, kommentiert das Blatt, „wird indes eher über persönliche Konsequenzen für mehr Klimaschutz geredet als entsprechend gebucht. Die Anhänger der Grünen bilden da keine Ausnahme. Ausweislich der Erkenntnisse der Forschungsgruppe Wahlen sind sie sogar nach wie vor besonders häufig mit dem Flieger unterwegs.“ Wahn, Wahn, überall Wahn möchte man rufen. Jährlich passieren 2,5 Millionen LKW den Brenner. Lifestyle & Logistik gehören dringend auf den Prüfstand.

Per Rad also zur „Wassermusik“ auf der Terrasse der Kongresshalle in Berlin. Angelique Kidjo, deren Album „Ayé“ ich in früheren Jahren bald täglich hörte, gibt ein fulminantes Konzert mit ihrer famosen Band, bei sehr angenehmen Temperaturen. Sie widmet ihren Auftritt der Salsa-Queen Celia Cruz und den Talking Heads, deren Album „Remain in Light“ sie kongenial re-afrikanisiert hat. Eine Wiederentdeckung! 42,6 Grad schaffen wir in Frankfurt nicht, aber 41 sind ja auch nicht schlecht. Was kann man da Besseres unternehmen, als afrikanisch essen zu gehen. Wir treffen uns in einer anderen Welt: im „Kenkey House“ in Sachsenhausen. Erst gibt’s die Klöße aus fermentiertem Mais nicht, dann plötzlich doch wieder. Einen Beleg bekommen wir nicht. „Die Kasse ist gestohlen“, feixt einer an der Bar. Auch egal bei dere Hitz‘. Wir verlassen das Lokal um halb elf. Es sind immer noch 33 Grad.

Rochaden

IMG_8522
New Swing live im Jazzkeller. Das Jean-Philippe Bordier Quartett aus Paris mit dem Frankfurter Andreas Neubauer am Schlagzeug.

Nichts bleibt, wie es ist. Morgens informiere ich mich gerne live im Radio. 10 Minuten Pressestimmen im Dlf um 7.05h, um halb acht gibt’s eine Auswahl aus den Feuilletons in SWR2, oft im reizvollen Kontrast zu hr2 eine halbe Stunde später. Das wird sich bald ändern, denn die Kulturwelle des Hessischen Rundfunks wird zu einem Klassikradio – Durchhörbarkeit heißt die Devise. Keine Kulturpresse mehr, kein „Doppelkopf“, kein „Der Tag“, keine Buchvorstellungen und Bühnenkritiken. Ein Kahlschlag, ein Skandal sondergleichen, denn auch der Hessische Rundfunk hat einen Programmauftrag – dafür müssen alle und jeder den Rundfunkbeitrag bezahlen. Nur wofür? Ich kenne niemanden, der noch lineares Fernsehen guckt, das vom hr schon gar nicht. Es dümpelt mit einem Marktanteil von knapp 6 Prozent vor sich hin – Schlusslicht aller dritten Programme.

Was wird mit den Jazz-Sendungen in hr2? Davon war bislang nicht die Rede, scheint auch niemanden zu interessieren. Zum Glück haben wir in Frankfurt den „Jazzkeller“, den Eugen Hahn seit Jahrzehnten schmeißt; neuerdings gibt’s dort feine Cocktails, einen eigenen Kanal bei YouTube und Infos über Social Media. Wir erleben das Quartett des Gitarristen Jean-Philippe Bordier in der ungewöhnlichen Besetzung mit Orgel, Vibraphon und Schlagzeug. Drei Franzosen und ein Frankfurter Bub – das passt bestens. Die Band arbeitet schon einige Jahre zusammen, hat gerade ein neues Album in Paris aufgenommen und sprüht nach der Pause förmlich vor Spielfreude.

Das funzt ohne jedwede Rochade, wie sie Macron und Merkel trickreich beherrschen – und plötzlich Ursula von der Leyen als EU-Kommissionspräsidentin aus dem Hut zaubern. Die Kanzlerin sieht zwar aus wie eine „lame duck“, aber an ihrem 65. Geburtstag zeigte sie wieder ihre Führungsqualitäten. Die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer dient nun der Truppe und kann von Merkel lernen, dass siegen auch heißen kann, seine Meinung zu ändern, wenn es denn opportun ist. Vielleicht besinnt sie sich ja wieder darauf, dass sie schon einmal als Klimakanzlerin gehandelt wurde. Das sog. Klima-Kabinett brachte jedenfalls bis dato noch nicht viel zu Stande – und produziert um so mehr CO₂ . Das Magazin Focus wies darauf, dass Mitarbeiter des Umweltministeriums bis jetzt in diesem Jahr 1.740 Mal (!) zwischen Berlin und Bonn hin und her geflogen sind. Stoppen Sie diesen Wahnsinn sofort, Svenja Schulze! Machen Sie Ihren Job als Umwelt-Ministerin und retten erst einmal das Klima in Ihrem Amt. DankE!!!

