Regen und Messe – also Stau. Stop and Go am Frankfurter Kreuz, der Verkehr quält sich auf acht Spuren voran wie in LA. In den meisten Autos sitzt nur eine Person. Ich habe schon schlimmere Situationen erlebt und auch schon länger gebraucht, um gen Süden zu kommen. In Heppenheim will ich meinen Sohn treffen und brauche für die 62 km lange Strecke knapp 90 Minuten. Der ganz normale Wahnsinn auf deutschen Autobahnen; nicht bloß diese Infrastruktur ist in der Rushhour total überlastet. Letzte Woche waren wir auf der A5 nach Freiburg unterwegs – auf der rechten Spur eine einzige Kolonne von Lastern.
Es gibt nichts zu beschönigen: auch ich trage durch mein Verhalten zum Klimawandel bei, auch ich werde dafür bezahlen müssen. Diesen Montag hat der Weltbiodiversitätsrat IPBES noch einmal darauf hingewiesen, dass in den nächsten Jahrzehnten eine Million Arten vom Aussterben bedroht sind. Die Hälfte der Korallenriffe ist schon verschwunden; der Rest wird nicht überleben können. Der Grund dafür ist bekannt: die weltweite Erderwärmung. Trump hingegen leugnet den Klimawandel und sein brasilianischer Wiedergänger Bolsonaro kürzt die Mittel für den Klimaschutz um 95%! Letztlich bin ich keinen Deut besser als Trump. Ich habe mein Verhalten nicht geändert, fliege mal munter ein paar Tage nach Malle oder übers WE nach Rom. Zwar empfinde ich inzwischen auch Flugscham (diesen Begriff habe ich kürzlich gelernt), aber dem Klima ist es egal, ob ich mit schlechtem Gewissen in einem Flieger hocke oder nicht.
Der ganz normale Wahnsinn geht immer weiter, natürlich auch am BER, dessen Eröffnung nun an Dübeln und Kalksandstein endgültig zu scheitern droht – die Probleme seien seit 2012 (!) bekannt; mehr dazu im ARD-Magazin Kontraste. Vielleicht ist dieser Skandal ein Menetekel zur rechten Zeit. Vielleicht nutzen die Berliner Piefkes das Desaster als Chance zur Besinnung – und verzichten ganz auf einen neuen Flughafen. Am besten wir motten Tegel gleich auch noch ein und hätten dann im internationalen Wettbewerb einen weiteren USP (unique selling point). Berlin wäre die erste Metropole weltweit ohne Flughafen, und die Touristen blieben weg. Wowereit sei Dank!
Nach der ereignisreichen Anreise gönnen wir uns erst mal einen Tag Ruhe in Chachapoyas. Wir befinden uns auf 2.335 Metern und sind endlich in den Anden angekommen! Das Programm der kommenden Tage sieht Wanderungen zu den Ruinen von Kuelap und dem Wasserfall Gocta vor, aber wir starten mit einer Erkundung der Stadt.
Chacha, wie es von den Locals meist nur genannt wird, ist eine schöne, ruhige Stadt mit vielen weiß getünchten Gebäuden aus der Kolonialzeit. Als sogenannte „Weiße Stadt“ herrscht hier auch ein Verbot von Mototaxis, und es ist daher gleich wesentlich ruhiger als im quirligen Máncora. Wir lassen uns treiben und landen irgendwann im örtlichen Marktgebäude – eine Attraktion für sich. Die Märkte in Südamerika sind immer einen Besuch wert; es gibt meist eine Vielzahl von kleinen Ständen und es herrscht ein lebhaftes Treiben. Neben Fleisch (ohne Kühlung), Backwaren und einem Haufen Krims Krams gibt es unzählige Sorten von Obst und Gemüse, deren Namen wir zu großen Teilen nicht einmal kennen. Wir decken uns ein und machen uns auf den Weg zurück ins Hostel. Auf dem Weg hinaus passieren wir noch eine Frau im tradionellen Gewand, die ein Netz voll lebender Cuy (Riesenmeerschweinchen) zum Verkauf anbietet – eine Delikatesse der Anden.
Der Besitzers unseres Hostels empfiehlt uns bei der Rückkehr noch einen Abstecher zum nahegelegenen Aussichtspunkt Huancas zu machen und den dortigen Canyon zu bestaunen. Wir nehmen den Rat dankend an und nutzen den Besuch als Einstimmung auf die kommenden Tage. Zum Abendessen gibt es danach Mango, Avocado, Käse und Brot vom Markt; der Geschmack der Früchte übersteigt den der deutschen Supermarkt-Früchte um ein Vielfaches.
Am nächsten Morgen geht es um 8.00 Uhr los zum ersten Ausflug mit Ziel Kuelap, der einstigen Heimat der Chachapoya. Der Name dieses prähistorischen Andenvolkes stammt aus dem Quechua und bedeutet Wolkenmenschen oder Nebelkrieger. Wir haben eine Tour über unser Hostel gebucht und müssen zunächst einige Stunden Bus fahren, bevor es mit der einzigen Seilbahn Perus hinauf zu den Ruinen geht. Es ist eine spannende Führung und es sind beeindruckende Bauwerke, deren Bau hoch oben auf fast 3.000 Metern schon etwa im 6. Jahrhundert begonnen wurde. Ich möchte nicht zu viel über die Kultur und die Ruinen erzählen, empfehle den Interessierten jedoch eine Kurzrecherche im Netz. Wir sind zufrieden mit diesem ersten Tag und erlauben uns Cuy zum Abendessen. Leider geraten wir jedoch in ein gehobenes Restaurant für Touristen und so wird der Cuy nicht am Stück, sondern bereits zerteilt in einer Schatztruhe serviert – zu viel Show für meinen Geschmack.
