Gewimmel in der Caló. Copyright: ELV-Press International
So voll war die Halle C im Flughafen Tegel noch nie. Wir stehen in einer Doppelreihe, die sich erst ganz am Ende des Gebäudes umkehrt. Oha, das kann ja heiter & spannend werden. Erstaunlicherweise geht es dann rasch voran – ratzpatz sind wir unser Gepäck los. Die Maschine kann erst mit knapp einer Stunde Verspätung starten, denn wir bekommen im Luftraum über der Schweiz und Frankreich keine slots. Ob ein paar andere Reisende auch Flugscham empfinden? Der Klimawandel scheint ja in der Mitte der Gesellschaft angekommen zu sein, die Grünen liegen in den Umfragen vorne. Diese Partei wählen und munter weiter fliegen, das passt eigentlich nicht zusammen.
Vertraut man der Süddeutschen Zeitung (01./02.06.2019), dann kam der Begriff „Flygskam“ 2016 in Schweden auf. Ich habe davon erst vor ein paar Wochen gehört und fliege das erste Mal mit Flugscham – sinnigerweise auf die deutsche Lieblingsinsel. Schnell mal auf dem Portal atmosfair ausrechnen lassen, wieviel CO2 ich auf meinem Hin- und Rückflug verbrauchen werde: 671 kg CO2, Ein Jahr Autofahren (Mittelklasse, 12.000 km) verbraucht zum Vergleich 2.000 kg CO2. Ich werde für meine Reise 16 € an atmosfair für Klimaprojekte spenden, aber dieser Ablasshandel fürs gute Gewissen (DlF) täuscht darüber hinweg, dass wir zu viel & zu billig fliegen. In Tegel und Schönefeld wurden im ersten Halbjahr 2019 fast 12% mehr Fluggäste gezählt – mit und ohne Scham.
Im Paradies ist keiner allein. Die Feuerquallen sind mit bloßem Auge besser zu erkennen als auf dem Agenturfoto. Copyright: ELV Press International
Der Fluch des Massentourismus hat auf Mallorca auch die letzten Geheimtipps kassiert – Google Maps sei Dank. Wir fahren abends zu einer der schönsten Buchten der Insel. Über die Caló des Moro heißt es in GEO Saison (Juni 2014): „Einheimische haben sämtliche Wegweiser abmontiert, um die Felsbucht mit Mini-Sandstrand unauffindbar zu machen.“ Vor drei Jahren war‘s schon voll dort, heuer war‘s schlimmer als im Kreuzberger Prinzenbad. Fluchtartig verlassen wir den sog. Geheimtipp und springen in „La Gruta“ ins Wasser. Aber auch in unserem Paradies sind wir nicht alleine. Tags drauf sehen wir mit bloßem Auge gut hundert Feuerquallen im Wasser. Baden: ein Problem! Wir schwimmen in der Cala Mondragó umme Ecke, nicht alleine, aber ohne Quallen. Wir kommen wieder und lassen uns wieder auf den modernen Ablasshandel ein. Zumindest das!
Das gab es noch nie! Das Thermometer zeigt im Hof in der Sonne eine Temperatur von 47,8 Grad an. An einem solchen Tag geht man schwimmen oder plant eine Reise nach Indien. Wir machen beides und fahren zu unseren Freunden nach Neu-Zeessi, einem Vorort von Königs Wusterhausen. Am späten Nachmittag erst verlassen wir das Haus, ein warmer Mistral umfängt uns, im Auto wird es rasch angenehmer; wir erreichen entspannt unser Ziel. Ab auf die Räder und hinein in den Zeesener See – einen Somma ohne können wir uns schon gar nicht mehr vorstellen. Nach dem Bade werden wir noch kulinarisch verwöhnt, es gibt Mücken und anderes Getier, doch was sind diese Unbilden gegen den Ganges, in dem die Inder alles und jedes verrichten – und überleben. Ein Bad im heiligen Fluss werden wir uns verkneifen, aber wir machen einen Termin für einen Indien-Trip im übernächsten Jahr fest.
Zwei Tage später ist die Sahara-Hitze erst einmal vorbei. Dafür riechen wir das Feuer in Lübtheen, obwohl der ehemalige Truppenübungsplatz über 200 km entfernt ist; begünstigt hat den Großbrand die Trockenheit. Wer den weltweiten Klimawandel leugnet, handelt noch verantwortungsloser als wir alle, die wir auf Kosten der Zukunft ein komfortables Leben genießen. Pong hat mir Szenen aus dem Herzen. Unser Leben für das Klima geschenkt; erzählt wird die Geschichte einer ganz besonderen Familie. Das Buch beeindruckt mich tief. „Ich denke“, so die sechzehnjährige Greta Thunberg, „wenn ich kein Asperger hätte, wäre das hier nicht möglich gewesen.“ Diese konsequente Klima-Aktivistin hat die „Fridays for Future“-Bewegung ins Leben gerufen. Die Uhr tickt. Noch gut 18 Jahre bleiben, um die Erhöhung des Erdklimas auf 2 Grad zu begrenzen – die Chancen liegen bei 5%!
Das ficht unsere Politiker nicht weiter an, vergessen ist Macrons Wort, dass es keinen Plan B gibt, falls die globale Erderwärmung nicht gestoppt wird. Die Erreichung der Klimaziele wird auf 2050 vertagt, und auch sonst haben die politischen Eliten schon wieder vergessen, warum sie bei der Europawahl abgewatscht wurden (ARD-DeutschlandTrend). Vor drei Tagen wusste die glücklose Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen noch nicht, dass sie jetzt an die Spitze der EU-Kommission segeln soll. Nahezu einstimmig fiel die Entscheidung für sie im EU-Ministerrat, nur Angela Merkel musste sich aus taktischen Gründen enthalten. „Die Zerstörung der CDU“ (Rezo) geht weiter, und Boris Johnson lacht sich über den Zustand der EU ins Fäustchen. Es ist zum Heulen!
