Die Vergangenheit vergeht nicht

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Eintrag über Auschwitz in „Der Neue Brockhaus“ (1957). In der Ausgabe von 1963 hat sich am Text nichts geändert, den Annette Hess ihrer Lesung voranstellt.

„Mein Großvater war Polizist“, erzählt Annette Hess. Sie stellt ihren Roman „Deutsches Haus“ bei Hugendubel vor. Kann die beste deutsche Drehbuchautorin („Weißensee“, „Kudamm“) auch literarisch schreiben? Sie kann es nicht. Sie schreibt schnörkellos, zielt auf Effekte ab und ihre beiden Textproben sind eineindeutig  – zu wenig für gute Literatur. Dabei treibt sie ein Thema um, das viele Familien beschäftigt: das Schweigen darüber, was der gute Opa im 2. Weltkrieg gemacht hat. Ihrer war fünf Jahre lang in Polen, einer von mir war bei der Waffen-SS im sog. Feld und starb in Russland. Das sei ja die anständige SS gewesen, wurde erzählt – und ansonsten wie in vielen Familien geschwiegen. Ich habe meinen Großvater nie kennengelernt, er soll ein sympathischer und humorvoller Lehrer gewesen sein. Was wäre wohl aus mir im Tausendjährigen Reich geworden?

Warum beschäftigt mich diese Lesung weiter? Wie funktioniert unser Gedächtnis? Schon hat das Wunderwerk seine Arbeit getan und die vielen Eindrücke der letzten Woche eingeordnet. Anregend amüsante Abende in Oper und Schauspiel, das großartige Programm „Vergesst Winnetou. Karl May – ein schräges Leben“ des großartigen und verkannten Ilja Richter im plüschigen Berliner Schlosspark-Theater, aber am meisten begeistern mich die beiden Konzerte der hr Bigband beim Deutschen Jazzfestival. Ganz besonders das abenteuerliche Programm „The Big Amithias – Allgäu meets India“, konzipiert vom Trompeter Matthias Schriefl, ist eine unerhörte Sensation!

Und Hessen? Dort wird am Sonntag gewählt, nicht in Deutschland. Um den Dauer-Wahlkampf hierzulande zu beenden, gibt es nur eine vernünftige Lösung: nur einen Termin für die Bundestagswahl und die Landtagswahlen. Dann hätte sich die Dieselkanzlerin ihren peinlichen Vorschlag sicher verkniffen, einfach die Grenzwerte für Stickstoffoxid zu erhöhen; dann wäre das hypernervöse Gezerre um die GroKo kein Thema. Die Grünen könnten nolens volens die großen Gewinner in Hessen werden, obwohl sie seit knapp 5 Jahren mit der CDU regieren und für Verkehr und Umwelt zuständig sind. Es ist etwas faul im Staate Deutschland. Nicht nur da!

Cadeaux

 

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Einkaufen als Erlebnis im Pariser Kaufhaus „Le Bon Marché“.

Kaum ist der letzte Blog online, erreicht mich die Nachricht aus dem Büro Kassel: der Obelisk bleibt doch in der sog. Documenta-Stadt. Das Kunstwerk von Olu Oguibe soll in der Treppenstraße wieder aufgebaut werden. Ende gut, alles gut? Natürlich nicht, denn der Ruf der Documenta hat durch diese überflüssigen Querelen weiteren Schaden genommen.

Wir aber sind in Paris, in unserem herrlichen Hotelzimmer: ohne Flatscreen, Minibar und Klimaanlage. Was für ein wunderbarer Anachronismus! W-Lan gibt’s aber, und ich kann den Druck des Uni-FRIZZ WS 2018 freigeben. Wir haben eine Mission zu erfüllen und sind verabredet mit den unsrigen Freunden aus Berlin, die unweit eine kleine Wohnung haben. Erst die Kunst, dann der Stoff. Im Gänsemarsch geht es durch das neue Louis Vuitton Museum an Egon Schiele und Jean-Michel Basquiat vorbei, die beide keine dreißig wurden. Tags drauf bei der Picasso-Ausstellung im Musée d’Orsay ist es natürlich nicht besser. Man wird sich an das gar nicht smarte Gedrängel im Museum gewöhnen müssen oder geht gleich in eine Bar. Im Serpent à Plume – eine mondäne Mixtur aus Café, Bar und Shop – sind wir mit dem Inhaber verabredet. Ich habe ihm eine Flasche Mise en Abyme Vodka (www.abyme.de) mitgebracht, der bei jungen Franzosen in Berlin sehr beliebt ist und vielleicht in das sehr exklusive Angebot passt. Zum Dank bekomme ich eine Anstecknadel mit dem Logo des Gesamtkunstwerks Serpent à Plume, die No. 153 um genau zu sein.