Der nächste Tag wartet mit der etwas anspruchsvolleren Wanderung zum Wasserfall Gocta auf, der sich 771 Meter in die Tiefe der Sierra, der Vorstufe zum Regenwald, stürzt. Wir müssen eine einfache Strecke von 5,5 km dorthin bewältigen und kämpfen gegen das wechselhafte Klima und die Steigungen. Sonne und Regen wechseln sich derart schnell ab, dass wir bald sowohl vom Schweiß als auch vom Wasser durchnässt sind, doch jeder Meter näher zu Gocta gibt uns neue Kraft. Unser Guide hat uns wegen der Kälte zwar vor einem Bad gewarnt, aber wem muss ich noch sagen, dass wir uns gleich nach der Ankunft am Fuß auf in Richtung Becken machen. Phil, den wir schon auf dem Weg kennengelernt haben, ist bereits im kühlen Nass. Davon angespornt ziehen wir blank und gönnen uns ebenfalls ein kurzes Bad von maximal 3 Minuten im eisigen Wasser – eine Wahnsinnserfahrung! Den Weg zurück laufen wir mit Phil im Trio und tauschen uns aus während der Wasserfall durch den Regen minütlich weiter anschwillt; auch Phil hat seinen Job aufgegeben und möchte das „rat race“ der Finanzbranche in Kalifornien gegen einen Job im Abenteuertourismus tauschen. Ich verstehe ihn gut.
Am Vortag haben wir unsere Pläne bereits geändert und fahren doch nicht an die Küste, sondern nach Huaraz: der Bus geht noch am selben Abend. Wir sind zwar erschöpft von der ersten 11 km Wanderung im Gebirge, doch die Anden versprechen einfach mehr Abenteuer als der Strand. Wir nehmen wieder den Nachtbus, und wieder schlafen wir hervorragend. Nach einem kurzen Buswechsel in Trujillo am Morgen erreichen wir Huaraz auf 3.100 Metern am frühen Abend planmäßig.
Wir gönnen uns wieder einen Tag Pause und erkunden die Stadt – hier herrscht leider kein Verbot für Mototaxis und das Hupen als Verständigung ist wieder allgegenwärtig. Die Stadt ist zudem voll, denn es ist Gründonnerstag und die Vorbereitungen für die üppigen Osterprozessionen der kommenden Tage laufen bereits auf Hochtouren. Nach dem Abendessen dann der Schreck: wir geraten in ein ausgewachsenes Gewitter und es regnet ohne Unterlass. Wir müssen uns beratschlagen, wollen wir doch am nächten Tag zur Laguna 69 wandern. Der Wetterbericht sagt auf allen Kanälen ausschließlich Gewitter voraus, doch die erfahrenen Mitarbeiter im Hostel sagen uns, dass man sich hier im Gebirge nie darauf verlassen kann, und am Morgen sei es eigentlich immer erst mal schön. Wir wissen nicht weiter und beschließen die Münze entscheiden zu lassen: Kopf, wir buchen die Tour! Beim Buchen an der Rezeption treffen wir noch Nadine, eine Reisende aus Hamburg, die sich ebenfalls für die Tour einschreibt. Wir kennen uns bereits vom Frühstück und verabschieden uns bis zum Morgen – abgeholt werden wir um 4.00 Uhr.
Irgendwo zwischen den kleinen Dörfern auf dem Weg kommen wir ins Stoppen: Eine erste Karfreitags-Prozession inklusive Feuerwerk hält uns um kurz vor 6.00 Uhr von der Weiterfahrt ab. Zwar sind wir irgendwie amüsiert darüber, zeigen uns aber unbeeindruckt, da Schlaf gerade noch Priorität genießt. Ein kurzer Stop zum Frühstück und wir starten den steilen Weg ins Gebirge auf 3.900 Metern: Das Wetter ist stabil – die Münze hatte Recht.
Die Landschaft ist atemberaubend schön und wir laufen zunächst zu dritt. Zwar sind wir einigermaßen aklimatisiert, doch mit jedem Meter steigt die Anstrengung weiter. Bald laufen wir nur noch zu zweit und Bobby muss immer wieder auf mich warten – Nadine ist uns bereits einige Meter voraus. Hatte ich mich im Vorfeld noch gefragt, ob Bobby es mir seiner Lunge (mehrere Mantelpneumothoraxe in den Vorjahren) problemlos schafft und ich ihn zur Not tragen könnte, frage ich mich jetzt, ob es ihm möglich wäre, mich im Notfall den Berg hinunter zu wuchten. Aber Spaß beiseite, es ist zwar eine gewaltige Anstrengung, doch wir wissen halbwegs, was wir machen und waren beide schon auf ähnlichen Höhen unterwegs. Nach 3 anstrengenden Stunden erscheint vor uns dann endlich in einem türkis-blau nicht von dieser Welt die Laguna 69 auf 4.600 Metern Höhe. Wir sind überwältigt von der Schönheit und genießen ehrfürchtig unseren mitgebrachten Proviant. Leider kommen wir nicht umhin zu bemerken, dass der Gletscher auf den Werbefotos in der Stadt noch bis in den See ragte und sich mittlerweile ein gutes Stück weiter den Berg hinauf zieht. Es sind auch hier die Spuren des Klimawandels am Werk und man fragt sich doch, ob man solche Fernreisen neben vielen andern Dingen überhaupt noch guten Gewissens machen kann. Der Abstieg erfolgt um einiges schneller und zurück in Huaraz gehen wir – wieder zu dritt – noch ein Bier trinken. Ich habe leichte Kopfschmerzen vom Tag, der Höhe und der Anstrengung, doch eine Nacht voll Schlaf soll sie wieder beseitigen.
