Der verbrannte Panther

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

Kalifornien steht in Flammen. Bisher sind mindestens 50 Menschen in den Feuern umgekommen, bei lebendigem Leibe verbrannt, über 100 werden noch vermisst. Und was twittert der Klimawandelleugner Trump dazu? Schlechtes Forst- und Feuerwehrmanagement. Abgesehen von der Herzlosigkeit – Kalifornien wird von Demokraten regiert, selber Schuld –  kommt einem diese Argumentation bekannt vor. Symptome bekämpfen statt Ursachen. Hinter jeden Baum einen Feuerwehrmann mit Schlauch im Anschlag postieren. So wie Trump einmal mehr nach dem jüngsten sogenannten Mass-Shooting in einer Synagoge in Pittsburgh bewaffnete Sicherheitskräfte in den Kirchen forderte anstatt die geltenden Waffengesetze zu verschärfen. Und wie weit reicht das Mitgefühl hierzulande? Bild berichtet tagelang über Gottschalks abgebrannte Villa und die seiner nicht minder prominenten Nachbarn. Nicht zu vergessen: die von Thea Gottschalk geretteten Katzen. Ach ja, eines noch: über Gottschalks Frühstückstisch hing das – nunmehr verbrannte – Rilke-Gedicht „Der Panther“ im handschriftlichen Original. Das wirft die Frage auf, ob es legitim ist, dass Kulturdenkmäler als Trophäen die Wände reicher Privatleute schmücken, der Öffentlichkeit entzogen und hohen Verlustrisiken ausgesetzt.

Pong

Berliner

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Die Berliner sind da. Eine lange Schlange steht vor der Abendkasse – alle wollen die Berliner Philharmoniker in der Alten Oper erleben.

Kaum haben wir die „Causa Merz“ von Martin Bergelt am Sonntag online gestellt, da meldet sich auch schon die Staatsanwaltschaft bei Blackrock an. Wegen dubioser Geschäfte wird die Deutschland-Zentrale durchsucht. Nun liegen diese vor der Zeit von Friedrich Merz als Aufsichtsratsvorsitzender der Fondsgesellschaft, aber etwas bleibt immer hängen, und es stellt sich die Frage, ob diese Koinzidenz wirklich Zufall ist. Jedenfalls steht Blackrock als Synonym für den internationalen Finanzkapitalismus, mit dem eine C-Partei eigentlich nichts am Hut haben sollte. Falls Merz im Dezember Parteivorsitzender der CDU werden sollte, werden die Zeiten für die Koalition der Verlierer in Berlin nicht leichter.

Interessierte schauen im Herbst aber auch gerne auf das Berliner JazzFest, das immer noch heller strahlt als die vielen anderen Festivals hierzulande. „Now This Means War“ heißt  der Titel des Programmheftes 2018. Erdacht hat ihn Nadin Deventer, die neue Leiterin des JazzFest Berlin und erste Frau in dieser Funktion. Doch vor der Kür steht die Pflicht. Ehe es losgeht im „Haus of Jazz“ werden die Zuhörer mit einem (zu) langen Vortrag belehrt, garniert mit Verschwörungstheorien wie der, dass der legendäre Multiinstrumentalist Eric Dolphy 1964 in Berlin aus rassistischen Gründen im Krankenhaus nicht richtig behandelt wurde und starb. Auch die Konzerte mit einem explizit politischen Impetus, den der Jazz als autonome Kunst nie hatte, überzeugen allesamt nicht – Kopfmusik vom Blatt gespielt. Die Idee eines „Haus of Jazz“, also die Bespielung des ganzen Hauses der Berliner Festspiele, geht hingegen voll und ganz auf. Überall wird gejazzt, besonders spannend auf der Unterbühne. Dort ist die Berliner Formation KIM Collective am Werke. Und es gibt durchaus weitere Entdeckungen beim JazzFest. Die junge Sängerin Jazzmeia Horn beeindruckt vor allem in kleiner Besetzung, die hoch gehandelte Jaimie Branch fällt mehr als Typ denn als Trompeterin auf, Roscoe Mitchell rettet die Ehre des Art Ensemble of Chicago mit einem fulminanten Solo auf dem Sopransax. Der Höhepunkt für mich war der Auftritt des Pianisten Jason Moran,  der mit seinen Harlem Hellfighters an den längst  vergessenen Musiker James Reese Europe erinnert. Den Tiefpunkt setzte das Geklimper von Bill Frisell zum Abschluss des Festivals, am „Melancholic Sunday“. Da war der „Krieg“ längst vorbei.