Wie im Fluge vergehen die anregend-entspannten Tage mit den Unsrigen – das prächtige Paris zeigt sich bei Kaiserwetter von seiner schönsten Seite. Was Wunder, dass ihre Präsidenten regelmäßig die Bodenhaftung verlieren. Das gelingt den Spezis in Bayern & Berlin allemal auch. Als wir in Tegel landen ist München grün, die SPD dort nicht länger Volkspartei und die CSU wird weiter regieren, demütig angeblich. Selten so gelacht! Die GroKo würden derzeit noch 39% wählen.

Mission Abyme

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Einkaufen ohne Obelisk: Ich war nicht der einzige, der fotografierte, was nicht mehr zu sehen ist.

Und Kafka? Was war denn mit Kafka in Prag? Er wird inzwischen wie ein Popstar vermarktet. Hätte er das erleben müssen, er hätte stante pede Felice Bauer geheiratet und wäre mit ihr auf die Cook-Islands ausgewandert. Wohin denn auch sonst?

Da möchte ich auch noch unbedingt hin, aber jetzt bin ich erst einmal im Büro Kassel. Ein Gespräch mit der Druckerei steht an – die Papierpreise werden Ende des Jahres zum dritten Mal angehoben, und wir geraten alle buchstäblich unter Druck. Einige Hersteller haben dicht gemacht, andere produzieren lieber Verpackungsmaterial, insgesamt wird weniger Papier für Magazine und Zeitungen angeboten. Diese Umstrukturierung der Branche hat Konsequenzen für die Druckereien und Verlage gleichermaßen. Nach dem aufschlussreichen Gespräch fahre ich zum Königsplatz. Ich will mit eigenen Augen sehen, was nicht mehr zu sehen ist: der Obelisk des Künstlers Olu Oguibe wurde nämlich auf Beschluss der Stadtverordnetenversammlung in einer Nacht- und Nebelaktion abgebaut. Die sog. Documenta-Stadt hat sich erneut bis auf die Knochen blamiert!

Das gelingt der Deutschen Oper zum Saisonstart auch ganz hervorragend. Ein Werk von Alban Berg wird der Willkür eines sog. Regisseurs geopfert. Wozzeck ist ein rundlicher Angestellter der Senatsverwaltung und grillt am Wochenende gerne, wenn er nicht gerade in der Deutschen Oper singen muss. Das kann Johann Reuter jedenfalls besser als spielen; man nimmt ihm die Rolle des Opfers, des Erniedrigten und Betrogenen, der zum Täter wird, nicht im geringsten ab. Macht eh‘ nichts, denn der Regisseur Ole Anders Tandberg lässt Bergs großartige Oper am norwegischen Nationalfeiertag in einer Kantine spielen, mit Fähnchen und Trachten. Warum nur? Warum nur darf so einer so einen Mist auf die Bühne bringen?

Eine Woche liegt das Debakel zurück, wir sind im Hôtel Des Grandes Écoles in Paris erwacht. Geheimtipps, die man verrät, sind keine mehr, aber ich mache es trotzdem (www.hotel-grandes-ecoles.com). Und was ist mit der Mission??? Das Projekt Abyme steht erst später auf dem Programm.

Ritt nach Prag

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Spektakulärer Blick auf die Burg bei der Gymnastik.

Pferdewechsel in Dresden, d.h. S und ich zuckeln weiter mit dem abgeranzten EC Richtung Budapest. Die Sitze sind tausendfach durchgesessen, das Abteil eng und stickig. Dafür gibt’s Internet. Hilft aber nichts, die Reise ist lang & leer, irgendwie dösen wir ein und sind plötzlich in Prag. Endlich steht mal wieder ein 3MW an, ein 3-Männer-Wochenende, dessen Höhepunkt noch immer das beliebte Auspunkten ist. Einer steht im Tor, die anderen beiden Männer dürfen nur aus der Luft schießen oder kicken. Aber um Fußball oder Gewinnen geht es gar nicht beim 3MW; es geht um Zeit zusammen sein, erfüllte Zeit mit  Gesprächen, Erinnerungen und Vergewisserungen. Ich bin immer noch müde vom Jetlag, schlafe manchmal beim Gehen ein und wache im Morgengrauen auf.