Den letzten Tag in der Stadt genießen wir zwischen den Touristen und Pilgern und schauen uns die teils eigenwilligen – aber für Südamerika typischen – Oster-Prozessionen an. Nadine hat sich uns angeschlossen, und wir probieren uns durch die kleinen Wagen mit Essen am Straßenrand. Ein Highlight: Spanferkel. Für einen Saft geht es nochmal in den örtlichen Markt und beim Verlassen sehen wir einen Stapel ganzer Schweine zum Teil auf dem Boden und auf Sackkarren einfach abgeladen in einem Gang. Wir denken trotz des fürchterlichen Geruchs nicht weiter darüber nach und lassen den Tag bei einigen Bieren ausklingen. Zum Abschluss spielen wir noch die für mich lustigste Runde Uno seit langem im Hostel und tragen dabei am Ende alberne Masken, die wir im Aufenthaltsraum gefunden haben. Noch einen Selfie zusammen und wir müssen uns verabschieden. Wir nehmen wieder den Nachtbus nach Lima, von wo aus wir das erste große Highlight der Tour ansteuern: 5 Tage in einer Eco-Lodge im Amazonasbecken…
Das Bild ist endlich da; der Transport aus Frankfurt in die JenAer lief nicht ohne Abstimmungsprobleme. Axel hat es mir im Krankenbett bei meinem letzten Besuch in Bad Camberg vermacht. Danach habe ich ihn nie wieder gesehen – viele Fragen bleiben offen. Es zeigt „The Gates“, ein Projekt von Christo und Jeanne Claude von 2005 im Central Park von New York. Wie dieser Druck in Axels Besitz gekommen ist, weiß ich (noch) nicht, ob er einmal in New York gewesen ist auch nicht. Natürlich schauen wir uns erst recht den Film „Christo: Walking on Water“ an, eine unbedingt zu empfehlende Dokumentation über die Entstehung der Floating Piers-Kunstinstallation, die im Jahr 2016 zwei Inseln im Lago d‘Iseo miteinander verband. Vor vierzig Jahren hatte er das Projekt bereits mit seiner Frau geplant und niemals die Sehnsucht aufgegeben, dass es doch noch klappen würde. Ein Besessener.
Zwei Tage später fiebern wir einer Uraufführung in der Deutschen Oper entgegen: Oceane. Eine Fontane-Oper im Fontane-Jahr. Wir sind vom ersten Moment an gebannt: der Kopf einer Frau in schwarzweiß auf einer Leinwand vor der riesigen Bühne, sie singt wie aus einer anderen Welt, die Kamera zoomt auf ein Auge, das schließlich zum Meer wird. Starker, grandioser Beginn eines Abends, der in Erinnerung bleiben wird (Regie: Robert Carsen). Detlef Glanert hat die Oper komponiert und verfügt souverän über alle ästhetischen Möglichkeiten des Musiktheaters. Aus dem Fragment „Oceane von Perceval“ hat Hans-Ulrich Treichel geschickt ein Libretto verfasst: eine freisinnige Frau scheitert in den realen Verhältnissen. Wenn Oceane – gesungen & gespielt von der fabelhaften Maria Bengtsson – wie entfesselt beginnt zu tanzen, weichen die braven Pfahlbürger schockiert zurück. In der spießigen Sommerfrische an der See ist kein Platz für eine Oceane, die ihre Sinnlichkeit ohne Grenzen nur im Meer ausleben kann – im Tode. „Ein Riesenerfolg der Deutschen Oper“, bilanziert die ARD-Kulturkorrespondentin Maria von Ossowski“, „der aber die Frage nicht beantwortet, die alle Uraufführungen des Musiktheaters begleitet: wird es eine zweite, eine zwanzigste, vielleicht gar zweihundertste Inszenierung geben? Meist bleibt es nur bei der Uraufführung zeitgenössischer Werke. Glanerts Werk wäre ein dauerhafterer Platz in den Spielplänen der Opernhäuser zu wünschen.“
„Wer die Sehnsucht hat, hat alles“, wähnt Oceanes Verehrer. Nichts hat er! Was das mit deutschen Theater zu tun hat, wollen wir beim Theatertreffen erfahren, das mit „Hotel Strindberg“ von Simon Stone nach August Strindberg eröffnet wird. Oha! Stone hat die „Methode der Komplettüberschreibung“ von Klassikern erfunden. Wir schauen in unterschiedliche Fenster eines Hotels und erleben, wie sich Menschen verletzen, erniedrigen und zerstören. Sehnsucht ist da keine mehr, Hoffnung auch nicht, Langeweile bald. Nach der zweiten Pause haben wir Sehnsucht zu gehen. In den Nachrichten hören wir, dass „Gundermann“ die Goldene Lola gewonnen hat (gut so) und die Tories bei den Kommunalwahlen in England richtig eins auf die Mütze bekommen haben (noch besser!). Es gibt eine wachsende Sehnsucht auf der Insel nach Europa. It’s time to say Goodbye, Theresa!
Auf dem Weg nach Chachapoyas muss zunächst ein Erdrutsch beseitigt werden.
Wir haben Máncora hinter uns gelassen und sind auf dem Weg nach Chiclayo. Unser eigentliches Ziel ist allerdings Chachapoyas, doch wir nehmen einen Umweg, der uns über eine weniger befahrene Strecke im Gebirge führt, die entlang steiler Abhänge verläuft. Unser Lonely Planet empfiehlt Valium für schwache Nerven und gesundes Vertrauen in die Streckenkentnisse des Fahrers. Genau unser Ding.
Nach Chiclayo alleine sind es erst mal 7 Stunden, und so fahren wir wieder durch die schier endlose Küstenwüste, die uns immer noch zu beeindrucken vermag. Leider sind manche Abschnitte aber derart vermüllt, dass es uns zuweilen schaudert; Plastikmüll sicher 3 Meter weit verstreut zu beiden Seiten der Straße… Abgelöst wird die Szenerie nur durch die kleinen, staubigen Ortschaften auf dem Weg und vereinzelte Reisfelder und Bananenplantagen, die im krassen Kontrast zur restlichen Landschaft stehen.
Wir kommen um 19 Uhr endlich in Chiclayo an, nur um nach 4 Stunden Aufenthalt direkt in den nächsten Nachtbus nach Cajamarca zu steigen. Leicht müde stolpern wir dort um 5.30 Uhr raus und machen uns auf die Suche nach einer Möglichkeit, endlich Richtung Chachapoyas aufzubrechen. Die Strecke war im voraus nicht online buchbar, und wir irren im Halbdunkel die Hauptstraße entlang, fragen uns durch. Eine direkte Verbindung gibt es erst am Abend, also nehmen wir ein Sammeltaxi für die erste Teilstrecke nach Celendín, um weiter voranzukommen.