Flygskam

rhdr
Gewimmel in der Caló. Copyright: ELV-Press International

So voll war die Halle C im Flughafen Tegel noch nie. Wir stehen in einer Doppelreihe, die sich erst ganz am Ende des Gebäudes umkehrt. Oha, das kann ja heiter & spannend werden. Erstaunlicherweise geht es dann rasch voran – ratzpatz sind wir unser Gepäck los. Die Maschine kann erst mit knapp einer Stunde Verspätung starten, denn wir bekommen im Luftraum über der Schweiz und Frankreich keine slots. Ob ein paar andere Reisende auch Flugscham empfinden? Der Klimawandel scheint ja in der Mitte der Gesellschaft angekommen zu sein, die Grünen liegen in den Umfragen vorne. Diese Partei wählen und munter weiter fliegen, das passt eigentlich nicht zusammen.

Vertraut man der Süddeutschen Zeitung (01./02.06.2019), dann kam der Begriff „Flygskam“ 2016 in Schweden auf. Ich habe davon erst vor ein paar Wochen gehört und fliege das erste Mal mit Flugscham – sinnigerweise auf die deutsche Lieblingsinsel. Schnell mal auf dem Portal atmosfair ausrechnen lassen, wieviel COich auf meinem Hin- und Rückflug verbrauchen werde:  671 kg CO2, Ein Jahr Autofahren (Mittelklasse, 12.000 km) verbraucht zum Vergleich 2.000 kg CO2. Ich werde für meine Reise 16 € an atmosfair für Klimaprojekte spenden, aber dieser Ablasshandel fürs gute Gewissen  (DlF) täuscht darüber hinweg, dass wir zu viel & zu billig fliegen. In Tegel und Schönefeld wurden im ersten Halbjahr 2019 fast 12% mehr Fluggäste gezählt – mit und ohne Scham.

F0111928-1B28-4082-9836-CD63875F194A
Im Paradies ist keiner allein. Die Feuerquallen sind mit bloßem Auge besser zu erkennen als auf dem Agenturfoto. Copyright: ELV Press International

Der Fluch des Massentourismus hat auf Mallorca auch die letzten Geheimtipps kassiert – Google Maps sei Dank. Wir fahren abends zu einer der schönsten Buchten der Insel. Über die Caló des Moro heißt es in GEO Saison (Juni 2014): „Einheimische haben sämtliche Wegweiser abmontiert, um die Felsbucht mit Mini-Sandstrand unauffindbar zu machen.“ Vor drei Jahren war‘s schon voll dort, heuer war‘s schlimmer als im Kreuzberger Prinzenbad. Fluchtartig verlassen wir den sog. Geheimtipp und springen in „La Gruta“ ins Wasser. Aber auch in unserem Paradies sind wir nicht alleine. Tags drauf sehen wir mit bloßem Auge gut hundert Feuerquallen im Wasser. Baden: ein Problem! Wir schwimmen in der Cala Mondragó umme Ecke, nicht alleine, aber ohne Quallen. Wir kommen wieder und lassen uns wieder auf den modernen Ablasshandel ein. Zumindest das!

Volten

IMG_8485

Das gab es noch nie! Das Thermometer zeigt im Hof in der Sonne eine Temperatur von 47,8 Grad an. An einem solchen Tag geht man schwimmen oder plant eine Reise nach Indien. Wir machen beides und fahren zu unseren Freunden nach Neu-Zeessi, einem Vorort von Königs Wusterhausen. Am späten Nachmittag erst verlassen wir das Haus, ein warmer Mistral umfängt uns, im Auto wird es rasch angenehmer; wir erreichen entspannt unser Ziel. Ab auf die Räder und hinein in den Zeesener See – einen Somma ohne können wir uns schon gar nicht mehr vorstellen. Nach dem Bade werden wir noch kulinarisch verwöhnt, es gibt Mücken und anderes Getier, doch was sind diese Unbilden gegen den Ganges, in dem die Inder alles und jedes verrichten – und überleben. Ein Bad im heiligen Fluss werden wir uns verkneifen, aber wir machen einen Termin für einen Indien-Trip im übernächsten Jahr fest.