Dann Früh-Gymnastik mit dem spektakulären Blick auf die Burg. Golo Mann hat zu recht einmal bemerkt, diese Wohnung biete die schönste Aussicht in ganz Europa. Früher war hier  die Botschaft der DDR untergebracht, jetzt residiert dort das Goethe Institut, das B noch bis Ende des Monats leitet. Zusammen mit seiner Frau auf den „authentic“ Wochenmarkt. Abgesehen von einigen Touris fast nur Tschechen zu treffen, wie B lakonisch feststellt. Vielfalt ist anderswo. Aber vor dem Besuch des großartigen & großzügigen Giraffengeheges im wunderschönen Zoo ist noch ein Mittagsschlaf von Nöten. Tags drauf verlassen wir beschwingt die Goldene Stadt mit dem gleichen elenden EC Richtung Berlin. Wir sitzen dieses Mal nicht am Fenster sondern in der Mitte – kürzer wird die Reise nicht.

Nach 24 Stunden Frankfurt komme ich am Dienstag wieder in Berlin an: Premiere „Vive la Vie“ von Katherine Mehrling & Band in der „Bar jeder Vernunft“.  Zuvor gastierte die Truppe übrigens in New York, was schon für sich genommen eine Leistung ist. Mit ihrer grandiosen Hommage an Piaf, Madonna und die lange Zeit vergessene Jazzsängerin Inge Brandenburg, mit ihrer unglaublichen Bühnenpräsenz begeistert sie in der Bar alle & jeden, auch die Kritikern Ute Büsing vom Info-Radio: „Katharine Mehrling mit Band in der Bar, das muss geschaut und gehört werden!“ Mit „She“ verbeugt sie sich natürlich noch vor Charles Aznavour bei den Zugaben, der am Tag zuvor gestorben war und dem sie einst Aug‘ in Aug‘ gegenüberstand. Nichts wie hin zu La Mehrling!

 

Instead of a Conclusion

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Highlight einer Reise: Shirley Jordan singt „Autumn in New York“ im Dizzy’s Club.

Unser Family-Trip & more durch die Staaten ist vor einer Woche zu Ende gegangen. Waren es wirklich nur drei Wochen? Die Eindrücke & Erlebnisse reichen jedenfalls locker für drei Monate, und es ist mir schlichtweg nicht möglich, diese unglaubliche Reise bündig in ein paar Worten zusammenzufassen.

Statt eines Fazits möchte ich festhalten, was uns am stärksten aufgefallen ist bei unserer Reise, die uns bereichert hat, aber beileibe kein Urlaub war.

  • Stromadapter als erstes einpacken. Nie wieder ohne nach Amerika!
  • Bei der Renunion, dem großen Familienfest in Washington, sprachen alle Englisch miteinander. Viele waren mit nichts in der Tasche eingewandert und sind stolz darauf, Amerikaner geworden zu sein. Das ist noch immer das große Versprechen dieses riesigen Landen: jeder kann hier sein Glück machen.
  • Wir haben keinen Anhänger von Trump getroffen, im Gegenteil. Die aufgewühlte Stimmung im Lande haben wir als „Touris“ nicht bemerkt; dazu waren wir wohl auch zu viel „on the road again“.
  • Die Obdachlosigkeit ist sichtbar und die  Schande eines so reichen Landes. In LA gibt es besonders viele, die es nicht (mehr) geschafft haben und auf der Straße leben, in windigen Zeltlagern entlang der Straßen & Highways. Sehr bedrückend.
  • Auf der langen Reise sahen wir nur zweimal Frauen mit Kopftüchern.
  • Ohne Kreditkarte ist’s nicht einfach. Nie haben wir  soviel mit der Karte bezahlt.
  • Das Verkehrszeichen STOPP all ways funktioniert so, dass alle Autos an einer Kreuzung warten und das zuerst angekommene als erstes fahren darf.
  • Überhaupt zum Verkehr: es geht auch mit wenigen Schildern und ohne Kreisel.
  • Galonen & Meilen kannten wir schon, waren aber überrascht, einen „Letter“ in der Hand zu halten: ein Blatt Papier etwas kürzer & breiter als in good old Europe.
  • Ungewohnt auch der hohe Wasserstand in den Toilettenbecken.