Die Landschaft hat sich über Nacht verändert und die Sandtöne der Küste sind dem satten Grün der Anden gewichen. Ich schaue aus dem Fenster und lasse die Eindrücke auf mich wirken. Bobby schläft. In Celendín angekommen, erwartet uns zunächst ein kurzer Rückschlag: Es wird vor 14 Uhr keinen Bus nach Chachapoyas geben, und die restliche Fahrt dauert weitere 8 Stunden – wir haben die Distanzen doch unterschätzt. Erschöpft schlagen wir uns alternativos die Zeit bis zur Abfahrt in dem kleinen Örtchen um die Ohren. Als der Kleinbus dann endlich die Ortsgrenze passiert, sind wir bereits 26 Stunden unterwegs.
Der Umweg belohnt uns aber schnell mit einer umwerfenden Landschaft und alle Anstrengungen sind vergessen. Es geht über hohe Pässe auf bis zu 3.700 Metern die Anden hinauf und danach gleich wieder hinunter. Die Straße ist nur teilweise befestigt und meistens eher eine Schotterpiste, die kaum Platz für zwei PKW nebeneinander bietet. Unser Reiseführer hat recht behalten: nichts für schwache Nerven. Wir genießen die abenteuerliche Fahrt und starren mit einem leicht angstiegenen Adrenalinspiegel die wahrlich steilen Abhänge hinunter; Leitplanken gibt es keine.
Die Sonne ist schon eine Weile untergegangen, da stoppt unser Fahrer plötzlich vor einem Hindernis. Es hat wenige Augeblicke vor unserem Eintreffen einen Erdrutsch gegeben, der die Straße blockiert. Die Bewohner einer direkt daneben gelegenen Hütte kommen auch gerade erst mit Taschenlampen aus der Tür und begutachten die Erdmasse, als wir zum Stehen kommen. Ehe ich mich zu einem klaren Gedanken durchgerungen habe, höre ich die Männer hinter mir schon: „Los, wir räumen das weg!“ „Wir räumen das weg?“, frage ich mich kurz, „Na klar, wir räumen das weg!“ Alle verlassen also den Wagen und fangen an mit bloßen Händen Gesteinsbrocken zur Seite zu wuchten. Eine Umkehr wäre sinnlos, sind wir doch schon 6 Stunden gefahren und wirkliche Ortschaften haben wir keine durchquert. Die Gruppe vergrößert sich zum Glück schnell um die Insassen nachfolgender Fahrzeuge; wir machen rasch sichtbare Fortschritte. Es kommt uns gelegen, dass wir außerdem das Werkzeug der Anwohner nutzen dürfen; ich bin mir sicher, dass es für einige Helfer nicht das erste Mal ist. Nach ca. 30 Minuten wagen wir den ersten Anlauf und der Kleinbus donnert mit Anlauf auf den von uns geräumten , aber dennoch erhöhten, holprigen Weg. Für einen Moment glauben wir, dass es klappt, doch einige größere Brocken verkeilen sich unter der vorderen Verkleidung des Wagens. Der Fahrer setzt zurück wobei sich die Stoßstange fast zur Hälfte löst, und einige erfahrene Kollegen geben nochmal neue Anweisungen. Wir bessern die Strecke nach und wagen den zweiten Versuch. Der Kleinbus rast wieder mit Anlauf auf die Erhöhung zu und schafft es dieses Mal tatsächlich!
Den Rest der Fahrt überstehen wir problemlos und kommen um ca. 23 Uhr nach 35 Stunden Reise in Chachapoyas an. Unsere Hände und Schuhe sind schmutzig von der Erde, und uns ist klar, dass wir die Strecke auch in der Hälfte hätten fahren können, doch ein solches Abenteuer hätten wir auf der befestigten Straße niemals erlebt. Wieder sind es die ungeplanten Dinge, die den großen Reiz ausmachen und uns sicher lange in Erinnerung bleiben werden. Wir belohnen uns mit einer warmen Dusche und sind bereit für die kommende Tage mit ersten Ausflügen und Wanderungen in den Anden.
„Driftings“ von Chiharu Shiota. Foto: Museum Sinclair-Haus
„Unser Leben ist eine Reise mit ungewissem Ziel. Wir sind bereit zu gehen, aber wir wissen nicht genau, wohin“, schreibt die Künstlerin Chiharu Shiota. Ihre Ausstellung „Gedankenlinien“ ist noch bis zum 16. Juni im Museum Sinclair-Haus in Bad Homburg zu sehen; ein Besuch dort lohnt allemal. Die Schülerin von Marina Abramović, deren Leben inzwischen eine einzige Performance ist, arbeitet mit Wasser, Feuer und Erde, oft mit ganzem Körpereinsatz. Ihre eindrucksvolle Arbeit „Drifting“ aus Fäden füllt einen ganzen Raum mit einem Geflecht, das wie das Leben eine ganz eigene Form findet. Gut gewählt zur Ausstellung ist eine szenische Lesung aus dem Roman „Das Feld“ von Robert Seethaler, in dem die Gestorbenen einer Stadt ihre Geschichten erzählen. Nur eine davon weckt indes mein Interesse; diesen Bestseller kann man sich schenken.
Sie begleitete mein Leben, obwohl ich sie nie getroffen habe. Als ich von Hannelore Elsners Tod hörte, dachte ich natürlich an meinen Freund Uwe Carstensen, der ein paar Jahre mit ihr verheiratet gewesen ist. In der „Bild“ entdecke ich ein Foto aus dem Jahr 2000 – er füllt ihren Stöckelschuh mit Champagner, Bernd Eichinger freut sich. Wow, die ließen es krachen. Abends schaue ich mir natürlich die herrliche Komödie „Alles auf Zucker!“ in der ARD an, aber ich verbinde mit dieser umwerfenden Schauspielerin vor allem einen Mainzer Tatort aus dem Jahr 1983: Peggy hat Angst erzielte damals eine Einschaltquote von 47%. Mit etwas Mühe schaue ich mir diesen Film noch einmal auf YouTube an und bin wieder gebannt. Wie wäre der Weg von Hannelore Elsner verlaufen, wenn sie wie Romy Schneider ins Kinoland Frankreich gegangen wäre?