Alles so schön leer & warm hier. Wagen ohne funktionierende Klimaanlage lässt die Deutsche Bahn nur ohne Passagiere fahren.
Diese Fahrt nach Frankfurt verheißt nichts Gutes: drei Wagen können nicht benutzt werden, weil die Klimaanlage nicht funktioniert. Warum dieser ICE – er startet nicht in Grönland, sondern in Gesundbrunnen – nicht benutzbare Wagen leer mitfahren lässt, weiß sicher keiner bei der Deutschen Bahn. Wir rücken zusammen & erreichen pünktlich den „Zielbahnhof“; mehrfach bittet der Zugchef „herzlich“ um Entschuldigung. Bei der Rückfahrt nach Berlin die gleiche Situation: wieder sind bei einem neu eingesetzten Zug mehrere Wagen gesperrt. Wir starten mit Verspätung, müssen wegen einer Suizid-Drohung einen ersten Umweg nehmen und dann ab Erfurt noch einen zweiten – Probleme mit der Lok. Es ist mir ein Rätsel, wie die Deutsche Bahn bis 2030 doppelt so viele Fahrgäste transportieren will; so tat es der Staatskonzern erst kürzlich vollmundig kund. Es fehlt in seinem Unternehmen an allem & jedem; selbst die Planung der dringend erforderlichen Neubaustrecke Fulda – Frankfurt dauert nun schon Jahrzehnte.
Soviel Zeit braucht es zum Glück nicht, ein neues Kennwort von Microsoft zu bekommen. Ich rufe dort an, ein Modern Support Ambassador meldet sich zurück. Ein TXT-Eintrag sei bei unserer Domain vorzunehmen. Gesagt, getan: auf unseren Admin ist noch stets Verlass. Inzwischen ist es kurz vor sechs im verdunkelten und schwül-heißen Büro; der Ambassador lässt um 18 Uhr den Hammer fallen. Meine Begeisterung für Exchange 365 befindet sich im freien Fall, meine Laune auch. Seit dem Morgen komme ich nicht mehr an meine Mails, und es dauert bis zum nächsten Nachmittag, ehe mir der Ambassador aus Sofia drei Buchstaben und fünf Zahlen mitteilt: mein vorläufiges Kennwort. Nach ein paar clicks bin ich wieder per Mail dabei – fünf Punkte für den Retter aus Bulgarien am bislang heißesten Tag des Jahres.
Peer Gynt (Max Simonischek) unter Trollen. Foto: Birgit Hupfeld
Statt eines kühlen Bades im See steht Theater in der glutheißen City auf dem Programm. Das Schauspiel brütet in der Sonne – im Bistro hinter der gewaltigen Glasfassade ebenso wie im Großen Saal. Eine Klimaanlage gibt es in der Doppelanlage mit Oper und Schauspiel am Willy-Brandt-Platz noch nicht. Der Gebäudekomplex aus den 60er Jahren muss dringend renoviert werden – von mehreren hundert Millionen Euro ist die Rede. Kaum schließen sich die riesigen Türen, ist aber alles vergessen, nimmt uns die hoch gelobte Inszenierung von Andreas Kriegenburg gefangen. Sein „Peer Gynt“ ist ein wüster, bloß auf sich bezogener Bursche aus einer zerstörten Familie. „Wer bin ich?“, fragt sich ein grandioser Max Simonischek in der Titelrolle immer wieder. Er hat sich verloren – und wird sich auch nicht mehr finden in den eindrücklichen Bildern, die wir nicht vergessen werden. Nach der zweiten Pause lässt meine Aufmerksamkeit etwas nach – Bier und Dusche wären toll. Nach vierdreiviertel Stunden verlassen wir das Theater. Verschwitzt, aber glücklich. In dieser Saison habe ich nichts Besseres gesehen, im Gegenteil (Macht bloß Theater!) Bravo!
Distinktionsmerkmal der Generationen: Blick auf ein CD-Regal gestern in der Frühe.
Vor einer digitalen Ewigkeit, 2008, bekam ich einen iPod geschenkt. Ich begann, meine CD’s in iTunes einzulesen, tauschte Dateien und wurde en passant zum Apfelmann. Inzwischen habe ich 40.787 Titel in meiner Datei; das sind immerhin 145 Tage. Doch die Tage von iTunes sind gezählt, bald gibt es nur noch Apple Music. Höchste Zeit, über ein Abo nachzudenken, befand ich auf Hiddensee, und bin jetzt drei Monate auf Probe dabei. Ein paar Clicks waren nötig, und jetzt kann ich auf 45 Millionen Titel zugreifen. Das sollte erst einmal reichen, ich muss keine CD’s mehr einlesen und die Cover dazu suchen; zudem kann ich sofort die neuesten Veröffentlichungen hören. Schöne, neue Welt der sharing economy. Ich besitze nichts und habe alles, solange ich bezahle. Doch was sind Daten gegen Schallplatten und CD’s, wo man noch etwas über die Musiker und das Album erfahren kann.
Damit nicht genug. Weil ich eine DVD („Über den Dächern von Nizza“) am nächsten Tag haben wollte, wurde ich Prime-Kunde bei Amazon, ohne mir sofort der Möglichkeiten bewusst zu werden. Auf Hiddensee lasen wir euphorische Kritiken über die englische Mini-Serie Fleabag von und mit der grandiosen Phoebe Waller-Bridge. Da geht doch was auf dem iPad mit meinem Prime-Abo. Gedacht, getan & geschaut. Wieder zu Hause wollen wir es richtig krachen lassen, aber wie kommt die Serie auf den TV-Bildschirm. Hin zu den Apple-Freunden in die Holsteinische und zurück mit der Apple-TV-Box. Wenigstens Siri bei der Installation verhindert – ein kleiner Triumph des digitalen Spätentwicklers. Zum Spieler werde ich indes nicht auch noch. Auf diesem Gebiet endete meine Karriere mit dem primitiven Tennisspiel in den 70er Jahren des letzten Jahrtausends. Jeder Spieler konnte einen Balken bewegen und damit einen Ball übers Netz bringen. Herrlich einfach, dieses Ping Pong auf dem Bildschirm!