Da ich dieses Resümee, das keines ist, niederschreibe, geht mir „On the Road again“ von Willie Nelson nicht aus dem Kopf. Und ich möchte wieder los. Nachher geht’s zur Villa Shatterhand nach Dresden. Dort bekommen wir frische Pferde, Mundvorrat & Schießbedarf und reiten dann in einem Zuge nach Prag. Howgh!

 

In der Alten Welt

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9 Monate lang gewartet, Geschwurbel bekommen (Der Spiegel, 15.09.2018).

Wir landen fast pünktlich in Berlin und werden vom Kleinflughafen Tegel wieder enttäuscht. Bald eine Stunde warten wir auf das Gepäck und starren mit leeren Blicken auf das Band. Informationen, eine Entschuldigung gar – Fehlanzeige. Das macht ja die Deutsche Bahn besser! Irgendwann kommen die Koffer, wir nehmen ein Taxi und ohne Stau geht’s nach Hause. Im Vergleich zu LA wirkt Berlin plötzlich gemütlich. klein & überschaubar; das gefällt uns sehr. Wir sehen keine Obdachlosen an den Straßen und auf den Wegen, wir können uns wieder in der Stadt orientieren, wir fühlen uns geborgen in unserem Kiez, als habe Berlin plötzlich menschliche Maße angenommen. Genug mit solch sentimentaler Heimkehr, die Berlin wie LA verklärt. Idylle ist nirgends.

Gab es denn nichts zu lesen auf dem langen Flug? Natürlich haben wir uns sofort mit dem „Spiegel“ auf den Dirigenten Teodor  Currentzis gestürzt, der sich glänzend als Exzentriker zu inszenieren weiß. Da bellt das Feuilleton vor Freude, zumal der Grieche kürzlich das SWR Symphonieorchester übernommen hat. Ein dreiviertel Jahr habe man um einen Termin buhlen müssen, da dürfen es auch schon mal zwei Doppelseiten im Blatt sein. „Die Musik wählt mich, nicht umgekehrt“, lesen wir tief verstört und staunen übers Raunen: „Mein Traum ist es, ein besserer Mensch zu werden. Das Licht der Inspiration zu finden, das göttliche Licht der Inspiration in meinem Leben, und es mit jemandem zu teilen. Mein Himmel ist es, meinen Himmel mit dir zu teilen.“

Blitzartig wird klar, was wir in Amerika missen mussten, ohne es zu vermissen: das deutsche Feuilleton. Erleuchtet fahren wir im Nieselregen zu einer Geburtstagsfete und glauben, so dem Jetlag ein Schnippchen zu schlagen. Viele haben mich gewarnt, alle haben sie recht. Der Zeit- und Klimaumstellung, der Natur entkommt keiner. Ein bisschen Demut hat noch nie geschadet.

Leavin‘ the States

Irritation als Geschäftsprinzip: „Gentle Monster“ verkauft Brillen.

Where is the art? On the street. Zu sehen sind merkwürdige Gestalten aus Schnüren, die teils im immer gleichen Rhythmus zucken. Was ist denn das? Wir treten ein und entdecken seltsame Maschinen, die sich nur für sich bewegen; sie könnten von Thomas Bayrle stammen. Ist das eine Avantgarde-Galerie am Broadway downtown, ein Hotspot zwei Steinwürfe weg vom ACE? Mitnichten – „Gentle Monster“ ist der coolste Brillenladen der Welt, das Personal gehört zum Gesamtkunstwerk. Draußen vor der Tür ist wieder Realität. Ein Obachloser sitzt verloren auf der Bank an der Bushaltestelle, eine Frau im Rollstuhl starrt ins Leere und brabbelt vor sich hin.