Zwei Tage später ist die Sahara-Hitze erst einmal vorbei. Dafür riechen wir das Feuer in Lübtheen, obwohl der ehemalige Truppenübungsplatz über 200 km entfernt ist; begünstigt hat den Großbrand die Trockenheit. Wer den weltweiten Klimawandel leugnet, handelt noch verantwortungsloser als wir alle, die wir auf Kosten der Zukunft ein komfortables Leben genießen. Pong hat mir Szenen aus dem Herzen. Unser Leben für das Klima geschenkt; erzählt wird die Geschichte einer ganz besonderen Familie. Das Buch beeindruckt mich tief. „Ich denke“, so die sechzehnjährige Greta Thunberg, „wenn ich kein Asperger hätte, wäre das hier nicht möglich gewesen.“ Diese konsequente Klima-Aktivistin hat die „Fridays for Future“-Bewegung ins Leben gerufen. Die Uhr tickt. Noch gut 18 Jahre bleiben, um die Erhöhung des Erdklimas auf 2 Grad zu begrenzen – die Chancen liegen bei 5%!

Das ficht unsere Politiker nicht weiter an, vergessen ist Macrons Wort, dass es keinen Plan B gibt, falls die globale Erderwärmung nicht gestoppt wird. Die Erreichung der Klimaziele wird auf 2050 vertagt, und auch sonst haben die politischen Eliten schon wieder vergessen, warum sie bei der Europawahl abgewatscht wurden (ARD-DeutschlandTrend). Vor drei Tagen wusste die glücklose Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen noch nicht, dass sie jetzt an die Spitze der EU-Kommission segeln soll. Nahezu einstimmig fiel die Entscheidung für sie im EU-Ministerrat, nur Angela Merkel musste sich aus taktischen Gründen enthalten. „Die Zerstörung der CDU“ (Rezo) geht weiter, und Boris Johnson lacht sich über den Zustand der EU ins Fäustchen. Es ist zum Heulen!

Sahara-Hitze

770F2B03-3493-4FB4-8FE2-9D7C9056633B
Alles so schön leer & warm hier. Wagen ohne funktionierende Klimaanlage lässt die Deutsche Bahn nur ohne Passagiere fahren.

Diese Fahrt nach Frankfurt verheißt nichts Gutes: drei Wagen können nicht benutzt werden, weil die Klimaanlage nicht funktioniert. Warum dieser ICE – er startet nicht in Grönland, sondern in Gesundbrunnen – nicht benutzbare Wagen leer mitfahren lässt, weiß sicher keiner bei der Deutschen Bahn. Wir rücken zusammen & erreichen pünktlich den „Zielbahnhof“; mehrfach bittet der Zugchef „herzlich“ um Entschuldigung.  Bei der Rückfahrt nach Berlin die gleiche Situation: wieder sind bei einem neu eingesetzten Zug mehrere Wagen gesperrt. Wir starten mit Verspätung, müssen wegen einer Suizid-Drohung einen ersten Umweg nehmen und dann ab Erfurt noch einen zweiten  – Probleme mit der Lok. Es ist mir ein Rätsel, wie die Deutsche Bahn bis 2030 doppelt so viele Fahrgäste transportieren will; so tat es der Staatskonzern erst kürzlich vollmundig kund. Es fehlt in seinem Unternehmen an allem & jedem; selbst die Planung der dringend erforderlichen Neubaustrecke Fulda – Frankfurt dauert nun schon Jahrzehnte.

Soviel Zeit braucht es zum Glück nicht, ein neues Kennwort von Microsoft zu bekommen. Ich rufe dort an, ein Modern Support Ambassador meldet sich zurück. Ein TXT-Eintrag sei bei unserer Domain vorzunehmen. Gesagt, getan: auf unseren Admin ist noch stets Verlass. Inzwischen ist es kurz vor sechs im verdunkelten und schwül-heißen Büro; der Ambassador lässt um 18 Uhr den Hammer fallen. Meine Begeisterung für Exchange 365 befindet sich im freien Fall, meine Laune auch. Seit dem Morgen komme ich nicht mehr an meine Mails, und es dauert bis zum nächsten Nachmittag, ehe mir der Ambassador aus Sofia drei Buchstaben und fünf Zahlen mitteilt: mein vorläufiges Kennwort. Nach ein paar clicks bin ich wieder per Mail dabei – fünf Punkte für den Retter aus Bulgarien am bislang heißesten Tag des Jahres.

peergynt_hupfeld_3196a
Peer Gynt (Max Simonischek) unter Trollen. Foto: Birgit Hupfeld