Irre ich mich oder habe ich am Montag vor der Alten Oper Frankfurt mehr junge Leute gesehen als beim Fest des Jazz? An der Abendkasse steht eine lange Schlange – sie alle wollen die Berliner Philharmoniker erleben, die unter der Leitung von Gustavo Dudamel insbesondere bei Dmitri Schostakowitschs Sinfonie Nr. 5 beeindrucken. Rauschender Applaus. Die Berliner dürfen wieder kommen. Bitte ganz bald!

Die Causa Merz

Bei allem Medien-Hype um Merz: ich kann mir nicht vorstellen, dass die CDU dieses Wagnis eingehen wird. Black Rock, das klingt ja schön, schwarzer Fels (in der Brandung), dahinter aber verbergen sich unzählige moralisch anfechtbare Finanzgeschäfte, die einen Parteivorsitzenden Merz schwer in die Bredouille bringen können. Da sind zum Beispiel die betrügerischen CUM EX Geschäfte in Milliardenhöhe zu Lasten der deutschen Steuerzahler. Es wäre doch eine hübsche Pointe, wenn der CDU Parteivorsitzende daran mitgewirkt oder auch nur davon gewusst hätte. Wetten, dass ein journalistisches Recherchenetzwerk bereits an der Arbeit ist? Wetten auch, dass dieses dann eventuell belastendes Material so lange geheim hielte bis dessen Veröffentlichung ein echter Coup wäre? Also bis nach der Wahl des Parteivorsitzenden? Ein Cheflobbyist der Finanzindustrie, der übrigens gegen die Veröffentlichungspflicht von Nebeneinkünften der Abgeordneten beim Verfassungsgericht geklagt hatte, als künftiger Kanzlerkandidat? Dazu fehlt mit jetzt doch die Phantasie.
Was sagt uns dies aber über die CDU, dass eine solch riskante Personalie überhaupt solche Furore machen kann? Hier kommt – wie derzeit überall auf der Welt – die unselige Sehnsucht nach dem starken Mann zum Ausdruck (USA, Brasilien usw.) In diesem speziellen CDU-Fall auch die Sehnsucht nach dem Mann – nach den Jahren einer zusehends als schwach und zaudernd wahrgenommenen Frau. Noch dazu ein Mann, der jetzt scheinbar Rache an der Frau nehmen kann, die ihn einst politisch kalt stellte. Ein Mann, der im Gegensatz zur Frau in den letzten 14 Jahren nicht gealtert zu sein scheint, der so wirkt, als könne man eine Reset-Taste drücken und dort weiter machen, wo man einst aufhörte. Also vor dem die Gesellschaft spaltenden Asylproblem und vor der großen Finanzkrise. Zurück in Zeiten als CDU und SPD noch zusammen 70% der Wählerstimmen gewannen, tatsächlich Volksparteien waren.
Diese rückwärts gewandte Sehnsucht nach Reduktion von Komplexität ist so nachvollziehbar wie gefährlich. Da die Vergangenheit nicht wiederherstellbar ist, auch nicht von einem scheinbar verjüngt Wiederauferstandenem, wird das Heil in radikal einfachen Lösungen gesucht, wie Deutschland den Deutschen, America first usw. Dass solche Parolen den realen Problemen nicht im entferntesten gerecht werden, schmälert nicht deren Popularität, setzt aber einen Überbietungswettbewerb in Gang, in dessen Verlauf aus Parolen Taten werden. Nicht nur in den USA kann man aktuell studieren wie so etwas funktioniert, sondern leider auch hierzulande, Stichwort Chemnitz.
Sollte trotz allen Risikos Friedrich Merz dennoch zum CDU Vorsitzenden gewählt werden, dann befürchte ich eine Verschärfung des politischen Klimas gleichsam zwangsläufig aus Enttäuschung über das ausbleibende Heil. Das können wir im Ernst nicht wollen. Ich setze daher auf Kramp-Karrenbauer oder auch auf Armin Laschet, auch wenn beide vergleichsweise langweilig erscheinen, aber Abenteuer und Spannung sind ästhetische Kategorien fürs Kino und nicht für das Wohlergehen unseres Landes.
Martin Bergelt