Aller guten Dinge sind drei, und deshalb habe ich mir endlich das Video des Influencers Rezo auf YouTube angeschaut, und zwar die ganzen 55 Minuten „Die Zerstörung der CDU“. Der Bursche spricht schnell und verständlich, und sein Beitrag wurde schon über 15 Millionen Mal aufgerufen. Die Reaktion der Christlich Demokratischen Union Deutschlands belegt einmal mehr, dass die sog. Volksparteien die jungen Leute nicht mehr erreichen. Treffender wäre übrigens der Titel „Die Verlogenheit der Politik“ gewesen, der natürlich auf die Ränkespiele der EU-Ministerpräsidenten ganz besonders zutrifft. Rezo, übernehmen Sie, da die Linden ihren süßlichen Duft schon verbreiten! Am Welttag des Yoga wollen wir uns aber doch noch ein bisschen (über uns selber) amüsieren und klicken auf: Alman!!!
Ein letztes Mal hinauf auf die Sturmhöhe – Sonnenaufgang um 4.58h. Foto: Rolf Hiller
4.47h auf. 13 Minuten vor dem Wecker. Also noch einmal rasch hinauf auf die Sturmhöhe zum Sonnenaufgang auf Hiddensee. Gymnastik, packen, die Zeit vergeht wie im Fluge. Das Schiff legt um 6.50h ab, und wir wollten eigentlich um 6.20h los. Mit dem vollgepackten Handwagen verlasse ich um 6.31h in rasendem Schritt die geliebte Lietzenburg – und erreiche bereits zehn Minuten später ganz entspannt den Hafen. Geht doch! Wir wuchten das Gepäck an Bord und genießen den Blick auf Kloster und den Leuchtturm, die immer kleiner werden. Umstieg auf ein anderes Schiff in Neuendorf und nach knapp zweieinhalb Stunden erreichen wir Stralsund. Wir haben noch Zeit, der ICE fährt erst in zwei Stunden; also ruckeln wir mit unseren gewaltigen Rollkoffern auf den wunderschönen Marktplatz und lassen es dort richtig krachen: 2 doppelte Espresso für 8,40 €. Urlaubsrekord!
Nachmittags sind wir wieder in Berlin. Es ist warm & voll in der Stadt – der Kontrast zu unserer beschaulichen, autofreien Insel könnte nicht größer sein. Eine andere Welt, erst recht im Ullrich Verbrauchermarkt am Zoo. Dort ist auch am Wochenende geöffnet, und wir staunen nicht schlecht über endlose Schlangen an den Kassen. Eine Verkäuferin nimmt’s gelassen: „Heute hat noch keiner eine Sahnetorte geschmissen, morgen wird’s noch voller.“ Da haben wir ja am Pfingstsonntag noch richtig Glück gehabt und müssen nur knapp dreißig Minuten warten, bis wir zahlen können. Die Schlange vor den Flaschenautomaten ist übrigens kaum kürzer. Wer mal dit echte Berlin erleben möchte, in all seiner Pracht & Ärmlichkeit – nüscht wie hin zum Ullrich Verbrauchermarkt. Am besten an einem Feiertag gegen 18 Uhr.
Tags drauf sind wir wieder ganz in der Nähe, in unserem neuen Lieblingskino Delphi Lux. Der FRIZZ-Film des Monats wird gezeigt: „Burning“ von Lee Chang-Dong. Nicht bloß unser Kritiker ist aus dem Häuschen: Zeit Online spricht von einem „der besten Filme aller Zeiten“, für den Tagesspiegel (05.06.2019) ist dieses ganz große Kino „nichts weniger als eine Parabel über den Menschen im frühen 21. Jahrhundert.“ Meisterhaft fesselt uns der südkoreanische Regisseur über zweieinhalb Stunden, obwohl er die Geschichte – sie basiert auf einer Kurzgeschichte von Murakami – langsam und altmeisterlich erzählt. „Weil mir die Welt ein Rätsel ist“, konstatiert der Hauptdarsteller einmal nüchtern und irritiert gleichermaßen. Diese Irritation dürfte den Machern des Humboldt-Forums allzu vertraut sein. Die Eröffnung findet nicht zum 250. Geburtstag Alexander von Humboldts statt, sondern ein Jahr später. Mindestens, denken sich die Freunde des BER – und futtern wöchentlich eine Kreditkarte. Wie wir alle!
Die Ostsee als Sandschlucker: Blick auf den Strand gestern.
Gegen Mittag steigen wir die 82 Stufen hinab zum Strand. Dann noch ein bisschen aufheizen und rein ins Wasser – die Ostsee ist eisekalt, es tut richtig weh. Raus nach ein paar Schwimmzügen und bis zur Steilküste gejoggt. Die Füße brennen im heißen Sand, also wieder rein, und dann die Stufen so schnell wie möglich hochlaufen. Oben angekommen rast mein Herz, und ich bin glücklich. Die Tage verlaufen gleich und sind doch immer anders. Das Leben auf der Insel hat eine eigene Zeit, es verläuft gemächlicher und tut uns gut. Vor dem Sport essen wir ein Müesli auf der Sturmhöhe, machen Besorgungen und lesen beim ersten Espresso den Tagesspiegel (bis zu 4 € kostet ein doppelter Kick). Gegen drei dann ein Frühstück, vor dem Mittagsschlaf, versteht sich. Herrlich! Zwischendurch bearbeite ich meine Mails und bleibe entspannt auf dem Laufenden.