Leser dieses Blogs wissen natürlich, dass wir an Silvester den Original Roncalli Weihnachtscircus mit dem Deutschen Symphonieorchester Berlin im Tempodrom erlebt haben. Wolodymyr Selenskyj habe ich dort nicht gesehen; ich hätte den TV-Komiker auch schwerlich erkannt, „der offiziell erst in der letzten Silvesternacht verkündet hatte, Politiker zu werden und zu kandidieren“ (FAZ, 23.04.19). Nun ist Selenskyj, der erst vor zwei Jahren begann, Ukrainisch zu lernen, der Präsident des größten europäischen Landes, der Fläche nach. Wer kennt schon seinen Weg!
Zutiefst menschlich und zutiefst einsam: Charles Laughton als Quasimodo in „Der Glöckner von Notre Dame“ (1939) in der Regie von William Dieterle.
„Er ist furchtbar hässlich, hat fast kein Kinn – und doch gefiel er mir ausnehmend gut“, notiert Alma Schindler am 26. Februar 1900 in ihr Tagebuch über Alexander von Zemlinsky; später heiratete das „Weihebecken“ (24.01.1901) Gustav Mahler, Walter Gropius und Franz Werfel. Wir sitzen in der Deutschen Oper Berlin, finden auf Bildern den Komponisten gar nicht hässlich und wundern uns, dass ein kleinwüchsiger Mensch die Rolle auf der Bühne spielt. Natürlich verarbeitet Zemlinsky – er war 1,59m groß – in seinem Einakter „Der Zwerg“ seine persönlichen Erlebnisse & Demütigungen. Gleichwohl findet der Schwager von Arnold Schönberg, dem er als Künstler nie das Wasser reichen konnte, dafür keinen zeitgemäßen musikalischen Ausdruck, und wir schließen uns nach diesem zwiespältigen Abend Alban Berg an, der die Tragik „fast nicht zum Aushalten“ fand und sich an der „unendlich süßen und überströmenden Melodik“ labte. Das indes konnten wir nicht, aber von Alma und ihrem „Weihebecken“ wollen wir unbedingt mehr wissen.
Anderssein thematisiert auch der schwedische Film „Border“ von Ali Agassi, der in Cannes 2018 mit dem Prix „Un Certain Regard“ ausgezeichnet wurde. Wir sind wieder begeistert von den Kinos im Delphi Lux; unser Saal ist in der Vorstellung am frühen Abend fast ausverkauft. Eine Frau mit einem ganz besonderen Geruchssinn kommt sich und ihrem Schicksal auf die Spur: sie ist ein Troll. Ihre Eltern kamen bei Experimenten in einem Krankenhaus ums Leben, das Hausmeisterpaar zog sie auf. Anders als „Der Zwerg“ wird Tina nicht von einer Infantin bewundert und verstoßen, aber sie weiß sehr wohl um ihre Besonderheit. „Wir sind die besseren Menschen“, ist jedenfalls Vore überzeugt. Dieser Troll begründet daraus eine moralische Überlegenheit, die ihn selbst von kriminellen Handlungen nicht abhält. Agassis beeindruckende Verfilmung einer Erzählung von John Erik Ajvide Lindqvist bleibt ambivalent und wird nicht zum Troll-Kitsch. Tina quittiert ihren Job beim Zoll und lebt in der Natur. Sie ist kein Tier und kein Mensch: sie kann beides sein und wird vielleicht glücklich.
Geschafft von einem anstrengenden Tag möchte ich mir die Verfilmung eines Romans von Sven Regener anschauen, aber ARTE hat aus aktuellem Anlass das Programm geändert und zeigt „Der Glöckner von Notre Dame“ von 1939 mit Charles Laughton und Maureen O’Hara (noch bis zum 1. Mai in der Mediathek verfügbar). Seit Jahrzehnten habe ich diesen grandiosen Film nicht gesehen, der mich wieder in seinen Bann zieht. Der völlig verunstaltete Quasimodo ist ohne jeden Zweifel der „bessere Mensch“ und dem geifernden Volk und dem scheinheiligen Adel in jeder Beziehung überlegen, aber es gibt für ihn keinen Platz im Paris des späten 15. Jahrhunderts. Er hat Notre Dame und Esmeralda vor dem Pöbel gerettet – und bleibt doch einsam in seinem Glockenturm. „Ich bin kein Tier und kein Mensch. Könnte ich doch aus Stein sein wie ihr“, ruft er einer Figur hoch oben zu. Kurz vor dem Film hörte ich in den Nachrichten des Dlf, dass es im letzten Jahr über tausend dokumentierte Übergriffe auf jüdische Bürger*innen in Berlin gegeben habe. Es ist eine Schande!
Wir sind in Máncora, dem beliebtesten Surfer- und Partystädtchen Perus, angekommen und trotz der langen Busfahrt gut ausgeruht. Die Schlafbusse (bus camas) sind äußerst komfortabel – und wir sofort Fans. Einzig das bereits sehr warme Klima schon am Morgen macht uns für einen kurzen Moment zu schaffen. Vor dem Busbahnhof erwarten uns direkt schon einige marktschreierische Tuk-Tuk Fahrer, und wir machen uns in einem der wackeligen Gefährte auf den Weg zur Unterkunft. Die Fahrt geht schnell, Máncora ist mit seinen ca. 10.000 Einwohnern überschaubar und eine angenehme Abwechslung zur Metropole.
Um dem Trubel des Ortes zu entgehen, haben wir eine Unterkunft etwas außerhalb gewählt. Es gibt einen netten Garten, wir haben einen Balkon und wohl am wichtigsten: direkten Zugang zum Strand. Bei Ankunft schläft lediglich ein Mann in einer Hängematte unter einer der Hütten, und es bedarf mehrmaligem Pfeifens unseres Fahrers bevor er aufwacht: es ist Señor Roy! Er nimmt uns herzlich in Empfang und soll im Laufe der drei Tage hier zu einem neuen Freund werden.