Die Entscheidung

Notartermin. Es geht um eine Beglaubigung, und wir kommen natürlich auf den Ausgang der Wahl in Hessen zu sprechen. Ein Mann in Notarausbildung – er stammt aus der Türkei – kommt hinzu und mischt sich ins Gespräch ein. Wie der Staatsrundfunk berichtet habe, wirft er ein. Wir trauen unseren Ohren nicht, wie selbstverständlich ein Rechtsanwalt solchen Unfug erzählt. Es kommt noch toller: die Medien in der Türkei seien hingegen unabhängig. Wir geben natürlich Contra und klären den rechten Praktikanten auf über den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk hierzulande. Er rudert zurück und meint nun, die Programme seien alle gleich und langweilig. Da mag er recht haben, aber die Qualität des Angebots rechtfertigt keine falschen Aussagen.

Es ist an uns zu widersprechen, es ist unsere Entscheidung, dass wir zu unserer Meinung stehen und uns nicht einschüchtern lassen. Das hat der rechte Pöbel in München versucht: der Agentur Martin & Stephan – sie haben die erfolgreiche Kampagne der Grünen für die Landtagswahl in Bayern konzipiert – wurden rechtsradikale Schriften geschickt und ein Schweinskopf vor die Tür gelegt. Die SZ berichtete im Lokalteil ausführlich, und David Stephan, einer der Inhaber der Agentur, nahm im Interview des Berliner Inforadios deutlich Stellung zu den beiden Vorfällen; hier das Gespräch zum Nachhören:

Ein Hoch auf die unabhängige Presse und den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk hierzulande!

Und die Wahlen in Hessen? 70% der Bewohner sind mit ihrem Leben dort zufrieden. Trotzdem wurde die GroKo abgestraft, obwohl die gar nicht zur Wahl stand. Man sollte unbedingt die Wahlen im Bund und in den Ländern auf einen Termin legen. Die Wahlbeteiligung wäre höher und es ginge an diesem Tag tatsächlich um Länderpolitik. Natürlich konnte das hessische Ergebnis nicht ohne Folgen bleiben: die Kanzlerin stellt sich im Dezember nicht mehr zur Wahl um den Parteivorsitz der CDU. Ihr alter Rivale Friedrich Merz hat seine Ambitionen angemeldet und wird sogleich in den Medien mit Heilserwartungen überhäuft. Er würde den konservativen Markenkern der Partei schärfen, die AfD in Schach halten und gleichzeitig der SPD zu mehr Profil verhelfen. Darf’s noch ein bisschen mehr sein? Im März wissen wir mehr.

Die Vergangenheit vergeht nicht

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Eintrag über Auschwitz in „Der Neue Brockhaus“ (1957). In der Ausgabe von 1963 hat sich am Text nichts geändert, den Annette Hess ihrer Lesung voranstellt.