Die Stufen hinab am 10,09..2016 zu einem weiten, weißen Strand, den die „Sandspucker“ aufgeschüttet hatten. Fotos: Karl Grünkopf
Vor Jahren trafen wir eine Frau im „Wieseneck“, die nach ein paar Stunden schon ihren Inselkoller beklagte. Wir schüttelten verständnislos den Kopf. Seit zehn Jahren kommen wir auf die Insel und bedauern immer sehr, wenn die Tage hier wieder einmal zu Ende gehen. Einen Spaziergang zum Aussichtsturm auf dem Altbessin sollte man unbedingt einplanen (Bessin). Mit dem Rad durch den winzigen Ort Grieben und dann weiter über die hoppelige Panzerstraße bis zum Abstellplatz für die Fahrräder – im Naturschutzgebiet geht‘s zu Fuß weiter. Die Schafe stören sich nicht an den wenigen Wanderern, der Blick über den Bodden auf die Insel mit dem Leuchtturm ganz oben ist grandios. Entstanden ist die Halbinsel durch den Sand, den das Meer von der Westküste hier anschwemmte. Der Neubessin, etwas weiter östlich gelegen, darf überhaupt nicht betreten werden.
Sitzen und wandern lassen: Begegnung auf dem Altbessin. Foto: Gitti Grünkopf
Zum Somma auf Hiddensee gehört natürlich auch das Inselkino, wo der Klassiker „Lütt Matten und die weiße Muschel“ immer läuft; ansonsten bemühen sich die Macher um die Balance zwischen Arthouse und Feel-Good. Erfreut entdecken wir, dass „Gundermann“ von Andreas Dresen auf dem Programm steht. Der Film gewann heuer die „Lola“, die auch der fabelhafte Alexander Scheer für seinen Wiedergänger des Gerhard „Gundi“ Gundermann erhielt. Der Baggerfahrer im Braunkohlebergbau und geniale Liedermacher blieb so faszinierend wie widersprüchlich, eckte immer wieder mit der Partei an und war doch jahrelang als IM tätig. Nicht anders als Heiner Müller übrigens. Wie Gundi war dieser wohl am meisten von sich selbst enttäuscht. Für Häme kein Anlass! Auch nicht über die alte Tante SPD. Die Volkspartei ade steht im aktuellen ARD-DeutschlandTrend nur noch bei 12 Prozent.
Bobby und Peng mitten im Dschungel vor einem Kapokbaum.
Vorab sei gesagt, dass es wohl kaum Worte oder Bilder gibt, die dem Erlebten gerecht werden.
Es ist Ostersonntag um 05.30 Uhr, als wir von Lima im Flugzeug Richtung Iquitos, der größten, nicht per Fahrzeug auf dem Landweg erreichbaren Stadt der Welt, abheben. Ich erfülle mir einen Traum und reise ins Amazonasbecken. Der Flug dauert in etwa 2 Stunden, von denen wir die erste Stunde mit Schlafen verbringen, aber spätestens als der Amazonas endlich unter uns auftaucht und sich wie eine Schlange durch das dichte Grün des Dschungels windet, ist daran nicht mehr zu denken – die Vorfreude packt uns. Wir verlassen das Flugzeug bei bereits 25° einer Luftfeuchtigkeit von über 80% und machen uns mit dem Taxi auf den Weg in die Stadt zu unserem Hotel, wo wir herzlich vom Besitzer Señor Jaime in Empfang genommen werden. Da unser Zimmer noch belegt ist, machen wir uns aber zunächst auf in Richtung Pier, um dort zu frühstücken.
Allein der erste Anblick der Bucht löst bei mir schon ein schier unbeschreibliches Gefühl aus, ist es doch der Punkt der Reise, dem ich wohl am meisten entgegengefiebert habe. Wir frühstücken ausgiebig mit Blick auf das Wasser und machen eine erste Tour durch die Stadt, doch die Hitze treibt uns schnell wieder zurück. Señor Jaime muss uns die Erschöpfung ansehen – wir sind bereits um 03.00 Uhr aufgestanden – und gewährt uns ein Upgrade in ein größeres Zimmer. Der Rest des Tages zieht gemächlich an uns vorbei, und wir gehen früh schlafen – bereits um 08.30 Uhr wird uns der Guide abholen. Unsere Wahl für die Tage im Dschungel ist auf einen Anbieter namens Otorongo (Quechua für Jaguar) Expeditions gefallen, da wir den Ansatz des nachhaltigen Tourismus in diesem bedrohten Ökosystem sowie den Kontakt zu und die Einbindung der örtlichen Gemeinden überzeugend und überaus wichtig fanden. Uns erwarten nun 5 Tage und 4 Nächte in der eigenen Eco-Lodge 2 Stunden flussaufwärts.
Der nächste Morgen beginnt aber erst mal mit einem guten Frühstück im Hotel; davon reichlich gestärkt, packen wir unsere Rucksäcke und treffen beim Herunterkommen zur Lobby bereits auf unseren persönlichen Guide Walter, der uns die kommenden Tage begleiten wird. Da wir noch auf andere Teilnehmer warten müssen, starten wir mit einer Tour über den örtlichen Belén Markt, der sich über unzählige Blocks auf diversen parallel verlaufenden Straßenzügen im Süden der Stadt erstreckt. Zu der üblichen Auswahl an Obst, Gemüse, Fleisch und Allerlei reihen sich hier noch einige Kuriositäten des Dschungels: Fleisch von Kaimanen, Schildkröten, Pakas, diverse Heilmittel und und und… Auf die Frage, ob das alles legal sei, antwortet Walter nur, dass sich viel davon in Grauzonen bewege und vereinzelt nur die Jagd, aber nicht der Verkauf und Verzehr geahndet werden. Wir stoppen an einem kleinem Stand, um einen ersten Dschungel-Snack zu uns zu nehmem: frittierte Suri Maden. Geschmacklich sind die Biester durchaus annehmbar, auch wenn es einen kurzen Moment der Überwindung braucht, sie zu verputzen.