Wir drehen erst mal eine Runde, machen Besorgungen und holen uns den ersten, leichten Sonnenbrand. Zurück in der Anlage installiert uns Roy noch einen Mosquitero über einem der Betten; wir verabreden uns auf ein Bier am Abend. So sitzen wir dann alle zusammen, trinken und unterhalten uns. Mein Spanisch wird immer besser und Roy drückt sich bewusst so aus, dass ich ihn auch sicher verstehe. Zum Bier gibt es lokalen Rum und hausgemachten Ziegenkäse von einer Verwandten der Gärtnerin mit Syrup vom Johannisbrotbaum. Es sind diese Momente, die man einfach nicht buchen oder planen kann. Roy erzählt uns von seinem Leben: Er kommt eigentlich aus Lima und hat früher Autos verkauft, jetzt mit 66 arbeitet er seit einem halben Jahr hier und wird das machen bis er stirbt, wie er sagt. Zurück in die Stadt wolle er nicht, warum auch? Hier ist das Meer, die Natur und das gute Leben. Er wirkt zutiefst zufrieden und im Reinen mit sich. Sein Schlafzimmer ist direkt unter unserem, auch er schläft in einem Stockbett und die Tür steht immer offen; auch nachts. Direkt neben der Hütte befindet sich noch eine kleine offene Küche – was braucht man auch mehr?
Das Bier ist irgendwann alle, und wir gehen gemeinsam in die Stadt, um Nachschub zu besorgen. Auf dem Weg treffen wir eine kleine Gruppe junger Leute, sie machen eine Pause am Wegesrand. Roy wünscht ihnen viel Glück für die Reise; es sind Venezolaner auf dem Weg gen Süden. Vielleicht werden auch sie bald in den Bussen Limas Süßigkeiten verkaufen oder weiterziehen nach Chile, wie viele andere es machen… Wir trinken noch das letzte Bier und verabreden für morgen zum Fischgroßmarkt.
Die erste Nacht ist erholsam, auch wenn das Rauschen des Meeres irgendwann von den ersten Tuk-Tuks auf dem Weg zum Hafen abgelöst wird. Wir frühstücken Obst und gehen schwimmen. Good life! Roy ist im Garten am Werkeln und lädt uns direkt noch auf einen frischen Guanábana Saft ein. Er kümmert sich in der Anlage um alles, wie es scheint. Als ich ihn anspreche ist er trotzdem sofort bereit mit uns zum Fischgroßmarkt zu gehen – doch wir haben kein Glück. Es gibt nur ganze Thunfische, die zu groß und auch zu teuer sind. Der Rest des Tages zieht gemächlich an uns vorüber. Am Abend sitzen wir auf dem Boot am Eingang der Hospedaje am Strand, bestaunen den Sonnenuntergang und trinken Bier. Dieses Mal ohne Roy.
Der Kopf brummt ein bisschen, als ich aufwache – es ist nicht bei einem Bier geblieben – schon klopft es an der Tür. Es ist Roy, er hat uns Bananen gebraten! Wir freuen uns über das unverhoffte Frühstück und quatschen ein bisschen. Auf zum Fischmarkt, einen neuen Versuch wagen. Roy ist entschlossen, denn er möchte Ceviche zubereiten. Einer der Fischer holt einen großen Fisch aus einem der LKW und nimmt ein Stück Eis in die Hand. Mit dem Eis malt er auf den trocken Betonboden: 12 x 7 = 84. Wieder zu viel, wieder zu teuer. Was uns schon gestern klar war, wird hier noch deutlicher: Alleine wären wir bei den abgebrühten Fischern und Hafenarbeitern nicht weit gekommen.
Der Plan wird kurzerhand geändert und wir fahren zum lokalen Markt in die Stadt und werden fündig: zwei kleinere Bonitos für 18 Sol. Plötzlich nähert sich ein Mann. Er sagt etwas Unverständliches, in seiner Hand hält er einige Münzen. Es ist mir nicht ganz klar, ob er betrunken ist und was er von uns möchte, doch er wirkt definitiv ein bisschen verwirrt. Roy schaltet sich ein: „Hör auf die Leute zu belästigen!“ Der Mann wendet sich Roy zu: „Was, wenn nicht? Und was ist das Ende der Diskussion?“ Es soll das einzige Mal bleiben, dass er einen harten, ernsten Gesichtsausdruck zeigt: „Das Ende der Diskussion ist, dass du die Leute in Ruhe lässt und gehst!“ Der Mann nähert seinen Kopf Roys, schaut ihm kurz ins Gesicht, lacht und verschwindet dann, aber nicht ohne Roy davor die Hand zu schütteln und seinen Respekt zu äußern. Wir lassen uns noch die Vielzahl der uns unbekannten Früchte und Gemüse erklären, kaufen ein und fahren mit vollen Tüten zurück.
Angekommen in der Anlage essen wir Pacay und Lucuma, während Roy in der Küche den Fisch zubereitet und Saft macht. Das Essen ist köstlich! Es gibt die beste Ceviche der Reise und Sudado de Pescado als Hauptgericht mit Yuca und Süßkartoffel. Roy kocht, besteht aufs Spülen und ist auch sonst mehr als zuvorkommend. Ich schreibe nach dem Essen direkt eine gute Bewertung fürs Internet und lobe ihn darin ausdrücklich. Sein Chef wird sie am Tag darauf lesen und ihn anrufen, um sich zu bedanken. So ist der Plan und so soll es sein. Die Unterkunft ist gut, obwohl sie noch dabei sind die Anlage auszubauen, doch unser Highlight ist definitiv die große Gastfreundschaft.
Die drei Tage sind sonst ruhig gewesen, so wie es am Strand meistens der Fall ist, und ehe wir uns versehen, sitzen wir über dem letzten Bier zusammen. Er hat nochmal frischen Käse besorgt und es gibt die Reste des Mittagessens. Wir unterhalten uns über die Pläne der kommenden Wochen und Roy gibt uns eine Menge wertvoller Tipps. Ich notiere zudem noch eine Vielzahl von Früchten und Gerichten, die wir in den verschiedenen Gebieten probieren sollen. Da der gestrige Abend uns noch in den Knochen steckt, verabschieden wir uns früh ins Bett, um am nächsten Morgen ausgeruht noch eine Runde schwimmen zu gehen.