„Mein Großvater war Polizist“, erzählt Annette Hess. Sie stellt ihren Roman „Deutsches Haus“ bei Hugendubel vor. Kann die beste deutsche Drehbuchautorin („Weißensee“, „Kudamm“) auch literarisch schreiben? Sie kann es nicht. Sie schreibt schnörkellos, zielt auf Effekte ab und ihre beiden Textproben sind eineindeutig  – zu wenig für gute Literatur. Dabei treibt sie ein Thema um, das viele Familien beschäftigt: das Schweigen darüber, was der gute Opa im 2. Weltkrieg gemacht hat. Ihrer war fünf Jahre lang in Polen, einer von mir war bei der Waffen-SS im sog. Feld und starb in Russland. Das sei ja die anständige SS gewesen, wurde erzählt – und ansonsten wie in vielen Familien geschwiegen. Ich habe meinen Großvater nie kennengelernt, er soll ein sympathischer und humorvoller Lehrer gewesen sein. Was wäre wohl aus mir im Tausendjährigen Reich geworden?

Warum beschäftigt mich diese Lesung weiter? Wie funktioniert unser Gedächtnis? Schon hat das Wunderwerk seine Arbeit getan und die vielen Eindrücke der letzten Woche eingeordnet. Anregend amüsante Abende in Oper und Schauspiel, das großartige Programm „Vergesst Winnetou. Karl May – ein schräges Leben“ des großartigen und verkannten Ilja Richter im plüschigen Berliner Schlosspark-Theater, aber am meisten begeistern mich die beiden Konzerte der hr Bigband beim Deutschen Jazzfestival. Ganz besonders das abenteuerliche Programm „The Big Amithias – Allgäu meets India“, konzipiert vom Trompeter Matthias Schriefl, ist eine unerhörte Sensation!

Und Hessen? Dort wird am Sonntag gewählt, nicht in Deutschland. Um den Dauer-Wahlkampf hierzulande zu beenden, gibt es nur eine vernünftige Lösung: nur einen Termin für die Bundestagswahl und die Landtagswahlen. Dann hätte sich die Dieselkanzlerin ihren peinlichen Vorschlag sicher verkniffen, einfach die Grenzwerte für Stickstoffoxid zu erhöhen; dann wäre das hypernervöse Gezerre um die GroKo kein Thema. Die Grünen könnten nolens volens die großen Gewinner in Hessen werden, obwohl sie seit knapp 5 Jahren mit der CDU regieren und für Verkehr und Umwelt zuständig sind. Es ist etwas faul im Staate Deutschland. Nicht nur da!

Cadeaux

 

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Einkaufen als Erlebnis im Pariser Kaufhaus „Le Bon Marché“.

Kaum ist der letzte Blog online, erreicht mich die Nachricht aus dem Büro Kassel: der Obelisk bleibt doch in der sog. Documenta-Stadt. Das Kunstwerk von Olu Oguibe soll in der Treppenstraße wieder aufgebaut werden. Ende gut, alles gut? Natürlich nicht, denn der Ruf der Documenta hat durch diese überflüssigen Querelen weiteren Schaden genommen.

Wir aber sind in Paris, in unserem herrlichen Hotelzimmer: ohne Flatscreen, Minibar und Klimaanlage. Was für ein wunderbarer Anachronismus! W-Lan gibt’s aber, und ich kann den Druck des Uni-FRIZZ WS 2018 freigeben. Wir haben eine Mission zu erfüllen und sind verabredet mit den unsrigen Freunden aus Berlin, die unweit eine kleine Wohnung haben. Erst die Kunst, dann der Stoff. Im Gänsemarsch geht es durch das neue Louis Vuitton Museum an Egon Schiele und Jean-Michel Basquiat vorbei, die beide keine dreißig wurden. Tags drauf bei der Picasso-Ausstellung im Musée d’Orsay ist es natürlich nicht besser. Man wird sich an das gar nicht smarte Gedrängel im Museum gewöhnen müssen oder geht gleich in eine Bar. Im Serpent à Plume – eine mondäne Mixtur aus Café, Bar und Shop – sind wir mit dem Inhaber verabredet. Ich habe ihm eine Flasche Mise en Abyme Vodka (www.abyme.de) mitgebracht, der bei jungen Franzosen in Berlin sehr beliebt ist und vielleicht in das sehr exklusive Angebot passt. Zum Dank bekomme ich eine Anstecknadel mit dem Logo des Gesamtkunstwerks Serpent à Plume, die No. 153 um genau zu sein.