Die Zeit drängt dann aber doch, und wir machen uns auf den Weg zum Boot, nicht aber ohne noch ein bisschen Tabak aus dem Dschungel eingerollt in Bananenblätter mitzunehmen. Die Fahrt zur Lodge dauert ungefähr 2 Stunden, und ich verbringe die Zeit damit, Musk zu hören und die Landschaft auf mich wirken zu lasen. Der Fluss, der angrenzende Regenwald und die kleinen Hütten an dessen Rand beeindrucken mich, und ich versinke glücklich und zufrieden in meinen Gedanken…
Die Unterkunft ist einfach, aber schön und liegt direkt am Amazonas! Wir checken ein, essen zu Mittag und starten gleich mit dem zweiten Punkt des Tages: einer Wanderung durch den angrenzenden Urwald. Unser Team wird jetzt noch um Delvis verstärkt, der aus dem nächstgelegenen Dorf stammt, und zu viert machen wir uns auf den Weg die drei Arten des Pfeilgiftfrosches im Dickicht zu finden.Die Hitze und Luftfeuchtigkeit sind dabei so enorm, dass wir schon nach einigen Metern nass vom Schweiß der Anstrengung sind; unbeeindruckt davon schlägt einer der beiden Guides uns immer den Weg mit der Machete an der Spitze der Gruppe frei, bis wir an einer Lichtung halt machen.
Wir haben schon auf dem Weg dorthin einen Vorgeschmack auf die Qualitäten der beiden bekommen, als Walter uns die Vegetation erklärt hat, doch sind wir tief beeindruckt, dass die beiden die kleinen Frösche unter dem dichten Laub ausfindig machen können, wo wir nur Blätter und Äste sehen. Es gelingt ihnen tatsächlich alle drei Arten der Gattung zu finden und uns zu erklären – voller Erfolg. Am Abend geht es gleich weiter mit einem Spaziergang rund um die Lodge und es ist unglaublich was wir noch zu sehen bekommen: gigantische, giftgrüne Frösche, die in Bäumen leben, gepanzerte Hundertfüßer, eine Tarantula und die unzähligen kleinen und großen Insekten, die sich in Heerscharen in der warmen Nacht tummeln. Nach dem langen Tag fallen wir glücklich in unsere Betten und schlafen zu einer einmaligen Geräuschkulisse ein – der Urwald lebt hier! Noch.
Walter erwartet uns um 05.30 Uhr – wir schauen uns den Sonnenaufgang über dem Fluss vom Boot aus an. Wieder ein Erlebnis, für welches ich keine treffenden Worte habe. Sonnenauf- und Untergänge haben ja immer etwas Schönes an sich, doch von einem Boot aus in der Mitte des Amazonas treibend, übertrifft es doch meine bisherigen Erfahrungen. Wir schauen der Sonne gebannt beim Wachsen zu, während der Nebel langsam über dem Wald verschwindet und machen uns nach einer guten Stunde auf zum Frühstück.
Nach der Stärkung mache ich erst mal Bekanntschaft mit dem
Weißflügel-Trompetervogel, der auf dem Gelände der Lodge wohnt und wie mir die Angesellten sagen in der Nacht immer auf dem Gästehaus schläft, um über alle zu wachen: Ein außerordentlich zutrauliches Tier, welches sich gerne von den Gästen streicheln lässt. Unter seinen wachsamen Augen und unter strenger Beobachtung des ebenfalls dort angesiedelten Aras Trio ernten wir Açaí für einen Saft am Mittag. Bei uns längst als Superfood gehandelt, freue ich mich es hier zum ersten Mal zu probieren, wo es nicht bereits sinnlos lange Wege hinter sich bringen musste.
Am Vormittag machen wir dann noch eine Tour entlang der Seitenarme des Flusses – die Regenzeit ist gerade zu Ende und weite Teile sind mit dem Boot befahrbar – und kommen in den Genuss, Faultiere zu beobachten. Leider sind die Tiere so weit entfernt, dass man ein gutes Auge braucht, um sie zu sehen, und so bestaunen wir die gemächlichen Baumbewohner durch ein Fernglas; ich bedauere kein besserers Objektiv für meine Kamera zu besitzen. Rätselhaft ist uns beiden nur wieder, wie Walter und Delvis es schaffen, die Tiere im Vorbeifahren vom Boot aus zu sehen. Später haben wir dann noch mehr Glück und sehen einige Affen durch die Bäume springen – wieder ein gelungener Tag schon jetzt.
Neben all den bereits erwähnten Tieren und Insekten, die es im Amazonasbecken gibt, leben hier auch die außergewöhnlichen Süßwasserdelfine. Unser nächster Punkt auf der Tagesordnung führt uns daher hinaus auf den Fluss an eine Stelle, an der man häufig das Glück hat, sie zu beobachten. Wir sitzen gebannt im Boot und sehen zunächst die kleineren, grauen Exemplare und später auch noch den den berühmten rosa Süßwasserdelfin. Nachdem wir einige Fotos geschossen haben, gehen wir selbst ins Wasser, um eine Runde zu schwimmen. Es ist ein großartiges Gefühl, in diesem gigantischen Fluss zu baden und dabei die Aussicht auf die umliegenden Wälder zu genießen, während die Delfine in sicherem Abstand zu uns beiden Gringos immer wieder an die Oberfläche kommen und aus dem Wasser springen.