Die Gegensätze und Widersprüche sind krass in LA. Kaum raus aus einem Edel-Shop, bitten arme Teufel um ein paar Cent oder haben schon ganz resigniert. Die Obdachlosigkeit ist sichtbar in dieser Stadt, springt viel stärker ins Auge als in D.C., NYC oder SF. Immer wieder treffen wir auf solche Menschen, als wir den Broadway hinaufgehen. Wir wollen uns das MOCA zumindest von außen anschauen. Vorher aber noch zwei Doppelte zum Spitzenpreis dieser Reise: schlappe 17,52 $. Dafür waren sie gut, und der MOCA-Shop bekommt 100 Punkte, weil es dort „Leuchtturm“ gibt, die besten Notizbücher von die ganze Welt. Auch im Laden der Walt Disney Concert Hall werden wir wieder ärmer. Da wollen wir unbedingt mal ein Konzert erleben und legen LA endgültig auf Wiedervorlage.

Zum Abschluss gönnen wir uns natürlich Burger und geben uns eine Busfahrt mit suspense, um Hitchcock nicht zu vergessen. Wir steigen in der Union Station in den Flughafenbus und verfolgen voller Angst bei Google unseren Transfer zum Airport. Der Helldriver quält sich durch den Megastau, wir sehen unseren Flieger fliegen – ohne uns. Plötzlich geht es doch voran und wir erreichen unseren Terminal um 17.35h. Zehn Minuten später sind wir das Gepäck los und unsere Angst; um 18.05h hätte der Schalter geschlossen! Easy & friendly das Boarding, und wir sind beede überrascht, wie schnell die knapp zehn Stunden an Bord vergangen sind. Eine mittelgroße Mütze Schlaf wird uns bei der Zeit-Umstellung helfen. Ein Geburtstagsfest in Berlin sicher auch. Ende für heute um 16.42h vom Frankfurter Flughafen, begonnen habe ich diese Zeilen per App zwischen den Kontinenten. Brave New World.

LA Confidential

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Smoke over the City – LA versinkt im Dunst.

Wo geht’s zur Kunst? In LA natürlich auf dem Freeway, vorzugsweise achtspurig. Ohne Termindruck wie gestern beginnen wir den vorletzten Tag dieser Reise, der mit dem Ritt auf einer Höllenmaschine enden sollte. Die Anfahrt zum Getty Center ist perfekt organisiert: vom Parkhaus durch die Security mit der Seilbahn auf einen Hügel mit einem grandiosen Blick über die Stadt, wenn man sie denn sehen könnte. LA verschwindet im Smog, versinkt buchstäblich im Dunst des Verkehrs. Wir kennen keinen Ort, der so konsequent, um nicht zu sagen brutal vom Auto dominiert wird, zu dem es keine ernsthafte Alternative gibt. Avenues, Boulevards, Streets, aber kein Zentrum nirgends. LA fehlt jedes menschliche Maß, und die Zurichtung dieser Stadt aufs Auto wird sich noch bitter rächen. Da hilft es auch nicht, dass Kalifornien einen Satelliten in die Umlaufbahn bringen will, der weltweit den Ausstoß klimaschädlicher Emissionen überwachen soll. Was soll das? Um festzustellen, was in LA abgeht, braucht man keinen Satelliten, sondern nur wache Sinne.

Mit Öl machte übrigens Jean Paul Getty sein Geld. Er galt in den 60er Jahren als reichster Mensch der Welt und baute eine umfangreiche Kunstsammlung auf, die indes das 20. Jahrhundert leider ausspart. Ein großer Teil davon ist im Getty Center zu sehen, das Richard Meier gebaut hat. Ein beeindruckender Komplex, aber kein großer Wurf. Kühle Funktionalität strahlen die Gebäude aus, und von der neueren Kunst der Sammlung sind wir enttäuscht. Einzig das riesige Gemälde (2,52 x 4,3 m) „Der Einzug Christi in Brüssel“ aus dem Jahr 1888 von James Ensor nimmt uns gefangen; zum Glück ist in diesem Raum Fotografieren einmal nicht erlaubt. Etwas ernüchtert nehmen wir im sterilen Innenhof einen Imbiss. Ein Sandwich in Plastik für 9 $ ist kein Deal, dafür muss man aber keinen Eintritt im Getty Center zahlen. Neben uns nagen einige asketische, asiatische Klosterfrauen an ihren Maiskolben; sie wirken nicht zufriedener als amerikanische Wuchtbrummen.