Wie im Fluge vergehen die anregend-entspannten Tage mit den Unsrigen – das prächtige Paris zeigt sich bei Kaiserwetter von seiner schönsten Seite. Was Wunder, dass ihre Präsidenten regelmäßig die Bodenhaftung verlieren. Das gelingt den Spezis in Bayern & Berlin allemal auch. Als wir in Tegel landen ist München grün, die SPD dort nicht länger Volkspartei und die CSU wird weiter regieren, demütig angeblich. Selten so gelacht! Die GroKo würden derzeit noch 39% wählen.

Mission Abyme

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Einkaufen ohne Obelisk: Ich war nicht der einzige, der fotografierte, was nicht mehr zu sehen ist.

Und Kafka? Was war denn mit Kafka in Prag? Er wird inzwischen wie ein Popstar vermarktet. Hätte er das erleben müssen, er hätte stante pede Felice Bauer geheiratet und wäre mit ihr auf die Cook-Islands ausgewandert. Wohin denn auch sonst?

Da möchte ich auch noch unbedingt hin, aber jetzt bin ich erst einmal im Büro Kassel. Ein Gespräch mit der Druckerei steht an – die Papierpreise werden Ende des Jahres zum dritten Mal angehoben, und wir geraten alle buchstäblich unter Druck. Einige Hersteller haben dicht gemacht, andere produzieren lieber Verpackungsmaterial, insgesamt wird weniger Papier für Magazine und Zeitungen angeboten. Diese Umstrukturierung der Branche hat Konsequenzen für die Druckereien und Verlage gleichermaßen. Nach dem aufschlussreichen Gespräch fahre ich zum Königsplatz. Ich will mit eigenen Augen sehen, was nicht mehr zu sehen ist: der Obelisk des Künstlers Olu Oguibe wurde nämlich auf Beschluss der Stadtverordnetenversammlung in einer Nacht- und Nebelaktion abgebaut. Die sog. Documenta-Stadt hat sich erneut bis auf die Knochen blamiert!

Das gelingt der Deutschen Oper zum Saisonstart auch ganz hervorragend. Ein Werk von Alban Berg wird der Willkür eines sog. Regisseurs geopfert. Wozzeck ist ein rundlicher Angestellter der Senatsverwaltung und grillt am Wochenende gerne, wenn er nicht gerade in der Deutschen Oper singen muss. Das kann Johann Reuter jedenfalls besser als spielen; man nimmt ihm die Rolle des Opfers, des Erniedrigten und Betrogenen, der zum Täter wird, nicht im geringsten ab. Macht eh‘ nichts, denn der Regisseur Ole Anders Tandberg lässt Bergs großartige Oper am norwegischen Nationalfeiertag in einer Kantine spielen, mit Fähnchen und Trachten. Warum nur? Warum nur darf so einer so einen Mist auf die Bühne bringen?

Eine Woche liegt das Debakel zurück, wir sind im Hôtel Des Grandes Écoles in Paris erwacht. Geheimtipps, die man verrät, sind keine mehr, aber ich mache es trotzdem (www.hotel-grandes-ecoles.com). Und was ist mit der Mission??? Das Projekt Abyme steht erst später auf dem Programm.

Ritt nach Prag

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Spektakulärer Blick auf die Burg bei der Gymnastik.