Für den Abend steht dann noch eine Bootstour durch die kleinen Kanäle an den Seiten des Flusses an. Wir haben kein bestimmtes Ziel – zumindest glauben wir das – sondern fahren einfach nur durch die noch überfluteten Gebiete vorbei an Bäumen und durch Felder von Seegras hinein in die Finsternis. Vorne auf dem Boot steht Walter mit Ruder und Machete bewaffnet und ist unentwegt dabei, das Boot in der Bahn zu halten oder den Weg von Ästen zu befreien; hinten am Motor steht Delvis und gibt wie immer wortkag mal mehr oder weniger Gas, um das Boot in Bewegung zu halten. Wir sind dabei einfach nur still, genießen die Natur, weichen hin und wieder den Ästen aus, die uns trotz Walters Einsatz entgegenkommen, und befreien uns von Spinnen oder anderen Insekten, die sich gefühlt bei jeder Berührung mit dem Grün auf einem niederlassen. Auf dem Weg sehen wir noch eine kleine Schlange im Baum nur wenige Meter von uns entfernt auf einem Ast und erreichen kurz darauf das eigentliche Ziel unserer Guides, als Walter mit einem beherzten Griff ins Seegras einen kleinen Kaiman einfängt und präsentiert. Er erklärt uns die Eigenschaften des Tieres und lässt uns wissen, dass man einen Kaiman nur einmal fangen kann, denn ein zweites Mal wird das Tier nicht mehr so leicht zu entdecken sein. Wir entlassen das Jungtiere wieder in die Freiheit und machen uns auf den Rückweg zur Lodge.
Die Tage hier sind außerordentlich ereignisreich, und so startet Tag 3 mit einem Ausflug zum Piranha-Fischen. Unser 4er Team steht bewaffnet mit einfachen Ruten, an denen lediglich eine Schnur mit Haken befestigt ist, auf dem kleinen Boot und übt sich in Geduld. Die Fische werden mit Fleisch geködert und freilich nicht nur zum Spaß geangelt, sondern stehen später mit auf dem Speiseplan. Wir sind am Ende dann doch durchaus erfolgreich und machen uns mit der Beute zurück in Richtung Lodge.
Nach dem überaus langen gestrigen Tag lassen wir es dann doch etwas ruhiger angehen und besuchen am Nachmittag nur eine Lagune, an der die gigantischen Victoria Seerosen vorkommen, deren Blätter einen Durchmesser von bis zu 3 m erreichen können. Gemessen an den bisherigen Eindrücken der gewaltigen Flora und Fauna ist dieser Besuch jedoch schon fast unspektakulär – man wird wohl auch beim Abenteuer nach einer Weile verwöhnt und schwerer zu beeindrucken.
Der Tag endet mit einem Besuch des nahegelegenen Dorfes, aus dem auch unser Guide Delvis stammt, und wir schauen uns den Sonnenuntergang über dem Fluss vom Ufer aus an, trinken Bier mit anderen Gästen der Lodge und feuern später noch die Guides der verschiedenen Gruppen beim Fußball gegen die örtliche Jugend an, welcher sie deutlich unterliegen.
Für den letzten vollen Tag haben wir wieder eine Wanderung durch den Urwald geplant und machen uns dieses Mal auf die Suche nach den gigantischen Kapokbäumen. Es geht erst wieder mit dem Boot über die dicht bewachsenen Seitenarme des Flusses zu einer kleinen Anlegestelle, bevor es dann durch den nicht minder dicht bewachsenen Urwald auf kleinen Pfaden tiefer in den Dschungel geht. Ich kann die Kraft und Energie, die diesen Orten inne wohnt, wirklich kaum beschreiben, strotzt dieser Wald doch überall von Leben, das sich aus jeder Nische heraus ausbreitet und versucht sich gegenseitig den Platz abzubringen. Es ist bereits so viel Leben vorhanden, dass es für den Menschen, der es nicht zerstört oder vermag im Einklang damit zu leben wie die indigene Bevölkerung es kann, schon wieder lebensfeindlich anmutet. Ein großartiges Beispiel für die Vielfalt und Kraft der Natur in all ihrer unbarmherzigen Schönheit.
Wir wandern also wieder schwitzend durch den Wald, wie immer angeführt von Walter mit der Machete, als wir erneut auf Affen stoßen, die wir aus der Ferne bewundern können. Unser Weg führt uns weiter durch knöchelhoch überflutete Gebiete bis hin zu einer Stelle, an der Delvis hofft die überaus giftige Lanzenotter zu finden. Seine Ambitionen in allen Ehren bin ich doch froh, dass uns diese Begegnung erspart bleibt. Wir ziehen weiter durch das Dickicht und finden noch einen Baum, an dem ein Jaguar seine Spuren hinterlassen hat, als das Tier vor nicht allzu langer Zeit seine Krallen an der Rinde geschärft hat – Walter freut sich sehr über dieses Lebenszeichen der Art in dem Gebiet! Als wir endlich einen großen Kapokbaum erreichen, sind wir durchaus beeindruckt, können diese Bäume über 60 Meter hoch werden und ein Alter von über 500 Jahren erreichen. Walter erklärt uns die Möglichkeiten der Nutzung seiner Früchte; und wir posieren für ein Foto vor dem Riesen bevor wir zurück zu unserem Boot wandern.