Auf fünf Spuren rollen wir zurück in die Stadt ohne Mitte. Direkt am Freeway unter einer Brücke wieder ein Verschlag, in dem Obdachlose hausen. Unendlich trostlos im reichsten Land der Welt! Weiter durch den Straßendschungel zur Autovermietung – nach 600 Meilen mit dem tadellosen Hyundai geht’s zu Fuß weiter. Wir erreichen den Broadway und sehen den Glanz vergangener Zeiten: die prächtigen Kinopaläste sind verrammelt. „Downtown has changed“, sagt ein weiser Farbiger neben mir an der Ampel. Man sieht’s auf den ersten Blick.

Und die Höllenmaschine? Was ist mit der Höllenmaschine? Ein Freund & Mitarbeiter lebt hier seit 2001 und holt uns mit seinem abenteuerlichen Jeep am Hotel ab. Das Ding ist dreißig Jahre alt und halboffen. Wir knattern durch die Stadt zu seinem soliden Haus aus Holz im Süden der Stadt, das er sich mit vier anderen teilt. Es hat noch die schönen  Jugendstilfenster von 1910 und einen richtigen Garten mit Rehen. Die sind natürlich nicht echt, so wenig wie das „Northern Cafe“ Kottbullar anbietet. Chinesen schmeißen den Laden, und Asiaten sind die besten Kunden. Der nette schwer bewaffnete Cop am Nachbartisch macht ein Foto vom German Trio. Auch das ist LA!

 

Lion and Thomas

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So blickte der Großschriftsteller Thomas Mann beim Schreiben in den Garten.

Was für ein Stress am frühen Morgen. Wir pfeifen uns ein Müesli rein, trinken Tee, Susanne liest den Blog, schickt mir noch ein Foto dazu. Dann setze ich mich wieder – wir haben nur einen Stuhl -, stelle online und beantworte schnell noch ein paar Mails. Warum die Hetze? Wir werden um 11 Uhr in der Villa Aurora in Pacific Palisades erwartet und wollen natürlich gut deutsch pünktlich sein.

Die zwanzig Meilen sollen knapp fünfzig Minuten dauern, meldet Google auf deutsch aus Susannes I-Phone; zu unserer größten Überraschung spielt das angeschlossene Handy im Hyundai „California“ von U2. Der Tag wird gut. Wir parken in einer sehr steilen Straße und klingeln am Eingang zu der Villa, die 1927 im spanischen Stil erbaut und mit allen technischen Finessen ausgestattet wurde.  Als Martha Feuchtwanger das Haus auf den Hügeln über dem Pazifik 1943 entdeckte, stand es schon vier Jahre lang leer; für 9.000 $ bekamen sie den Zuschlag für die herunter gekommene Immobilie. Im Entree schon hängt ein eindrucksvolles Foto: Lion Feuchtwanger und Bertolt Brecht nebeneinander auf der Steinbank. Dort stehen wir jetzt auf der Terrasse und hören bei unserer Privatführung über das Leben der Feuchtwangers nach ihrer Flucht aus Deutschland und über das heutige Leben in der Villa Aurora, in der Fellows ein paar Monate arbeiten und wohnen dürfen.

Man vertraut uns die Post für das Thomas Mann Haus an, wo wir beede schon zur nächsten Audienz erwartet werden. Diese Villa, die Thomas Mann im Bauhaus-Stil errichten ließ, war 60 Jahre in amerikanischem Privatbesitz und wurde zuletzt sogar per AirBnB vertickert, ehe sie 2016 von der Bundesregierung gekauft wurde.  Inzwischen ist die Villa wieder stilsicher hergerichtet worden, aber der Geist der Manns muss dort erst wieder einziehen. „Es gibt Orte“, beschwört der Literaturwissenschaftler Heinrich Detering denn auch die Vergangenheit, „die durchlässig sind für die Zeiten. Die Schatten vergangener Bewohner oder Besucher eines Hauses gehen um als Wiedergänger und scheinen so lebendig, dass der augenblickliche Besucher befürchten muss, dass er selbst zum Schatten wird.“ Während in der Villa Aurora gewissermaßen alles so blieb, wie es die Feuchtwangers gestaltet haben (Martha lebte dort bis 1987), überdauerte im Mann’schen Haus nur wenig, etwa die Bücherregale in seinem Arbeitszimmer. Auch im TMH sollen Fellows arbeiten; einige Wissenschaftler sind nach der feierlichen Eröffnung am 18. Juni dieses Jahres dort schon aktiv.