Die Sachen sind gepackt und die Tickets haben wir bereits am Vortag besorgt. Der nächste Stop Chachapoyas wäre einfach zu erreichen, doch wir nehmen einen Umweg, der Abenteuer und tolle Landschaften verspricht. Roy ruft uns ein Tuk-Tuk und wir verabschieden uns herzlich bis zum nächsten Mal, welches es sicherlich geben wird, sollte ich wieder nach Perú reisen. Er bedankt sich für die Bewertung und erzählt uns vom Anruf seines Chefs. Eine lange Umarmung und er teilt uns noch mit, dass er sich freut zwei neue Freunde gefunden zu haben. Wir geben es zurück und rollen schon die staubige Straße hinauf in Richtung Busbahnhof. Roy hat einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Der Mann, der nicht wie 66 wirkt, hat eine gesunde Einstellung zum Leben und seiner Umwelt und eine noble Bescheidenheit an sich, die zum Nachdenken anregt. Wir überqueren die Brücke zum Dorf und im Schatten zu unserer rechten rastet wieder eine Gruppe junger Menschen. Auch sie sind Venezolaner auf der Suche nach einem besseren Leben.
Die steile Treppe in den Frankfurter Jazzkeller hinuntersteigen ist wie nach Hause kommen. An der Kasse steht Eugen Hahn selbst, der den Laden seit 1986 schmeißt, und immer noch hängen Rezensionen von mir an der Wand, die ich in den 1980er Jahren für die Frankfurter Neue Presse schrieb. Eugen drückt uns sofort eine selbst zusammengestellte Compilation mit Jazz von AFN in die Hand, fängt gleich an zu erzählen und ist begeistert wie immer. Neben uns an der Theke steht ein sympathischer Typ aus Eberswalde – sein Vater war mit Eugen in einer Klasse. Wir sind gekommen, um den Frankfurter Bub Andreas Neubauer mit zwei Mainzern zu erleben: Nico Hering (p) und Bastian Weinig (b). Das Trio spielt Movie Soundtracks, und bis auf „Round Midnight“ hätte ich keinen erkannt. Zu hören ist auch die Film-Musik von „Spartacus“, einem Monumentalschinken von Stanley Kubrick; davon hatte ich noch nie gehört und trompete es auch gleich heraus. Der schnelle Fakten-Check geht zugunsten des Trios aus!
Homecoming, so heißt das wundervolle Album des Tenorsaxophonisten Dexter Gordon, das er nach seiner Rückkehr nach New York 1976 im Village Vanguard aufgenommen hat. Da kannte noch keiner Martin Mosebach, dessen Heimat-Roman „Westend“ bei der Veröffentlichung 1992 wenig Beachtung fand. Inzwischen genießt der frühere Jurist hohes Ansehen und bekam u.a. den Georg-Büchner-Preis und schon 1999 den Heimito von Doderer Literaturpreis; derzeit irritiert der Autor mit einem Vergleich des Papstes mit Hitler. Bei der 10. Auflage des Lesefestes „Frankfurt liest ein Buch“, das FRIZZ Das Magazin für Frankfurt wieder als Medienpartner unterstützt, steht sein gewaltiges Buch „Westend“ (Rowohlt Verlag, Neuausgabe, 896 S.) im Mittelpunkt. „Kaum ein Roman Mosebachs“, schreibt Florian Balke in der FAZ (11.04.19), „folgt so dezidiert dem Modell seines österreichischen Vorbilds Heimito von Doderer, in dessen Meisterwerk ‚Die Strudlhofstiege oder Melzer und die Tiefe der Jahre‘ ja bekanntlich kaum etwas geschieht, das aber wortreich.“ Oha! Ich habe diesen Roman auf dem Hometrainer gehört und war froh, dieses lange und oft langweilige Rennen durchgestanden zu haben.
Damit sind wir natürlich nolens volens beim Brexit, dessen harte Variante heute verhindert werden konnte. Theresa May hat jetzt bis Halloween – Macron hat schon einen feinen Humor – Zeit, weiter über ihren Deal mit der EU abstimmen zu lassen. Den wird sie bis zum 23. Mai sicher nicht durchs Unterhaus bringen, und im Herbst wird der Brexit weiter verschoben; genauso wie die Eröffnung des BER. Im heutigen Berliner „Tagesspiegel“ wird der geplante Termin 2020 in Zweifel gezogen, aber daran haben wir uns ja längst gewöhnt. Kosmisch gesehen sind solche Probleme null und nichtig. Mit Staunen hörte ich einen Experten im Radio. Angesichts der Energie eines „Schwarzen Loches“ würde die Erde zu einem Golfball verdichtet und einfach verschwinden. Dieses Homecoming löst dann gleich alle Probleme, final versteht sich.
Lima. Ich starte meine Reise in der Hauptstadt von Perú. Meinen Job habe ich aufgegeben und reise nun begleitet von meinem guten Freund Robert oder Bobby wie ich ihn meistens nenne, durch Perú, Bolivien und das nördliche Argentinien. Wir sind in einem kleinen gemütlichen Hostel im Stadtteil Miraflores untergebracht. Hier lebt die Ober- und Mittelschicht; es ist alles sehr sicher. Das Hostel heißt Kaclla, was in Quechua der Name einer haarlosen Hunderasse ist. Zwei solcher Hunde gehören dem Besitzer und sind auch immer irgendwo unterwegs. Interessante Tiere!
Unsere Tage hier starten immer gleich mit dem wirklich tollen Frühstück. Es gibt Müsli mit Früchten und Joghurt, traditionelles Brot, selbstgemachte Erdnussbutter, Saft und für mich auch meistens eine Mate de Coca. Generell sollen die ersten Tage in Lima uns erst mal zur Gewöhnung an Land, Leute und Sprache dienen. Wir machen eine Free Walking Tour, genießen die Parks oberhalb des Strandes (Foto) und erkunden die Stadt zu Fuß auf eigene Faust.