Auf unseren Wunsch schauen wir danach noch einmal den Sonnenuntergang an, dieses Mal von der Mitte des Flusses aus und sind wie schon beim Sonnenaufgang schnell fasziniert und in Gedanken versunken. Danach machen wir noch einen Abstecher in ein weiteres Dorf, um einige kleine Andenken von einer Familie zu kaufen, deren Vater noch im Dschungel aufgewachsen ist. Wie Walter uns erzählt, sind entweder alle Mitglieder seines Stammes in die Dörfer gezogen, oder verstorben. Gelegentlich führt er aber mit einigen anderen ehemaligen Stammesmitgliedern noch traditionelle Tänze für Touristen auf, gelebt wird diese Tradition allerdings nicht mehr aktiv; vielmehr haben sie einen Flatscreen TV und eine Stereo-Anlage in ihrem Haus und führen ein moderneres Leben. Den Touristen verkauft man das natürlich als einen authentischen Besuch eines Dorfes, den man so zum Glück nirgendwo wirklich buchen kann. Die vereinzelten Stämme der indigenen Völker, die entgegen aller Widrigkeiten noch nach alten Traditionen und Bräuchen leben, bleiben hoffentlich unberührt von uns mit Kameras bewaffneten Touristen aus der vermeintlich zivilisierten Welt. Der Sohn der Familie führt uns noch seinen als Haustier gehaltenen Affen vor, was uns persönlich nicht sehr gefällt, und wir machen uns auf den Rückweg.
Am letzten Tag, machen wir noch eine Tour mit dem Boot und bestaunen ein letztes Mal einige Faultiere und eine große Gruppe von ca. 20 Affen, bevor es mit dem Speedboat wieder zurück nach Iquitos geht. Wieder träume ich vor mich hin und lasse die letzten Tage Revue passieren, während ich den Kopf in den Fahrtwind halte. Welch ein Abenteuer und was für eine einmalige Erfahrung, über die ich noch so viel mehr erzählen könnte… Allein die Menge an Informationen, die Walter versucht hat uns zu vermitteln, würde weitere Seiten füllen, ist er nicht nur Guide, sondern auch Dozent an der örtlichen Universität und Vorsitzender des lokalen Vereins der Vogelkunde. Es soll hier doch genügen und ich hoffe, einen Eindruck über das Erlebte vermittelt zu haben. Zurück in Iquitos gönnen wir uns noch einen ausufernden Besuch einer örtlichen Bodega und erwischen am nächsten Morgen leicht übermüdet unseren Flieger. Nächstes Ziel: Cusco.
Freie Sicht in alle Himmelsrichtungen von der Sturmhöhe hoch oben auf der Lietzenburg heute Morgen um neun Uhr. Foto: Rolf Hiller
Von Haus zu Haus sind es 277 km, und zu Fuß dauert diese Strecke 2 Tage und 11 Stunden. Das wäre mit dem Gepäck ohnehin nicht zu schaffen – auf geht‘s mit den Freunden nach Hiddensee per Bahn, Bus, Fähre und Wassertaxi. Das Gepäck schaffen wir im Handwagen vom Hafen in Kloster zur geliebten Lietzenburg. Rasch die Sachen abgestellt, Essen gibt es nämlich nur bis 9 Uhr im „Wieseneck“. Wir werden natürlich freundlich-muffig ermahnt, dürfen aber noch etwas bestellen. Herrlich! Alles wie immer, die lange, achtstündige Reise, die uns schon einstimmt auf einen anderen Rhythmus, auf Hiddensee. Hier gibt es keine Autos und eine andere Zeit. Die Faszination dieser Insel hat sich erhalten, trotz mancher Veränderungen und der vielen Tatous (Tagestouristen), die über Mittag hier unterwegs sind.
Vom Klimawandel, der die (deutsche) Europawahl bestimmt, ist hier noch nichts zu spüren. Die Höchsttemperaturen liegen bei 15°, das Meer lädt bei 12 – 14° nicht gerade zum Bade ein. Wenn es regnet, könnte es auch schon der Frühherbst sein. Macht aber nichts: unser Sehnsuchtsort Hiddensee ist immer großartig. Natürlich verfolgen wir die Klatschen für die Berliner Regierungskoalition – die Ergebnisse für CDU und SPD sind deprimierend, das Verhalten ihrer Parteivorsitzenden danach erst recht. Annegret Kramp-Karrenbauer beschädigt sich immer mehr selbst, von der „Theresa May der SPD“ (Münchener Merkur) Andrea Nahles ganz zu schweigen. Friedrich Merz hält sich derweil sehr bedeckt und konstatierte nüchtern im „Spiegel“: „Nach dem Ergebnis dieser Europawahl muss sich die CDU fragen, warum wir nach 14 Jahren Klimakanzlerin unsere Klimaziele verfehlen.“
Natürlich höre ich am Mittwoch „When I‘m Sixty-Four“ von den Beatles, und natürlich gehen die Frau und ich bei strahlenden Plus-12-Temperaturen zur Erfrischung ins Wasser, kurz und mutig. Der Song klingt bloß poppig leicht, hat aber durchaus eine düstere Bedeutung, die mir erstmals auffällt, mich aber nicht weiter beschäftigt. Noch ist alles gut, es geht mir gut, Glückwünsche trudeln ein, ein Strauß mit frischen Inselblumen steht auf dem Tisch, um den wir nun nicht mehr zu viert sitzen – zwei meterhohe Giraffen (zum Aufblasen) blicken stumm auf dem ganzen Tisch herum. Abends dann „Robinson Crusoe“ in der Seebühne, anschließend ein Nachtmahl im „Godewind“ (warme Küche ab Mittwoch bis 22 Uhr), zurück über den Deich beim Gezwitscher der Sprosser. Licht aus!
Raus aus dem Fachwerk-Hotel geht’s in die Tristesse deutscher Architektur.