Statt eines kühlen Bades im See steht Theater in der glutheißen City auf dem Programm. Das Schauspiel brütet in der Sonne – im Bistro hinter der gewaltigen Glasfassade ebenso wie im Großen Saal. Eine Klimaanlage gibt es in der Doppelanlage mit Oper und Schauspiel am Willy-Brandt-Platz noch nicht. Der Gebäudekomplex aus den 60er Jahren muss dringend renoviert werden – von mehreren hundert Millionen Euro ist die Rede. Kaum schließen sich die riesigen Türen, ist aber alles vergessen, nimmt uns die hoch gelobte Inszenierung von Andreas Kriegenburg gefangen. Sein „Peer Gynt“ ist ein wüster, bloß auf sich bezogener Bursche aus einer zerstörten Familie. „Wer bin ich?“, fragt sich ein grandioser Max Simonischek in der Titelrolle immer wieder. Er hat sich verloren – und wird sich auch nicht mehr finden in den eindrücklichen Bildern, die wir nicht vergessen werden. Nach der zweiten Pause lässt meine Aufmerksamkeit etwas nach – Bier und Dusche wären toll. Nach vierdreiviertel Stunden verlassen wir das Theater. Verschwitzt, aber glücklich. In dieser Saison habe ich nichts Besseres gesehen, im Gegenteil (Macht bloß Theater!) Bravo!

Digital Latecomer

IMG_8480
Distinktionsmerkmal der Generationen: Blick auf ein CD-Regal gestern in der Frühe.

Vor einer digitalen Ewigkeit, 2008, bekam ich einen iPod geschenkt. Ich begann, meine CD’s in iTunes einzulesen, tauschte Dateien und wurde en passant zum Apfelmann.  Inzwischen habe ich 40.787 Titel in meiner Datei; das sind immerhin 145 Tage. Doch die Tage von iTunes sind gezählt, bald gibt es nur noch Apple Music. Höchste Zeit, über ein Abo nachzudenken, befand ich auf Hiddensee, und bin jetzt drei Monate auf Probe dabei. Ein paar Clicks waren nötig, und jetzt kann ich auf 45 Millionen Titel zugreifen. Das sollte erst einmal reichen, ich muss keine CD’s mehr einlesen und die Cover dazu suchen; zudem kann ich sofort die neuesten Veröffentlichungen hören. Schöne, neue Welt der sharing economy. Ich besitze nichts und habe alles, solange ich bezahle. Doch was sind Daten gegen Schallplatten und CD’s, wo man noch etwas über die Musiker und das Album erfahren kann.

Damit nicht genug. Weil ich eine DVD („Über den Dächern von Nizza“) am nächsten Tag haben wollte, wurde ich Prime-Kunde bei Amazon, ohne mir sofort der Möglichkeiten bewusst zu werden. Auf Hiddensee lasen wir euphorische Kritiken über die englische Mini-Serie Fleabag von und mit der grandiosen Phoebe Waller-Bridge. Da geht doch was auf dem iPad mit meinem Prime-Abo. Gedacht, getan & geschaut. Wieder zu Hause wollen wir es richtig krachen lassen, aber wie kommt die Serie auf den TV-Bildschirm. Hin zu den Apple-Freunden in die Holsteinische und zurück mit der Apple-TV-Box. Wenigstens Siri bei der Installation verhindert – ein kleiner Triumph des digitalen Spätentwicklers. Zum Spieler werde ich indes nicht auch noch. Auf diesem Gebiet endete meine Karriere mit dem primitiven Tennisspiel in den 70er Jahren des letzten Jahrtausends. Jeder Spieler konnte einen Balken bewegen und damit einen Ball übers Netz bringen. Herrlich einfach, dieses Ping Pong auf dem Bildschirm!

Aller guten Dinge sind drei, und deshalb habe ich mir endlich das Video des Influencers Rezo auf YouTube angeschaut, und zwar die ganzen 55 Minuten „Die Zerstörung der CDU“. Der Bursche spricht schnell und verständlich, und sein Beitrag wurde schon über 15 Millionen Mal aufgerufen. Die Reaktion der Christlich Demokratischen Union Deutschlands belegt einmal mehr, dass die sog. Volksparteien die jungen Leute nicht mehr erreichen. Treffender wäre übrigens der Titel „Die Verlogenheit der Politik“ gewesen, der natürlich auf die Ränkespiele der EU-Ministerpräsidenten ganz besonders zutrifft. Rezo, übernehmen Sie, da die Linden ihren süßlichen Duft schon verbreiten! Am Welttag des Yoga wollen wir uns aber doch noch ein bisschen (über uns selber) amüsieren und klicken auf: Alman!!!