Pferdewechsel in Dresden, d.h. S und ich zuckeln weiter mit dem abgeranzten EC Richtung Budapest. Die Sitze sind tausendfach durchgesessen, das Abteil eng und stickig. Dafür gibt’s Internet. Hilft aber nichts, die Reise ist lang & leer, irgendwie dösen wir ein und sind plötzlich in Prag. Endlich steht mal wieder ein 3MW an, ein 3-Männer-Wochenende, dessen Höhepunkt noch immer das beliebte Auspunkten ist. Einer steht im Tor, die anderen beiden Männer dürfen nur aus der Luft schießen oder kicken. Aber um Fußball oder Gewinnen geht es gar nicht beim 3MW; es geht um Zeit zusammen sein, erfüllte Zeit mit  Gesprächen, Erinnerungen und Vergewisserungen. Ich bin immer noch müde vom Jetlag, schlafe manchmal beim Gehen ein und wache im Morgengrauen auf.

Dann Früh-Gymnastik mit dem spektakulären Blick auf die Burg. Golo Mann hat zu recht einmal bemerkt, diese Wohnung biete die schönste Aussicht in ganz Europa. Früher war hier  die Botschaft der DDR untergebracht, jetzt residiert dort das Goethe Institut, das B noch bis Ende des Monats leitet. Zusammen mit seiner Frau auf den „authentic“ Wochenmarkt. Abgesehen von einigen Touris fast nur Tschechen zu treffen, wie B lakonisch feststellt. Vielfalt ist anderswo. Aber vor dem Besuch des großartigen & großzügigen Giraffengeheges im wunderschönen Zoo ist noch ein Mittagsschlaf von Nöten. Tags drauf verlassen wir beschwingt die Goldene Stadt mit dem gleichen elenden EC Richtung Berlin. Wir sitzen dieses Mal nicht am Fenster sondern in der Mitte – kürzer wird die Reise nicht.

Nach 24 Stunden Frankfurt komme ich am Dienstag wieder in Berlin an: Premiere „Vive la Vie“ von Katherine Mehrling & Band in der „Bar jeder Vernunft“.  Zuvor gastierte die Truppe übrigens in New York, was schon für sich genommen eine Leistung ist. Mit ihrer grandiosen Hommage an Piaf, Madonna und die lange Zeit vergessene Jazzsängerin Inge Brandenburg, mit ihrer unglaublichen Bühnenpräsenz begeistert sie in der Bar alle & jeden, auch die Kritikern Ute Büsing vom Info-Radio: „Katharine Mehrling mit Band in der Bar, das muss geschaut und gehört werden!“ Mit „She“ verbeugt sie sich natürlich noch vor Charles Aznavour bei den Zugaben, der am Tag zuvor gestorben war und dem sie einst Aug‘ in Aug‘ gegenüberstand. Nichts wie hin zu La Mehrling!

 

Instead of a Conclusion

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Highlight einer Reise: Shirley Jordan singt „Autumn in New York“ im Dizzy’s Club.

Unser Family-Trip & more durch die Staaten ist vor einer Woche zu Ende gegangen. Waren es wirklich nur drei Wochen? Die Eindrücke & Erlebnisse reichen jedenfalls locker für drei Monate, und es ist mir schlichtweg nicht möglich, diese unglaubliche Reise bündig in ein paar Worten zusammenzufassen.

Statt eines Fazits möchte ich festhalten, was uns am stärksten aufgefallen ist bei unserer Reise, die uns bereichert hat, aber beileibe kein Urlaub war.