Beglückt fahren wir zum Will Rogers State Beach – Wellenbaden im Pazifik ist jetzt angesagt. Herrliche Wellen, herrliches Wetter sowieso. Zurück im Meer der Autos auf dem teils fünfspurigen Freeway. Immer wieder stockt der Verkehr, in den meisten Wagen sitzt nur eine Person – der alltägliche Auto-Wahnsinn in LA. In „unserem“ roof garden noch einen Imbiss, endlich mal wieder Mittagsschlaf (!) und abends noch einmal raus uff die Gass‘. Erstaunlicherweise können uns die freundlichen Kellner allesamt kein Kino in der Nähe nennen. Hollywood liegt umme Ecke, aber wir sind im falschen Film. Bei einer grauenhaften Mall finden wir das LA Live – mit grauenhaftem Kino-Programm. Wir ziehen noch ein bisschen um die Hochhäuser und die erstaunlich vielen Parkplätze. Einladend ist LA hier nicht. Bier & Pasta im ACE sind die beste Lösung. Treu & brav schreiben wir noch einige Postkarten.

For the first Time

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The Pacific Ocean – ganz für uns alleene.

„Wir fahren an den Strand“, schlägt Susanne nach dem Aufstehen vor. Phantastische Idee, also immer geradeaus die State Street hinunter und dann links zum Strand. Anbaden bei plus 68 F im Pazifischen Ozean, zum allerersten Mal. Wir sind die einzigen, der Strand ist fast menschenleer, das Wasser für die Freunde der Ostsee höchst angenehm. Wie Forest Gump joggen wir noch ein paar Meter am Strand, dann wieder packen und Yoghurt & Tee gegenüber vom Motel – die zehntel Meile fahren wir natürlich mit dem Auto…

Die erste Etappe des Tages ist Malibu. Wir wollen einen Espresso im „Paradise Cove Beach Café“ trinken. Knapp 50$ zum Parken sind ein schlechter Deal. Wir stellen unseren Schlitten auf dem Highway ab und investieren dann gerne 12 Scheine für das Heißgetränk. Die Bucht ist wirklich malerisch, aber als gute Protestanten haben wir verzichten gelernt und packen das Badezeug nicht aus. Wir cruisen weiter an der Küste entlang, gleich neben dem Highway drücken sich die Häuser ans Meer. Bestimmt schweineteuer, so in Malibu zu wohnen, aber ganz & gar nicht unsere Sorte.

„The Best of Henry Mancini“ ist der passende Soundtrack für Beverly Hills. Eine Hecke ist höher als die andere, ansonsten sieht man nichts – alles so schön grün hier. In Hollywood parken wir später direkt am Sunset Boulevard hinter einem schönen, alten Rolls, steigen souverän aus und belohnen uns mit zwei Campari Orange. Das „Obica“ überzeugt in jeder Beziehung: sehr netter Service, leckere Speisen.

Auf denn nach downtown zu unserem Hotel. Souverän dirigiert mich Susanne Google durch ein schier unendliches Straßengeflecht. Dass LA große Probleme mit dem Smog hat, verstehen wir bei strahlendem Sonnenschein sofort. Vor unserem Hotel steht auf einem  Schild „Make Jazz not War“. Wer wollte da widersprechen, hier sind wir richtig! Ein Carkeeper kümmert sich um das Auto, der Room Waiter ums Gepäck, von unserem Zimmer mit „Vista Point“ auf eine Berliner Brandmauer sind wir sehr angetan, abgesehen vom (überflüssigen) Teppich. An der Wand hängt eine Gitarre, Notenpapier liegt bereit. Zum Komponieren fehlt uns heute indes die Muße. Das absolute Highlight des ACE Hotel ist der roof garden. Die „Upstairs Bar“ ist ein obercooler Club mit echtem DJ, einem echten Whirlpool, einem echten Kamin und echt lässiger Atmosphäre. Der Senior-Guest of the Night gibt sich auch cool und tankt sich mit schwebenden Bewegungen durch die Szene. Das ACE ist ein Young Urban Hotel, das für uns ohne Vergleich ist. Enjoy!!!