Interessant hingehen ist unser Ausflug zu den nahegelegenen Ruinen von Pachacamac oder besser gesagt: die Anreise dorthin. Da wir keine Tour zahlen wollen, beschließen Bobby und ich den Bus zu nehmen. Das Personal im Hostel rät uns davon ab, das mache keiner. Wir beraten uns kurz und sind schnell entschlossen: Wir machen es! Nochmal ein paar Informationen einholen und ab auf die Straße. Bus fahren erfolgt hier nach ganz eigenen Regeln: Fahrpläne und Haltestellen werden, so es sie überhaupt gibt, nicht allzu genau genommen. Man kann eigentlich überall ein- und aussteigen und der Bus kommt in den Ballungsräumen ohnehin regelmäßig. An der Tür steht immer eine Person, die lautstark Richtung und Zwischenhalte in die Mengen ruft, Leuten zupfeift und auch im Bus kassiert. Beim Kassieren laufen die teilweise noch recht jungen Burschen mit einer Hand voll Münzen durch die Reihen und klimpern den Leuten entgegen, die noch nicht bezahlt haben.
Wir sitzen schnell im ersten Bus zur Puente Primavera, wo wir umsteigen müssen, als ein junger Venezolaner einsteigt. Er ist 25 und wegen der wirtschaftlichen Lage aus Venezuela nach Perú gekommen, um Geld zu verdienen – seine Schwester leidet an Lupus. Er hat Bonbons mitgebracht, die er für umgerechnet 5 Cent das Stück verkaufen muss. Wir kaufen 2 und geben ihm 2 Sol dafür, umgerechnet 50 Cent. Er freut sich und verlässt den Bus, um seine Geschichte wohl gleich im nächsten erneut zu erzählen. Später steigt noch eine junge Frau aus Venezuela ein, und einige Senioren geben ihr ein paar Münzen, ohne etwas zu kaufen.
Der Umstieg erfolgt problemlos, wir fragen uns einfach durch. Im nächsten Bus sind die Reihen allerdings so eng, dass wir nur mit Gewalt hineinpassen. Ein Problem, das wir schon aus Kolumbien kennen und uns auch noch öfter begegnen wird. Am Stadtrand von Lima verändert sich das Bild dann langsam, man sieht, wie die hart arbeitende Bevölkerung lebt. Einfache, kleine Häuschen aus Backsteinen ziehen sich die trockene Hänge hinauf. Orte, die man als Tourist nie besuchen wird.
Die Besichtigung und die Rückfahrt sind nicht der Rede wert, doch lohnt sich eine Kurz-Recherche über die untergegangen Zivilisationen allemal. Wir sind froh, dass wir uns für die Anreise im Bus entschieden haben. So konnten wir ein kleines Stück Alltag einfangen, was doch weitaus interessanter ist als eine gebuchte Tour und für uns Zweck einer solchen Reise. Nächster Stop Máncora im Norden. Auch hier reisen wir mit dem Bus an, allerdings dauert die Fahrt 19 Stunden – wir können aber in den Sesseln erstklassig schlafen.
Der Hamburger Bahnhof, das Museum für Gegenwartskunst in Berlin, ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Was Wunder, steht bei diesem Event doch die Kultgruppe „Flying Steps“ auf dem Programm. “ Bilder einer Ausstellung“ heißt die neue Performance zur poppig verflachten Musik von Modest Mussorgsky – einige starke Bilder, viel Leerlauf. Das liegt zum einen an der musikalischen Vorlage, die den grandiosen Breakdance-Artisten zu wenig Reibung bietet, zum anderen an der Beliebigkeit der Performance. Ein paar starke Szenen, ein paar gute Ideen reichen eben nicht für eine Choreografie: die Aufführung zieht sich hin wie das Ende. Trotzdem klatscht das Publikum begeistert und feiert ein bisschen auch sich selbst, schließlich haben wir tolle Selfies gemacht mit den Masken, die auf unseren Stühlen lagen.
Tags zuvor liest Monika Rinck in der Frankfurter AusstellungsHalle aus ihrem neuen Buch „Champagner für die Pferde“ (S. Fischer Verlag) und entwickelt im Gespräch mit dem Münsteraner Germanisten Christian Metz ihre Gedanken. Nichts liegt dieser Lyrikerin & Essayistin, die seit Jahrzehnten konsequent ihren eigenen Gedankenweg geht, ferner, als aus einer Lesung eine peinlichen Marketingveranstaltung zu machen. Gedichte sind für sie Momente des Innehaltens, des Einspruchs gegen die allherrschende Optimierung. Manchmal ringt sie nach den richtigen Worten, denkt nach, ganz offen und schutzlos, ohne Maske. Sie möchte Begriff und Poesie aufeinander beziehen, mehr noch: den Widerspruch offenhalten, Nicht-Identität, um mit Adorno zu sprechen. „Wobei ein Charakteristikum von Rincks Arbeiten ist“, befindet Christian Metz, „dass ihre Essayistik poetisch durchwirkt, während ihre Poesie hochgradig theoretisch versiert daherkommt. Eigentlich muss man Rincks Arbeiten im ständigen Wechsel zwischen Theorie und Poesie lesen.“ (FAZ, 30.03.19)
Natürlich hat Monika Rinck keinen Facebook-Eintrag; sie würde auch nicht zu diesem Ball der falschen Masken passen. Ich nutze dieses Portal, das unsere Daten schlampig sichert und meistbietend verhökert, nur selten und höchst ungern. Vor drei Tagen wurde ich wieder einmal scheinbar fürsorglich ans Gratulieren erinnert. Ein Bekannter aus Frankfurter Tagen, mit dem ich manches tiefe Gespräch führte, hatte Geburtstag. Ich gratuliere mit einer Nachricht, höre wieder nichts von Sebastian und beginne nachzuforschen. Als ich ihn zuletzt traf, trug er eine Schiebermütze und hatte keine Haare mehr. „Happy birthday, How are you? Where are you???“ Die Fragen und Glückwünsche gehen wie letztes Jahr ins Nichts. Ich werde jetzt gleich posten, dass Sebastian Ende 2017 verstorben ist.