  • Stromadapter als erstes einpacken. Nie wieder ohne nach Amerika!
  • Bei der Renunion, dem großen Familienfest in Washington, sprachen alle Englisch miteinander. Viele waren mit nichts in der Tasche eingewandert und sind stolz darauf, Amerikaner geworden zu sein. Das ist noch immer das große Versprechen dieses riesigen Landen: jeder kann hier sein Glück machen.
  • Wir haben keinen Anhänger von Trump getroffen, im Gegenteil. Die aufgewühlte Stimmung im Lande haben wir als „Touris“ nicht bemerkt; dazu waren wir wohl auch zu viel „on the road again“.
  • Die Obdachlosigkeit ist sichtbar und die  Schande eines so reichen Landes. In LA gibt es besonders viele, die es nicht (mehr) geschafft haben und auf der Straße leben, in windigen Zeltlagern entlang der Straßen & Highways. Sehr bedrückend.
  • Auf der langen Reise sahen wir nur zweimal Frauen mit Kopftüchern.
  • Ohne Kreditkarte ist’s nicht einfach. Nie haben wir  soviel mit der Karte bezahlt.
  • Das Verkehrszeichen STOPP all ways funktioniert so, dass alle Autos an einer Kreuzung warten und das zuerst angekommene als erstes fahren darf.
  • Überhaupt zum Verkehr: es geht auch mit wenigen Schildern und ohne Kreisel.
  • Galonen & Meilen kannten wir schon, waren aber überrascht, einen „Letter“ in der Hand zu halten: ein Blatt Papier etwas kürzer & breiter als in good old Europe.
  • Ungewohnt auch der hohe Wasserstand in den Toilettenbecken.

Da ich dieses Resümee, das keines ist, niederschreibe, geht mir „On the Road again“ von Willie Nelson nicht aus dem Kopf. Und ich möchte wieder los. Nachher geht’s zur Villa Shatterhand nach Dresden. Dort bekommen wir frische Pferde, Mundvorrat & Schießbedarf und reiten dann in einem Zuge nach Prag. Howgh!

 

In der Alten Welt

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9 Monate lang gewartet, Geschwurbel bekommen (Der Spiegel, 15.09.2018).

Wir landen fast pünktlich in Berlin und werden vom Kleinflughafen Tegel wieder enttäuscht. Bald eine Stunde warten wir auf das Gepäck und starren mit leeren Blicken auf das Band. Informationen, eine Entschuldigung gar – Fehlanzeige. Das macht ja die Deutsche Bahn besser! Irgendwann kommen die Koffer, wir nehmen ein Taxi und ohne Stau geht’s nach Hause. Im Vergleich zu LA wirkt Berlin plötzlich gemütlich. klein & überschaubar; das gefällt uns sehr. Wir sehen keine Obdachlosen an den Straßen und auf den Wegen, wir können uns wieder in der Stadt orientieren, wir fühlen uns geborgen in unserem Kiez, als habe Berlin plötzlich menschliche Maße angenommen. Genug mit solch sentimentaler Heimkehr, die Berlin wie LA verklärt. Idylle ist nirgends.

Gab es denn nichts zu lesen auf dem langen Flug? Natürlich haben wir uns sofort mit dem „Spiegel“ auf den Dirigenten Teodor  Currentzis gestürzt, der sich glänzend als Exzentriker zu inszenieren weiß. Da bellt das Feuilleton vor Freude, zumal der Grieche kürzlich das SWR Symphonieorchester übernommen hat. Ein dreiviertel Jahr habe man um einen Termin buhlen müssen, da dürfen es auch schon mal zwei Doppelseiten im Blatt sein. „Die Musik wählt mich, nicht umgekehrt“, lesen wir tief verstört und staunen übers Raunen: „Mein Traum ist es, ein besserer Mensch zu werden. Das Licht der Inspiration zu finden, das göttliche Licht der Inspiration in meinem Leben, und es mit jemandem zu teilen. Mein Himmel ist es, meinen Himmel mit dir zu teilen.“

Blitzartig wird klar, was wir in Amerika missen mussten, ohne es zu vermissen: das deutsche Feuilleton. Erleuchtet fahren wir im Nieselregen zu einer Geburtstagsfete und glauben, so dem Jetlag ein Schnippchen zu schlagen. Viele haben mich gewarnt, alle haben sie recht. Der Zeit- und Klimaumstellung, der Natur entkommt keiner. Ein bisschen Demut hat noch nie geschadet.