Keiner da im Fachwerk-Hotel in Barmen. Zum Glück erreichen wir jemanden mobil und erhalten den Code für die Eingangstür. Das Haus ohne Personal wurde aufwändig & geschmackssicher renoviert und wirkt in der baulichen Tristesse der Umgebung wie eine Botschaft aus besseren Zeiten. Keine Zeit für Reflexionen & Trödeleien; wir sind mit einem gewissen Herrn Pong bei „Onkel Ludwig“ verabredet. Das Restaurant mit Deckchen auf den Tischen und dem Holzmobiliar der 70er Jahre ist schon um 18h gut besucht und für sein wohlfeiles, gutbürgerliches Essen bekannt. Von dort sind es nur ein paar Schritte zum Opernhaus, wo das Publikum im Foyer dicht an dicht steht. Was Wunder, ein Stück von Pina Bausch ist seit 1990 zum ersten Mal wieder zu sehen. Das Haus ist ausverkauft!
Bettina Wagner-Bergelt, seit Anfang des Jahres Intendantin des Tanztheater Wuppertal Pina Bausch, drückt uns die Tix in die Hand und ab geht’s ins Gestühl, das keinen Vergleich mit den Berliner Bühnen zu scheuen braucht; in jedem Multiplex-Kino sitzen wir besser. Kann man ein Stück von Pina Bausch ohne die charismatische Begründerin des Tanztheaters überhaupt aufführen, zumal es keine verbindliche Überlieferung gibt? Solche Fragen gehen mir bei „Er nimmt sie an der Hand und führt sie in das Schloß, die anderen folgen“ durch den Kopf; das Stück ist eine Auseinandersetzung mit „Macbeth“ und bildet im Oeuvre von Pina Bausch eine Ausnahme. Standing Ovations – auch wir stehen gerne auf – nach dreieinhalb Stunden, die mir nach einem langen Tag am Ende doch lang wurden.
Tags drauf gibt Tina der New York Times ein Interview, und wir werden fast erschlagen von der Hässlichkeit des Technischen Rathauses. Wie konnte das nur geschehen, dass solche abweisend-monströsen Gebäude gebaut wurden, nicht bloß in Wuppertal, das Anfang des 20. Jahrhunderts als reichste Stadt Deutschlands galt. Von dieser Pracht kündet noch die Villa Waldfrieden mit ihrem herrlichen Park, die inzwischen dem englischen Künstler Tony Cragg gehört; er hat hier einen beeindruckenden Skulpturenpark errichtet. Wir sind begeistert, kommen wieder und fahren dann 27km mit der Schwebebahn, die gerade noch restauriert wird.
Im Wonnemonat Mai gibt es Erdbeeren & Spargel satt, und wir freuen uns auf das Theatertreffen in Berlin: zehn bemerkenswerte Inszenierungen werden von einer fachkundigen Jury eingeladen. „Es wurden“, lesen wir beeindruckt auf der Homepage der Berliner Festspiele, „418 Inszenierungen in 65 deutschsprachigen Städten besucht. 744 Voten gingen bei uns ein und die einzelnen Juror*innen haben jeweils zwischen 94 und 121 Inszenierungen gesehen. Insgesamt wurden 39 Inszenierungen vorgeschlagen und diskutiert.“ Respekt! Trotz munterer Reisetätigkeit brachten die Experten indes kein einziges Theaterstück mit nach Berlin. Oha. Mir schwant erst recht nichts Gutes, als ich Patrick Wildermanns Vorschau im Berliner Tagesspiegel lese: „Ein Besuch in einer Nebelmaschinenfabrik, ein zehnstündiges Antiken-Event mit Verköstigungsangebot, der epileptische Krampf als Spielmethode, eine Gothic-Geisterbahn und ein sexbesessener Schweine-Guru namens ‚Tüffi‘.“ (31.01.2019)
Ehe wir uns dem zotigen & vermeintlich sprachkritischen Aufsagtheater um „Tüffi“ aussetzen, spricht uns ein Besucher aus Luxemburg an. Er beglückwünscht uns zur Flucht aus der Volksbühne am Vorabend – nach 90 Minuten hatten wir genug von „Erniedrigte und Beleidigte“, eine Dostojewski-Vernichtung der Brüller, Hampler und männlichen Nackedeis – Musik, Video & Action-Painting natürlich inklusive. Eine Dame macht sich in der U-Bahn-Station empört Luft; morgen gehe sie in die Schaubühne zu „Richard III“. Gute Entscheidung. Lars Eidinger zieht zwar auch gerne blank, erleben kann man aber ganz großes Theater, das schon dutzende Male gegeben wurde. Wir halten im Haus der Berliner Festspiele nur bis zur Pause durch. „Tartuffe oder das Schwein der Weisen“ heißt die sog. Komplettüberschreibung, und das „spielwütige Ensemble“ (Programm-Flyer) samt Autor PeterLicht müsste sich für diese Untat jeden Tag bei Molière entschuldigen. Wieder Einverehmen an der Garderobe, wieder einvernehmliche Flucht.
Bei Thorsten Lensings Bühnenadaption von David Foster Wallace‘ Roman „Unendlicher Spaß“ flieht niemand aus den Sophiensälen. Wir sind gebannt von einer auf diesen Regisseur eingeschworenen Schauspielerschar, allen voran die grandiose Ursina Lardi und Devid Striesow, ein fabelhafter Wiedergänger von Jack Nicholson. Aus einem eigentlich nicht dramatisierbaren Roman hat Lensing in geduldiger, jahrelanger Arbeit ein Theaterereignis geschaffen, das Ereignis dieses so wenig bemerkenswerten Theatertreffens 2019. Im nächsten Jahr soll es eine Frauenquote geben. Dieser Tribut an den Zeitgeist bürgt indes nicht für mehr Qualität. Wie wär‘s mit einer Götterdämmerung? Eine neue Jury und eine Theaterstück-Quote. Mindestens die Hälfte der Produktionen müssen für die Bühne geschrieben worden sein. Es lebe das Theater!